bergundsteigen #135 Cover (Sommer 2026), Schwerpunkt: Umkehr
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Vor allem beim Bergsteigen ist man praktisch immer weit weg von jeglicher bodengebundenen Rettung und fast immer auf den Helikopter angewiesen. Foto: Nicolas Büchi
28. Sep. 2026 - 8 min Lesezeit

Erste Hilfe: Beurteilung von Kopfverletzungen am Berg

Ein Aufprall am Fels, ein Sturz auf der Piste oder mit dem Mountainbike: Bei Kopfverletzungen ist es schwierig einzuschätzen, ob ein Schädel-Hirn-Trauma vorliegt – und welchen Schweregrad es hat. Mit einer einfachen Skala lassen sich Bewusstseinsstörungen einordnen und frühzeitig erkennen

Das Gehirn ist sowohl unser sensibelstes als auch wichtigstes Organ. Umgeben vom Schädelknochen, der zwar einigen Schutz bietet, reagiert das Gehirn auf Schläge aber doch sensibel. Und so kommt es beim Winter- und Bergsport, durchaus häufig zu einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT). (Umgangssprachlich bezeichnet eine Hirnerschütterung ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma.) Die Ursachen können vielfältig sein: Der klassische Skiunfall bei harter Piste, Steinschlag beim Bergsteigen, ein Absturz beim Klettern, bei welchem der Kopf gegen den Fels prallt, ein Überschlag beim Mountainbiken oder ein simpler Stolperer beim Wandern, bei welchem auf den Kopf gestürzt wird. Und um es vorweg zu nehmen: Ja, ein Helm schützt. 

Auch wenn beim Sportklettern das Risiko so weit wie möglich reduziert wird, ist bei einem Sturz ein Kopfanprall möglich. Foto: Nicolas Büchi
Auch wenn beim Sportklettern das Risiko so weit wie möglich reduziert wird, ist bei einem Sturz ein Kopfanprall möglich. Foto: Nicolas Büchi

In der schlimmstmöglichen Konsequenz kann diese je nach Schwere der Verletzung im Gehirn zu einer Hirnblutung oder -schwellung führen, die durchaus tödlich enden kann.

Die Beurteilung der Schwere eines SHT ist bei Bergunfällen daher von entscheidender Bedeutung und das geht am besten mit einer strukturierten Beurteilung des Bewusstseinszustands. Insbesondere gilt es dabei, den Verlauf, die Schwere und die Beeinträchtigung richtig einzuschätzen und zu dokumentieren. Entscheidend ist dabei, eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen und zu reagieren. Im Gebirge bedeutet dies für uns Laien konkret eine frühzeitige Alarmierung der Luftrettung oder der bodengebundenen Bergrettungskräfte, sollte ein Abstieg aus eigener Kraft nicht mehr möglich sein.

Fall 1: Aufprall auf hartem Kunstschnee

Ein 60-jähriger Skifahrer stürzt zur Mittagszeit im Skigebiet und prallt dabei relativ heftig mit dem Kopf auf dem Schnee auf. Da es erst der Beginn der Skisaison ist, besteht die Piste größtenteils aus hartem Kunstschnee. Er ist nicht bewusstlos, aber etwas benommen. Begleitet von seinem Sohn verbringt er den Nachmittag im Skigebiet, obwohl er sich „nicht mehr so gut“ fühlt. Um 16 Uhr bricht er in der Talabfahrt zusammen, der Sohn alarmiert die Pistenrettung.

Beim Eintreffen der Pistenrettung ist der Patient gerade noch ansprechbar, sein linkes Auge stark angeschwollen, eine Zustandsverschlechterung ist eindeutig erkennbar. Durch die Pistenrettung wird unverzüglich eine Helikopter-Rettung organisiert. Immer wieder verliert der Patient das Bewusstsein, dabei sinkt der Puls auch bedrohlich ab. Nur auf Schmerzreize werden die Augen geöffnet und mit den Armen findet eine Abwehrreaktion statt. Vom Sohn wird zwischenzeitlich erwähnt, dass der Patient das Medikament Marcumar nimmt, ein Blutverdünner, der häufig bei Herzerkrankungen verschrieben wird. 

Der Patient wird direkt ins Zentrumsspital geflogen und überlebt nach einer Hirnblutung.

