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Der Mann im Eis.
10. Juni 2026 - 22 min Lesezeit

Drei Tage in der Gletscherspalte: Bergrettung an der Zugspitze

Es ist Frühsommer. Für einen ambitionierten Bergwanderer soll es mit Steigeisen über das Höllental bei Garmisch-Partenkirchen zum Höllentalferner gehen. Als der Münchner auf einem Schneefeld einen falschen Schritt macht, geht es für ihn von einem Moment auf den anderen um Leben und Tod in einer Gletscherspalte.

„Durch das kleine Loch, das er beim Sturz durch die Schneedecke gerissen hat, sieht er ein Stück des strahlend blauen Himmels über sich leuchten, als wäre nichts geschehen.“

Ein paar Tage nach Sonnwend herrscht in diesem durchwachsenen Frühsommer 2007 endlich ein wenig Sonnenschein. In München freut sich der 37-jährige Hermann H. (Name von der Redaktion geändert) seit Tagen auf den Höllentalferner. Er ist leidenschaftlicher Bergsteiger.

Den Kollegen im Büro schwärmt er von der geplanten Tour im Hochsommer in den Westalpen vor. Und dass er sich dafür ein Paar neue Steigeisen gekauft hat, das er vielleicht am Wochenende ausprobieren will. An diesem Sonntagvormittag packt er seinen Rucksack, es soll ja keine große Tour werden. Nicht ganz rauf bis zur Zugspitze. Nur den Weg bis zum Gletscher.

Nur mal dort probieren, ob er die richtigen Eisen gekauft hat. Viel braucht er nicht, am Abend will er ja wieder zurück sein. Einen Anorak. Ein paar Müsliriegel. Etwas Wasser. Eispickel, Eisbeil oder Seil braucht er nicht. Hermann H. freut sich. Auf den Ausflug nach Grainau. Auf den Berg. Auf den Gletscher.

Sonntag, 24. Juni. Höllentalferner

Auf dem Höllentalferner ist das Wetter herrlich. Klare Sicht bis ins Tal, fast wolkenlos. Es hat die letzten Tage geschneit oben. Das Geröll, das im Sommer sonst offen auf dem Gletscher zwischen den Spalten liegt, ist leicht überzuckert vom Neuschnee der letzten Tage. Der Schnee des langen Winters hat sich auf der sonnenabgewandten Seite der Zugspitze auf der einen Kilometer langen Eiszunge des Höllentalferner ein letztes Refugium geschaffen.

Hermann H. schnallt sich die Steigeisen an, als er den Gletscher auf 2570 Metern erreicht. Er ist allein hier draußen, seit längerer Zeit hat er keinen Bergsteiger mehr gesehen. Kein Laut dringt durch die magische Stille. Zaghaft macht er seine ersten Schritte auf dem Eis. Er ist überrascht, wie gut die Steigeisen durch den pudrigen Schnee hindurch Halt finden.

Es geht leichter, als er sich das vorgestellt hat. Er macht ein paar Sprünge, begeistert, Donnerwetter, wie die Eisen ins Eis beißen. Er wandert ein Stück den Gletscher nach oben, der steil ansteigt. Geröllbrocken liegen im Neuschnee auf dem Eis, er ist achtsam dort, wo die Felswände etwas vorspringen und die Gletscherzunge verengen, dort sind meist die Spalten.

Er folgt dem Pfad weiter nach oben, sein Schritt ist sicher. Mutig geworden, verlässt er den Weg nach oben, wo unberührt ein Schneefeld liegt. Es ist weit am Nachmittag. Ein paar Meter steigt er auf, schaut vielleicht kurz nach oben. Als er den nächsten Schritt macht, trifft sein Eisen unter dem Schnee auf – nichts mehr … Er tritt ins Leere. Sein schwerer Schuh mit dem Steigeisen bricht durch die zarte Schneedecke.

