Lawine: Nassschneezyklen im Frühjahr
Die erste Frühjahrsphase: geringer tageszeitlicher Gang der Lawinengefahr

Die wichtigste Zutat für nasse Lawinen ist natürlich Wasser in flüssiger Form – und dafür braucht es spezielle Bedingungen. Zu Beginn des Frühjahrs hat die hochwinterliche Schneedecke meist noch viel Kälte gespeichert. Die Temperaturen innerhalb der Schneedecke liegen deutlich unter 0°C – also weit von einer Schmelze entfernt.
Folgen nun die ersten Frühlingstage, so beginnt sich die Schneedecke von der Oberfläche her langsam zu erwärmen. Die „Temperaturreserve“ – also jene Energiemenge, die noch in die Schneedecke eingebracht werden kann, um sie zu weiter zu erwärmen ohne Schmelze auszulösen – wird nach und nach abgebaut.
Weil Schnee aber ein sehr guter Isolator ist, findet dieser Erwärmungsprozess relativ langsam seinen Weg in die Tiefe – oberflächennahe Schichten können also bereits 0°C erreicht haben, während tiefere Schneeschichten noch immer unter dem Gefrierpunkt liegen.


In dieser ersten Phase des Frühjahrs wird die Schneedecke zunächst also nur oberflächennah angefeuchtet. Typisch sind daher meist Tage, an denen man noch ganztags auf Skitour gehen kann und der tageszeitliche Anstieg der Lawinengefahr nur schwach ausgeprägt oder nicht vorhanden ist. An der Oberfläche hat sich zwar bereits ein tragfähiger Harschdeckel gebildet, die darunterliegenden Schneeschichten sind aber noch kalt und trocken oder nur minimal durchfeuchtet. In dieser Phase stehen meist nasse Lockerschneelawinen im Vordergrund.

Der Übergang: wenn feucht-warme Witterung die letzten Temperaturreserven aufbraucht
Mit fortschreitendem Frühjahr verringern sich die Temperaturreserven der Schneedecke immer mehr und es bleibt irgendwann nur noch eine geringe Reserve übrig. Dann reicht ein einziger, weiterer intensiver Wärmeeintrag aus, um die Durchfeuchtung rasch und tiefgreifend voranzutreiben. Besonders effizient geschieht das bei feucht-warmer Witterung.
Beim sogenannten „Waschkuchlwetter“, wie Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst Tirol es nennt, ist die Energiebilanz der Schneedecke stark positiv – es gelangt also deutlich mehr Energie in die Schneedecke hinein, als wieder abgegeben wird. Das führt zu einer schnellen Durchfeuchtung der Schneedecke.
Warum fällt die Energiebilanz beim „Waschkuchlwetter“ stärker positiv aus als an trockenen Tagen?
- Hohe Temperaturen und starke Sonneneinstrahlung stellen einen großen Energieinput für die Schneedecke dar. Auch bei teilweiser Bewölkung, erreicht ein großer Teil der Sonneneinstrahlung die Schneeoberfläche – als sogenannte diffuse (an den Wolken reflektierte) Strahlung.
- Bei klaren, trockenen Verhältnissen kann die Schneedecke durch langwellige Abstrahlung viel Energie an die Atmosphäre abgeben – der stärkste Energieverlust der Schneedecke. Doch auch der in feuchter Luft enthaltene Wasserdampf und die winzigen Wassertröpfchen in Wolken geben langwellige Strahlung ab – in Richtung Schneedecke. Die Abstrahlung der Schneedecke und der damit einhergehende Energieverlust wird an feuchten Tagen durch diese sogenannte Gegenstrahlung kompensiert.
- Ein dritter Effekt beschleunigt die Durchfeuchtung zusätzlich: der Wasserdampf aus der Luft kondensiert auf der schmelzenden Schneeoberfläche. Beim Phasenübergang von Gas zu Flüssigkeit wird Energie in Form von latenter Wärme frei, die sofort für weiteres Schmelzen und Durchnässen genutzt werden kann.
Wenn also ein Tag „Waschkuchlwetter“ prognostiziert ist, stehen die Alarmzeichen für die nächste Phase des Frühjahrs auf Rot. Was passiert, wenn die Schneedecke nun zum ersten Mal stark durchfeuchtet wird – auch bis in tiefere Schichten?

