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Orientierung im Gelände
22. Juni 2026 - 11 min Lesezeit

OpenStreetMap und Co: Wo liegen die Grenzen digitaler Karten im Bergsport?

Die Grundlage der digitalen Tourenplanung und Orientierung ist nach wie vor die Karte. Damit wir eigenverantwortlich navigieren können, müssen wir verstehen, wie OpenStreetMap und Co funktionieren und wo ihre Grenzen liegen.

Gut recherchierte und toll bebilderte Tourenbeschreibungen von gut ausgebildeten Tourenführer:innen, maßlos untertriebene Wegzeitangaben in Beiträgen von selbsternannten Alpinexpert:innen mit Hang zur Selbstdarstellung und ganz enger Kleidung, Ausflugstipps mit subtilem Tourismusinteresse oder KI-generierte Tourenvorschläge – die Bandbreite an Informationen zu Touren ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen (siehe dazu auch den Beitrag von Wolfgang Warmuth „Handy-App führt Bergsteiger in den Tod“ ).

plötzliches Ende einer Tourenplanung.
Da waren die Grundlagedaten wohl nicht aktuell: plötzliches Ende einer Tourenplanung. Der weitere Wegverlauf ist rechts oben zu erkennen. Foto: Matthias Knaus

Dazu kommt die unglaubliche Fülle an Informationskanälen, vom seriösen Tourenportal bis hin zu ach so geheimen Tourentipps in den sozialen Netzwerken. Und weil das noch nicht reicht, ist nicht einmal die Wahl der optimalen Datengrundlage für die eigene Planung so ganz einfach und eindeutig. Wem kann man denn überhaupt noch vertrauen?

Ist man vermeintlichen Experten und Selbstdarstellern zwangsläufig ausgeliefert? Hier hilft es sehr, wenn man sich ein wenig mit den Hintergründen befasst. Es ist ein großer Vorteil, wenn ich bereits über Erfahrung verfüge, ob sich die Angaben von gewissen Autoren, Führerliteratur und Internetplattformen mit der Wirklichkeit tatsächlich decken.

Wir kennen wohl alle Beispiele, wo wir bereits Fehler erwarten, weil das Topo vom Verlag X erfahrungsgemäß recht ungenau ist und Schwierigkeiten und Seillängen stark abweichen können. Die Gehzeitangaben von Autor Y können wir getrost halbieren, weil diese eher auf die botanisch Interessierten zutreffen.

Systematische Fehler kann ein intelligenter Mensch recht schnell wahrnehmen und bei künftigen Unternehmungen mit ins Kalkül ziehen. Interessanterweise ist hier auch das Bewusstsein für mögliche Fehlangaben geschärfter.

Die Grundlagen

Doch wie sieht es bei Grundlagendaten aus, auf deren Basis wir uns selbst Gedanken machen wollen? Der mündige Homo alpinus geht nicht nur im alpinen Gelände gerne seinen eigenen Weg, auch in der Planung verlässt er sich am liebsten auf die eigene Kompetenz. Der Haken an der Sache ist nur der, dass auch eine eigenständige 83Planung gewisse Grundlagendaten benötigt.

Und hier wird die Sache schon etwas komplizierter. Grundlage einer soliden und eigenständigen Tourenplanung ist meist eine topographische Karte bzw. sind es die geographischen Daten dahinter. Darauf wird in der Regel eine Karte aufgebaut und in weiterer Folge redaktionell gepflegt und aktuell gehalten.

Diese Akribie in der Erstellung und Pflege leidet leider stark an den veränderten Rahmenbedingungen, unter denen heutige Karten erstellt werden (müssen). Hat man im vergangenen Jahrhundert noch Jahre, teils Jahrzehnte damit verbracht, eine Region kartographisch zu erkunden und dann mit viel Liebe fürs Detail darzustellen, so soll heute kostengünstig auf Knopfdruck und möglichst automatisiert ein brauchbares und verlässliches Kartenprodukt entstehen. Die technische Entwicklung macht es möglich.

OpenStreetMap

Das seit 2004 online verfügbare, kostenlose und Community-basierte Projekt OpenStreetMap (OSM) ist hier sicherlich ein ganz zentraler Faktor und stellt eine deutliche Zäsur im Bereich der Geodaten und somit auch in der Kartographie dar.

dreckige wanderschuhe
Nichts macht Daten verlässlicher als die Erfassung vor Ort. Foto: Werner Beer

Der Gedanke einer offenen Plattform für räumliche Daten, die jedem Interessierten zur Verfügung steht, steht im diametralen Gegensatz zu den klar strukturierten und organisierten Landesaufnahmen im Rahmen der amtlichen Kartographie.