Er verliert das Gleichgewicht und rutscht durch den scheinbar festen Boden wie durch hauchdünnes Eis nach unten. Er fällt, haltlos zwischen zwei enger werdenden Eiswänden, so viel sieht er vielleicht noch. Eine Ewigkeit dauert sein Fall, so kommt es ihm wohl vor, dann schlägt er unten überraschend weich auf einem Schneehaufen auf. Als er die Situation begreift, beginnt er sich langsam zu bewegen.

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Seine Glieder sind heil. Bis auf ein paar Kratzer ist er unverletzt. Der Rücken tut ihm etwas weh, doch nichts ist gebrochen. Er steht auf und schaut sich um. Er ist auf einem etwa zwei Meter breiten Balkon zwischen den Wänden aufgeschlagen. Links und rechts daneben fällt die Spalte jäh weiter nach unten ab. Vor sich und hinter sich hat er Wände aus blankem Eis, fast kann er sich mit den Armen nach links und rechts abstützen. Vor ihm und in seinem Rücken läuft die Spalte weiter.

Über sich, in knapp zehn Metern Höhe, befindet sich eine geschlossene Schneedecke. Durch das kleine Loch, das er beim Sturz durch die Schneedecke gerissen hat, sieht er ein Stück des strahlend blauen Himmels über sich leuchten, als wäre nichts geschehen. Doch plötzlich fühlt er: Der blaue Himmel ist unerreichbar weit weg. Noch weiter weg, als er für ihn jemals war.

Montag, 25. Juni, München

Am späten Vormittag wundern sich die Kollegen, warum Hermann H. nicht zur Arbeit erschienen ist. Das sieht ihm gar nicht ähnlich, einfach nicht zur Arbeit zu kommen, ohne sich abzumelden. Auf dem Handy antwortet er nicht. Aber einer von ihnen erinnert sich, dass Hermann H. doch nach Grainau wollte, hinauf auf den Höllentalferner, mit den neuen Steigeisen. Als ihr Kollege acht Stunden späten immer noch nicht erreichbar ist, verständigen sie am Nachmittag die Polizei.

Montag, 25. Juni. Grainau

Für Toni Vogg senior war es kein ruhiger Sonntag gewesen in der Bergwachtstation Grainau. In der Abenddämmerung kommt ein Alarm, zwei Männer müssen sie wegen Erschöpfung vom Jubiläumsgrat abbergen, zwei Stunden ist der Helikopter aus Landsberg im Einsatz. Für Toni Vogg nichts Neues. Er ist 48, er hat eine Firma für Elektroinstallation in Grainau, es ist sein freies Wochenende, das wieder einmal für die ehrenamtliche Arbeit in der Bergwacht draufgeht.

Aber Toni Vogg weiß, warum er in der Bergwacht ist. Er war 16, als ihm beim Klettern oben an der Riffelscharte ein Griff ausbrach und er 40 Meter in die Tiefe stürzte. Das war 1975. Handys waren noch nicht erfunden und die Luftrettung per Helikopter gerade erst im Aufbau. Sein Freund musste ihn liegen lassen, musste eilends absteigen und Hilfe holen.

„Er beschloss, sich in seiner Heimatgemeinde Grainau der Bergwacht anzuschließen. Aus Dankbarkeit, dass Menschen ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, bloß um seines zu retten.“

Es dauerte Stunden, bis die Retter aus dem Tal zum Schwerverletzten aufgestiegen waren, und ihn als schmerzendes Bündel Meter für Meter hinunter ins Tal trugen. Drei Wochen lag er im Koma. Als er nach vier Monaten auf eigenen Beinen das Krankenhaus verlassen konnte, beschloss er, sich in seiner Heimatgemeinde Grainau der Bergwacht anzuschließen.

Aus Dankbarkeit, dass Menschen ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, bloß um seines zu retten. Auch seine beiden Söhne Christoph und Toni sind bei der Bergwacht Grainau. Der Toni ist in diesem Juni 2007 gerade 17 Jahre alt und trotzdem voll dabei. „Vogg I“ und „II“ nennt man die beiden Tonis bei der Bergwacht lapidar, um Vater und Sohn auseinanderzuhalten, wenn sie wie so oft gemeinsam auf einen Einsatz gehen.