Reaktivierung alter Schwachschichten durch Feuchtigkeitseintrag
Auch die nasse Schneedecke kann Schneebrettlawinen produzieren. Wie das genau funktioniert hat man bis jetzt allerdings noch nicht genau erforscht und verstanden. Es wird allerdings vermutet, dass nasse Schneebrettlawinen die gleichen Zutaten benötigen, wie trockene: Schwachschicht und Schneebrett. Auch die Prozesse laufen wahrscheinlich sehr ähnlich ab, es braucht also eine Bruchinitialisierung und eine Bruchfortpflanzung.
Und gerade bei der Bruchinitialisierung spielt die zuvor trockene Schneedecke eine große Rolle. Hier kommen die trockenen Schwachschichten tiefer in der Schneedecke ins Spiel, die dort häufig noch aus dem Früh- oder Hochwinter vorhanden sind. Innerhalb der Schneedecke kämpfen fortwährend zwei Prozesse gegeneinander: die natürlich verlaufende, abbauende Umwandlung der Kristalle und die, durch starke Temperaturgradienten getriebene, aufbauende Umwandlung.
Im Verlauf des Winters nehmen die Temperaturgradienten innerhalb der Schneedecke aufgrund der mächtiger werdenden Schneebedeckung immer weiter ab. Der Prozess der aufbauenden Umwandlung wird geschwächt, die abbauende Umwandlung siegt. Auch kantig aufgebaute Schwachschichten können sich daher mit der Zeit durch eine langsam stattfindende, abbauende Umwandlung wieder stabilisieren.
Im Frühling haben sich alte Schwachschichten oft so weit stabilisiert, dass sie in der kalten Schneedecke keine zentrale Rolle mehr spielen. Teils liegen alte Schwachschichten auch so tief, dass sie selbst durch große Zusatzbelastung nicht mehr gestört werden können. Kommen diese Schichten nun bei fortschreitender Durchfeuchtung erstmals mit Wasser in Kontakt, reagieren sie jedoch äußerst sensibel: Bereits geringe Wassermengen reichen aus, um ihre Festigkeit erneut deutlich zu reduzieren.
Schwachschichten – kantige Formen – reagieren dabei wesentlich sensibler auf einen Feuchtigkeitseintrag als die typischen Kornformen eines darüberliegenden Schneebretts (z.B. Kleine Runde). Während das Schneebrett den Feuchtigkeitseintrag also „überlebt“ (sprich gebunden bleibt), wird die Schwachschicht bereits stark destabilisiert. Die Folge ist oft eine sehr reaktive Kombination aus Brett und stark geschwächter Schwachschicht.
Warum Wassereintrag Schwachschichten schneller destabilisiert
Der Grund für die unterschiedliche Sensibilität der verschiedenen Kornformen liegt ganz einfach an ihrer trockenen Ausgangslage. Denn große kantige Kristalle, die typisch für Schwachschichten sind, sind von Natur aus schon viel bruchanfälliger als kleine, runde Kristalle. Zudem spielt bei geringerem Wassereintrag die Kapillarkraft des Wassers eine wichtige Rolle. Bei kleinen, rundlichen Kristallformen steigert das Einnisten von geringen Wassermengen in Porenwinkeln diese Kräfte zwischen den einzelnen Kristallen und erhöht sogar kurzfristig die Festigkeit. Der klassische Schneeball-Schnee entsteht: leicht feucht und pappig – gut gebunden.
Bei stärkerem Wassereintrag kann das Wasser nicht mehr in den Porenwinkeln gehalten werden. Die Kristalle werden wie mit einer zweiten Haut aus Wasser umhüllt und damit voneinander gelöst. Dabei tritt ein großer Festigkeitsverlust auf (Abb. 1).

