bergundsteigen #135 Cover (Sommer 2026), Schwerpunkt: Umkehr
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Mont Blanc, Louis Paulin, unplash
31. Aug. 2026 - 10 min Lesezeit

Steinschlag am Mont Blanc: geschlossene Hütten, ein wütender Bürgermeister & ein erzürnter Alpenvereinspräsident

Im August ließ der Bürgermeister von Saint-Gervais kurzerhand die Schutzhütten Goûter und Tête Rousse am französischen Normalweg schließen. Kurz darauf entbrannte eine Debatte über Warnungen, Eigenverantwortung und die Evakuierung von 32 Bergsteigern

Die anhaltende Hitze verändert die Alpen, in vielen Regionen kam es in diesem Sommer zu massivem Felssturz und Steinschlag. Besonders eindrücklich zeigt sich diese Entwicklung am Mont Blanc, insbesondere in der Rinne des „Grand Couloir du Goûter“. Wegen erheblicher Steinschlaggefahr ließ Jean-Marc Peillex, Bürgermeister von Saint-Gervais, am 11. August deswegen die beiden Schutzhütten Goûter und Tête Rousse am französischen Normalweg auf den Mont Blanc vorübergehend schließen.

Zum Zeitpunkt der Entscheidung waren allerdings noch 32 Bergsteigerinnen und Bergsteiger auf dem Weg zur Goûter-Hütte. Am folgenden Tag wurde die Gruppe evakuiert: Ein Teil stieg trotz der extremen Steinschlaggefahr selbst ab, andere ließen sich per Helikopter ausfliegen – mussten für die Rettung allerdings selbst aufkommen, nachdem ihnen der Bürgermeister Peillex eine kostenlose Evakuierung durch die öffentliche Bergrettung verweigert haben soll. Nach seiner Darstellung hätten die Bergsteiger die Warnungen ignoriert. Dem widersprach der Präsident des französischen Alpenvereins FFCAM, Charles Van der Elst: Die Gruppe habe erst auf der Hütte von der akuten Gefahr erfahren, und er kritisierte die Aussage von einer „selbstverschuldeten Rettung“. Vielmehr hätten sie zu spät davon erfahren und sich schließlich auf die Empfehlungen der Bergführer und des Hüttenpersonals verlassen, nicht selbst abzusteigen und womöglich weiteren Steinschlag auszulösen.


„Der Zugang zum Berg kann nicht grundsätzlich frei sein“

Jean-Marc Peillex, Bürgermeister von Saint-Gervais

Im Interview spricht Bergundsteigen-Redakteurin Nadine Regel mit Jean-Marc Peillex über seine Entscheidungen, die Grenzen der öffentlichen Rettung – und warum er eine Routensperrung ablehnt.

Herr Bürgermeister Peillex, am 11. August entschieden Sie, die beiden Schutzhütten Refuge du Goûter und Tête Rousse am Normalweg auf den Mont Blanc zu schließen. Warum?

Am 11. August war die Steinschlaggefahr auf der Route sehr groß, insbesondere im Grand Couloir du Goûter. Mehr als 30 Menschen waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zur Goûter-Hütte oder befanden sich bereits dort. Schon Tage zuvor hatte es immer wieder heftigen Steinschlag gegeben. Trotzdem setzten sich weiterhin Menschen diesem Risiko aus. Ich wollte mit meiner Entscheidung erreichen, dass Alpinisten davon abgehalten werden, den Aufstieg zu versuchen und sich dadurch in Gefahr zu bringen. Für die Bergsteiger, die am 11. August bereits unterwegs waren, blieb die Hütte noch für eine Nacht geöffnet. Die Bergführerbüros hatten ihre Touren aber bereits abgesagt.

In den Medien wurde anschließend berichtet, dass die betroffenen Personen am nächsten Morgen eine kostenlose Rettung mit einem staatlichen Hubschrauber beantragt hätten und dass Sie dies abgelehnt hätten. Dabei muss man wissen, dass in Frankreich die vom Staat organisierten Rettungseinsätze kostenlos sind.

Nicht ich habe darüber entschieden. Der Kommandant der Hochgebirgs-Gendarmerie war zu Recht der Ansicht, dass diese Menschen nicht unmittelbar in Gefahr waren und es nicht notwendig war, einen öffentlichen Rettungseinsatz einzuleiten – zumal die Steinschlaggefahr am folgenden Tag wieder geringer war. Ich habe seine Entscheidung gebilligt.

Was hätten die Bergsteiger Ihrer Meinung nach tun sollen?

Wenn sie das Risiko eingegangen sind, hinaufzusteigen, müssen sie auch das Risiko eingehen, zu Fuß wieder abzusteigen. Steinschlag passiert nicht ständig. Früh am Morgen, wenn es noch nicht so heiß ist, ist es beispielsweise ruhiger. Fünf Bergsteiger haben das dann tatsächlich so gemacht.

Sie haben entschieden, die Evakuierung der Hütte mit dem Hubschrauber einer privaten Firma zu ermöglichen.

