Bergsteigen mit Kindern: Chancen und Grenzen
„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ – dieses alte deutsche Sprichwort scheint in Zeiten des lebenslangen Lernens längst überholt zu sein und ist für viele nur noch Ausdruck eines rückständigen Verständnisses der Entwicklungsfähigkeit von Menschen. Als Bergsteiger und Bergführer behaupte ich dennoch, dass die elementaren Grundfähigkeiten, die es für das Bergsteigen braucht, in jungen Jahren erlernt werden sollten, da es einen großen Unterschied macht, ob jemand mit zehn, mit zwanzig oder mit dreißig Jahren beginnt, ernsthaftere Touren zu machen.

Leider liegt es aber in der Natur der Berge, dass sie kein risikofreier Raum sind und dass trotz Achtsamkeit und Sorgfalt schwere Unfälle passieren können. Obwohl dies allen bewusst ist, tun wir uns im Umgang mit dem Tod am Berg sehr schwer, wie zuletzt der Unfall von Laura Dahlmeier gezeigt hat. Wenn wir aber schon kaum in der Lage sind, das Sterben von Profis, wie auch David Lama einer war, zu akzeptieren, ist ein tödlicher Alpinunfall eines Kindes bzw. eines Jugendlichen vollkommen inakzeptabel!
Wie geht das nun zusammen – das Legen eines stabilen Fundaments für ein Bergsteigerleben mit dem Bedürfnis der Sicherheit und Unversehrtheit von Minderjährigen?
Um es vorwegzunehmen, es geht nicht ohne Risiko! Dabei handelt es sich aber um ein Risiko, bei dem man nicht nur alles verlieren kann, sondern bei dem auch vieles zu gewinnen ist.
Worum geht es?
In diesem Beitrag geht es nicht um Rekordhalter:innen, die schon im Volkschulalter Bigwalls klettern oder im frühen Teenageralter am Mt. Everest stehen, und auch nicht um das als Leistungssport betriebene Klettern olympischen Zuschnitts, sondern um eine ganz „natürliche“ Entwicklung von Kindern im klassischen Bergsteigen (Anmerkung des Autors: Bergsteigen wird hier als Überbegriff verwendet und umfasst alle Bereiche des sogenannten „Bergsports“ von Hochtouren, alpinen Klettertouren, Skitouren …) fern jeder Höchstleistung.
Die Kinder sollten stets im Mittelpunkt stehen – nicht man selbst.
Es geht um Kinder, die Freude daran haben, am Berg mehr zu machen, als nur wandern zu gehen – und das sind, aus Erfahrung gesprochen, fast alle, sofern man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Skitouren, Hochtouren oder auch alpine Klettertouren sind „kindertauglich“, sofern man sich als verantwortliche Person einiger Punkte bewusst ist und es bei den ausgewählten Touren nicht übertreibt bzw. nicht sich selbst, sondern die Kinder in den Mittelpunkt stellt.
Klettern als besserer Einstieg ins Bergsteigen!
Keine Frage, die meisten von uns verbinden ihre ersten Bergerlebnisse mit Wanderungen – und obwohl wir diese Hürde mit der Familie oder in der Schule nehmen mussten, sind wenigstens einige (wenige) dennoch zum Bergsteigen gekommen. Denn ganz ehrlich, es gibt nur sehr wenige Kinder, die sich für Wanderungen wirklich uneingeschränkt begeistern können.
Vom gut gemeinten Vorschlag zur Bergaversion
Denn das Wesen des Wanderns, das wir Erwachsene so schätzen, ist für Kinder meist unattraktiv und so enden zahlreiche „Berginitiativen“ der gutmeinenden Elternschaft in einer lebenslangen Bergaversion. Viel spannender ist hier das Klettern in all seinen Formen: egal ob Bäume, kleine Felsen, kindertaugliche Klettersteige (Anmerkung des Autors: Kindertauglich sind Klettersteige, wenn das Sicherungsseil nicht zu hoch hängt, die Tritte nicht zu weit auseinander liegen. Übrigens: Kinder sind am Klettersteig zusätzlich zu sichern, doch das ist eine andere Geschichte.) oder in allererster Linie das Sportklettern in der Halle oder im Klettergarten.

