bergundsteigen 134 (Solo)
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Alex Honnold ganz weit oben in der American Direct
von Andi Dick
27. Apr. 2026 - 16 min Lesezeit

Free Solo: Ultima Ratio oder der ganz normale Wahnsinn?

Beim Thema Free Solo scheiden sich die Geister: Königsdisziplin des traditionellen Alpinismus oder unverantwortliches Spiel mit dem Leben? Eine sehr subjektive Erörterung von Andi Dick.

Die Entscheidung ist fällig: Ein Schritt führt hinaus in die Todeszone. Unter der Kante bricht der Fels ab ins Kar, Fehler sind nicht erlaubt. Der Fels ist senkrecht, aber die Griffe sehen okay aus, oben soll’s leichter werden. Durchatmen, zusammenreißen – und durchziehen. Nach fünf steilen Metern stehe ich im geneigteren Gelände. Und wo, bitte, soll es jetzt leichter werden?

Der Riss oberhalb sieht dubios aus, vielleicht doch links zur Kante? Tatsächlich steckt weiter oben ein geklebter Ring, aber in einem kompakten Bauch. Die Stelle ist noch schwerer als der Einstieg, der mir schon grenznah genug war. Mit zwei Fingern im Ring und voller Anspannung lässt sich die Stelle cheaten. Bockmist! Depp! So viel Risiko war nicht nötig! Ein typischer Fall von „hätt net solle“ (das hätte ich besser nicht getan): am point of no return die Brücke verbrannt und oberhalb aufgelaufen, überlebt dank etwas Könnensmarge und Nerven.

„Wenn du in den Flow reinkommst, ist das Gefühl unbeschreiblich, macht fast süchtig.“

Albert Neuner
… sagt Albert Neuner über das Free-Solo-Klettern. Foto: Albert Neuner

So soll Free Solo nicht sein wie damals am Totenkirchl-Südgrat. Die Entscheidung fällt mit dem ersten Schlag ins griffige Eis des senkrechten Bergschrunds. Die Verhältnisse stimmen. Hundert Meter knirschendes Firneis geben Selbstvertrauen, dann stehe ich unter der Cruxlänge: dreißig Meter, nicht ganz senkrecht. Kurz durchatmen, dann greift das erste Gerät perfekt und die Energie fließt aus dem Berg in den Körper.

Der Rest ist Steigen; etwas mühsam die große Flanke zum Gipfel, nochmal Konzentration beim nicht viel flacheren Abstieg durch die Nordostwand, am Bergschrund abseilen – so souverän und flowig soll Free Solo sein wie damals an der Courtes- Nordwand. Wenn Bergsteigen laut Lionel Terray die Eroberung des Unnützen ist, dann ist Free Solo die Ultima Irratio. Und der maximal zugespitzte Kompetenztest: ein Fehler und das war’s. Warum machen Menschen so einen Blödsinn? Muss man das akzeptieren? Respektieren? Anerkennen? Bewundern?

Ich schreibe diesen Text aus sehr subjektiver Perspektive. Denn ich habe bei diesem Thema zwei Rollen: Einerseits trage ich als Journalist und Chronist zumindest einen kleinen Teil dazu bei, Free Solos von Spitzenprotagonisten bekannt zu machen und als Leistung zu würdigen, womöglich einzuordnen.

Andererseits bin ich selber gerne alleine und ohne Seil unterwegs, auf meinem bescheidenen Niveau. Und ich habe eine relativ klare Meinung dazu, an der man sich gerne stoßen darf. Sie lässt sich in diesem Satz zusammenfassen: Free Solo ist ein Ausdruck der Freiheit der Berge, sein Risiko selbst zu wählen.

Aber: Freiheit braucht Verantwortung – diese zwei Werte stehen nicht zufällig im Leitbild des Deutschen Alpenvereins nebeneinander, ergänzt durch den Begriff Respekt. Eine respektvolle Abwägung des Dualismus von Freiheit und Verantwortung mag uns helfen im Umgang mit dem Thema Free Solo. Lassen wir uns dabei von fünf Fragen leiten:

  • Was gibt es zu gewinnen beim Free Solo?
  • Welche Rolle spielen Sicherheit und Risiko im Alpinismus?
  • Wie kann ein verantwortungsvoller Alleingang gelingen?
  • Wie frei ist der freie Wille?
  • Welche Rolle spielen Medien?