Der Mechanismus der Bindungsstärkung funktioniert bei kleinen, rundlichen Kristallen deutlich besser als bei kantigen Formen. Kantige Kristalle bieten weniger Nischen und Ecken, in denen das Wasser andocken kann (siehe Abb. 2). Stattdessen fließen bereits sehr geringe Wassermengen durch die kantige Schwachschicht hindurch und können nicht gehalten werden. Beim Durchfließen sucht sich das Wasser immer den Weg des geringsten Widerstands – und dieser führt entlang der Oberfläche der kantigen Kristalle. Die Kristalle werden dabei von Wasser komplett benetzt und das Gefüge wird instabil.

Der erste Wasserkontakt einer alten Schwachschicht geht daher meist mit einem markanten Anstieg der Lawinengefahr einher. Ein klassischer Nassschneezyklus setzt ein.
Nassschneezyklen im Raum und in der Zeit
Im Verlauf eines Frühjahrs treten häufig mehrere solcher Nassschneezyklen auf. Die Durchfeuchtung der Schneedecke schreitet je nach Höhenlage und Exposition unterschiedlich schnell voran, wodurch Schwachschichten räumlich und zeitlich versetzt reaktiviert werden.
Nach und nach durchläuft dieser Prozess sämtliche Expositionen und Höhen. Als Erstes sind südseitige Hänge in tiefen Lagen betroffen. Als Nächstes weitet sich die Durchfeuchtung auf Südhänge in mittleren Lagen und insbesondere auch auf tiefergelegene Westhänge aus. Etwas später folgen Osthänge. Langsam gelangt die Durchfeuchtung in immer höhere Lagen.
Zuallerletzt – oft erst wenn die meisten schon längst in Felswänden hängen und ihre Ski im Keller verstaut haben – erreichen die Prozesse auch hochalpine, nordseitige Hänge. Während überall sonst schon längst der Sommer eingekehrt ist, beginnt im nordseitigen Hochgebirge dann gerade erst die lawinenaktivste Nassschnee-Phase. Das sei auch und besonders bei Hochtouren zu beachten!

Praxisbeispiel und die Bedeutung des Winterverlaufs
Ein anschauliches Beispiel lieferte die erste ausgeprägte Hitzewelle Anfang Juni 2025. Bodennah waren damals noch kantig aufgebaute Schwachschichten aus dem Frühwinter vorhanden, die durch den erstmaligen Wassereintrag reaktiviert wurden. In der Folge kam es zu teils sehr großen Lawinenabgängen. Hier kamen alle oben beschriebenen Prozesse zusammen. Grundvoraussetzung für die Lawinenabgänge war das Vorhandensein entsprechender alter Schwachschichten innerhalb der Schneedecke.

In Wintern mit häufig auftretenden, ausgeprägten Altschneeproblematiken oder einer bodennahen Schwachschicht aus dem Frühwinter ist daher auch die Lawinenaktivität während der verschiedenen Nassschneezyklen deutlich stärker ausgeprägt.
Neben Sturm- und Starkschneefällen zählt diese erste markante Durchfeuchtung alter Schwachschichten im Frühling meist zu den lawinenaktivsten Zeiten des gesamten Winters. Da diese Phase meist erst im März oder April stattfindet, erhält sie in der Wahrnehmung jedoch oft weniger Aufmerksamkeit.
Was danach passiert
Erneute Wassereinträge verlieren zunehmend ihre destabilisierende Wirkung, denn die bereits vorhandenen Schmelzformen werden nun nicht mehr so stark umgewandelt. Die Schneedecke wird zunehmend homogener, komplexe Abflusssysteme und Schmelzkanäle etablieren sich. Das Wasser verwendet diese Kanäle wiederholt, um durch die Schneedecke bis zum Boden abzufließen. Die mechanischen Eigenschaften der Schneedecke werden dabei nicht mehr beeinflusst.
Die Take-Home-Message auf einen Blick
- Nassschneezyklen sind neben Sturm- und Starkschneefällen die lawinenaktivsten Zeiten eines Winters
- Sie treten vermehrt auf, wenn alte Schwachschichten durch einen ersten Feuchtigkeitseintrag reaktiviert werden
- Schwachschichten reagieren bereits auf geringen Feuchtigkeitseintrag sehr sensibel
- Ein Nassschneezyklus wird häufig durch feucht-warmes Wetter ausgelöst, welches die Schmelze stark vorantreibt