bergundsteigen #133 (Winter 2025/25).
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Hier hat eine Lockerschneelawine auch noch ein Schneebrett ausgelöst: Lockerschneelawinen können – genau wie Regen oder Schneefall – die für eine Bruchinitiierung nötige Zusatzlast darstellen. (©Franz Tanzer)
12. Jan. 2026 - 7 min Lesezeit

Regen im Hochwinter: Risiken für die Schneedecke

Durch den Klimawandel wird Regen selbst in hohen Lagen immer häufiger. Das hat starke Auswirkungen auf die Schneedecke – und die Lawinengefahr

Regen bis auf über 2000 Meter – mitten im Hochwinter. Was früher ungewöhnlich war, wird mit dem Klimawandel schon heute zunehmend Realität. Immer öfter fällt Niederschlag in der Wintersaison bis in hohe Lagen nicht mehr als Schnee, sondern als Regen. Doch was passiert mit einer hochwinterlichen Schneedecke, wenn Regen ins Spiel kommt?

Schneebrettlawinen

Um diese Frage zu beantworten, ist es hilfreich zu verstehen, wie sich Regen auf die einzelnen, für eine Lawinenauslösung notwendigen Faktoren auswirkt:

  • Ausreichende Steilheit (offensichtlich kein Einfluss)
  • Schwachschicht (Bruchausbreitung)
  • Brett (Bruchausbreitung)
  • Zusatzbelastung/Bruchinitiierung

Regel als Zusatzlast

Eine vom Regen stark beeinflusste Schneedecke. Der Niederschlag wirkt in erster Linie als Zusatzlast und ist damit potentiell verantwortlich für die Bruchinitiierung. (©LWD Tirol)
Eine vom Regen stark beeinflusste Schneedecke. Der Niederschlag wirkt in erster Linie als Zusatzlast und ist damit potentiell verantwortlich für die Bruchinitiierung. Foto: LWD Tirol

Unmittelbar klar ist: Niederschlag stellt eine zusätzliche Last für die Schneedecke dar. Bei gleicher Wassermenge ist es dabei egal, ob der Niederschlag in Form von Neuschnee oder Regen fällt. Er kann damit unsere Rolle als Skifahrerin oder Skifahrer übernehmen und damit als auslösender Faktor für eine Lawine wirken. Spontane Lawinenabgänge nach Regenereignissen, aber auch nach intensiven Schneefällen, sind deshalb typisch.

Niederschlag wirkt als Zusatzlast und kann Spontanlawinen auslösen

Im Unterschied dazu verändert eine reine Schmelze im Frühling die bereits vorhandene Schneedecke vor allem durch Umwandlungsprozesse der Kristalle. Eine zusätzliche Last entsteht dabei nicht, ebenso wenig ein auslösendes Moment. Die Ursachen ausgeprägter Nassschneezyklen liegen in anderen Prozessen – dazu mehr im Frühjahr.

Regen und die Eigenschaften des Schneebretts

Bleiben wir im Hochwinter und betrachten den Einfluss von Regen auf die Eigenschaften des Schneebretts. Was macht ein „gutes“ Schneebrett überhaupt aus?

Ein ideales Schneebrett zeichnet sich durch zwei Eigenschaften aus:

  1. Die einzelnen Schneekristalle sind gut miteinander verbunden , sodass sie gemeinsam abgleiten können.
  2. Das Brett muss eine ausreichende Elastizität aufweisen – also ausreichend verformbar sein – um die Energie, die beim Initialbruch durch das Brechen der Kristalle in der Schwachschicht und das darauffolgende Absinken des darüber liegenden Schnees freigeworden ist, wellenförmig weitergeben zu können, ohne direkt zu brechen.

Ein „gutes“ Brett ist also gebunden, aber elastisch.

Verbessern sich diese Bretteigenschaften nun durch Regeneinfluss? Eine klare Antwort gibt es darauf nicht. „Das ist bisher leider nicht erforscht“, sagt Christoph Mitterer vom Lawinenwarndienst des Landes Tirol. Ein besseres Brett aufgrund von Regeneinfluss sei in der täglichen Prognose kein präsentes Thema, so Mitterer. Es spiele also eine untergeordnete oder wenn, nur spezifischen Ereignissen zugeordnete Rolle.

Feuchtigkeitseintrag in eine kalte Schneedecke

Warum ist das so? Eine hochwinterliche Schneedecke speichert in der Regel viel Kälte. Die Temperaturen liegen deutlich unter 0 °C, die Schneedecke ist also weit von einem Schmelzzustand entfernt. Fällt in einer solchen Situation Regen, dringt das Wasser häufig nur einige Zentimeter tief in die Schneedecke ein. Oft betrifft die Durchfeuchtung lediglich die obersten Schneeschichten, die bei anhaltendem oder intensivem Niederschlag jedoch stark durchnässen.

