bergundsteigen 134 (Solo)
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Illustration Sturz in Seil
22. Mai 2026 - 9 min Lesezeit

Bergführerserie: behelfsmäßige Kameradenrettung bei Vorsteigersturz im Überhang

Im letzten Artikel stellte der VDBS das Handwerkszeug zur Rettung einer in einem Quergang gestürzten Person vor. Im vorliegenden Artikel geht es nun um die Rettung und Versorgung eines im Überhang gestürzten Vorsteigers.

Bergführerserie

Seit Herbst 2022 sind die Bergführerverbände der Schweiz, von Österreich, Deutschland und Südtirol als Redaktionsbeiräte mit an Bord. Daher erscheint seither in jeder Ausgabe ein Beitrag dieser Verbände. Die Serie soll informieren und zugleich einen konstruktiven Austausch anregen und dadurch indirekt die Bergführerausbildung weiterentwickeln.

Weitere Artikel der Serie: Behelfsmäßige Kameradenrettung bei Nachsteigersturz im Quergang

Das Szenario: Sturz beim Vorsteigen im Überhang

Ein direktes Ablassen der verunfallten Person zum Stand ist nicht möglich, da angenommen wird, die Person sei außerhalb der Falllinie an einer Dachkante gestürzt und hänge im Freien. Auch gehen wir davon aus, dass der einfache Aufstieg der verunfallten Person am Seil mittels Prusiktechnik z. B. aufgrund von Verletzungen nicht möglich ist. Je nachdem, ob wir mit einem Einfach- oder Doppelseil unterwegs sind und wie viel Restseil zur Verfügung steht, ergeben sich unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten.

Verunfallte Person gestürzt im Vorstieg
Verunfallte Person gestürzt im Vorstieg, freihängend außerhalb der Falllinie. Rettende Person am Stand. Illustration: Georg Sojer

Fall 1: mit Einfachseil und genügend Restseil

Es steht genug Restseil bis zurück zum Stand zur Verfügung, d. h., die Seilmitte wurde noch nicht überklettert. Wie fast immer in der behelfsmäßigen Bergrettung ist der erste Schritt eine lösbare Fixierung der verunfallten Person mittels Schleifknoten und Sicherungsschlag. Danach wird die behelfsmäßige Bergrettungsschlinge aufgebaut, die rettende Person löst ihre Selbstsicherung, bleibt jedoch im Seilende eingebunden. Anschließend wird am fixierten Seil wie an einem Klettersteig zum höchsten Punkt aufgestiegen. In sehr steilem Gelände kann im Bedarfsfall mit einer oder auch zwei Prusikschlingen gesichert aufgestiegen werden. Zwischensicherungen können dabei „durchgeklippt“ werden (siehe Abb. 3 im letzten Artikel von Martin Schmidt, bergundsteigen #130 / Frühling 25).

Am höchsten Punkt angekommen, wird das Seilende des Restseils mit Karabiner zur verunfallten Person abgelassen, diese hängt den Karabiner im Sicherungsring des Gurtes ein. Ist die Person nicht handlungsfähig, wird das Seilende mit einer Klemme (ideal hierfür ist ein Tibloc) am Seil der gestürzten Person „runtergeschickt“; evtl. muss die Klemme mit ein, zwei Karabinern zusätzlich beschwert werden, um am Seil bis zur verunfallten Person runterzurutschen. Nachdem das zweite Seilende mit der verunfallten Person „verbunden“ ist, erfolgt der Abstieg zurück zum Stand. Dabei muss darauf geachtet werden, dass sich das freie Seil nicht verhängt oder verklemmt.

Rettende Person steigt am fixierten Seil
Rettende Person steigt am fixierten Seil mit der Selbstsicherungsschlinge auf, Restseil wird mitgenommen. Illustration: Georg Sojer

Zurück am Stand und wieder selbstgesichert, wird nun das freie Seil, das zur verunfallten Person führt, eingeholt und in eine Rollen-Klemme (ideal ist eine Spoc, Micro-Trax oder Nano-Trax) oder die Platte im „Guide-Modus“ eingehängt. Nun beginnt – nach dem Lösen des Schleifknotens – das Ablassen der verunfallten Person. Gleichzeitig wird das Seil, das direkt zur verunfallten Person führt, immer wieder eingezogen. Besonders in Standnähe ist ein präzises und langsames Arbeiten angeraten, um zu verhindern, dass die verunfallte Person unterhalb des Stands ankommt und dann mühsam wieder hochgezogen werden müsste.

Präzises und langsames Arbeiten – vor allem in Standnähe.

Ist die verunfallte Person am Stand angekommen, wird sie mittels lösbarer Aufhängung (z. B. HMS mit Schleifknoten oder Geflecht) mit einer hochfesten Reepschnur fixiert. Nach evtl. nötiger Wundversorgung wird das Seil abgezogen und mit der Ein-Personen-Rettungstechnik gemeinsam abgeseilt.