Free Solo als Lebensschule

„Hätt net solle“-Momente habe ich leider einige (glücklicherweise üb-)erlebt. Meistens aber ist mir die Balance zwischen Anforderungen und Können gelungen – und dann finde ich beim Free Solo Erfahrungen, die sonst schwer zu bekommen sind beim Bergsteigen. Ich kann mein eigenes Tempo wählen, ohne mich gebremst oder gehetzt zu fühlen, bin flott und im Flow unterwegs, mit leichtem Gepäck und ohne Sicherungsgewurstel.

Je weniger ich mit mir und an mir trage, desto bewusster wird mir die Exponiertheit, in der ich alle Entscheidungen über mein Leben nur mit mir alleine ausmache – ohne warnenden, motivierenden oder womöglich treibenden Partner. In dieser Beurteilung und dann bei der Umsetzung in Bewegung bin ich hellwach, konzentriert und präzise und genieße das Funktionieren von Körper und Geist.

„King of the mountains“ sozusagen. „Pass auf dich auf“, sagt meine Frau, und ich antworte: „Deshalb gehe ich los!“ – Auf sich aufzupassen, am Leben zu bleiben, schärft den Respekt für ebendieses Leben.

Auch Profis, deren angemessenes Level weit höher liegt, schätzen diese Intensität. Dani Arnold: „Free Solo ist die ultimative Königsdisziplin, aber es ist natürlich auch die dümmste, absolut gefährlichste Spielart des Kletterns. Und trotzdem mach ich’s – es ist schwierig zu erklären, wie es sich anfühlt; du hast einfach nichts mehr dabei.“

Albert Neuner: „Du bist komplett im Tunnel drin, spürst, wie intensiv das Leben ist … wenn du in den Flow reinkommst, ist das Gefühl unbeschreiblich, macht fast süchtig.“ Robert Jasper: „Du bist dein eigener Chef. Entwickelst dich zu einem selbstständigen Bergsteiger, der alle Entscheidungen selber treffen muss und alles selber machen und ausbaden – ein Reifungsprozess, eine harte aber wertvolle Schule.“

„Free Solo ist die ultimative Königsdisziplin, aber es ist natürlich auch die dümmste, absolut gefährlichste Spielart des Kletterns“

Dani Arnold
Dani Arnold
Schweizer Extrembergsteiger Dani Arnold. Foto: Dani Arnold

Exponiertheit schafft Klarheit: Das kann ich. Das will ich. Das tue ich. Jetzt. Dani Arnold sieht noch einen anderen Lohn im Free Solo: „Es ist reduziert aufs Wesentliche und fordert absolute Ehrlichkeit, ich kann mich nicht selber bescheißen. Das ist wichtig in der heutigen Zeit, wo alles reguliert wird, niemand mehr an etwas schuld sein will.“ Wenn die Balance stimmt, kann ungesichertes Alleingehen Persönlichkeitsentwicklung bedeuten.

Was aber, wenn es schiefläuft? Angesichts des Todes, zerplatzen da nicht die markigen Sprüche der Sensation Seeker wie Seifenblasen? Ist es „better to burn out than to fade away“ (Neil Young)? Lieber ein Tag Tiger als ein Leben lang Bettvorleger? Ist Seb Bouins „unsere Träume leben oder unser Leben träumen“ nicht nur verklärendes Geschwurbel? Und der vermeintliche Trost „er starb bei dem, was er am liebsten tat“ hinkt – wie ein US-Autor einmal geschrieben hat: „Was er am liebsten tat, war leben.“

Wie sicher ist sicher?

Sicher ist nur eines im Leben: der Tod. „You only live once“, sagt Charly Brown – und Snoopy antwortet: „Nein, wir sterben nur einmal; bis dahin leben wir.“ Wie „sicher“ man sein Leben und Bergsteigen gestalten möchte, wie viel „Risiko“ man akzeptieren mag, diese Abwägung muss jeder Mensch selber treffen. Es ist gut, dass uns das niemand abnimmt – auch wenn „Lehrempfehlungen“ das suggerieren könnten und Digitaltools dazu verführen mögen.

