Stefan Kosz: „Bergführen sollte nichts mit Heroik zu tun haben“

Stefan, du bist seit über 36 Jahren als Bergführer tätig. Bist du vor einer Führungstour immer noch aufgeregt?
Immer wieder, ja. Diese freudige Anspannung spüre ich bis heute. Ob es eine Tour ist, die ich lange nicht mehr oder noch nie gegangen bin, eine besondere Gruppendynamik oder ein spannender Gast: Irgendetwas gibt es immer, das anders ist und wachsam macht. Die Neugier auf das Unbekannte hat mich immer gereizt – und das tut sie auch nach so vielen Jahren noch.

Stefan wurde am 18.12.1968 in Wien geboren. Sein bergbegeisterter Vater nahm in von klein auf mit in die Welt der Berge. Mit acht Jahren stand er auf seinem ersten Viertausender, mit achtzehn begann er die Ausbildung zum Berg- und Skiführer. Seit über 30 Jahren lebt der Familienvater mit seiner Frau – ebenfalls Bergführerin – und ihrem gemeinsamen Sohn in Tirol.
Was sind die größten Veränderungen, die du als Bergführer erlebt hast?
Es gibt viele Veränderungen – einige davon sind sehr praktischer Natur. Als ich angefangen habe, gab es kein Mobiltelefon. Ich musste den gesamten Sommer im Voraus durchplanen. Zwischen den Führungstouren stand ich in der Telefonzelle, habe die nächsten Gäste angerufen und ihnen gesagt, wo wir uns morgen treffen. So lief das drei Monate lang.
Wieviel hast du damals verdient?
In meiner ersten Zeit war ich als Hilfsführer auf der Kaunergrathütte tätig und habe dort ungefähr 150 Schilling am Tag bekommen – das wären heute rund elf Euro. Am Nachmittag sind wir oft ins Tal abgestiegen, um dann mit Proviant-Rucksäcken, die 30 bis 40 Kilogramm wogen, wieder zur Hütte aufzusteigen. So haben wir uns eine Kleinigkeit dazu verdient.

Bergführer haben sich lange unter Wert verkauft.
2025 liegt der empfohlene Tagessatz bei rund 500 Euro. Da erscheinen elf Euro selbst in Relation als ein sehr geringer Verdienst.
Das stimmt. In Österreich haben sich Bergführer lange Zeit unter ihrem Wert verkauft. In der Schweiz und Frankreich wurde schon damals deutlich besser bezahlt. Hierzulande hat man erst in den letzten fünfzehn Jahren wirklich verstanden, was dieser Beruf wert ist.
Viele Dinge machen das Bergführen heute sicherer als früher: Mobiltelefone, bessere Wetter- und Lawinenprognosen. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung groß. Gibt es auch Entwicklungen, die das Risiko erhöhen?
Die Schnelllebigkeit unserer Zeit ist meiner Meinung nach eine nicht zu unterschätzende, neue Gefahrenquelle. Früher plante man Touren analog und deshalb immer auch sehr bewusst – man saß mit Karte und Führerliteratur an einem Tisch und lernte die Tour quasi auswendig. Heute kann man die Skitour fürs Wochenende während der Autofahrt recherchieren. Informationen sind so viel leichter zugänglich und das verleitet zur Nachlässigkeit. Außerdem geht mit der Schnelllebigkeit auch ein höherer Erwartungsdruck einher.

Inwiefern?
Früher war es normal, dass man auf die passenden Bedingungen für eine Tour auch einmal jahrelang gewartet hat. Geduld und ein langsames Heranarbeiten an große Ziele waren verbreitete Werte. Heute soll alles sofort funktionieren – immer zack, zack.
Informationen sind leichter zugänglich, das verleitet zur Nachlässigkeit.
Von wem kommt dieser Druck?
Von vielen Seiten. Aber vor allem von einem selbst: Wenn man glaubt, den Erwartungen der Gäste entsprechen zu müssen. Da wäre es wichtig, immer bei sich zu bleiben und sich nicht zu sehr von den Wünschen anderer leiten zu lassen.
Du bildest seit Jahren auch Bergführerinnen und Bergführer aus. Beobachtest du dort einen ähnlichen Wertewandel?
Zum Teil ja. Früher war das Verständnis des Bergsteigens ein anderes. Erst nach vielen Jahren, in denen man sich Schritt für Schritt mit allen Aspekten des Alpinismus auseinandersetzte, kam überhaupt der Gedanke auf, sich zur Eignungsprüfung anzumelden. Heute kann man sich dank verbesserter Trainingsmöglichkeiten sehr schnell auf einen hohen technischen Stand bringen – alpinistisch ist man dann aber oft trotzdem noch ein kompletter Neuling. Und solche Leute tauchen inzwischen auch vermehrt bei den Eignungsprüfungen auf.

Gibt es auch positive Entwicklungen in der Ausbildung?
Für mich persönlich ist ein guter Umgang mit den Gästen ein zentraler Aspekt unseres Berufs. Deshalb freut es mich sehr, dass der Begriff Soft Skills auch bei uns in der Ausbildung schon seit Jahren angekommen ist. Zur Zeit meiner Ausbildung gab es dieses Wort noch gar nicht. Als sehr positiv empfinde ich außerdem, dass sich immer mehr Frauen im Bergführerberuf etablieren.
Das ist eine große Bereicherung für die gesamte Branche. In der Ausbildung zeigt sich klar, wie hochwertig und professionell Frauen diesen Beruf ausüben: Das technische Können ist durchwegs auf einem guten Niveau und Vorbereitung und Planung werden oft besonders bewusst und präzise durchgeführt.



Reflexion ist eine der wichtigsten Kompetenzen.
Bewusstes Arbeiten zieht sich wie ein roter Faden durch den Beruf eine:r Bergführer:in. Doch genau dieser Anspruch gerät leicht ins Wanken, wenn sich über die Jahre die Routine einschleicht. Wie hast du verhindert, dass die Gewohnheit am Berg zur Falle wird?
Der Schlüssel ist die Fähigkeit zur Reflexion – eine der wichtigsten Kompetenzen im Bergführer-Beruf. Am Ende jedes Bergtages hinterfrage ich mein Handeln. Was ist gut gelaufen, was kann ich verbessern? Man kann fast immer dazulernen und diese Einstellung gilt es beizubehalten. Ein zu hohes Maß an Selbstüberzeugung und -gefälligkeit war in unserem Beruf schon immer eine große Gefahrenquelle.
Die Bergführerausbildung gilt manchmal als Bühne für die Zurschaustellung dieser Selbstüberzeugung. War das früher schon so?
Früher war die Ausbildung weniger aufwändig und günstiger, weil sie komplett staatlich finanziert war. Deshalb haben sie viele nebenher gemacht, rein aus Interesse oder eben auch aus Prestigegründen. Wer die Ausbildung heute in Angriff nimmt, hat definitiv zum großen Teil das Ziel, diesen Beruf dann auch auszuüben. Grundsätzlich gab es aber immer diejenigen, die sich gerne präsentieren. Und es gab und gibt nach wie vor die soliden Handwerker, die nicht so gern im Rampenlicht stehen. Diejenigen, die die Ausbildung wie eine Lehre verstehen.
Was wünschst du dir für die Zukunft des Bergführer-Berufs?
Dass genau dieses Verständnis erhalten bleibt: Bergführen als Handwerk, das Haltung, Persönlichkeit und Intellekt verlangt und nichts mit der Heroik zu tun hat, die dem Beruf manchmal anhaftet. Das wäre schon ein Herzenswunsch.