Fall 2: mit Einfachseil, aber zu wenig Restseil

Der Sturz erfolgte deutlich über der Seilmitte, das Seil würde somit nicht zurück zum Stand reichen. Dieses Szenario bedeutet einen deutlich höheren Aufwand, aber auch dieser Fall ist lösbar. Wie im ersten Fall wird das Seil als Erstes lösbar fixiert und zum höchsten Punkt aufgestiegen. Die ZS, die ja bereits den Sturz gehalten hat, wird – wenn möglich – mit einem zweiten Fixpunkt zu einem Standplatz ausgebaut. Nun wird das Seil der verunfallten Person mittels einer Rollenklemme am Stand eingehängt und bildet später beim Körperhub die Rücklaufsperre. Danach steigt die rettende Person zurück zum Stand, baut diesen ab und steigt erneut zum höchsten Punkt auf (neuer Stand oben).

Ist die rettende Person mehr als 30 Prozent schwerer als die verunfallte Person, muss das Seil hinter der Rollenklemme zum unteren Stand hin mit einem zweiten Prusik am Seil fixiert werden. Dadurch wird verhindert, dass die verunfallte Person während des Wiederaufstiegs der rettenden Person schon unplanmäßig hochgezogen wird.

Verunfallte Person wird abgelassen und zum Stand gezogen.
Abb. 3: Verunfallte Person wird abgelassen und zum Stand gezogen. Illustration: Georg Sojer

Am Stand oben angelangt, wird die verunfallte Person mittels Körperhub nach oben gezogen und am neuen Stand lösbar fixiert. Je nach Situation und Verletzungsschwere wird dann gemeinsam mit der 1-Personen-Rettungsmethode und Standplatzwechsel abgeseilt oder man muss weiter aufsteigen und mit erneutem Körperhub sich nach oben retten. Wenn durch andere Seilschaften weitere Seile zu Verfügung stehen, kann auch ein Ablassen mit Seilverlängerung die Lösung darstellen.

Gemeinsames Abseilen

Ausgangssituation: Halbseil- oder Doppelseiltechnik, die Rückkehrstrecke zum Stand ist deutlich länger als das Restseil. Eine Seilverlängerung ist notwendig. Ist man mit Doppelseil unterwegs (wie beim Eisklettern wahrscheinlich), reicht das Seil immer bis zum Stand zurück, weil man im Zweifel mit dem Ende des zweiten Seilstrangs verlängern kann.

Auch hier muss als Erstes die verunfallte Person fixiert werden. Bei Sicherung mit HMS wird die verunfallte Person an einem der beiden Halbseilstränge mit Schleifknoten fixiert. Bei Sicherung mit Tuber am Stand muss der Tuber ausgebaut werden. Dazu wird eines der Bremsseile am Karabiner des Tubers mit Schleifknoten fixiert. Daraufhin werden beide Lastseilstränge mit einer fünf Meter langen, hochfesten Reepschnur und einem Prusik mit drei Wicklungen umschlungen und die Reepschnur am Stand mit HMS und Schleifknoten lösbar fixiert. Daraufhin kann der Schleifknoten des Tubers gelöst und dieser ausgebaut werden (Lastwechsel von Tuber auf die HMS der Reepschnur).

Nun wird ein Seilstrang mittels HMS und Schleifknoten am Stand lösbar fixiert. Der zweite Seilstrang wird einfach am Stand locker eingehängt, damit er nicht wegpendeln kann. Die verunfallte Person hängt nun an einem Seilstrang, der lösbar am Stand fixiert ist. Die rettende Person steigt daraufhin an beiden Seilsträngen bis zur oberen Sturzumlenkung auf (wie in Fall 1 beschrieben).

Oben angekommen wird der lockere Seilstrang aus der Umlenkung ausgehängt. Da der lockere Seilstrang ja bereits bei der verunfallten Person befestigt ist, kann die rettende Person nun zum Stand zurückkehren und am Runterweg den lockeren Seilstrang aus allen Zwischensicherungen aushängen. Zudem wird der belastete Seilstrang aus den Zwischensicherungen über dem Stand ausgehängt. Dies ist nötig, um bei einer evtl. Seilverlängerung den Verbindungsknoten beider Seile nicht zu blockieren.

Illustration Verunfallte Person ist an Rollenklemme fixiert
Verunfallte Person ist an Rollenklemme fixiert, das Seil noch in der Zwischensicherung des Sturzes umgelenkt und mit weiterem Kurzprusik zum Stand hin abgesichert. Danach wird die verunfallte Person mit Körperhub hochgezogen. Illustration: Georg Sojer

Am Stand angekommen werden die Seilenden des Seiles, das locker ohne Zwischensicherungen zum Gestürzten führt, und das zweite Seilende, an dem der Gestürzte fixiert ist, mittels Sackstich mit 30 Zentimeter langen Enden verbunden. Außerdem wird eine Rücklaufsperre mit Rollenklemme oder der Tuber im „Guide-Modus“ am lockeren Seil am Stand eingehängt. Wie im Fall 1 beschrieben wird der Schleifknoten gelöst und die verunfallte Person abgelassen und gleichzeitig mit dem lockeren Seilstrang zum Stand hergezogen.