Seit Beginn solcher Community-basierten Projekte ist die Erhebung von topographischen Daten, insbesondere des Straßen- und Wegenetzes, nicht mehr ausschließlich den wenigen ausgebildeten und professionellen Topograph:innen oder von Privatverlagen beauftragten Kartograph:innen vorbehalten, sondern jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann Teil der OSM-Community werden und Inhalte beitragen.

Dieser Ansatz ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, nachdem jedem klar sein dürfte, dass professionelle Topograph:innen oder Kartograph:innen immer über begrenzte Ressourcen verfügen und eine zeitlich engmaschige und flächendeckende Aktualisierung auch der hintersten Winkel der Landschaft schlichtweg unmöglich ist.

Die in der Vergangenheit eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten zu amtlichen Daten, man denke an Datenverfügbarkeit, Homogenität oder Lizenzkosten, ließen das OSM-Projekt darüber hinaus einen enormen Boom in der Verbreitung erleben, was nicht zuletzt dazu geführt hat, dass heute ein überwiegender Teil der günstigen oder gar kostenlosen Apps und Portale auf ebendiese Datengrundlage setzt.

Zwar hat sich durch die Open-Government-Data-Richtlinien der Zugang zu offiziellen bzw. amtlichen Daten stark vereinfacht, aufgrund von unterschiedlichen Datenmodellen und Verfügbarkeiten in den unterschiedlichen Ländern wird aber auch weiterhin primär auf OSM gesetzt.

Schließlich ist OSM kostenlos, weltweit verfügbar, hat ein einheitliches Datenmodell und entsprechende Dokumentation – unschlagbare Argumente für jeden App-Entwickler.

Routingfunktion und automatisierte Tourenplanung

Die Community-basierte Datenerfassung auf der einen und die weite Verbreitung auf der anderen Seite eröffnen nun ein Problemfeld, das insbesondere im Bergsport große Relevanz entwickelt. Auf Basis von OSM-Daten werden nun nicht nur Karten erstellt – vom Tourismusflyer bis hin zu bekannten topographischen Karten –, sondern auch Routingfunktionen für eine automatisierte Tourenplanung.

Es mag sein, dass beim Studium einer Karte ein gewisses r Fehlerbewusstsein noch vorhanden ist, wenngleich man sich in der Regel schon darauf verlassen möchte, dass ein eingezeichneter Weg auch tatsächlich vorhanden und begehbar ist. Spätestens beim Nutzen einer Routingfunktion setzen wir beim Befehl „Jetzt rechts abbiegen!“ den nächsten Schritt aber oft unbewusst blindlings in ebendiese Richtung.

Leider gab es bereits einige Unfälle, bei denen der Technik mehr vertraut wurde als dem gesunden Menschen- verstand. Frei nach dem Motto: „Wenn das Routing dort hinunterleitet, wird der Weg schon irgendwann besser werden …“ – bis eben gar nichts mehr geht und schlimmstenfalls eine alpine Notlage eintritt.

Sollte nun jemand schmunzeln und sich fragen, welcher Flachlandtourist im alpinen Gelände schon einem Routing folgt, der sollte sich überlegen, wie oft man eine digitale Tourenplanung – im Sinne einer eigenen Routenwahl mittels Zwischenpunkten – in der Vorbereitung verwendet und wie diese wohl funktioniert. Nämlich im Grunde genau so.

Ein Routing ist vereinfacht gesagt eine Minimierung von Kosten. So hat jede Linie in der Datengrundlage (z. B. Wanderwegabschnitt) gewisse Eigenschaften hinterlegt. Diese sind z. B. Begehbarkeit zu Fuß, Wegbeschaffenheit, Länge und teils vieles mehr. Der Routingalgorithmus sucht nun von eingegebenem Start bis Ziel jene Wegabschnitte zusammen, bei denen die geforderten Eigenschaften zutreffen und die Kosten, also z. B. die Weglänge, minimiert sind.