Es wäre gut, wenn diese Abwägung klarsichtig und bewusst geschähe. Denn sobald wir uns aus der Ebene in den verschärften Geltungsbereich der Schwerkraft hinaufmühen, steigt das Risiko mit. Für manche anscheinend unbemerkt, ist es schon beim Bergwandern präsent: Rote und erst recht schwarze Wanderwege führen durch „Absturzgelände“ – schon auf einer steilen Wiese, erst recht einem harten Schneefeld kann das Bremsen misslingen.

Brette Harrington
Warum klettern so wenige Frauen free solo? Brette Harrington ist eine der wenigen Frauen, die auch wegen ihrer Free-Solo-Begehungen (z. B. Chiaro di Luna in Patagonien) Bekanntheit erlangte. Foto: VIMFF

Auf vielen Hochtouren ist es sinnvoller (und ehrlicher), seilfrei zu gehen, statt durch „gleichzeitiges Gehen am kurzen Seil“ die Opferzahl zu multiplizieren; denn ohne einen Sicherungspunkt können nicht einmal Luis Trenker oder Sylvester Stallone einen Sturz halten. Beim Alpinklettern bieten Zustieg und Abstieg oft Steilschrofen oder leichte Kletterei, wo Sichern nicht möglich oder zu aufwendig wäre.

In langen Alpinrouten (ob Eiger-Nordwand, Watzmann-Ostwand oder Biancograt) hat man nur dann Chancen auf eine akzeptable Begehungszeit, wenn man leichtere Passagen – sofern sie nicht mit Tibloc oder Microtrax am laufenden Seil gesichert werden können – ohne Seil begeht. (Ich selbst bin dabei mit 19 in der Großhorn-Nordwand abgestürzt und lebe nur dank einer Seracplattform mit Tiefschnee, die mich nach hundert Metern weich und unverletzt aufgefangen hat.)

Und das Seil selbst bedeutet in manchen Alpinklassikern und -disziplinen auch nur eine „moralische“ Sicherung, wenn im gestuften Gelände die Normalhaken (oder Friends im Karwendelbruch, Schrauben im Röhreneis …) zehn Meter auseinander stecken; ein Sturz würde dann vielleicht nicht unbedingt tödlich enden, aber sicher mit lebensverändernden Verletzungen.

„In anderen Sportarten ist die Amateurliga vergleichsweise harmlos, aber Bergsteigen kannst du nicht mit 50 % betreiben: Absturzgelände ist halt Absturzgelände“, sagt Dani Arnold. Und Alex Honnold, der mit seinem Free Solo am El Capitan die Szene schockte (und mit dem oscarprämierten Film darüber die Welt faszinierte), philosophiert, als er mit Magnus Midtbø durchs Schrofengelände scrambelt: „Is this free soloing or is it hiking? You can walk up without hands, but you can fall down easily.“

Wenn also Alpinismus traditionell mit auch mal ungesichertem Gefahrengelände verbunden ist, wenn in den Bergen grundsätzlich eine ehrliche Einschätzung davon nötig ist, was man kann und ob das Wunschziel dazu passt: Warum sollte man dann nicht auch mal solo zu einer geeigneten Tour starten, weil man sich „sicher genug“ dabei fühlt, auch ohne Seil als Backup? 100 % Sicherheit gibt es eh nicht, null Risiko auch nicht – das Optimum liegt individuell dazwischen. Und Alex Huber merkt mit gewissem Recht an: „Die Lawinengefahr auf Skitour hast du weniger im Griff als den Griff am Fels.“

Auf der Suche nach dem Optimum

Man könnte meinen, es mache einen Unterschied, ob man free solo im „Wellnessbereich“ unterwegs ist, also mit großer Marge zur persönlichen Grenze – für mich sind das Classics wie Watzmann, Kopftörlgrat, Jubelgrat oder Frozen-Turf-Eskapaden in einer winterlichen Voralpenflanke –, oder ob man versucht, diese (mentalen wie körperlichen) Grenzen auch ohne Seil auszureizen, statt mit Sturzoption wie beim Sportklettern.

Und dass es nochmal etwas anderes sei, ob man so ein grenzwertiges Free Solo vorher einübt wie Alex Huber die Hasse-Brandler oder ob man onsight loszieht – „das ist die Königsdisziplin, natürlich noch mal ganz was anderes, für mich aber was ganz Persönliches, über das ich in der Öffentlichkeit nicht gerne reden will“, sagt Robert Jasper dazu.