Eine vollständige Durchfeuchtung geht immer mit einem starken Festigkeitsverlust einher: Die Kristallformen sind dann von Wasser ummantelt und verlieren ihre direkten Kontaktflächen zueinander. Die Bindungen zwischen den Kristallen werden damit deutlich geschwächt, in diesem Bereich ist dann keine Bretteigenschaft mehr gegeben. Die unterhalb dieser vollständig durchfeuchteten Schicht liegenden Schneeschichten bleiben häufig unbeeinflusst – weder das übrige Schneebrett noch bestehende Schwachschichten verändern sich dann unmittelbar.

Während und kurz nach dem Niederschlagsereignis wirkt Regen also vor allem als Zusatzlast. Doch die Lawinenprognose ist nicht umsonst eine Prognose: Es gilt dabei immer auch die langfristige Entwicklung der Schneedecke, die kommenden Wochen im Blick zu behalten. Und für die Entstehung zukünftiger Schwachschichten spielen Regenereignisse eine ganz entscheidende Rolle.

Regen als Ausgangspunkt neuer Schwachschichten

Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Erstens treten Regenereignisse häufig im Rahmen einer klassischen kalt-auf-warm Situation auf. Eine Warmfront bringt Regen, die Schneeoberfläche wird durchfeuchtet und auf etwa 0 °C erwärmt. Im meteorologischen Ablauf folgt auf eine Warmfront oft die zugehörige Kaltfront – und bringt markante Abkühlung und Neuschnee. In der Folge entsteht im oberen Bereich der Schneedecke zwischen der nassen, warmen Schneeschicht der Warmfront und dem frisch gefallenen, kalten Neuschnee ein ausgeprägter Temperaturgradient. Aufbauende Umwandlung setzt ein, und kantige Kristalle können sich bilden.
  2. Der zweite Prozess ist etwas komplexer: Der durchfeuchtete Schnee gefriert nach einiger Zeit meist wieder und es entsteht eine Schmelzkruste. Schmelzkrusten sind im Vergleich zu anderen Schneeformen aufgrund ihrer erhöhten Dichte gute Wärmeleiter – sie transportieren Wärme sehr effizient. Die Schmelzkruste lässt die, meist von unten kommende, Wärme also überdurchschnittlich schnell passieren. Innerhalb der Kruste ist der Temperaturgradient daher gering, die Temperatur bleibt annähernd gleich. Direkt ober- und unterhalb der Kruste, wo die Wärmeleitfähigkeit wieder schwächer wird, verändert sich die Temperatur dafür umso stärker. Auf beiden Seiten der Schmelzkruste entsteht somit ein erhöhter Temperaturgradient (siehe Abb. 1).
Abb. 1: Der Temperaturverlauf nahe einer Schmelzkruste. Weil die Schmelzkruste Wärme besser leiten kann, als die sie umgebenden Schichten, entstehen ober- und unterhalb verstärkte Temperaturgradienten.
Abb. 1: Der Temperaturverlauf nahe einer Schmelzkruste. Weil die Schmelzkruste Wärme besser leiten kann, als die sie umgebenden Schichten, entstehen ober- und unterhalb verstärkte Temperaturgradienten.

Selbst wenn der mittlere Temperaturgradient, der klassischerweise über eine Spanne von zehn Zentimetern gemessen wird, keine Hinweise auf passende Bedingungen für eine aufbauende Umwandlung liefert, kann dieser Prozess also dennoch lokal in unmittelbarer Nähe einer Schmelzkruste stattfinden.

Das Ergebnis: ober- und unterhalb von Schmelzkrusten bilden sich besonders häufig kantig aufgebaute Schwachschichten aus.

Lawinen können dann in diesen neuen Schwachschichten ausgelöst werden. Sie gleiten nicht – wie es ein verbreiteter, aber irreführender Mythos nahelegt – auf der harten Oberfläche der Schmelzkruste ab.