Es ist 17:30 Uhr, als an diesem Montag im Juni der Alarm reinkommt. „Vermisste Person am Höllentalferner“, lautet die Nachricht auf den Funkmeldeempfängern bei vier Bergwachtmännern in Grainau. Und bei Vater und Sohn Vogg. Eine Viertelstunde später machen sich die sechs auf den Weg zur Seilbahn und fahren hinauf zum Gipfel der Zugspitze. Vom schönen Wetter des Sonntagnachmittags ist so gar nichts geblieben, als sie den Berg hinaufschauen.

Der Mann im Eis.
Der Mann im Eis. Illustration Anna Höllrigl, Grafische Auseinandersetzung

Es herrscht dichter Nebel. Wolken jagen Schauer körnigen Eises um die Gondel der Seilbahn. Während der Fahrt überlegen die Männer, wo sie überhaupt mit der Suche beginnen sollen. Das Suchgebiet ist eigentlich zu groß. Und keiner weiß, wo der Vermisste sich befinden könnte. Wäre er abgestürzt, da sind sie sich sicher, dann hätte man das dank des schönen Wetters bemerkt. Irgendjemand hätte irgendwas gesehen.

Weil derartige Hinweise fehlen, gehen die Bergwachtmänner davon aus, dass der Vermisste am Höllentalferner in eine Spalte gestürzt ist. Eile ist geboten. Das Unglück liegt 24 Stunden zurück. In zwei Stunden wird es dunkel. Wetter und Sicht sind miserabel. So miserabel, dass der SAR-Hubschrauber, der die Nordostseite der Zugspitze absuchen soll, nach einer halben Stunde die Suche abbricht und nach Landsberg zurückfliegt.

Kurz nach 19:00 Uhr erreichen die Männer den oberen Rand des Gletschers. Regen. Graupel. Sicht um die drei Meter. Dichter Nebel dämpft das Geräusch ihrer Schritte und ihre Rufe, während sie sich auf dem rutschigen, steil abfallenden Gletscher langsam abwärts bewegen. Alle paar Augenblicke bleiben sie stehen. Lauschen angestrengt in die Stille. Aber nichts regt sich. Bis in die anbrechende Nacht suchen die sechs Männer den Gletscher ab.

Als Blitze in der Dämmerung den Gipfel über ihnen grell erleuchten und der Regen in Schnee übergeht, beschließen die sechs, ihre Suche zu unterbrechen. Und ins Tal zurückzukehren. Um 22:50 Uhr erreichen sie die Höllental-Angertalhütte. Um 24:00 Uhr sind sie wieder im Tal. Sie ahnen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie keine 30 Meter an Hermann H. vorbeigewandert sind.

Montagabend. Höllentalferner. Die Nacht im Eis

Hermann H. ist fassungslos, wie er den 10-Meter-Sturz in die Spalte unversehrt überstanden hat. Aber die Freude verfliegt jäh, er muss hier irgendwie raus und ruft um Hilfe, so laut er kann. Doch der Schnee über ihm dämpft jeden seiner Schreie, so als hätte er in ein Kissen gerufen. Vielleicht tut ihm das Schreien gut, doch auf jeden Schrei folgt die Stille.

Und die ist umso unerträglicher. Dumpfe Stille von oben. Dumpfe Stille zwischen den kalten Wänden. Er greift zum Handy. Aber das Display zeigt ihm nur ein lakonisches „Kein Netz“. Das bleibt auch so, als er eine Nummer wählt. Er ist zu weit oben, er steckt zu tief im Eis, als dass er hier Empfang haben könnte. Nach einigen Versuchen stellt er das Handy aus, um den Akku zu schonen. Ein Foto von dem Loch über sich macht er noch, das wird ihm eh niemand glauben. Die Enge.