Klar sind das unterschiedliche Kragenweiten. Aber eines bleibt gleich: Die Schultern müssen reinpassen. „Ich probier, was geht, aber immer mit Hirn. Bin risikobereit, aber in keinster Weise bereit, mein Leben einer echten Gefahr auszusetzen. Ich will das Risiko im Griff haben“, sagt Alex Huber. Der deshalb in einer Diskussion mit Stefan Glowacz aufgefordert, das Risiko beim Free Solo zwischen 1 und 10 einzustufen, beklagte, dass die Skala keine Null habe – während Stefan die Elf vermisste.

Will man die Freiheit zum Free Solo verantwortlich ausleben, steht als Leitidee darüber immer diese optimierte Balance von Sicherheit versus Risiko, von Können versus Anforderungen. Deren Basis ist die Vorbereitung: lebenslanger Kompetenzaufbau, Training von Körper und Geist. Wie bei Albert Neuner: „Ich hab mich von Kind auf gesteigert, vom zweiten, dritten Grad her. Wenn jemand das blindlings nachmacht, ist es die falsche Rangehensweise.“

Hat man dann ein konkretes Ziel im Auge, folgt die spezifische Vorbereitung, wie für ein Rotpunktprojekt – Geschmackssache, ob man dazu jeden relevanten Griff lernt und tickt, wie Huber an der Großen Zinne, ob kleine Details offenbleiben dürfen, was für Neuner und Arnold eine förderliche Spannung aufrechterhält, oder ob man onsight wie Jasper in große Alpinrouten startet. Einig sind sie sich alle, dass für den Einstieg der Moment stimmen muss.

Albert muss „komplett rein im Kopf sein“, für Dani ist „das Bauchgefühl das wichtigste Warnsignal“ und Robert differenziert: „Zweifel gehören immer dazu, wie die Angst sind sie gesunde Warnsignale. Du musst den Umgang damit lernen, damit die Angst dich nicht plötzlich anspringt.“ Bei Alex klingt es so: „Die äußeren Bedingungen müssen passen, die Kraft muss passen und die geistige Verfassung, alle drei müssen zusammenpassen“ – wobei das für alle Formen des Alpinismus gelte, nicht nur fürs Free Solo, die „von außen betrachtet krasseste Form“.

Denn wenn man dann losgeht, kann man vielleicht noch ein paar Meter zurückklettern – „points of no return“ sollte man wahrnehmen und rechtzeitig umdrehen, wenn „es“ nicht passt; (nur) wer umkehrt, kann wiederkommen. Darüber aber – und darunter natürlich auch schon – ist absolute Konzentration und Aufmerksamkeit gefordert: „When you’re soloing, everybody’s climbing with control. Otherwise you die“, weiß Alex Honnold. Das gilt auch für vermeintlich Leichtes: Ob es eine „Wellnesstour“ ist (Jonas Hainz stürzte in einem Vierer ab) oder das notorische „Gelände“ zwischendrin und im Abstieg („am Gipfel bist du erst im Tal“).

Wie frei ist der Wille?

„Das Können ist des Dürfens Maß“, ist einer der schlaueren Sprüche des Free-Solo-Propheten Paul Preuss. Dazu muss man aber dieses Können ehrlich und realistisch einschätzen. Wobei uns, wie Lawinenexperten gerne durchdeklinieren, allerhand Wahrnehmungsfallen und psychologische Fehlschaltungen ein Bein stellen können. Erschwerend kommt dazu, dass der vermeintlich freie Wille ein Rechenergebnis aus diversesten, internen wie externen Inputs ist.

„Is this free soloing or is it hiking? You can walk up without hands, but you can fall down easily.“

Alex Honnold neben Tommy Caldwell vor der Nose
… mit dem zitierten Spruch meinte Alex Honnold nicht sein Solo im „Freerider“, sondern Schrofenkraxeln mit Magnus Midtbø. Auf dem Bild posiert er rechts neben Tommy Caldwell vor der Nose – ihr Speedrekord in 1:58:07 Stunden ging auch nicht ganz ohne Risiko. Foto: Heinz Zak

Ungut fürs Leben, Gift fürs Free Solo sind psychische Negativ- Antriebe wie Liebeskummer, Depressionen oder Adrenalinsucht (wer denkt beim letzten Stichwort an Dean Potter, Dan Osman oder Jean-Marc Boivin?). Doch schon eine Sozialisation im „klassischen“, also heroischen bis heroistischen Alpinismus kann dazu führen, dass man seilfreie Grenzerfahrungen als „wertiger“ empfindet als das Sporthängen in der Halle.