Kaum ein Kind ist hier nicht mit Freude am Werk, um seine Grenzen in der Vertikalen auszuloten oder wenigstens mit Expressschlingen lange Ketten zu basteln, die man am Gurt hängend über den Boden schleifen kann. Auch die meisten Kleinkinder genießen es (… sofern sie eine passende Gurtkombi haben), wenn sie von ihren Eltern an einem Überhang einige Meter nach oben gezogen werden, um an einer 20-Meter-Schaukel schwingen zu können.
„Letztlich bleibt Wandern im Vergleich zum Klettern immer ein Stück zurück und ist ein wenig wie arktischer Lebertran mit Erdbeergeschmack – sehr gesund, aber nicht wirklich super.“
Walter Würtl
Dass die Kids irgendwann auch versuchen, eine Route bis zum Top zu schaffen, kommt von allein, vorausgesetzt die erwachsenen Begleitpersonen haben genug Gelassenheit und Geduld und erwarten nicht schon von Anfang an Höchstleistungen. Der Vergleich mit anderen Kindern ist hier eher schädlich, da es (wie bei den Erwachsenen auch) immer welche gibt, die geschickter, motivierter oder leistungsfähiger sind.
Ziel jeder Aktivität am Berg sind freudvolle Erlebnisse oder wenigstens Erlebnisse, die einem die Freude nicht verderben (das gilt im Übrigen nicht nur für Kinder). Letztlich bleibt Wandern im Vergleich zum Klettern daher immer ein Stück zurück und ist ein wenig wie arktischer Lebertran mit Erdbeergeschmack – sehr gesund, aber nicht wirklich super!
Zur Grundeinstellung der „nutzlosen Anstrengung“
Wenn erst einmal der Einstieg geschafft und die Neugierde für Bergerlebnisse geweckt ist, hat man den wichtigsten Schritt zumeist schon hinter sich. Zum „Selbstläufer“ wird das Bergsteigen in jungen Jahren aber selten. Bergsteigen ist in gewissem Sinne ein Handwerk, eine Betätigung, die mit Arbeit verbunden ist.
Arbeit ist im Sinne der Physik als Kraft mal Weg definiert und der Weg ist schließlich das Ziel (Anmerkung des Autors: Angeblich stammt der Satz „Der Weg ist das Ziel“ von Konfuzius. Ob dem tatsächlich so ist, mag die geneigte Leserschaft entscheiden.) des Bergsteigens. Dass die durch Kraft erreichte Arbeit anstrengend ist, weiß jeder aus eigener Erfahrung.

Diese Anstrengungen für ein Werk auf sich zu nehmen, das außer Erlebnissen und Erfahrungen nichts Bleibendes hat, ist vielleicht das Schlüsselkriterium beim Bergsteigen? Würde man mit gleichem Engagement einer produktiven Tätigkeit nachgehen, wäre ein wirtschaftlicher Erfolg garantiert. In diesem Sinne braucht es für das Bergsteigen auch eine gewisse Einstellung, sich mit Freude am „Nutzlosen“ abzuarbeiten, was man mit Kindern natürlich wundervoll diskutieren kann. Die Einsicht daraus hilft vielleicht auch dabei, das Bergsteigen vollumfänglich zu genießen, ohne es in seiner Bedeutung maßlos zu überschätzen.
Spezielle sportmotorische Fähigkeiten und Intuition
Das Bergsteigen ist keine Kunst im Sinne der Voraussetzung einer besonderen Begabung, wodurch es prinzipiell für jedes Kind und zugegebenermaßen für jeden Erwachsenen geeignet ist. Wie eingangs erwähnt, hilft es aber sehr, bereits das junge Bewegungstalent mit bergsportspezifischen Reizen zu fördern. Der Benefit liegt dabei nicht nur in der sportmotorischen Komponente, sondern auch in der Entwicklung der eigenen alpinen Kreativität.