Das kleine Loch, durch das er gefallen ist wie in ein anderes Leben, mit dem tiefen Blau am Sonntagnachmittag oben drüber. Vielleicht denkt er auch daran, dass irgendwann jemand dieses Handy finden könnte. Mit der Aufnahme. Dann wüssten sie, was mit ihm passiert ist. Er steckt das Handy wieder ein und macht sich an die Arbeit. Wozu hat er denn Steigeisen? Auch wenn ihm Eisbeil und Pickel fehlen: Vielleicht kann er sich ja zwischen den sachte tropfenden Wänden so abstemmen, dass er irgendwie nach oben kommt. Er versucht es. Einmal. Dreimal. Siebenmal. Am Anfang geht es leicht, jedes Mal schafft er es ein kleines Stück nach oben. Aber da, wo sich über ihm die senkrechte Eiswand leicht ausbeult, verliert er den dürftigen Halt und kippt langsam nach hinten. Den Versuch, die glatten Wände zu erklimmen, gibt er nach einer halben Stunde auf.

Den Versuch, die glatten Wände zu erklimmen, gibt er nach einer halben Stunde auf.

Lieber die Kräfte schonen. Wenn er sich jetzt verausgabt, wird er schneller ermüden. Er weiß: Sein Feind ist der Schlaf. Wenn er in der Nacht zwischen den Eiswänden einschliefe, dann wäre das sein sicheres Ende. Im Schlaf würde sein Körper, ohne dass er es bemerkte, kälter und kälter werden. Die Unterkühlung seines Körpers würde ihr Werk tun. Er würde nichts merken. Er würde einfach nur schlafen.

Noch bevor die Dunkelheit hereinbricht, hat er den Inhalt seines Rucksacks inspiziert. Viel ist es nicht. Eine Handvoll Müsliriegel. Nur noch wenig zu trinken im Gefäß. Ein Pullover. Eine Mütze. Viel mehr ist es nicht. Er hat seinen Rucksack auf dem Schneehaufen ausgebreitet und sich daraus einen Sitz gebaut, soweit das in seiner Eiskammer möglich ist. Er verbietet sich das Einschlafen. Immer wieder steht er auf. Tritt auf der Stelle. Schlägt mit den Armen um sich. Stampft in seinem zwei Meter langen Verließ auf der Stelle, um sich zu wärmen.

„Er bereitet sich darauf vor, die zweite Nacht in der Spalte zu verbringen, eine zweite Nacht seinen Kampf aufzunehmen gegen das Einschlafen und die Kälte. Noch hat er Kraft.“

Und wieder steht er auf. Gegen Morgen nickt er ein erstes Mal kurz ein. Auf die Zunge beißen, darauf herumkauen, bis es schmerzt … Alle Tricks, die er kennt von langen nächtlichen Autofahrten. Doch nichts hilft gegen den Schlaf. Er gibt ihm einfach nach. Nach zehn Minuten schreckt er mit einem Schrei hoch, es ist, als hätte er sich selber geweckt. Er hatte geträumt, doch um ihn war nur die Stille. Und die eisigen Wände.

Voller Panik streckt er seine kalt gewordenen Glieder, er zwingt sich – zum wievielten Mal? – auf der Stelle zu treten, in der Dunkelheit Rumpfbeugen, Gymnastik zu machen, um Blut in seine Glieder zu bekommen. Quälend langsam kommt der Morgen oder das, was Hermann H. durch das schmale Loch wahrnimmt. Der blaue Himmel weicht über den Tag einem Grau, das am Nachmittag in Finsternis übergeht. Das Loch ist nur noch ein grauer Schemen, durch das der Wind vereinzelte Regentropfen treibt.

Davon merkt er freilich nichts, nur dass Tropfen die Eiswände herunterrinnen. Lange muss er die Hand aufhalten, sehr lange, bis sich wenige Tropfen Gletscherwasser in seiner Hand sammeln, die er gierig aufleckt. Er sieht nichts. Er hört nichts. Noch quälender die Frage: Ob ihn überhaupt jemand vermisst? Ob irgendjemand nach ihm sucht?