Sind das Seilende und der Verbindungsknoten erreicht, wird die Seilverlängerung angewandt. Den Seilverbindungsknoten kann man unter Last durch den HMS-Karabiner ziehen, indem die rettende Person den Knoten auflaufen und zweimal durch den Karabiner schnappen lässt. Evtl. muss man vorsichtig etwas nachhelfen, ohne sich die Finger einzuklemmen. Dann entsteht eine Seilschlaufe, durch die der Knoten nicht mehr durchrutscht. Hier helfen nun die langen Seilenden. Diese werden durch die Seilschlaufe gesteckt (in die Richtung, in die der Knoten auch durchschlüpfen soll) und dann wird ruckartig an den Enden angezogen und gleichzeitig das Bremsseil etwas nachgegeben.

Obacht: Absolute Bremsseilkontrolle ist Pflicht! Der Seilverbindungsknoten springt nun durch den HMS und das Ablassen und Einziehen kann weitergehen. Wie oben wird die verunfallte Person zum Schluss mittels lösbarer Aufhängung am Stand fixiert.

Ablassen mit Seilverlängerung

Für die schnelle Evakuierung einer verunfallten Person bis zum Boden bietet sich neben der Ein-Personen-Rettungstechnik mit Standplatzwechsel auch die Zwei-Personen-Rettungstechnik (wenn möglich mit vier Seilsträngen) oder das alleinige Ablassen der verunfallten Person mittels Seilverlängerung an.

Gehen wir davon aus, dass unsere verunfallte Person am Stand angekommen ist und noch in der Lage ist, alleine abgelassen zu werden, können wir sie mittels Seilverlängerung 100–120 Meter (je nach Länge unserer Halbseile) zum Boden oder einem Band zur Zwischenlagerung ablassen. Die oben beschriebene Methode mit HMS funktioniert auch hier. Lassen wir jedoch mit Tuber oder mit zwei Seilen ab (2-Mann-Rettungsmethode), muss ein Umlasten mittels lösbarer Aufhängung durchgeführt werden (ähnlich dem oben bereits beschriebenen Lastwechsel von Tuber-Sicherung auf HMS mit Reepschnur und zurück auf HMS mit Seil). Bei der Zwei- Personen-Rettungstechnik mit Seilverlängerung werden vier Seilstränge benötigt.

Illustration Seilverlängerung mit HMS
Modul Seilverlängerung mit HMS. Illustration: Georg Sojer

Zur Vorbereitung des Ablassens werden zuerst die Seilpaare mittels Sackstich und 30 Zentimeter langen Enden verbunden und die verbleibenden Seilenden fixiert (ein versehentliches Ablassen über die freien Seilenden, durch das Tube oder die HMS ist beim Ablassen über solch lange Strecken eine ernsthafte Gefahr). Dann wird mit dem Ablassvorgang begonnen. Kurz vor Ende des ersten Seilpaares wird das Bremsseil im Tuber mittels Schleifknoten lösbar fixiert und mit der hochfesten Reepschnur ein Prusik (drei Wicklungen) auf beide Seile zur verunfallten Person und deren Retter unter dem Tuber geknüpft.

Die Reepschnur wird nun mittels HMS und Schleifknoten am Stand befestigt. Nun wird unter Festhalten des Prusiks weiter abgelassen, bis sich der erste Seilverbindungsknoten knapp vor dem Tuber befindet. Hier wird der Prusik zugezogen und die Last der verunfallten Person auf die lösbare Aufhängung übertragen. Der Tuber kann nun ausgebaut und hinter dem Seilverbindungsknoten mit dem neuen Seil wieder korrekt eingelegt werden.

Hier bitte Übersicht bewahren und alles genau prüfen! Dann kann die lösbare Aufhängung gelockert werden und die Last der verunfallten Person und deren Retter wird wieder aufs Tube übertragen (Bitte unbedingt Bremsseilkontrolle beachten!). Wichtig ist, dass die lösbare Aufhängung der hochfesten Reepschnur lang genug ist, weshalb wir sie wie in der Illustration unten im Einfachstrang verwenden. Danach kann die rettende Person mit dem Ablassen bis zum Boden fortfahren und dann selbst mit Standplatzwechsel hinterherseilen.

Illustration Prusik und lösbare Aufhängung
Prusik und lösbare Aufhängung im Einfachstrang. Illustration: Georg Sojer

Erschienen in der Ausgabe #134 (Frühling 26)

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