2025/ 26: Ein außergewöhnlicher Winter?
Die Antwort auf obige Frage ist zwiegespalten: Nein, weil es leider nicht außergewöhnlich ist, dass die Mehrzahl der tödlichen Unfälle häufig in einem relativ kurzen Zeitfenster – der sogenannten „Lawinenzeit“ (siehe Kasten) – passierten.
Dennoch gibt es aber auch zweimal ein klares Ja, weil wir in diesem Winter zum einen leider überdurchschnittlich viele Todesopfer zu beklagen hatten und zum anderen auch die Lawinenzeit außergewöhnlich lange andauerte.
Was ist eine Lawinenzeit?
In der bergundsteigen- Ausgabe #125 (Winter 2023/ 24) schreibt Klaus Hoi, langjähriger Ausbildungsleiter der Österreichischen Berg- und Skiführer über die Lawinenzeit: ein tödliches Phänomen! In seinem Artikel definiert Hoi unter „Lawinenzeit“ einen kurzen Zeitraum mit plötzlich stark erhöhter Lawinenaktivität, oft nur wenige Tage lang. Die Ursache ist meist eine kritische Kombination aus Schwachschichten – vor allem Schwimmschnee bzw. Tiefenreif – und anschließendem Neuschnee mit Wind. Kurz gesagt ein Altschneeproblem.
Zum bergundsteigen Artikel: Wann wird der Altschnee zum Altschneeproblem?
Die entscheidenden Zutaten dafür sind ein kalter, schneearmer Winterbeginn mit einem hohen Temperaturgradienten, der die aufbauende Umwandlung fördert. So können sich bodennahe, kantige Kristalle – sogenannter Schwimmschnee – als anhaltendes schwaches Fundament, das keine Bindung in sich hat, bilden. Entstehen nun mit Neuschnee und Wind frische Schneebretter, sind diese sehr leicht zu stören und auch über größere Distanzen fernauslösbar.

Warum gab es in diesem Winter so viele Unfälle mit Todesfolge?
Um diese Frage zu beantworten, gibt es nichts Besseres als den Blog des Lawinen.report Tirol. Machen wir uns an den Start des Winterbeginns:
27. Oktober 2025: Gebietsweise viel Neuschnee und stürmischer Wind: Lawinengefahr steigt vor allem im westlichen Nordtirol deutlich an!
Der erste Wintereinbruch: Es fallen verbreitet 40 bis 50 cm Schnee.
Wie geht’s weiter? Im November fällt noch etwas Schnee, aber für Skitouren im Gelände sind, ob der dürftigen Schneelage, die Verhältnisse äußerst bescheiden und die Hauptgefahr im Dezember ist eine andere:
11. Dezember 2025: Verbreitet geringe Lawinengefahr – allgemein noch wenig Schnee!
Generell rückt aktuell eine andere Gefahr in den Vordergrund: Sturz infolge von Stein- bzw. Bodenkontakt…
2026 beginnt dann, wie 2025 aufgehört hat: Mit Schneearmut, winterlichen Temperaturen und überwiegend geringer Lawinengefahr. Aber mit dem ersten Schnee im neuen Jahr wendet sich das Blatt:
9. Januar 2026: Schnee nach langer Kälteperiode – eine gebietsweise heikle und zunehmend unfallträchtige Lawinensituation!
Nach einer langen, sehr niederschlagsarmen und letzthin auch kalten Wetterperiode bringt ein Frontensystem besonders im Westen des Landes ergiebige Schneefälle. Der Schnee fällt auf eine ungünstig aufgebaute Schneedecke. Die Konsequenz: Wir haben es zumindest in den Hauptniederschlagsgebieten mit einer „Lawinenzeit“, also einer für Wintersportler:innen besonders unfallträchtigen Lawinensituation zu tun!
Das erste Mal fällt im Blog der Begriff Lawinenzeit. Liest man weiter wird schnell klar was Sache ist:
Zurückhaltung ist der Schlüssel zur Unfallprävention!
Nach einer langen „Durststrecke“ mit stark unterdurchschnittlichen Schneehöhen kommt endlich der heiß ersehnte Schnee. Und genau dann sollte man auf der Bremse stehen und sich in Zurückhaltung üben!
Autsch! Das wollen wir nicht hören: Zuerst ewig kein bis wenig Schnee, dann kommt endlich Schnee und wir sollen auf der Bremse stehen, uns zurückhalten? Aber die Erklärung, warum das genau in diesen Tagen Sinn macht, ist leicht:
Die gering mächtige Schneedecke ist verbreitet sehr schlecht aufgebaut. Im Nahbereich der Schneeoberfläche findet man ausgeprägte Schwachschichten aus kantigen Kristallen bzw. sogar aus Schwimmschnee (siehe Kasten). Auch Oberflächenreif (siehe Kasten) an der Schneeoberfläche bzw. Neuschnee, welcher sich aufbauend umgewandelt hat, stellen mögliche Schwachschichten dar. Nun bildet sich auf dieser schwachen Schneedecke durch den Schneefall samt starkem bis stürmischem Windeinfluss ein ausgeprägtes Brett.
Wie entsteht Tiefenreif (Schwimmschnee)?
Tiefenreif – auch Schwimmschnee genannt – entsteht durch einen aufbauenden Umwandlungsprozess (Metamorphose) in der Schneedecke. Dabei verwandeln sich vorhandene Schneekörner aufgrund eines starken Temperaturgefälles in große, kantige, schlecht miteinander verbundene Becherkristalle.

