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Kletter-Route Panoramico ueber Suretta in Graubünden.
04. Aug 2023 - 6 min Lesezeit

Abseilen aus der Route: Maillon Rapide oder Schnappkarabiner?

Das Problem taucht immer wieder auf: Die geplante Route im Klettergarten ist doch etwas zu schwer, doch von oben lässt sich nicht an die Route herankommen. Oder auch bei einer alpinen Klettertour: Wegen schlechtem Wetter muss die Tour abgebrochen werden. Das Resultat ist dasselbe, es muss direkt über die Route abgeseilt werden. Was aber dazu führt, dass Material in der Route zurückgelassen werden muss.

Die gängige Lehrmeinung in der Schweiz ist hierzu, dass man immer ein Maillon Rapide (a.k.a. Schraub-Kettenglied / Rapidglied / Quick Link) am Gurt hat, und dieses dann im Falle eines Rückziehers aus einer Route als Abseilelement verwenden zu können. Das Maillon wird zugeschraubt und verbleibt in der Route.

Der oder die Nächste, die diese Route klettert, muss nun meist in das Maillon selbst klippen, da meist nicht genügend Platz in der Bohrhaken-Lasche für Maillon und eine zusätzliche Expressschlinge ist.

Auch auf Hochtouren, finden sich an den meist spärlichen Bohrhaken Maillots. Hier ist das Risiko für einen wetterbedingten Rückzug besonders hoch.
Auch auf Hochtouren finden sich an den meist spärlichen Bohrhaken Maillons. Hier ist das Risiko für einen wetterbedingten Rückzug besonders hoch.

Dies ist aber nicht unbedingt angenehm, da man nicht weiß, welche Belastung das Maillon exakt aushält, oder wie lange dieses schon in der Wand hängt. Die Alternative ist, das Maillon aufschrauben und zu entfernen, um die Exe dann in die Bohrhaken-Lasche einzuhängen.

Doch das Maillon kann generell schwer von Hand aufzudrehen sein, einrosten oder einfach verdrecken. Was natürlich extrem ärgerlich ist, da dies ja potentiell an einer schwierigen Stelle hängt, bei der man einfach froh wäre, zu klippen und durchzuatmen, anstelle sich einarmig mit einem Maillon rumzuärgern.

Wäre es daher nicht sinnvoller, einen günstigen Schnapp-Karabiner zu opfern, anstatt ein Maillonreinzuschrauben? Auch wenn dies eine Detail-Frage in gesamten Aspekt des Alpinismus ist, soll dieser Artikel auch ein bisschen eine Diskussion über solche Herangehensweisen eröffnen.

Hier nun eine Übersicht über mögliche Vor- und Nachteile, einerseits des Maillon Rapides und andererseits eines Schnappkarabiners beim Not-Abseilen.


1. Abseilen mit Maillon Rapide / Schraubkettenglied

Nachteile im Vergleich zu einem Schnapp-Karabiner

  • Das Maillon blockiert die Route für den oder die nächsten Kletterer. Meist muss das Maillon einhändig entfernt werden, um in die Bohrhakenlasche zu klippen. Dabei kann der Schraubverschluss mühsam zu öffnen oder gar eingerostet sein, sodass er sich gar nicht mehr öffnen lässt. Dies ist das Hauptargument.
  • Es besteht die Gefahr, dass ein Baumarkt Maillon verwendet wird. Diese sind zwar sehr günstig, aber meist nur bis 350kg (3.5kn) oder 750 kg (7.5kn) belastbar. Zudem sind diese meist auch nicht geprüft (CE-Siegel). Ein Schnappkarabiner einer Exe ist meist auf 22kn oder mehr geprüft, was auch der Standard fürs Klettern ist.
  • Zusätzlich sind Baumarkt-Maillons meist nicht aus Inox. Das heißt, sie können mit der Zeit verrosten, auch innerlich, und haben danach eine noch viel geringere Festigkeit.
  • Möglichkeit, das Maillon falsch einzuhängen: Der Schraubverschluss muss nach unten gedreht werden. Falls dieser hochgedreht wird, kann sich dieser beim abseilen durch Vibrationen lösen und von alleine nach unten drehen. Dadurch ist der Karabiner offen, und die Belastbarkeit sinkt noch weiter. Hierdurch gab es bereits tödliche Unfälle.
  • Meistens wird angeführt, dass ein Maillon viel günstiger ist. Allerdings kostet ein geprüftes Mammut Maillon rund 10 Euro, und damit gleichviel wie ein günstiger, aber geprüfter Schnapp-Karabiner. Der Preisvorteil besteht nur bei Baumarkt-Maillon, diese sollten aber auf keinen Fall verwendet werden.
  • Man trägt ein zusätzliches Objekt, welches man zum Glück nur höchst selten braucht am Gurt. Was mühsameres Handling, ein zusätzliches Gewicht und eine zusätzliche Unübersichtlichkeit in den Gurtschlaufen mit sich bringt.
  • Vor allem bei kleineren Modellen, lässt sich das Seil nur durchfädeln und nicht einhängen. Das heißt es müssen alle Knoten gelöst, und danach erneut am Gurt angeknotet werden. Dies birgt einiges an Fehler-Potential.
  • Wenn das Maillon nicht entfernt werden kann, und die Exe oberhalb des Maillon geklippt wird, so besteht das Risiko, dass der Karabiner der Exe bricht. Daher muss in diesem Falle immer unterhalb des Maillon geklippt werden. Mehr zum Thema Karabinerbruch.

