Notbiwak: Das Wichtigste im Ernstfall
Ein allgemein gültiges Rezept zum Überstehen eines (Not-) Biwaks gibt es leider nicht, da die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen stets andere sind und jeder „Blockierte“ flexibel handeln bzw. reagieren muss. Völlig klar ist die Tatsache, dass „mehr“ und „bessere“ Ausrüstung nicht nur das Überleben sicherstellen kann, sondern auch den Unterschied ausmacht zwischen „Gerade noch überstanden – nie mehr wieder!“ und „Unvergessliches Bergerlebnis – gerne nochmals!“. Im Folgenden soll aber nicht die Ausrüstung an erster Stelle stehen, sondern das Verhalten und der optimale Umgang mit den üblicherweise sehr begrenzten Ressourcen.
Unterkühlung: Kälte als größtes Problem
Die größte Gefahr beim Biwakieren geht vom ungünstigen Zusammenspiel negativer Umweltfaktoren (tiefe Temperaturen, Wind, Nässe) bei gleichzeitiger Bewegungseinschränkung (Blockierung) aus. Als lebensbedrohlich ist hier an erster Stelle die allgemeine Unterkühlung zu nennen, die es mit allen Mitteln zu verhindern gilt.
Ein weiteres Problem sind lokale Erfrierungen, die an und für sich zwar nicht lebensbedrohlich sind, aber neben den äußerst unangenehmen Folgen (z.B. Amputation) auch dazu führen können, dass man z.B. aufgrund eingeschränkter Fähigkeiten abstürzt. Natürlich gibt es auch noch andere Problembereiche wie Lawinen, Spaltensturz, Blitzschlag, Steinschlag oder Eisschlag, doch dies sind in erster Linie Faktoren, welche den Biwakplatz betreffen und sollen hier einmal unerwähnt bleiben.
Wärmeerhalt als oberstes Ziel
Nachdem man sich für ein Biwak entschieden hat, müssen alle Anstrengungen dem Wärmeerhalt dienen. Dabei ist es wichtig, so früh als möglich die gesamte zur Verfügung stehende Ausrüstung einzusetzen bzw. den Biwakplatz so zu verbessern, dass Kälte und Nässe möglichst wenig anrichten können und der Abfall der Körpertemperatur so langsam wie möglich stattfindet.

Kältekunde: Über Erfrierungen am Berg
Alle hundert Höhenmeter bergauf sinkt die Temperatur durchschnittlich um 0,65 °C. Besonders gefährlich wird Kälte, wenn ungenügender Schutz und Erschöpfung zusammenkommen. Aber was passiert eigentlich bei einer Unterkühlung? Mit welchen Signalen warnt uns der Körper vor Erfrierungen? Welche Gegenmaßnahmen helfen, und wie lassen sich dauerhafte Schäden vermeiden? Zum Artikel
Hat man z.B. noch trockene Unterbekleidung im Rucksack, ist diese möglichst früh gegen die feuchte Bekleidung am Körper zu tauschen – auch bzw. gerade dann, wenn einem im Moment noch nicht zu kalt ist. Dasselbe gilt für die warmen, trockenen Handschuhe, die dicke Mütze oder das Halstuch (Buff). Man wartet also nicht, bis einem in den Fingern zu kalt ist und zieht dann erst die warmen Handschuhe an, sondern tut dies davor!
Feuchte Kleidung möglichst früh tauschen.
Körperwindel zum Wärmeerhalt
Das primäre Ziel ist es, jeden Bereich des Körpers von Anfang an so gut es geht zu schützen. Wenn es dann (was sehr unwahrscheinlich ist) am Anfang zu warm wird, vermeidet man es zu schwitzen (was extrem kontraproduktiv wäre), indem man sich nicht viel bewegt und den Wärmehaushalt über den Kopf reguliert.
Über den Kopf bzw. Halsbereich gibt man sehr viel Wärme ab und daher lässt sich mit Mütze, Schal, Halstuch und Kapuze die Temperatur recht gut steuern. Ein echter „Joker“ ist die Alu-Rettungsdecke, die man zur Isolation des Körperstammes (Kopf, Hals, Rumpf) unter der obersten (oder über der untersten) Bekleidungsschicht verwendet. Sie hat die Vorzüge wasserdicht, winddicht und „isolierend“ (wär mereflektierend) zu sein.





Korrekt eingesetzt wird sie wie in Abb. 1 dargestellt als „Körperwindel“ angelegt. Man kann sich damit gut bewegen und der Wind bzw. Steigeisen oder scharfe Gegenstände können der Folie nichts anhaben. Der Wert von guten Biwaksäcken (Abb. 2) muss hier nicht extra erwähnt werden und dass selbst die dünnste Daunenjacke mehr Wärmeleistung hat als jede Hardshell-Jacke, auch nicht!

Welcher Biwaksack für welchen Einsatz?
Schneestürme können in den Alpen schnell tödlich enden, wie nicht zuletzt die Tragödien im Wallis gezeigt haben. Warum das Mitführen eines Biwaksacks über Leben und Tod entscheiden kann – und wie die Modelle zu überlebenswichtigen Hilfsmitteln werden: ein Überblick über die kleinen, wertvollen Begleiter.
Aufeinander schauen
Biwakieren bedeutet nicht nur eine Ausnahmesituation für den Körper, sondern auch für den Kopf. Zweifach hilfreich also, wenn wir aufeinander schauen und dabei nicht nur emotional füreinander da sind, sondern auch die körperliche Nähe einen wichtigen Beitrag zum Wärmeerhalt leistet. Miteinander reden hilft auch festzustellen, in welchem Stadium der Unterkühlung sich mein Partner unter Umständen befindet.
Solange die Muskeln zittern, der Puls hoch (> 100 Schläge/min) und die Atmung verstärkt ist, kann man davon ausgehen, dass man sich im ersten Unterkühlungsstadium (bis ca. 32°C Körpertemperatur) befindet. Hier ist keine Lebensgefahr gegeben – es ist zwar ein sehr unangenehmer Zustand, aber niemand wird sterben!
Problematischer wird es schon im zweiten Stadium, wenn die Antworten meines Partners nicht mehr orientiert sind, er schläfrig und apathisch wird (nicht zu verwechseln mit müde und erschöpft), das Zittern aufhört und die Muskeln starr werden. Dabei verlangsamt sich auch der Puls auf unter 50 Schläge/min und die Körpertemperatur sinkt gegen 28°C.

Hier muss man sofort und so gut als möglich versuchen, ein weiteres Auskühlen zu verhindern. Insbesondere deshalb, weil sich die betroffene Person nicht mehr selber helfen kann und in manchen Fällen sogar das Gegenteil von dem tut, was getan werden muss. Wenn sich also jemand die Handschuhe auszieht oder die Jacke öffnet, dann sind das eindeutige Alarmzeichen für eine „Kälteidiotie“ und dass mein Partner an der Grenze zum Stadium 3 steht, wo es zu Bewusstlosigkeit und absoluter Lebensgefahr kommt (unter 28°C).
Das Aufeinander schauen kann man aber auch wörtlich nehmen, da es stets gilt, lokale Erfrierungen z.B. im Gesicht frühzeitig zu erkennen und durch Abdecken oder vorsichtig Warmreiben zu vermeiden. Apropos Erfrierungen: Jede Druckstelle (Einengung) am Körper (besonders im Schuh) ist am Ende der Biwaknacht letztlich eine Erfrierung, da die Durchblutung an diesen Stellen nicht gewährleistet ist. Die Ski- oder Bergschuhe sind deshalb zu lockern und auch beengende Kleidungsstücke zum Beispiel an den Handgelenken sind so zu richten, dass sie nicht drücken.
Isolation gegen Kälte von unten
Damit unser Körper möglichst lange „Zittern“ und damit Wärme produzieren kann, müssen wir uns schonen und Energie sparen. Der Platz zum Sitzen bzw. gemeinsamen Zusammenkauern sollte deshalb möglichst gut nach unten isoliert werden. Dabei kann man ruhig alles einsetzen was man hat! Skier mit Fellen, Rucksäcke oder das Seil sind jedenfalls bessere Unterlagen als das blanke Eis oder der kalte Schnee.

Die beste Unterlage ist natürlich der Schoß des Partners! Jene Person, die also die größten Probleme hat, nimmt man auf den Schoß und umarmt sie. Der positive Nebeneffekt dabei ist, dass man selber auch Wärme zurückbekommt! Die Schuhe sollten – wenn möglich – nicht am kalten Boden stehen, wobei das in der Regel das kleinste Problem ist.
Hat tatsächlich wer große Schwierigkeiten, die Zehen warm zu halten, kann man die Schuhe im Biwaksack auch einmal ausziehen und die Zehen warmmassieren. Dabei muss man aber unbedingt darauf achten, dass nicht Schnee oder Wasser in die Schuhe kommen, sonst hat man nämlich genau das Gegenteil erreicht!
Allgemeine Empfehlungen beim Biwakieren
1. Den Informationsfluss möglichst gut aufrechterhalten und offen kommunizieren
Nach außen zu den Rettern und nach innen zur Gruppe.
2. Positiv denken
Und sich an den „guten Dingen“ in der Situation orientieren.
3. Essen und Trinken
Auch wenn man keinen Hunger und Durst hat. Der Körper braucht für den Wärmeerhalt (das Zittern) sehr viel Energie, das Gehirn braucht Kohlenhydrate, um richtig zu funktionieren und Erfrierungen sind wahrscheinlicher, wenn man dehydriert ist.
4. Leadership zeigen
Es ist unglaublich hilfreich, wenn einem jemand das Gefühl gibt, einen Plan zu haben und zu wissen, was passiert. Sei im Zweifel du die Person, welche eine Führungsrolle übernimmt. Achtung: Gerade als „Leader“ ist man gefährdet, sich völlig zu verausgaben!

5. Suche dir Aufgaben
Hilfreich ist es, wenn man sich Aufgaben gibt, die zu einer Routine werden und zum einen verhindern, dass man einschläft und zum anderen sicherstellen, dass man genug Pausen bekommt. Beispielsweise 15 Minuten Biwakplatz verbessern – 15 Minuten Ausruhen – jede Stunde ein Notruf SMS-Update schicken. Der Countdown der Uhr kann dabei als akustisches Signal verwendet werden.
6. Stress und unnötige Anstrengung vermeiden
Alles, was man macht, sollte ruhig, möglichst gemächlich und trotzdem zielstrebig angegangen werden. Um sich zu besprechen, rückt man eng zusammen und redet leise anstatt zu schreien. Alle Arbeiten werden so ausgeführt, dass man nicht schwitzt oder sich überanstrengt – man hat ja Zeit.
Wäre der Begriff nicht so unpassend, würde man insgesamt beim Notbiwak empfehlen: „Bleib cool und alles wird gut!“