Das beste Ergebnis wird als Route zurückgegeben und wird dann gerne als Track auf Handy oder Smartwatch übertragen. Damit endet dann oft das reflektierte Handeln. Lässt man sich diese vereinfachte Funktion eines Routings nochmal durch den Kopf gehen, wird einem wohl rasch die Bedeutung von hochwertigen Grunddaten klar.

Ist auf einem Abschnitt eine falsche Kosteninformation hinterlegt, z. B. die Erlaubnis für Fußgänger auf „Nein“ gesetzt, so wird das Routing diesen Abschnitt meiden und eine möglicherweise völlig schwachsinnige Umgehung suchen. Ebenso dann, wenn die Basisdaten Lücken aufweisen, auch wenn es sich nur um wenige Millimeter im Datensatz handelt. Umgekehrt wird jeder Abschnitt im Routing verwendet, der als geeignet eingetragen wurde – von wem auch immer und wo auch immer.

Schwächen und Stärken Community-basierter Karten

Community-basierte Projekte leben davon, dass viele Menschen Teil davon sein wollen. Das zeigt sich in der Motivation, selbst auch einmal einen neuen Weg anzulegen. Diese Motivation nimmt leider, analog zu Neujahrsvorsätzen, mit der Zeit ab. In der Praxis heißt das oft, dass man anfangs gerne neue Wege beisteuern möchte, sich aber dann für deren Wartung und Aktualisierung nicht mehr groß interessiert.

Mit dem Ergebnis, dass es inzwischen sehr viele Wege in OSM gibt, die in der Natur nicht mehr existent oder nur mehr schwer passierbar sind. Kartieren im Gelände heißt nämlich nicht nur, neue Dinge aufzunehmen, sondern oft vielmehr nicht mehr Vorhandenes zu eliminieren, den Datensatz zu bereinigen.

Und ich kann bestätigen, dass es einen ambitionierten Topographen etwas schmerzt, einen jahrzehntealten Jägersteig unwiederbringlich aus den Daten zu löschen. Eine Tourenplanung bzw. ein Routingergebnis kann immer nur so gut sein, wie die zugrundeliegenden Daten. Dessen muss man sich in der Interpretation von solchen Ergebnissen immer bewusst sein.

Jetzt wird die Frage auftauchen: „Ja worauf kann ich mich denn überhaupt noch verlassen?“ Klar, ich muss mit den Inhalten arbeiten, die mir zur Verfügung stehen. Einer Karte bzw. einem Datensatz sollte man grundsätzlich vertrauen können, auch klar. Man geht immer davon aus, dass jede Bearbeitung nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt.

Kein Datensatz, keine Karte ist jemals fehlerfrei und perfekt aktuell. OSM ist keinesfalls als grundsätzlich negativ zu bewerten, es gibt viele Bereiche, in denen man einem amtlichen Datensatz eine Nasenlänge voraus ist. Sei es in Bezug auf Aktualität oder auch hinsichtlich semantischer Inhalte, z. B. beim Thema Mountainbiketrails.

Die OSM-Community ist grundsätzlich sehr motiviert, hochwertige Daten zu erzeugen und unterstützt dies mit guter Dokumentation und klaren Standards. Es hängt einfach immer davon ab, wer in welchem Gebiet mit welcher Akribie und welchem Wissen eine Bearbeitung vornimmt und vor allem auch, welche Anforderungen man selbst an die Daten bzw. an die Karte hat.

Dazu kommt, dass OSM auch immer wieder dazu verwendet wird, eigene Interessen zu verfolgen. Im Wissen um die weite Verbreitung von OSM werden ungewünschte, vielleicht im eigenen Grundstück liegende, Wege gelöscht oder rechtlich kritische Wege hinzugefügt.

Es gibt einige Beispiele von Wegen, die aufgrund eines Rechtsstreits mehrmals von Person A gelöscht und von Person B wieder hinzugefügt worden sind. Dies ist einer der Hauptgründe, warum auf der anderen Seite ein offizieller und amtlicher Verkehrswegedatensatz eine so große Bedeutung hat.

Man denke an alle Prozesse, die rechtliche Relevanz oder sogar finanzielle Folgen haben, z.B. Förderungen oder Rechtsstreitigkeiten.

Wie reagieren institutionelle Geodaten-Anbieter?