Wenn dann noch das persönliche Umfeld oder die lokale Community einen Spirit des „lieber tot als toprope“ pflegt, kann ein Erwartungsdruck entstehen (oder empfunden werden), der zu Entscheidungen mit (zu) hohem Risiko führt. Denn wer ist frei vom Wunsch nach Anerkennung? Und sei es nur beim Blick in den Spiegel?

Freilich könnte man versuchen, im Spiegel nicht einen Odysseus zu erwarten, keinem Heldenideal hinterherzuhecheln … Und die mentale Haltung zu trainieren, verpassten Chancen nicht hinterherzutrauern, sondern sich zu freuen an der Entscheidung „im Zweifel fürs Leben“, die mit dem Verzicht getroffen wird.

Stolz und Selbstwertgefühl nicht unbedingt nur aus dem Durchkommen zu ziehen, sondern aus dem Gefühl, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Je größer die Chance wird, mit den eigenen Berg-Aktionen relevant Geld zu verdienen, desto mehr Gewicht ergaunert sich womöglich im Gedanken-Konglomerat die Perspektive: Wie viele Klicks und Daumen bringt mir ein Free Solo? Wie kann ich es vermarkten? Kann ich damit meine Sponsoren füttern?

Der Verdacht liegt nahe, dass solche Überlegungen vor allem noch aufstrebende junge (!) Männer (!) verführen könnten, ohnehin eine Bevölkerungsgruppe mit statistisch höherem Risikolevel. Es gibt aber auch Aktive, die teils jahrelang mit Sponsoren zusammenarbeiten, ohne maximal riskant wirkende Stunts liefern zu müssen. Die rein sportlich höchsten Leistungen werden sowieso mit Seilsicherung erbracht.

Der Berg„sport“ hat sich heute diversifiziert, ja liberalisiert: Man kann frei wählen zwischen athletischeren Disziplinen mit höchster Schwierigkeit bei perfekter Absicherung oder Spielformen mit höherem Risiko – oder selbstverständlich blauen Wanderwegen, Aussichtsplattformen bei der Seilbahnstation oder dem Sofa zuhause –, deswegen ist man kein schlechterer Mensch.

Über hundert Jahre sind die Zeiten her, als Paul Preuss schrieb: „Mir kommt aber doch vor, dass der Gedanke ‚wenn du fällst, hängst du drei Meter am Seil!‘ geringeren ethischen Wert hat als das Gefühl ‚ein Sturz und du bist tot!‘“ Und mir kommt es so vor, dass Preuss schon damals nicht wirklich Recht hatte. Ethik könnte schließlich als die Kunst des richtigen Lebens (!) und Handelns definiert werden. Free Solo ist ein anderes Spiel. Ein härteres. Kein besseres.

Sind die Medien schuld?

Damit kommen wir zum Schlagwort „Vorbild“. Denn Sponsoren wollen öffentliche Aufmerksamkeit. Und Medien – Internet, Fernsehen, Zeitschriften – können inspirieren, aber auch verführen. Heinz Zaks Foto von Wolfgang Güllich an der Kante von „Separate Reality“ bezeichnet Alex Huber als seine Inspiration, „beim Bergsport meine Grenzen auszuloten“.

Magnus Midtbø Mockup
Der Sportkletterer Magnus Midtbø sorgte im September 2025 für Diskussionen, als er den Hörnligrat auf das Matterhorn als völlig unerfahrener Alpinist solo versuchte und den Versuchauf YouTube streamte. Foto: Magnus Midtbø/YouTube

Das gladiatorenhaft, offensichtlich eingegangene Todesrisiko packt die Aufmerksamkeit – taugt es als Vorbild? Vorbilder sind wertvoll. Wenn Dörte Pietron als starke Kletterin und Alpinistin den DAV-Sportpreis erhält, kann das junge Frauen ermutigen, zu schauen, was für sie geht. Wenn Janina Reichstein und Luisa Deubzer die Route „Headless Children“ (250 m, 8b) im Rätikon „ecopoint“ klettern, zeigen sie, dass mit den Öffis doch manche Projekte machbar sind.