Auch auf Skipisten können schwere Kopfverletzungen entstehen, besonders bei harten Kunstschnee-Pisten ist das Risiko beträchtlich. Foto: Nicholas Büchi
Auf Skipisten können schwere Kopfverletzungen entstehen, besonders bei harten Kunstschnee-Pisten ist das Risiko beträchtlich. Foto: Nicholas Büchi

Nach dem Sturz: Zustand weiter beobachten

Aus diesem Fall lassen sich nun mehrere wichtige Aussagen ableiten: Der Patient stürzte bereits zur Mittagszeit, während des Nachmittags konnte sich dadurch die Blutung im Hirn so weit entwickeln, bis der Hirndruck zu groß wurde und der Patient zusammenbrach. Die starke Schwellung um das Auge, zusammen mit einem Hämatom ließ direkt auf eine mögliche Hirnblutung schließen. Schlussendlich war der Blutverdünner ein die Blutung fördernder Faktor, welcher die Situation verschlechterte. Aber auch ohne blutverdünnende Medikamente kann es zu einer zeitlich versetzten Verschlechterung der Symptomatik kommen, bis hin zu Tagen. 

Wichtig wäre es hier für die Begleitung zu erkennen gewesen, ob sich der Zustand während des Nachmittags veränderte. Vor allem durch das erhöhte Risiko durch den Blutverdünner wäre eine frühzeitige ärztliche Untersuchung durchaus angebracht gewesen. 

Im Notfall schneller entscheiden können: Die GCS-Skala

Um den zeitlichen Verlauf bei einem Schädel-Hirn-Traumas gut beurteilen zu können, wurde bereits 1972 die Glasgow-Coma-Scale (GCS) entwickelt. Diese Skala ist im Rettungsdienst und allgemein in der Notfallmedizin weit verbreitet und gehört zu den grundlegenden und einfachen Tools, die durchaus auch im Laiensetting Sinn machen.

Beurteilung der Schwere eines Schädel-Hirn-Traumas mit der Glasgow-Coma-Scale (GCS)

Die Skala bewertet in einer Matrix drei Parameter: 

  • die Augenöffnung
  • die beste verbale Reaktion 
  • und die beste motorische Reaktion

Jeder Aspekt wird mit Punkten zwischen 1 und 4, 5 oder 6 bewertet, sodass sich ein Gesamtscore zwischen 3 (schwerste Bewusstseinsstörung) und 15 (voll orientiert und ansprechbar) ergibt. Gerade in alpinen Notfallsituationen, in denen Zeit und Ressourcen knapp sind, hilft diese klare Struktur, den Zustand einer Hirnverletzung und deren Verlauf schnell einzuschätzen. Werte unter 11 nach einem Trauma sind potenziell lebensbedrohlich, unter 8 akut lebensbedrohlich. Bei diesen Patienten ist eine schnelle Versorgung durch den (Luft-) Rettungsdienst jedoch offensichtlich. Schwierig wird es hingegen, wenn Begleiterkrankungen dazu kommen, die ebenfalls das Bewusstsein beeinträchtigen, etwa Drogen wie Alkohol oder andere Erkrankungen wie eine Höhenkrankheit.

Gerade in alpinen Notfallsituationen, in denen Zeit und Ressourcen knapp sind, hilft klare Struktur.

Bei selten begangenen Mehrseillängen-Routen besteht häufig ein beachtliches Steinschlagrisiko. Foto: Nicolas Büchi
Bei selten begangenen Mehrseillängen-Routen besteht häufig ein beachtliches Steinschlagrisiko. Foto: Nicolas Büchi

Die Anwendung am Berg

Konkret kann die GCS unmittelbar mit folgenden Leitfragen am Unfallort angewandt werden: 

  • Öffnet die Person die Augen spontan (also von selbst) oder erst auf Ansprache? 
  • Oder muss sogar ein Schmerzreiz gesetzt werden? 
  • Reagiert sie klar, ist sie zum Unfall, zum Ort und zu sich selbst orientiert oder antwortet sie nur mit unverständlichen Lauten? 
  • Sind die Bewegungen gezielt oder sind es nur unkoordinierte Abwehrreaktionen? 

Diese Bewertung und die Skala muss man nicht auswendig können. Es reicht, wenn ein Ausdruck dieser Skala in der kleinen Outdoor-Apotheke mitgeführt wird und dann bei Bedarf hervorgenommen wird.

Entscheidend bleibt der Verlauf

Wie schon erwähnt, ist die Verlaufsbeobachtung besonders wertvoll: Wird der Patient wacher, stabilisiert er sich oder verschlechtert sich sein Zustand? Daher sollte die GCS-Bewertung immer wieder durchgeführt werden. Zudem sind diese Angaben für Rettungsteams, die später die Patientin oder den Patienten übernehmen, äußerst hilfreich. Darüber hinaus ist es wichtig, weitere Symptome wahrzunehmen, die auf eine Störung der Hirnfunktion deuten können: Übelkeit und Erbrechen, Lähmungen und einseitige Schwächen, verwaschene Sprache, prinzipiell Symptome ähnliche eines Schlaganfalls. Geübte können dabei auch die Pupillen des Patienten beurteilen, was aber Laien eher vor Schwierigkeiten stellen dürfte. 