Letztere drückt sich am ehesten im Sinne eines eigenen Stils bzw. eines individuellen und intuitiven Zugangs zum Bergsteigen aus, der auch dafür verantwortlich sein kann, dass nicht jeder immer mehr vom Gleichen macht, sondern sich Ziele (auch im sogenannten „Kleinen“) sucht, die zur eigenen Persönlichkeit und zur eigenen Risikobereitschaft passen. Nachfolgend sind einige konkrete Punkte der spezifischen sportmotorischen Entwicklung angeführt, die für einen frühen Einstieg ins Bergsteiger:innenleben sprechen, da sie in anderen Sportarten nicht vorkommen und daher auch nirgends anders erlernt und geübt werden können:
Bergsportspezifische Bewegungsökonomie
Sie beschreibt die Fähigkeit, Bewegungen mit möglichst geringem Energieaufwand auszuführen. Im Gegensatz zur Kraft, die auch relativ kurzfristig trainiert werden kann, entsteht eine verbesserte Bewegungsökonomie in der jahrelangen Praxis. Das ist beispielsweise auch der Punkt, warum ein „guter“ Skitourengeher mit einem konditionell viel stärkeren Triathleten auf Skitour in der Regel gut mithalten kann. Extrem gut feststellbar ist dieser Punkt auch beim „weichen Griff“ im Klettern, beim Gehen mit Steigeisen oder beim Gehen im weglosen Gelände – ohne permanent Steine loszutreten oder auszurutschen.
Trittsicherheit
Es handelt sich dabei um eine praktische Fähigkeit im Bereich der „propriozeptiven Anpassungsfähigkeit“ in dem Sinn, dass Gleichgewicht, Stabilität und motorische Koordination so gut zusammenspielen, dass auch kleine Tritte sicher angestiegen werden können und eine flüssige Fortbewegung in objektiv schwierigem Gelände garantiert ist.
Reaktionsfähigkeit
Jeder und jede stolpert einmal oder rutscht aus. Der entscheidende Unterschied ist aber die Fähigkeit, sich durch eine rasche und gezielte Reaktion im Gleichgewicht zu halten und nicht zu stürzen. Der zugehörige Spruch unter Alpinist:innen lautet: „Ein guter Stolperer stürzt nicht!“
Schwindelfreiheit
Wer unter starker Höhenangst leidet, wird sich in der Regel nicht dem Bergsteigen zuwenden. Wer aber schon von Kindesbeinen an die Erfahrung der Höhe und der Ausgesetztheit gemacht hat, wird unter den negativen Folgen der Exponiertheit nicht leiden, sondern sie ohne Schwierigkeiten in die Betätigung integrieren können.
Ein „gutes Auge“: Den richtigen Weg finden
Dieser Punkt ist schwierig zu beschreiben, aber er ist wohl am wichtigsten, wenn es darum geht, einen guten Alpinisten oder eine gute Bergsteigerin zu charakterisieren. Ein gutes Auge und entsprechende Intuition braucht es in jeder Disziplin. Es ist beim Skitourengehen genauso wichtig wie beim Klettern oder bei der Hochtour. Es geht nämlich explizit darum, wo man seinen Weg durch den winterlichen Steilhang, in dem Risslabyrinth einer Felswand oder durch die Spalten eines Gletschers wählt.
Ein gutes Auge entscheidet oft über das Gelingen oder das katastrophale Scheitern am Berg. Ein gutes Auge zeigt einem nicht nur einen technisch machbaren, kräftesparenden und sicheren Weg, sondern identifiziert auch lockere Griffe und Tritte oder verdeckte Spalten auf frisch eingeschneiten Gletscherflächen. Natürlich nicht zu 100 Prozent und in jeder Situation, aber jedenfalls in einem stark risikomindernden Ausmaß.

Das Restrisiko des Bergsteigens
Zur körperlichen Arbeit bzw. den sportmotorischen Eigenschaften kommt beim Bergsteigen wie schon angesprochen der Faktor Risiko dazu. Das ist auch jener Punkt, an dem das Abenteuer (das Unkalkulierbare) beginnt. Gefahren lassen sich am Berg nie vollständig erfassen und auch die Auswirkungen bzw. die Folgen, die ein Sturz, eine Lawine oder ein Steinschlag haben, sind nie vollumfänglich abzusehen.
Wenn man also mit der exakten Kalkulation des Risikos nicht weiterkommt und sich auf das Abenteuer einlässt, braucht es eine gute Intuition, um nicht darin umzukommen. Die Entwicklung einer guten Intuition braucht aber Zeit und viele Erlebnisse, um einen Vergleich mit jener Situation herzustellen, in der man sich gerade befindet.