Vorteile im Vergleich zu einem Schnapp-Karabiner

  • Da ein Maillon ein Schraubkarabiner ist, ist er, bei richtiger Verwendung, sehr sicher zum abseilen. Ein Schnapp-Karabiner kann sich theoretisch je nach Seilvibrationen, Felskanten etc. öffnen, sodass die geprüfte Belastung viel tiefer ist.

2. Abseilen mit Schnapp-Karabiner

Nachteile im Vergleich zu einem Maillon Rapide

  • Da es eben nur ein Schnapp- und nicht ein Schraubkarabiner ist, besteht die Gefahr einer Öffnung und damit einer massiven Schwächung des Systems. Auch wenn man ihn mit ein bisschen Tape zuklebt, besteht diese Gefahr immer noch. Allerdings ist es auch auf jeden Fall als sicher anzusehen, sich an einer Exe, welche ja auch nur Schnappkarabiner sind, abzuseilen. Auch bestehen in vielen Klettergärten Schnapp-Karabiner als Top-Rope Umlenker.
  • Wenn man einen Schnapper aus einem bestehenden Expressschlingen-System nimmt, so ist darauf zu achten, dass dieser keine scharfkantigen Beschädigungen aufweist. Dies betrifft vor allem denjenigen Karabiner, welcher jeweils in die Bohrhaken-Lasche eingehängt wird. Ansonsten könnten diese das Seil verletzen.
  • Nimmt man den Karabiner aus dem Exen-System, durch welchen das Seil normalerweise läuft, so ist zu beachten, dass dieser nicht zu sehr durch das Seil eingeschliffen ist, und scharfe Kanten aufweist. Dies ist aber generell wichtig, und sollte regelmäßig kontrolliert werden. Auch hier gab es bereits tödliche Unfälle. Weiterführende Infos zu eingeschliffenen Karabinern gibt es hier.

Vorteile im Vergleich zu einem Maillon Rapide

  • Ein Schnappkarabiner lässt sich ohne Probleme aushängen. Dadurch ist es für den oder die nächste in der Route ungemein angenehmer um direkt in die Bohrhakenlasche klippen zu können. Dies ist auch das Hauptargument.
  • Das Seil muss nicht gefädelt werden, sondern es kann einfach eingeklippt werden. Es bedarf also keiner Öffnung jeglicher Anseilknoten, was das Risiko eindeutig minimiert.
  • Es muss kein zusätzlicher, nur höchst selten gebrauchter Karabiner mitgeführt werden, da ein Schnapper von einem Exen-System verwendet werden kann.
  • Möchte man auf keinen Fall einen Schnapper aus einem Exen-System opfern, so kann ein LeichtgewichtKarabiner wie zum Beispiel der Edelrid NineteenG verwendet werden. Dieser ist mit 19 Gramm rund 4 mal leichter als ein Mammut Maillon mit 75 Gramm. Obwohl dieser aus Alu ist, ist er mit 20kn (offen 7kn) geprüft. Es braucht also für die Belastbarkeit keinen massiven Stahlkarabiner.
  • Ein günstiger, leichter und geprüfter Aluschnapper ist bereits für rund 7-9 Euro zu haben, also günstiger als ein geprüftes und auch dementsprechend belastbares Maillon.

Zusammenfassung

Es kann also zurecht gesagt werden, dass ein geprüfter Alu-Schnapp Karabiner die bessere Lösung ist, und eigentlich auf die Verwendung von Maillon-Rapides zum Not-Abseilen verzichtet werden kann.