Klar, er hat einem Kollegen vor dem Wochenende kurz von seinem bevorstehenden Ausflug erzählt. Aber reicht das? Er bereitet sich darauf vor, die zweite Nacht in der Spalte zu verbringen, eine zweite Nacht seinen Kampf aufzunehmen gegen das Einschlafen und die Kälte. Noch hat er Kraft. Er hört die Retter nicht, die am Abend nur etwa 30 Meter entfernt durch den Nebel an seinem Loch vorbeiziehen. Alle paar Meter stehenbleiben. Und rufen.

Der Nebel und die Schneedecke über ihm schlucken jedes Geräusch. Dienstag, 26. Juni, 7:00 Uhr. Grainau Am Morgen des zweiten Tages hat sich das Wetter weiter verschlechtert. Die Wolken hängen tief, vom Gipfel ist nichts zu sehen, es regnet in einem fort seit der Nacht und in den Tag hinein. In der Einsatzzentrale der Bergwacht am Fuß des Berges treffen sich die Grainauer Bergwacht-Leute, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen.

Bei dem Wetter macht eine Rettungsaktion wenig Sinn. Natürlich könnten sie hinauffahren, ein zweites Mal vom Gipfel der Zugspitze zum Gletscher hinuntersteigen. Ein zweites Mal würden sie bei der geringen Sicht nicht das Geringste entdecken, wie blind durch den Nebel stolpern. Die Chancen, einen Verunglückten zu entdecken, sind bei diesen Bedingungen gering.

Wenn der Mann noch lebt und nicht schwerverletzt da oben liegt. Nein. Warten. Und auf Wetterbesserung hoffen. Am späten Vormittag lässt der Regen nach, starker Wind jagt die Wolkendecke auseinander. Die Polizei startet mit ihrem Helikopter eine Rettungsaktion und fliegt trotz heftiger Böen hinauf, sobald sich ein Wolkenloch oben zeigt. Sie wollen systematisch die 1000 Meter lange und 700 Meter breite Gletscherzunge auch bei schlechter Sicht absuchen.

Nach einer Spur des Vermissten. Als sich nach vier Stunden das Wetter erneut verschlechtert, bricht die Hubschrauberbesatzung ihre Suche für diesen Tag ab. Sie kehrt ins Tal zurück. Vielleicht morgen noch einmal. Alle Beteiligten wissen: Ihnen läuft die Zeit davon.

Dienstag, 26. Juni. Der dritte Tag im Eis

In der Spalte ist die zweite Nacht für Hermann H. noch schrecklicher als die erste. Die Kälte zwischen den Eiswänden. Die Feuchtigkeit. Die Müdigkeit. Der Wunsch seines Körpers, endlich einzuschlafen, der ungeheuren Müdigkeit endlich nachzugeben. Das kurze Einnicken und das gleich darauf folgende panikartige Aufwachen.

Wieder und wieder macht er Gymnastik in der Dunkelheit, um sich wachzuhalten, um nur ja die Wärme in seinem Körper zu halten. Der Hunger nagt in seinem Bauch. Am Morgen tropft es von oben wie aus einer undichten Regenrinne. Der Regen scheint nun dichter zu fallen, wenigstens verdursten wird er hier drin nicht. Er hält die Hand auf, es dauert, bis sich eine Handvoll Eiswasser darin gesammelt hat, er schlürft es hastig. Und träumt von einem heißen Tee.

Gegen Mittag wird es heller über dem Loch, für einen kurzen Moment zeigt sich sogar ein winziges Stück blauer Himmel. Plötzlich hört er den Hubschrauber, der über dem Gletscher kreist. Hört aufgeregt, wie der Hubschrauber mal näher kommt. Sich wieder entfernt. Dann wieder näher kommt. Er schreit aus Leibeskräften, er springt in die Höhe auf seinem schmalen Schneebrett, als könnte er durch seine Sprünge in der engen Spalte auf sich aufmerksam machen.