Man muss sich vorstellen, dass sich in dieser unzugänglichen, auf 3800 Metern Höhe gelegenen Schutzhütte etwa 40 besorgte und deshalb aufgebrachte Bergsteiger befanden, die sieben jungen Menschen gegenüberstanden, die für die Bewirtschaftung der Hütte zuständig waren. Für diese sieben war die Situation sehr besorgniserregend. Deshalb musste eine Lösung für die Evakuierung der Hütte gefunden werden. Daher habe ich ausnahmsweise genehmigt, einen Hubschrauber einzusetzen, obwohl dies zu touristischen Transportzwecken in diesem Gebiet des Mont Blanc eigentlich verboten ist. Dafür habe ich die Verantwortung übernommen. Die Bergsteiger bezahlten den Transport mit dem Hubschrauber von der Goûter-Hütte auf 3800 Metern zur Tête-Rousse-Hütte auf 3200 Metern selbst.

Ich werde niemals eine Sperrung des Normalwegs zum Mont Blanc unterzeichnen.

Charles Van der Elst, der Präsident des französischen Alpenvereins FFCAM, kritisierte später Ihr Vorgehen. Er warf Ihnen unter anderem eine fehlerhafte Darstellung vor. Es stimme nicht, dass die Bergsteiger Warnungen örtlicher Bergführer ignoriert und anschließend eine kostenlose Evakuierung durch die öffentliche Bergrettung gefordert hätten.

Der Präsident liegt völlig falsch. Er war noch nie in Saint-Gervais. Ich habe ihn hier noch nie gesehen. Und er ist nicht für die Sicherheit der Menschen verantwortlich – das ist allein der Bürgermeister. Man muss auch die Einschätzungen der Bergführer berücksichtigen – und die der Hüttenwirte, die von ihm abhängig sind. Offensichtlich vertritt der Präsident Positionen, die nicht denen der überwältigenden Mehrheit der französischen Bevölkerung entsprechen. Diese ist der Ansicht, dass Menschen, die sich bewusst Risiken ausgesetzt haben, auch die Konsequenzen dafür tragen müssen. Es ist leicht, im Nachhinein Ratschläge zu geben. Die Präsidenten von Verbänden in Paris oder anderswo können natürlich eine Meinung haben. Aber sie wissen nicht, wie das wahre Leben vor Ort aussieht.

Wo beginnt für Sie die Eigenverantwortung eines Bergsteigers?

In dem Moment, in dem er die Entscheidung trifft, einen Berg zu besteigen. Er muss sich informieren und sich erkundigen. Der Bergsteiger ist für sein eigenes Leben verantwortlich. Am Berg setzt er aber auch das Leben anderer Menschen aufs Spiel, etwa das der Bergrettung. Am besten wäre es, einen Bergführer zu nehmen, der einem das Gebirge und seine Gefahren zeigt und die richtigen Handgriffe vermittelt.

Warum ist die Begleitung durch einen Bergführer nicht verpflichtend?

Ich hatte bereits vorgeschlagen, dass eine so begehrte Tour wie der Mont Blanc – denn der Mont Blanc ist ein magisches, attraktives Wort, das viel Geld bringt – nur Bergsteigern vorbehalten sein sollte, die mit einem Bergführer unterwegs sind. Leider haben die örtlichen Bergführer das abgelehnt. Sie haben diesen Vorschlag als Angriff auf einen heiligen Grundsatz gesehen: Der Berg sei ein Raum der Freiheit, und Freiheit bedeute, dass man niemanden dazu zwingen dürfe, einen Führer zu nehmen. Das ist völlig idiotisch, absurd und überholt. Aber leider ist das immer noch die Vorstellung, die einige Menschen haben.

Welche Regeln wünschen Sie sich für den Mont Blanc?

Der Zugang zum Berg kann nicht grundsätzlich frei sein. Er muss reguliert werden, weil es Sicherheitsprobleme gibt. Wenn ein Bergsteiger eine falsche Entscheidung trifft und nicht hören will, kann dadurch auch das Leben der Retter gefährdet werden. Seit 2020 sieht eine Präfekturanordnung zum Schutz natürlicher Lebensräume ausdrücklich vor, dass in dem betreffenden Gebiet nur unter bestimmten Bedingungen Bergsteigen und Skifahren erlaubt sind. Vor allem besagt sie, dass man den Mont Blanc nicht über mehrere Tage besteigen darf, wenn man keine Reservierung in einer Schutzhütte hat. Die Beschränkung existiert also bereits. Sie beruht auf der Kapazität der verschiedenen Schutzhütten: etwa 120 Plätze in der Goûter-Hütte, ungefähr 90 in der Tête Rousse, dazu kommen die Hütten auf der Seite von Chamonix. Wenn wir die Hütten schließen, ist die Route faktisch nicht begehbar.

Sie klingen so, als würde jetzt ein Aber folgen. Aber?

Jetzt gibt es tatsächlich einige Pseudo-Bergsteiger, die versuchen, diese Regeln zu umgehen, indem sie etwa am Berg biwakieren. Es braucht also eine Verschärfung der Regelung, die berücksichtigt, wie einige von ihnen die bestehenden Regeln missbrauchen.