Um einen möglichst homogenen Qualitätsstandard zu erreichen, gibt es insbesondere im Bereich der amtlichen und offiziellen Daten einige nennenswerte Entwicklungen und Projekte. So werden z. B. in Österreich in der Graphenintegrationsplattform GIP bundesländerübergreifend Verkehrsnetze miteinander verbunden, um qualitätsgesichert einen offiziellen Datenstand zu erreichen, der Fußwege, Straßen wie auch ÖV-Anbindungen miteinander vereint.

Im Sinne einer dezentralen Wartung und einer zentralen Haltung wird dabei jedes Netz exakt von dem Partner gewartet, der auch tatsächlich dafür zuständig ist, z. B. w das Autobahnnetz durch die ASFINAG oder das Schienennetz durch die ÖBB.

Nur so kann ein verlässlicher Qualitätsstandard erreicht werden. Eine Wegedatenbank beinhaltet die Wege der alpinen Vereine und ermöglicht eine Wartung der Daten durch jene Personen, die auch in der wirklichen Welt im jeweiligen Arbeitsgebiet die Spitzhacke schwingen. Die resultierenden Daten kommen dann wiederum den GIP-Partnern zugute.

Ähnliche Entwicklungen gibt es auch auf Tourismus- und Gemeindeebene. Der Österreichische Alpenverein pflegt eine erfolgreiche Kooperation mit dem Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen Wien (BEV), in der seitens des Alpenvereins umfangreicher Außendienst im alpinen Gelände geleistet wird und somit der amtliche Datensatz in diesem inhaltlich besonders sensiblen Gebiet möglichst aktuell gehalten wird.

Dieser Datensatz des BEV kommt wiederum nicht nur der amtlichen oder der Alpenvereinskartographie zugute, sondern steht über Open-Government-Data-Richtlinien auch allen anderen zur Verfügung. Die Verwendung der Daten bei alpenvereinaktiv.com sei hier zu erwähnen.

Empfehlung: Backup, Mental Map und kritisch sein!

Wie soll man nun mit all diesen Informationen umgehen? Und viel wichtiger, welchen Einfluss hat der Anwender darauf und woher soll man wissen, welchen Grundlagen man trauen kann? Hier gibt es leider keine pauschale Antwort, sondern eher eine Empfehlung. Und diese ist im Bergsport wohlbekannt: Redundanz.

Verlasse ich mich rein auf eine Informationsquelle, muss ich im Hinterkopf behalten, dass diese Information ggf. nicht mehr aktuell ist oder manche Informationen schlichtweg falsch sein könnten. Kann ich eine zweite oder dritte Quelle dazu finden, steigt die Informationssicherheit natürlich.

Erfahrungsgemäß wird man manchen Quellen mehr Vertrauen schenken als anderen. Das Hintergrundwissen um die Datenherkunft leistet dazu einen guten Beitrag. Draußen auf Tour dann die Augen offen zu halten, sollte im Grunde selbstverständlich sein.

Eine laufende Plausibilitätsprüfung funktioniert am besten, wenn ich bereits eine grobe Orientierung im Kopf habe. Hier ist die räumliche Übersicht einer gedruckten Karte nach wie vor unschlagbar – Stichwort: „Mental Map“. Eine Tour entgegen dem eigenen Bauchgefühl fortzusetzen, nur weil meine Navigation mir das vorgibt, kann böse enden.

Insbesondere im Führungskontext sollte man sich intensiv mit der Route beschäftigen und sich im Zweifel vorher selbst vor Ort ein Bild machen. Ein vorhandener Abseilstand wird am Berg wohl immer kritisch beäugt und ggf. ergänzt. Ebenso sollte man auch digitalen Inhalten oder Karten immer mit gesundem Menschenverstand begegnen und nicht blind darauf vertrauen, dass der Vorgänger das schon ordentlich gemacht haben wird.

Eine Karte kann nur so gut sein wie die zugrundeliegenden Daten.

Große Datensätze immer aktuell zu halten, ist ein enormer Aufwand. Es ist auch nicht möglich, laufend jeden Weg im Gelände zu kontrollieren und damit immer die optimale Qualität zu garantieren.

Daher ist man auf Hinweise von außen angewiesen! Wenn Ihnen Fehler in Karten auffallen, melden Sie diese bitte umgehend, z. B. an kartographie@alpenverein.at. Nur so können Daten gezielt verbessert und mögliche Gefahrensituationen vermieden werden.

Erschienen in der Ausgabe #127 (Sommer 24)

bergundsteigen #127 cover