Doch er weiß, er ist verborgen in seinem eisigen Schrank, zu dem niemand den Schlüssel besitzt. Sie wussten ja nicht mal, wo genau sie nach ihm suchen sollten. Als der Hubschrauber sich am Nachmittag entfernt und sein Knattern nicht wiederkehrt, ergreift ihn Verzweiflung.

Er weiß, dies war seine Chance gewesen. Vielleicht seine letzte. Er weiß, eine dritte Nacht wird er zwischen den Eiswänden nicht durchstehen. Diesmal würde er nicht mehr kämpfen. Er würde nachgeben. Und wenn es so weit war, einfach tief und fest schlafen.

Dienstag, 26. Juni. Grainau am späten Nachmittag

Als der Hubschrauber meldet, seine Suche ohne Ergebnis abzubrechen, ist das für die Bergretter ein Tiefschlag. Zwei Tage ist der Mann nun vermisst. Zwei Tage mit miserablen Bedingungen. Nur einem lässt das keine Ruhe. Anton Vogg, der Vater. Vogg I. Er ist zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, er hat es als Zwanzigjähriger am eigenen Leib erfahren: „Wenn keiner kommt, bist du weg vom Fenster.“ Es ist das Einzige, was er sicher weiß. Sonst weiß er nichts.

Er ist sich nur sicher in seinem Gefühl: „Der Mann muss da oben irgendwo sein. Irgendwo auf dem Gletscher. Das gibt’s nicht, dass er weg ist. Bei der intensiven Suche hätte man ihn längst woanders entdeckt.“ Anton Vogg bleibt hartnäckig. Trommelt, kaum dass Feierabend ist, wieder die anderen zusammen. Fordert erneut den Hubschrauber der SAR aus Landsberg an, der um 17:17 Uhr in Grainau eintrifft.

Acht Männer steigen ein, der Hubschrauber wird sie nach oben bringen, das Wetter ist halbwegs gut. Diesmal wollen sie die Suche anders angehen: In vier Zweierteams wollen sie sich aufteilen, sich den Gletscher systematisch vornehmen. Je zwei Teams in jeder Ecke unten am Gletscher. Zwei Teams sollen ab der Mitte aufwärts suchen.

Die acht konzentrieren ihre Suche zunächst auf die bekannten Spalten am Höllentalferner. Jeder von ihnen kennt die Zonen, wo die Spannung des Eises den Gletscher reißen lässt. Aber sie wissen auch, dass der Gletscher beständig sein Antlitz verändert, sie längst nicht jede einzelne Spalte kennen können. Systematisch steigen die vier Teams unabhängig voneinander nach oben, sie rufen, sie schreien.

Eineinhalb Stunden steigen sie den Gletscher langsam aufwärts. Nichts. Kurz vor 19:00 Uhr vernimmt einer, der mit seinem Kollegen die obere rechte Kante des Gletschers absucht, ein schwaches Rufen. Es dringt aus einem schmalen Loch in der geschlossenen Schneedecke. Als sie vorsichtig näher treten, entdecken sie die Spalte. Und den Mann dort unten.

Als sie vorsichtig näher treten, entdecken sie die Spalte. Und den Mann dort unten.

In Windeseile versuchen sie, ihn von da unten heraufzuholen. Er ist schwach, kann sich aber selber noch ins Seil einhängen, das die beiden Retter zu ihm hinunterlassen. Als die übrigen Kollegen zum Unglücksort aufgestiegen sind, ist der Mann schon aus der Spalte befreit. Hermann H. spricht nicht viel, als sie ihn sofort in eine wärmende Rettungsdecke wickeln und in einen Luftrettungsbergesack legen.

Er ist nicht nur mit seinen Kräften am Ende, als ihn die Männer im Bergesack am Tau des Hubschraubers befestigen. Langsam wird der Verletzte nach oben gewinscht, wo er ins Innere des Helikopters geholt wird. Als sich wenige Augenblicke später über ihnen die Tür des Hubschraubers schließt und er abdreht, Richtung Tal, um Hermann H. in die Klinik zu fliegen, stehen die Männer einen Moment lang noch zusammen.