Und wie weit sollte diese Regulierung gehen?

Wir sperren jedenfalls niemals eine Bergroute. Warum? Weil wir uns in einer Gesellschaft befinden, die sich zunehmend amerikanisiert und in der die Entscheidungsinstanz jedes Mal nachweisen muss, dass das Risiko verschwunden ist. Deshalb werde ich niemals eine Sperrung des Normalwegs zum Mont Blanc unterzeichnen. Denn ich wäre dann nicht in der Lage, ihn wieder zu öffnen. Tatsächlich kommt es das ganze Jahr über ständig zu Steinschlägen.

Welche Lehren ziehen Sie aus diesen Ereignissen?

Für die kommenden Sommer müssen wir nicht mehr darauf warten, dass es zu erheblichem Steinschlag kommt. Wir wissen heute, dass das besonders zwischen Mitte Juli und Mitte August passiert. Wir überlegen deshalb, die Schutzhütten in diesem Zeitraum grundsätzlich zu schließen. Wirtschaftlich hätte das keine Konsequenzen für die Gemeinde Saint-Gervais.

Aber für die Hüttenwirte und Angestellten?

Das Personal der Schutzhütten ist nicht von der Gemeinde abhängig, sondern von den Hüttenwirten beziehungsweise den Eigentümern der Hütten. Sie wissen genau, wo sich ihre Unterkünfte befinden und welchen Risiken sie ausgesetzt sind. Wenn es beispielsweise einen Monat lang schlechtes Wetter gibt, sind ebenfalls keine Bergsteiger in den Hütten. Es ist also genau dasselbe, wenn man die Unterkünfte wegen der dort bestehenden Risiken schließt. Der mögliche Verlust ihres Betriebs ist ihre Entscheidung. In Frankreich gibt es für Arbeitnehmer in solchen Situationen ein Schutzsystem. Es gibt die sogenannte Kurzarbeit, die eine staatliche Entschädigung ermöglicht.

Der mögliche Verlust für Hüttenwirte ist ihre eigene Entscheidung.

Aber wer wird noch das finanzielle Risiko eingehen, eine Schutzhütte zu betreiben, wenn er weiß, dass sie für etwa einen Monat in der Hochsaison geschlossen sein wird?

Ich denke, wir müssen zur Realität zurückkehren und Schutzhütten als das verstehen, was sie eigentlich sind: ein Ort, an dem man am Berg Schutz findet. Sie sind kein Vier-Sterne- oder Drei-Sterne-Hotel und kein Restaurant mit einer Auswahl von fünf Bieren und vier Tagesgerichten. Wenn wir zu diesem ursprünglichen Begriff der Schutzhütte zurückkehren, glaube ich, dass sich viele Fragen von selbst beantworten.

Und wie gehen die Bergführer mit den Konsequenzen der Hüttenschließungen um?

Sie können andere Touren anbieten. Das machen sie bereits seit mehreren Jahren. Täglich versuchen 200 bis 300 Menschen, den Mont Blanc auf allen möglichen Wegen zu besteigen. Das ist eine sehr kleine wirtschaftliche Aktivität. Zumal es in erster Linie nicht um Geld geht. Es geht darum, das Leben der Alpinisten nicht zu gefährden, auch wenn ich dafür gegen ihren Willen handeln muss.

Glauben Sie, dass wir eines Tages akzeptieren müssen, dass der Mont Blanc im Sommer nicht mehr bestiegen werden kann, weil die Bedingungen zu unsicher geworden sind?

Es ist klar, dass sich die Routen am Mont Blanc verändern werden. Wir müssen gegenüber dem, was geschieht, demütig sein. Nicht der Mensch entscheidet über die Natur. Die Natur entscheidet zuerst, und der Mensch muss akzeptieren, dass er in der Natur nur zu Gast ist. Intelligenz bedeutet, sich anpassen zu können. Verlieren wir also keine Zeit und werden wir intelligent!

Hütten geöffnet – Begehung auf eigene Gefahr

Seit dem 26. August 2026 sind die Tête Rousse und Goûter Hütte wieder geöffnet. Bergsteigerinnen und Bergsteiger, die den Mont Blanc über die Normalroute besteigen wollen, sollten sich jedoch unbedingt tagesaktuell über die Bedingungen und Gefahren informieren. 

Die Fédération Française des Clubs Alpins et de Montagne schreibt auf ihrer Webseite folgendes:

Mitteilung vom 25. August 2026
„Da sich die Bedingungen verbessert haben, haben wir soeben erfahren, dass eine Wiedereröffnung der Hütten Tête Rousse und Le Goûter für Mittwoch, den 26. August, vorgesehen ist. Wir weisen darauf hin, dass die behördliche Wiedereröffnung dieser Hütten nicht bedeutet, dass die Route risikofrei ist. Jeder Bergsteiger muss selbst die Verantwortung übernehmen, die Zugangsbedingungen zu beurteilen und entsprechend diesen zu entscheiden,
ob er seine Tour fortsetzt oder abbricht.“