Wenn Caro North mit dem Schweizer Frauen-Expedteam „by fair means“ nach Grönland segelt, entlarvt sie Flugreisen als einfache Lösung. Mentoring- und Inklusionsprojekte feiern soziale Gemeinschaft. Bevor mein Rückenproblem operiert wurde, hatte ich mir angewöhnt, beim Sportklettern von einem Dreibeinhocker aus zu sichern: Er ist so hoch, dass die Körperdynamik gut funktioniert.

Wenn mich Hallenpersonal angesprochen hat, das gebe ein schlechtes Vorbild ab, habe ich auf mein sonst ausgereiftes Handling verwiesen. Und vor allem auf Eigenverantwortung: Wer einem Vorbild folgen will, soll sich überlegen, ob dessen Verhalten auch zu ihm selbst passt. Wer blind nachläuft, ist selbst schuld. Diese Abwägung (Können als des Dürfens Maß) ist die gleiche wie für jede Risiko- Entscheidung – allerdings mit den gleichen Handicaps (freier Wille?, Gruppendruck, Wahrnehmungsfallen …) wie oben genannt.

Deshalb trifft Gebi Bendler, Chefredakteur von bergundsteigen, einen Punkt, wenn er schreibt: „Wenn wir eine Kultur schaffen wollen, in der nicht so viele Topleute sterben, müssen wir einiges ändern: … Verzicht und gute Entscheidungen als Maßstäbe für den Erfolg einbeziehen.“ Die Nachricht, dass jemand ein ambitioniertes (Solo-)Projekt aufgibt, mag nicht so sexy sein wie die vom Erfolg. Aber dass scheitern zum Bergsteigen gehört und dass Demut und Verzichtenkönnen alpine Reife belegen, sind Botschaften, die mehr Präsenz verdienen.

Auch die ehrliche, konstruktive Aufbereitung von Unfällen, um aus Fehlern zu lernen, wäre ein wichtiger Medien-Inhalt – auch wenn die Aufmerksamkeitsmaschinerie anderes verlangen mag. Dass Michi Wohllebens fundierte Kommentierung zu Magnus Midtbøs Matterhorn-Eskapade über 330.000-mal auf YouTube angesehen und fast 12.000- mal mit „gefällt mir“ markiert wurde, ist da ein gutes Zeichen; Magnus’ Video allerdings hat 2,6 Millionen Aufrufe.

Ob die Intensität oder auch die Unkompliziertheit des Free Solo das höhere Risiko wert ist, ist eine zutiefst individuelle Entscheidung, die zu respektieren ist. Nicht einmal Selbstmord( versuch) ist in unserer Gesellschaft strafbar. Wir in den Medien sollten versuchen, Free Solo als eine unter vielen Disziplinen des Alpinismus zu dokumentieren, ohne es heroisch zu überhöhen.

Und wer darüber nachdenkt, könnte Albert Neuner zuhören: „Wichtig ist, es mit dem Herzen zu machen, nicht um cool zu sein oder jemandem etwas zu beweisen, sondern weil man’s in sich spürt.“ Oder auch Rolando Garibotti, dem Patagonien-Altmeister, der als junger Mann jährlich 100 Solotouren kletterte: „Ich bin in die Falle getappt und habe es als emotionalen Kompensationsmechanismus benutzt.

Aber ich habe gemerkt, dass es ein schwaches Werkzeug ist, um Selbstwert zu generieren. Ich hatte Glück.“ Zuletzt: Kann es Zufall sein, dass kaum schwierige Free Solos von Frauen bekannt sind, abgesehen von Steph Davis und Brette Harrington? Warum müssen Männer kühn sein, warum wird für Frauen das Wort „feige“ fast nie verwendet? Können wir Testosteron-Opfer uns von einer Gesellschaft (oder Klettercommunity) emanzipieren, die Heldentum fordert? Den inneren Schweinehund mal überwinden, schön und gut. Wenn es „der Wert isch“ (sich lohnt).

Erschienen in der Ausgabe #134 (Frühling 26)

bergundsteigen 134 (Solo)