Auf einem Foto sieht man ihre Gesichter. Eben noch angespannt, sind sie jetzt gelöst. Einer raucht. Und schaut den Steilhang hinunter, glücklich, dass es gut ausgegangen ist, und sie den Vermissten gegen alle Wahrscheinlichkeit lebend bergen konnten. Ihren Gesichtern sieht man an, wie stolz sie sind in diesem einen Moment, bevor sie gleich ihr Material sortieren, ihre Rucksäcke packen. Und auf den Hubschrauber warten, der auch sie in der Dämmerung vom Höllentalferner nach unten bringen wird.

Es ist ein sonniger Oktobernachmittag, doch kühl im Bergwachthaus am Fuß der Zugspitze, in dem Vater und Sohn Vogg abwechselnd diese Geschichte erzählen, die jetzt elf Jahre zurückliegt und die sie trotzdem nicht vergessen haben. Und über die Gegenwart nachdenken. „Fast jedes Jahr kommt es zu Spalten-Unfällen. Aber noch höher ist die Zahl der ‚Beinahestürze‘ und der Personen, die sich selber wieder befreien können“, sinniert der junge Bergwachtler.

„Spinnts ihr eigentlich?“

„Die Ursache für Stürze ist oft etwas ganz Banales in einem Moment, in dem man sich sicher glaubt: etwa das Hantieren an den Schuhen, dort wo der Übergang vom Eis zum Felsen ist.“ Ob sie bei der engen Zusammenarbeit in kleinen Teams nicht öfter in leidige Vater-Sohn-Diskussionen gerieten? Da lachen die beiden. Nein, das käme nicht oft vor. Ihr Geheimnis sei, die Stärken des anderen gut zu kennen: „Mein Vater ist besser in der Organisation. Er behält stets den Überblick, wenn er einen Einsatz koordiniert.“

„Dafür bist du schneller bei einem Verletzten, als ich oft schauen kann. Du bist der geborene Rettungssanitäter von uns beiden. Das Wichtigste ist: Jeder im Team muss seine Stärken ausspielen. Erst wenn jeder die Chance hat, das zu tun, was er am besten kann, wächst das ganze Team.“ Beide sind sie verheiratet.

Was ihre Frauen über einen Einsatz wie den am Höllentalferner dächten? Wie sie denn mit ihrer Sorge um die Männer bei einem Einsatz umgingen? Da müssen die beiden einen Moment überlegen. Sie sind in unterschiedlichen Lebenssituationen. Bei Anton Vogg senior sind die Kinder aus dem Haus, die Firma läuft.

„Mir war die Bergwacht immer wichtig. Das Helfen. Meine Frau hat das immer verstanden und akzeptiert. Sie ist viele Touren mitgegangen, sie kennt das.“

Anton Vogg junior ist noch keine 30. Er hat eine Familie gegründet, hat einen drei Jahre alten Sohn und eine einjährige Tochter. „Meine Frau geht zwar in die Berge“, sagt er, „sie unternimmt aber keine Kletter- und Hochtouren. Dass der Christoph und ich uns engagieren, ist für sie in Ordnung.“ Er macht eine Pause.

Denkt nach, als fiele ihm schwer zu sagen, was er jetzt sagt: „Nur manchmal, wenn ich morgens um zwei rausmuss, wenn wir die ganze Nacht bei schlechtem Wetter am Berg unterwegs sind und Bergsteiger retten, die sich überschätzt haben, falsch ausgerüstet sind, sich nicht vernünftig über die Tour oder Verhältnisse informiert haben, und ich hinterher erzähle, dass wir jemanden aus der Wand geholt haben, dann schaut mich meine Frau an: ‚Spinnts ihr eigentlich?‘, sagt sie dann, ‚Warum musst du in der Nacht rauf auf den Berg, nur weil sich einer überschätzt oder verlaufen hat, der es hätte wissen können?‘“ Aber warum er morgen Früh wieder gehen würde, das weiß Anton Vogg junior an diesem Oktobertag. Genauso wie sein Vater.