Unter- und oberhalb von durch Regeneinfluss entstehenden Schmelzkrusten bilden häufig kantige aufgebaute Schwachschichten aus. Im Bild sieht man die beiden durscheinenderen Schichten ober- und unterhalb der Kruste. (©LWD Tirol)
Unter- und oberhalb von durch Regeneinfluss entstehenden Schmelzkrusten bilden häufig kantige aufgebaute Schwachschichten aus. Im Bild sieht man die beiden durscheinenderen Schichten ober- und unterhalb der Kruste. Foto: LWD Tirol

Bedeutung für die Lawinenwarnung

Bis zu welcher Höhe Niederschlag als Regen oder feuchter Schnee fällt, ist deshalb eine für die Lawinenwarnung äußerst relevante Information. Der Lawinenwarndienst Tirol freut sich über Rückmeldungen zur trockenen Schneefallgrenze, also jener Höhe, ab der der aktuelle Niederschlag keinen Feuchtigkeitseintrag mehr in die Schneedecke verursacht. Rückmelden kann jede:r der draußen unterwegs ist – einfach und schnell über die Plattform SNOBS.

Für die Erstellung des täglichen Lawinenreports sind unter anderem Schneedeckenanalysen wichtig. Foto: Land Tirol/Christanell

SNOBS: Die Community als Teil der Lawinenwarnung. Seit der Wintersaison 2024 gibt es mit SNOBS eine Plattform, auf der man Beobachtungen aus dem Gelände nicht nur für sich selbst sammeln, sondern auch direkt an die Lawinenwarndienste rückmelden kann. Zum Artikel

Nasse Lockerschneelawinen

Neben der spontanen Aktivität trockener Schneebrettlawinen ist während und nach Regenereignissen auch die Aktivität nasser Lockerschneelawinen stark erhöht.

Warum ist das so? Voraussetzung für eine Lockerschneelawine ist immer eine oberflächennahe Schneeschicht, innerhalb derer die Schneekristalle eine geringe Bindung zueinander aufweisen. Bei trockenen Lockerschneelawinen besteht diese bindungslose Schicht aus Neuschneekristallen – bei nassen Lockerschneelawinen besteht sie aus von Wasser ummantelten und damit bindungslosen Kristallen.

Wenn die Schneedecke wie hier im Bild bindungslos – also komplett aufbauend umgewandelt oder vollständig durchfeuchtet - ist, können Lockerschneelawinen auf ihrem Weg die gesamte Schneedecke mitreißen und große Ausmaße erreichen. (©LWD Tirol)
Wenn die Schneedecke wie hier im Bild bindungslos – also komplett aufbauend umgewandelt oder vollständig durchfeuchtet – ist, können Lockerschneelawinen auf ihrem Weg die gesamte Schneedecke mitreißen und große Ausmaße erreichen. Foto: LWD Tirol

Wenn auch die darunterliegende, restliche Schneedecke bindungslos – also entweder komplett aufbauend umgewandelt oder vollständig durchfeuchtet – ist, können Lockerschneelawinen auf ihrem Weg die gesamte Schneedecke mitreißen und dabei große Ausmaße erreichen.

Regen ummantelt Schneekristalle mit Wasser, schwächt dadurch ihre Bindung und erhöht das Risiko für nasse Lockerschneelawinen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Auch eine spontane Lockerschneelawine stellt – ähnlich wie ein Regenereignis – eine Zusatzlast für die Schneedecke dar. Lockerschneelawinen können also zusätzlich einen Bruch in einer Schwachschicht initiieren und so auch noch eine Schneebrettlawine auslösen. Dies gilt teils auch für Situationen, in denen tiefer liegende Schwachschichten für Wintersportler:innen kaum mehr direkt zu stören sind.

Hier hat eine Lockerschneelawine auch noch ein Schneebrett ausgelöst: Lockerschneelawinen können – genau wie Regen oder Schneefall – die für eine Bruchinitiierung nötige Zusatzlast darstellen. (©Franz Tanzer)
Hier hat eine Lockerschneelawine auch noch ein Schneebrett ausgelöst: Lockerschneelawinen können – genau wie Regen oder Schneefall – die für eine Bruchinitiierung nötige Zusatzlast darstellen. Foto: Franz Tanzer

Zusammenfassung: Was zu beachten ist

  • Regen stellt eine Zusatzlast für die Schneedecke dar – spontane Lawinen sind oft die Konsequenz
  • Durch Regen entstehen Schmelzkrusten, ober- und unterhalb derer sich bevorzugt kantige Schwachschichten ausbilden – Rückmeldungen zur trockenen Schneefallgrenze auf SNOBS sind erwünscht!
  • Außerdem führt Regen typischerweise zu nassen Lockerschneelawinen. Diese können, wenn die Schneedecke darunter bindungslos ist, die gesamte Schneedecke mitreißen. Zudem stellen Lockerschneelawinen wiederum eine Zusatzlast für die Schneedecke dar und können deshalb auch Auslöser für Schneebrettlawinen sein.

Mehr Wissen zur Entstehung von kantigen Kristallen an Schmelzkrusten: