bergundsteigen 134 (Solo)
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Marmolada Südwand
21. Mai 2026 - 6 min Lesezeit

Laura Tiefenthaler: „Wir sollten Solo-Begehungen ignorieren statt feiern“

Vor rund drei Jahren durchstieg Laura Tiefenthaler die Eiger-Nordwand solo. Heute würde sie solche Begehungen für sich behalten – zum Selbstschutz, aber auch zum Schutz anderer.

Interviewreihe: Drei Wege ins Alleinsein In drei Gesprächen gewähren Simon Gietl, Laura Tiefenthaler und Colin Haley Einblicke in eine Disziplin, die zwischen höchster Präzision, psychologischer Grenz- und philosophischer Selbsterfahrung verläuft – das Rope-Solo-Klettern.
Zum Interview mit Simon Gietl
Zum Interview mit Colin Haley

Winter-Solo-Begehung des Mittelpfeilers am Heiligkreuzkofel.

In den vergangenen Jahren hast du einige beachtliche Touren realisiert, darunter die „Ragni-Route“ am Cerro Torre, die drei Nordwände der Drei Zinnen an einem Tag und die Heckmair-Route am Eiger mit Jana Möhrer. Warum bist du zum Eiger noch einmal alleine zurückgekehrt?

Ich war damals sehr motiviert, mich selbst zu pushen. Dazu fand ich es reizvoll, beim Bergsteigen mal nicht kommunizieren zu müssen, und war neugierig auf die Erfahrung, eine längere Route solo zu klettern. Mein guter Freund Rolo Garibotti hat mich schließlich gefragt, warum ich nicht einfach zum Eiger zurückgehe. Tatsächlich hat sich die Route passend angefühlt – von den Anforderungen her, gleichzeitig waren die Bedingungen fürs Mixed- Klettern zu dem Zeitpunkt sehr gut.

Laura Tiefenthaler bei ihrer Rope-Solo- Begehung der Eiger-Nordwand
Laura bei ihrer Rope-Solo-Begehung der Eiger-Nordwand. Fotos: Archiv Tiefenthaler

Der argentinische Bergführer Rolo Garibotti ist eine Art Mentor für dich. Auch du hast bei der Abschlussexpedition des DAV-Expeditionskaders Nachwuchsalpinistinnen begleitet. Würdest du wiederum jemandem zu Solo-Projekten raten?

Ich würde niemandem zu Solo-Projekten raten. Ich sehe da eine gewisse Verantwortung – auch wenn die Entscheidung am Ende immer bei der anderen Person liegt. Aber wenn etwas passieren sollte, würde ich mich (mit)schuldig fühlen. Momentan könnte ich niemandem so weit vertrauen, dass er oder sie keine Fehler macht – oder anders gesagt: Ich wäre mir schlicht nicht sicher genug in meiner Einschätzung der Fähigkeiten anderer.

Trotzdem bin ich froh, dass Rolo mir dieses Vertrauen gegeben hat. Durch seine Erfahrung kann er gut beurteilen, was möglich ist und was nicht. Zudem waren wir in El Chaltén im Vierer- und Fünfer-Gelände zusammen seilfrei unterwegs und ich glaube, er hat gemerkt, dass mich das nicht sonderlich stresst. Am Ende war es aber allein meine Entscheidung. Und ich denke, sein Stresslevel war an dem Tag viel höher als meines.

Einige Passagen bist du seilfrei gegangen, andere – vor allem oben raus – als Rope Solo. Nach welchen Kriterien hast du letztlich entschieden, wo du sicherst und wo nicht?

Ich habe mir im Vorfeld bei einigen Seillängen vorgenommen, sie als Rope Solo zu klettern. Im unteren Teil bin ich dann auch nur diese mit Seil gegangen. Vor dem Götterquergang habe ich zum ersten Mal auf die Uhr geschaut: Es war erst 10 Uhr. Da habe ich beschlossen, mir mehr Zeit zu lassen und weniger Risiko einzugehen. Wozu auch? Beim Sichern der leichteren Seillängen haben mich außerdem zwei Seilschaften überholt, und in den Ausstiegsrissen war weniger Eis als noch zwei Wochen davor. Dadurch hatte ich Angst, dass die vorgehenden Seilschaften Steinschlag auslösen könnten. Deshalb habe ich weiter gesichert, auch im technisch einfacheren Gelände.

Welches Material hast du für das Rope Solo verwendet?

Ich hatte ein 50-Meter-Einfachseil, ein modifiziertes Grigri 1, eine Spoc, also die Seilrolle mit Rücklaufsperre von Edelrid, sowie drei elastische Schnüre aus dem Baumarkt, um das Gewicht des Seils mit einem Prusikknoten gegen „Backfeeding“ oben zu halten, und eine elastische Schnur für das Grigri 1 um den Hals, um es in einer aufrechten Position zu halten. Solche gibt es von mehreren Anbietern. Sie sind praktisch, weil das Seil dadurch besser läuft und es weniger Chaos am Gurt gibt. Außerdem hat man beim Aufstieg mit zwei Micro Traxions eine geringere Sturzhöhe.

Laura gemeinsam mit Tad McCrea in der Potter-Davis an der Aguja Poincenot in Patagonien. Foto: Tad McCrea

Laura Tiefenthaler im Porträt – ein Leben in der Doppelrolle
Jüngst und völlig verdient wurde Laura Tiefenthaler mit dem Paul-Preuß-Förderpreis für junge Alpinist:innen ausgezeichnet. Ihre beeindruckenden Leistungen in den Bergen sind jedoch nur eine Facette im Leben der 28-jährigen Innsbruckerin. Ein Porträt von Tom Dauer

Wie ist dein Setup und Ablauf beim Rope Solo?

Ich fixiere das Seil zuerst am Stand. Nun läuft es durch das Grigri, das am Anseilring befestigt und mit der elastischen Schnur um den Hals in einer aufrechten Position gehalten wird (Anm. Redaktion: Details zum Aufbau siehe Artikel: Lead Rope Solo: Gesichertes Freiklettern ohne Sicherungspartner:in in Ausgabe #134). Dahinter kommt die Spoc in die Beinschlaufe. Nach etwa zehn Metern befestige ich das Seil außerdem in einer zweiten elastischen Schnur, um das Seilgewicht aus dem System zu nehmen.

Am Standplatz angekommen, fixiere ich erst das Seil, seile dann am Einfachstrang ab und steige mit zwei Micro Traxions und meinem Rucksack wieder hoch, wobei ich die Zwischensicherungen einsammle. Mit diesem Setup war ich ungefähr gleich schnell wie die anderen Seilschaften. Eine Seilschaft mit zwei „Ichs“ wäre also etwa genauso schnell gewesen wie ich allein.

Für mich persönlich habe ich beschlossen, Solo-Begehungen nicht mehr zu publizieren.

Neben dem Rope Solo übt das Free Solo auf viele weiterhin eine große Faszination aus. Tragischerweise sind dabei immer wieder einige starke, vor allem junge Alpinisten ums Leben gekommen. Warum, glaubst du, reizt es so viele?

Ich glaube, ein großes Problem ist, dass die technischen und sportlichen Fähigkeiten, um eine Tour free solo zu klettern und damit mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, nicht besonders gut sein müssen. Niemand interessiert sich für eine Frau an der Eiger-Nordwand oder eine Seilschaft, die durch den „Fisch“ klettert – aber sobald es free solo gemacht wird, schon. (Anm. Redaktion: „Weg durch den Fisch“, Marmolada Südwand, 8+/9)

Wenn ich also jung bin, Profi werden will, aber physisch und technisch eher obere Mittelklasse bin, scheint Solo-Klettern ein leichter Weg zu sein, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich möchte niemandem unterstellen, das bewusst so zu machen. Es gibt viele unterschiedliche Gründe, free solo zu klettern, und die Freiheit kann und will ich niemandem nehmen. Vielleicht sollten wir aber unsere Motivation genau hinterfragen.

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Am 25. März 2022 durchstieg Laura Tiefenthaler solo die Heckmairsroute an der Eiger-Nordwand in 15 Stunden durchsteigen. Foto: Archiv Tiefenthaler

Abgesehen vom Wunsch nach (Selbst-) Darstellung: Welche anderen Gründe gibt es, ein so hohes Risiko in Kauf zu nehmen?

Ich habe darauf keine gute Antwort. Den Flow, das Freiheits- und das Selbstwirksamkeitsgefühl kann man dem Free-Solo-Klettern nicht absprechen. Free-Solo-Klettern wird zum Teil als „purste Form des Sports“ gefeiert. Wobei ich es nicht gut finde, risikoreiches Verhalten als heroisch darzustellen. Alpinstil und Rotpunkt, nicht Free Solo! Weil Bergsport auch ohne „unnötiges“ Risiko gefährlich genug ist.

Und schlussendlich holt irgendwann viele die Statistik ein.

Ja, die Statistik holt leider zu viele ein. Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass Free-Solo-Klettern ein risikoreiches Verhalten ist, das zur Sucht werden kann – und dann äußerst gefährlich ist. Schon allein deshalb, weil sich das Risiko kumuliert. Fehler zu machen, ist schließlich menschlich, und selbst wenn wir versuchen, alle Fehlerquellen zu eliminieren, werden Fehler passieren. Der Preis für einen Fehler ist hoch. Für mich persönlich habe ich beschlossen, Solo-Begehungen nicht mehr zu publizieren – zum Schutz anderer und auch zum Selbstschutz. Wenn das alle machen würden und wir zum Beispiel nach dieser bergundsteigen-Ausgabe erfolgreiche Free-Solo-Begehungen eher ignorieren statt feiern, könnte sich die Statistik eventuell verbessern.

Erschienen in der Ausgabe #134 (Frühling 26)

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