Stärkung der Bergrettung in den Alpen: Das 5-Länder-Treffen als Erfolgsmodell

Bergrettungschefs aus Bayern, Südtirol, Österreich, der
Schweiz und Liechtenstein
5 Länder Treffen 2024: Bergrettungschefs aus Bayern, Südtirol, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein

Im Jahr 2020 wurde auf Initiative der Bergwacht Bayern und der Bergrettung Südtirol ein bewährtes Format aus den 1990er Jahren wiederbelebt: das sogenannte 5-Länder-Treffen. Diese länderübergreifende Kommunikationsplattform vereint die Bergrettungschefs aus Bayern, Südtirol, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein und repräsentiert insgesamt rund 15.000 engagierte Bergretterinnen und Bergretter.

In diesem Jahr fand das zweitägige Treffen Ende September in Grabs im Kanton St. Gallen in der Schweiz statt. Das Treffen hat sich als wertvolles Forum etabliert, um die vertrauensvolle und unverzichtbare Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg zu fördern. Die Schwerpunkte der Tagungen sind vielfältig und spiegeln die Herausforderungen wider, mit denen die Bergrettung in den Alpen konfrontiert ist.

Im Mittelpunkt stehen Themen wie die Entwicklung im Einsatzgeschehen, die Aufarbeitung schwieriger Einsätze sowie die Implementierung neuer Rettungsmethoden. Auch die Luftrettung und die zukünftige Finanzierung der Bergrettungsorganisationen werden intensiv diskutiert. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Austauschs ist die gegenseitige Anerkennung der Bergrettungsausbildung bei länderübergreifenden Wechseln.

Technische Herausforderungen wie Beschaffung von Fahrzeugen und Bekleidung sowie die Zusammenarbeit bei europäischen und internationalen Projekten sind ebenfalls zentrale Themen. Um eine effektive länderübergreifende Einsatzunterstützung zu gewährleisten, wurde eine Kommunikationsstruktur eingeführt, die sich bereits in mehreren gemeinsamen Einsätzen bewährt hat.

Besonders erfolgreich war die gemeinsame Positionierung und strategische Ausrichtung bei der Internationalen Kommission für Alpines Rettungswesen (ICAR). Hier konnte das Gewicht des Alpenraums im internationalen Kontext wesentlich gestärkt werden. Die Zusammenarbeit wird kontinuierlich ausgebaut: Seit 2023 tagen die Ausbildungs- und Einsatzverantwortlichen der fünf Bergrettungsorganisationen, um gemeinsame Standards zu entwickeln.

Eine Lern- und Austausch-Plattform soll weiter vorangetrieben werden, um den Wissensaustausch zu fördern. Zudem werden sich künftig die Verantwortlichen für Beschaffung von Ausstattung, Fahrzeugen und Bekleidung sowie für die psychosoziale Betreuung von Patienten, Begleitern und Rettern treffen, um auch hier gemeinsame Initiativen zu entwickeln.

Eine geplante Kooperationsvereinbarung wird nicht nur die weitere Zusammenarbeit stärken, sondern auch ein wichtiges Signal an Organisationen und Politik senden. Ein starkes Symbol der Verbundenheit wurde durch die Etablierung des heiligen Bernhard von Menthon als Schutzpatron der Bergrettungsdienste von Bayern, Südtirol, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein gesetzt – eine Initiative aus Tirol, die den gemeinsamen Geist dieser wichtigen Arbeit unterstreicht.

Das 5-Länder-Treffen zeigt eindrucksvoll, wie durch länderübergreifende Kooperationen nicht nur Herausforderungen gemeistert werden können, sondern auch ein starkes Netzwerk entsteht, das im Dienste der Sicherheit in den Bergen steht.

Erschienen in der Ausgabe #129 (Winter 24-25)

bergundsteigen #129 Cover