Verhauer: Absturz einer Dreierseilschaft
Aber leider gibt es auch Bilder und Geschichten, die ebenfalls ein Leben lang in Erinnerung bleiben, jedoch alles andere als schön sind und nur zu gerne würde man sie wieder von seiner Festplatte löschen. Obwohl schon etliche Jahre her, war das Ereignis beim Abstieg vom Grand Combin so eine Szene, die ich nie mehr vergessen werde.
Da die Geschichte zum einen lehrreich und zum anderen eindrücklich wie tragisch gleichermaßen ist, erzähle ich sie auch häufig auf Hochtourenkursen: Wir waren damals unter Bergrettungskollegen unterwegs, als wir uns am Mur de la Cote – das ist jenes Eck, an dem man den Firngrat des Grand Combin verlässt, um über eine ca. 50 Grad steile und ca. 100 Meter lange Eis- bzw. Firnflanke in den berühmt berüchtigten Corridor zu gelangen – überlegten, wie wir diese Stelle am geschicktesten meistern.

Die vielen Gräben für T-Anker – früher wurde dieser Fixpunkt im Firn auch als „Toter Mann“ bezeichnet – deuteten darauf hin, dass es hier üblich war, am Fixpunkt abzulassen. Das erschien uns vernünftig und so machten wir uns daran – nachdem bereits alle Gräben alter T-Anker leider schon von anderen Gruppen besetzt waren –, einen neuen, soliden Schacht für den Pickel zu schaffen.

Der Bergführer neben mir war mir ob des bereits vorhandenen Schachtes einen Schritt voraus und machte sich daran, seine beiden Gäste – mit Steigeisen an den Beinen, Pickel in der Hand und Ski am Rucksack – über die Kante abzulassen. Der erste Gast befand sich bereits in der Flanke, während sich der zweite vom Flachen über die ausgeprägte Kante ins Steile mühte.
Dabei verlor er das Gleichgewicht und kippte nach hinten weg. Da er gesichert war, wäre das an und für sich kein ganz großes Problem gewesen, wenn … der Tote Mann gehalten hätte! Was in den nächsten fünf Sekunden drei Meter neben mir passierte, kann sich jeder vorstellen: Es sind genau jene Bilder, die man nicht mehr vergisst. Beide Gäste nahmen sofort Fahrt auf und stürzten die Flanke hinunter, der Bergführer machte noch einige Schritte zurück und ging in Halteposition, während das Restseil rasend schnell weniger wurde.

Drei, zwei, eins – der letzte Meter vom Restseil war weg und der Bergführer schoss wie eine Rakete über die Kante die Flanke hinab. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Knäuel der Dreier-Seilschaft im Auslauf der Flanke zu liegen kam, nicht aufstand, aber sich – zum Glück – bewegte. Wir setzten sofort den Notruf ab und es dauerte nicht lange, bis der REGA-Hubschrauber anflog und die Rettungsaktion professionell vonstatten lief …
Was ich für mich mitnehme? Der T-Anker ist nur dann ein zuverlässiger Fixpunkt, wenn er zum einen in festem Schnee tief genug (je nach Schneekonsistenz mindestens 50 Zentimeter) und rechtwinkelig zur Zugrichtung gegraben wird und zum anderen – und das ist elementar wichtig – die Bandschlinge so flach wie möglich aus dem Querschacht ausläuft! Kommt – wie in diesem Fall – zu viel Zug nach oben, reißt die Verankerung aus und der T-Anker wird zum sprichwörtlichen Toten Mann.