Fall II: Ein Sturz beim Mountainbiken

Ein 16-jähriger Mountainbiker stürzt auf einem Trail und wird von der zufällig anwesenden Bike-Patrol erstversorgt. Schnell zeigt sich, dass sich der Patient weder zum Unfallgeschehen erinnern kann, noch sagen kann, wo er ist oder was er beruflich macht. Die initiale GCS-Erhebung ergibt: Augenöffnung 4/4 Punkte; verbale Kommunikation 4/5 Punkte (da desorientiert); motorische Reaktion 6/6, total also ein GCS-Wert von 14 von 15 maximalen Punkten. 

Nach einer initialen Wundversorgung und einem kleinen Fußabstieg wurde der GCS nochmals erhoben, wobei das Resultat erneut 14 war. Daher wurde entschieden, ihn mit einem 4×4 Traxter ins Tal zu fahren, wo er vom aufgebotenen Rettungsdienst des Regionalspitals übernommen werden konnte. Bei der Übergabe wurde erneut ein GCS von 14 festgestellt. Nach einer Nacht zur Überwachung im Spital konnte er dieses am nächsten Tag verlassen.

Ein klarer Score erleichtert die Kommunikation – und die medizinische Versorgung.

Die Erhebung des GCS im Bergsport ergibt sich aus den besonderen Umständen: Meist passieren die Unfälle an abgelegenen und schwer zugänglichen Orten, daraus resultieren häufig lange Rettungswege oder aufwändige Bergungen. Dies wiederum kann zu einer verzögerten medizinischen Versorgung führen, was eine strukturierte Dokumentation des Patientenzustands nochmals wichtiger macht. Ein klarer Score erleichtert daher die Kommunikation zwischen Ersthelfern, Bergrettung und Klinikpersonal. So sollen vor allem Missverständnisse vermieden und eine ideale Entscheidungsfindung unterstützt werden. 

Fazit

Gerade bei Schädel-Hirn-Traumata, die durch Stürze, Steinschlag oder Lawinen entstehen können, ist die GCS eine entscheidende Hilfe zur Entscheidungsfindung. Sie trägt dazu bei, Risiken früh zu erkennen und die Dringlichkeit einer Rettung einzuschätzen. Die Erhebung des GCS ist ein einfaches, aber wirksames Instrument bei Bergunfällen. Es lohnt sich daher, sich mit der Erhebung des GCS auseinanderzusetzen und einen kleinen Ausdruck in der Apotheke mitzunehmen.

Vor allem beim Bergsteigen ist man praktisch immer weit weg von jeglicher bodengebundenen Rettung und fast immer auf den Helikopter angewiesen. Foto: Nicolas Büchi
Vor allem beim Bergsteigen ist man praktisch immer weit weg von jeglicher bodengebundenen Rettung und fast immer auf den Helikopter angewiesen. Foto: Nicolas Büchi

Die Schwere eines Schädel-Hirn-Traumas 

Hirnerschütterung

Die leichteste Stufe eines SHT ist die Hirnerschütterung (Commotio Cerebri). Dabei können ein oder mehrere dieser Symptome auftreten: 

  • Bewusstseinsstörung, eventuell mit zunehmender Eintrübung, Erinnerungslücken (Amnesie)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Kopfschmerzen bestehen bei bis zu 95 Prozent der Patientinnen und Patienten. Diese können für Wochen bis Monate bestehen bleiben.
  • Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
  • visuelle Halluzinationen, Schielen, Augenzittern, unterschiedlich große Pupillen, Pupillenstarre
  • Lähmungen an Armen oder Beinen, Krämpfe, Krampfanfälle, Streckstarre

Mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma

Die zweite Stufe eines SHT gilt als mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma. Neben den Symptomen des SHT 1. Grades können auch Hirnprellungen und Blutungen im Schädel auftreten. Daher ist meistens ein CT des Kopfes nötig, um dies ausschließen zu können.

Schweres Schädel-Hirn-Trauma

Die dritte Stufe eines SHT gilt als schweres Schädel-Hirn-Trauma. Dabei liegen schwere Hirnverletzungen vor, wie eine Hirnprellung, eine Quetschung, Blutungen oder eine Hirnschwellung. Dies bedingt eine dringende intensivmedizinische Überwachung und auch häufig eine neurochirurgische Behandlung.