Natürlich ist es wichtig, die Regeln zu kennen und sein Handwerk (z. B. die Seiltechnik) zu beherrschen, aber an irgendeinem Punkt braucht es auch das richtige Bauchgefühl für die Entscheidung über die nächste Handlung. Wenn wir über viele Jahre und schon von klein auf bewusst und unbewusst gelernt haben, was gute Entscheidungen sind, ist berechtigterweise davon auszugehen, dass die Chancen für eine weitere richtige Entscheidung höher sind, als wenn uns diese intensiven Erfahrungen fehlen!
Zur persönlichkeitsbildenden Wirkung des Bergsteigens
Die persönlichkeitsbildende Wirkung des Bergsteigens im Kinder- und Jugendalter lasse ich bewusst außen vor. Auch wenn es hier positive Auswirkungen geben mag, kenne ich auch genügend negative Auswirkungen und weiß mit Sicherheit, dass Bergsteiger:innen keine besseren Menschen sind!
Wer übernimmt die Verantwortung?
Dass ein früher Einstieg ins Bergsteigen wünschenswert ist, darf als gegeben angenommen werden. Das Problem liegt aber im Bereich des schon angesprochenen Risikos. Bergsteigen in all seinen Facetten ist auch abseits absoluter Abenteuertouren voller Gefahren und daher stellt sich die zentrale Frage, wer bereit ist, das notwendige bzw. vorhandene Risiko einzugehen?
Diese Frage ist insofern weitreichend und auch in gewisser Weise gesellschaftspolitisch relevant, denn wenn es niemanden gibt, der die Verantwortung, nämlich nicht nur für sich selbst, sondern auch für Kinder und Jugendliche als besonders schützenswerte Personen übernimmt, wird das Bergsteigen früher oder später allein Erwachsenen vorbehalten sein. Wer sich in diesem Bereich vordergründig gesehen noch am leichtesten tut, sind die Eltern bzw. die Erziehungsberechtigten.

Eltern entscheiden auch in allen anderen Lebensbereichen, was in ihren Augen gut und angemessen für ihre Kinder ist. Das Problem bei den Eltern (und hier spreche ich aus Erfahrung) ist oft die fehlende Distanz. Die Möglichkeit, dass man für den Tod oder Unfall des eigenen Kindes verantwortlich sein könnte, lässt einen die tatsächlich drohenden Gefahren und das resultierende Risiko mitunter überschätzen, was prinzipiell ja nicht so problematisch wäre, würde sich dabei die eigene Angst oder Nervosität nicht auch auf die Kinder übertragen.
Verunsicherung und Angst sind aber keine guten Begleiter, wenn es ums Bergsteigen geht. Trotzdem ist diese Konstellation absolut zu favorisieren, da die gemeinsamen Erlebnisse am Berg das Potential haben, die Beziehung zueinander zu fördern und zu stärken. Um das Potential tatsächlich heben zu können, braucht es aber ein echtes Miteinander und keinesfalls irgendwelche „Egotrips“, denn dann passiert das genaue Gegenteil!
Fundiertes Wissen der verantwortlichen Personen
Was es auch braucht, ist ein wirklich fundiertes Wissen in jeder einzelnen Disziplin. Wer das (noch) nicht mitbringt, dem sei ein einschlägiger Kurs wärmstens empfohlen – oder man nimmt sich für eine Woche eine:n Bergführer:in und lässt sich gemeinsam mit dem Nachwuchs ausbilden. Das ist zwar nicht ganz billig, aber die Investition lohnt sich allemal! Versprochen! Dass die Schule als Ort der Erziehung und der Ausbildung auch den Einstieg ins Bergsteigen übernimmt, kann ausgeschlossen werden.
Schon bei normalen Wandertagen schrecken nicht wenige Lehrpersonen vor dem Risiko bzw. der Verantwortung zurück. Auch wenn schwere Unfälle (siehe Kasten) äußerst selten vorkommen, ist die Zurückhaltung der Schulen verständlich und den Bergsport betreffend oft auf Einzelinitiativen von engagierten Lehrer:innen beschränkt bzw. am ehesten noch beim Sportklettern festzustellen.
Bei einem Wandertag im Tiroler Oberland stürzte am 8. Mai 2025 ein elfjähriges Mädchen 80 Meter in eine Schlucht und wurde dabei tödlich verletzt. Das Ermittlungsverfahren gegen die beteiligte Lehrerin wurde zwar von der Staatsanwaltschaft Innsbruck eingestellt, der Vorfall hat aber bei Lehrer:innen allgemein für große Verunsicherung gesorgt.
Übrig bleiben noch die alpinen Vereine mit ihren breit gefächerten Angeboten für Kinder und Jugendliche. Ihnen kommt im Bereich der „alpinen“ Bildung und Ausbildung eine besondere Bedeutung zu, da sie nicht nur fast flächendeckend Anlaufstellen für alle Eltern sind, die selbst keinen unmittelbaren Zugang zum Bergsteigen haben, sondern auch über vielfältig ausgebildete Kinderbetreuer:innen und Jugendleiter:innen verfügen, die mitunter auch von erfahrenen und professionell ausgebildeten Bergsportführer:innen unterstützt werden.
Die Angebote der alpinen Vereine haben gegenüber rein kommerziellen Angeboten in der Regel einige Vorteile. Sie sind nicht nur meist wesentlich günstiger, sondern haben auch ein permanent laufendes Jahresprogramm, wo man die verschiedenen Bergsportdisziplinen in der eigenen Gruppe bzw. mit Freunden ausprobieren, erlernen und üben kann.

Der größte Vorteil dabei ist vielleicht jener, dass in der Gemeinschaft schon sehr früh „Seilschaften“ entstehen, die mitunter ein Leben lang halten, oder man zumindest den Zugang zur jeweiligen Community findet. Die Initiativen für junge Nachwuchsbergsteiger:innen (z.B. Junge Alpinisten des ÖAV, Expedkader des DAV, SAC-Expeditionsteams, Alpinist-Teams des AVS, Alpinkader der Naturfreunde uvm.) der alpinen Vereine sind in diesem Kontext als sehr positiv zu sehen.
Dass es in der Vergangenheit dabei auch zu schweren Unfällen gekommen ist, ist natürlich ausgesprochen tragisch und brachte alle Beteiligten an ihre absoluten Grenzen. Es zeigt auch auf sehr schmerzliche Weise die Schattenseiten des Bergsteigens und auch, dass trotz bester Vorbereitung und optimaler Betreuung Risiken nicht restlos ausgeschlossen werden können. Äußerst bemerkenswert ist dabei der Umstand, dass die betroffenen Vereine dennoch an diesen Ausbildungen festgehalten haben bzw. diese laufend weiterentwickeln.
Einfacher und angesichts des unbeschreiblichen Leids auch verständlich wäre es gewesen, alle Programme einfach einzustellen. Ein kleiner Wermutstropfen dieser Sonderausbildungen ist die geringe Zahl der Personen, die hier über mehrere Jahre hinweg eine fundierte (Aus-)Bildung genießen können. In diesem Zusammenhang spannend ist auch der Blick hin zu den Bergsportführer:innen (Sportkletterlehrer:innen, Wanderführer:innen, Berg- und Skiführer:innen, Canyoningführer: innen …) bzw. zur Bergrettung.
Wenn nämlich nicht schon Kinder und Jugendliche mit dem Bergsport beginnen, dann bleibt der Nachwuchs in diesen Bereichen irgendwann aus bzw. wird der potenzielle Pool an Personen, die für eine solche Tätigkeit in Frage kommen, sehr klein. Nachwuchsförderung sollte daher auch von diesen Institutionen betrieben bzw. unterstützt werden!
Risikoakzeptanz als Voraussetzung
Egal welchen Zugang man nimmt, ob über die eigenen Eltern, gute Freunde, die Schule oder die alpinen Vereine, wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass der Berg ein Gefahrenraum ist und trotz großer Vorsicht, aufrichtigem Bemühen und fachlich richtiger Vorgehensweise Unfälle passieren können. Die Akzeptanz des Risikos darf sich dabei konsequenterweise nicht nur auf den unvorhersehbaren Steinschlag oder den vielzitierten Blitz aus heiterem Himmel beschränken, sondern muss auch einen möglichen Fehler einer Betreuungsperson einschließen.

Jeder Bergsteigerin und jedem Bergsteiger sind schon Fehler oder Fehleinschätzungen passiert, die nur Aufgrund von viel Glück nicht tödlich ausgegangen sind. Wenn wir aber immer wieder (auch nach Jahrzehnten) in Situationen kommen, in denen wir es nicht mehr zu 100 Prozent in der Hand haben, spricht das eindeutig dafür, dass wir nicht nur für sogenannte objektive Risiken, sondern auch für subjektive Risiken eine gewisse Akzeptanz an den Tag legen müssen. Wenn wir die juristische Seite des Themas einmal außen vor lassen, was insofern gerechtfertigt ist, als dass wir uns jedenfalls mehr vor Verletzung und Tod eines anvertrauten Menschen fürchten müssen, als vor einer Justiz, die in der Vergangenheit stets mit großem Augenmaß und sehr zurückhaltend geurteilt hat, braucht es also auch beim Bergsteigen mit Kindern eine gewisse Risikoakzeptanz.
Risikoakzeptanz ist ein Begriff, der einem geschrieben recht leicht von der Hand geht, dessen Bedeutung man aber in letzter Konsequenz erst erfassen kann, wenn man selbst betroffen ist. Wie Eltern, Großeltern oder Geschwister mit dem Unfalltod eines Kindes oder eines Jugendlichen umgehen, ist unterschiedlich, und selbstverständlich hat jede Familie das Recht, individuell und mit entsprechender Privatsphäre mit diesem Verlust umzugehen. Nicht angemessen ist es, wenn Fremde mit Vorwürfen, Schuldzuweisungen oder unqualifizierten Diskussionen auf solche Unfälle reagieren. Besser wäre es, einfach einmal innezuhalten, Mitgefühl zu zeigen und das Ganze zu akzeptieren, auch wenn es schwerfällt!
Gedenkstein von Tito Claudio Traversa in Orpierre

Auch wenn man das Thema am liebsten einfach ignorieren würde, bleibt die Tatsache, dass beim Bergsteigen und auch beim Sportklettern schwere Unfälle mit Kindern passieren können. Beim Schreiben dieses Artikels befinde ich mich gerade im Urlaub mit meiner Familie in Orpierre, einem Klettergebiet in Südfrankreich.
Am Wandfuß im Sektor Belleric finden wir den Gedenkstein an Tito Claudio Traversa, der hier im Alter von 12 Jahren im Juli 2013 tödlich verunfallte, da der Großteil seiner geliehenen Expressschlingen falsch zusammengebaut war. Sein Unfalltod und die nachfolgenden Untersuchungen brachten ein massives Umdenken in der Szene, was die Fixierung des seilseitigen Karabiners mit einem Gummiband betrifft, und damit einen Sicherheitsgewinn für alle!
Planung, Know-how, Zurückhaltung, ändern in Verantwortungsbewusstsein, Mut, Vertrauen
Wer mit Kindern zum Bergsteigen geht, muss sich also bewusst sein, dass dies nicht mit der Vorstellung von hundertprozentiger Sicherheit vereinbar ist. Gerade weil das so ist, muss es unser unbedingtes Ziel sein, das Risiko so weit als möglich zu senken! Das gelingt in erster Linie durch gute (kindgerechte) Planung, hohes fachliches Know-how und Zurückhaltung.

Mit Kindern geht es am Berg insbesondere darum, eine gute Gelegenheit zu nutzen, aber auch frühzeitig zu erkennen, ob es passt oder ob es eben nicht passt. Ist man nur für sich selbst verantwortlich, kann jede:r machen, was er/sie will, bei der Begleitung bzw. der Führung von Kindern braucht es aber eine hohe Sicherheitsmarge, viel Spielraum für unvorhergesehene Vorkommnisse und ein besonders ausgeprägtes ändern in Verantwortungsbewusstsein.
Den Kindern Vertrauen schenken
Was es beim Bergsteigen mit Kindern jedenfalls braucht, ist Mut und Vertrauen! Mut seitens der erwachsenen Begleiter, den Kindern etwas zuzutrauen, und das Vertrauen, dass sie ihre Sache gut machen. Es braucht auch eine positive Grundeinstellung und die Überzeugung, dass nicht alles immer in einer Katastrophe enden muss.
Mut und Vertrauen brauchen auch die Kinder und Jugendlichen, um Schwierigkeiten überwinden zu können und den Begleiter:innen in ihren Entscheidungen zu folgen. Zuletzt braucht es immer auch einen leistungsfähigen Schutzengel, um nach einer Bergtour wieder sicher nach Hause kommen zu können!