Tiefenreif entsteht immer dann, wenn das Temperaturgefälle im Schnee mehr als 0,25 °C pro cm beträgt. Schnee sublimiert (er geht direkt in Wasserdampf über) am „warmen“ Boden. Der Wasserdampf wandert nach oben und durch das Temperaturgefälle resublimiert er wieder und lagert sich dort in festem Zustand ab.
Die Folge sind große, kantige Kristalle, die in ihrer Endform Becher (Becherkristalle) bilden. Diese Kristalle haben keinerlei Zusammenhalt, ähnlich wie Zucker. Typische Situation sind sehr kalte Luft oben (klar, kalt, wolkenlos) und ein „warmer“ Boden unten (0 °C) sowie eine geringmächtige Schneedecke.

Nicht zuletzt aufgrund der Rissbildungen und Setzungsgeräuschen (bei einer noch sehr gering mächtigen Schneedecke) muss von einer hohen Störanfälligkeit der Schneedecke ausgegangen werden . Es reicht ein vorsichtiges Berühren, um die Schneedecke zu stören und es muss von einer sehr guten und mitunter großflächigen Bruchfortpflanzung ausgegangen werden: Wummgeräusche und Rissbildungen sind eindeutige Alarmzeichen und weisen auf eine hohe Störanfälligkeit der Schneedecke hin.
Nun geht es Schlag auf Schlag: Die erste Lawinenzeit des Winters ist da und damit einhergehend leider auch die ersten Todesopfer:
12.Januar 2026: Zahlreiche Alarmzeichen, wie Lawinenabgänge, Rissbildungen, Setzungsgeräusche und Fernauslösungen / ein tödliches Lawinenunglück!
15. Januar 2026: Nur langsamer Rückgang der Lawinengefahr: Tödlicher Unfall Wetterkreuz!
Wir haben es unverändert mit einer verbreitet recht störanfälligen Schneedecke zu tun: Setzungsgeräusche, Rissbildungen und Fernauslösungen sind zu beobachten. Die Lawinengefahr geht zwar stetig, jedoch nur langsam zurück. Erfahrung und Zurückhaltung im freien Gelände erscheinen deshalb weiterhin angebracht!
16. Januar 2026: Neuschnee und Sturm führen zu einem deutlichen Anstieg der Lawinengefahr
17.Januar 2026: Tödlicher Unfall Velilltal!
Das Lawinenunglück bestätigt die weiterhin gebietsweise sehr störanfällige Schneedecke: Der unter starkem Windeinfluss gefallene Schnee bildet das Brett, darunter findet man ausgeprägte Schwachschichten aus kantigen Kristallen und Becherkristallen.
Zweite Lawinenzeit
Trotz einer leichten Entspannung in den nächsten Tagen bleibt die Situation heimtückisch und Ende Jänner folgt die nächste Warnung vor einer Lawinenzeit.
30. Januar 2026: Überlagerter Oberflächenreif und Tiefenreif: Ein gefährliches Duo!
Mit Neu- und Triebschnee wurden nun Oberflächenreif und ausgeprägte Schwachschichten in der Altschneedecke von einem Schneebrett überlagert.
Wie entsteht Oberflächenreif?
Oberflächenreif entsteht bevorzugt während langer Kälteperioden durch das Ausfällen von Feuchtigkeit aus der Luft an Schneeoberfläche. Dieser Übergang vom gasförmigen in den festen Zustand wird Deposition oder Resublimierung genannt. Die transparenten, plättchenförmigen Eiskristalle bilden, sobald sie von einem Brett überlagert werden, eine sehr kritische Schwachschicht für Schneebrettlawinen.

30. Januar 2026: Gebietsweise für Wintersportler:innen gefährliche und wiederum sehr unfallträchtige Lawinenzeit!
Die Kombination aus Neuschnee, Wind und einer sehr schwachen Schneedecke hat die Lawinengefahr gebietsweise ansteigen lassen: Wir raten deshalb wieder zu defensivem Verhalten während der kommenden Tage! Alarmzeichen sind unmissverständliche Hinweise auf eine kritische Lawinensituation und sollten ernst genommen werden! Entsprechend raten wir dringend, das Verhalten an die Lawinensituation anzupassen.
31. Januar 2026: Achtung Lawinenzeit! Zahlreiche Lawinenauslösungen durch Wintersportler:innen! Wir raten eindringlich zu defensivem Verhalten!
Eine überlegte, defensive Routenwahl ist aktuell der Schlüssel für ein risikoarmes Wintersporterlebnis.
Die zweite Lawinenzeit hat begonnen, was die eingehenden Meldungen bei der Leitstelle Tirol am Wochenende eindrucksvoll bestätigen: Nicht weniger als 23 Lawinenunfälle wurden registriert – trotz intensiver Warnungen durch alpine Vereine, Medien und Lawinenwarner: Eine überlegte, defensive Routenwahl ist aktuell der Schlüssel für ein risikoarmes Wintersporterlebnis.
Im Februar folgt Nummer drei
In den darauffolgenden Tagen bleibt die Lawinensituation kritisch und unverändert haben wir es mit einer störanfälligen Schneedecke und anhaltenden Lawinenzeit zu tun! Nomen es Omen: Zurückhaltung im Gelände ist gefragt! Turbulentes Wetter, die anhaltende Altschneeproblematik und die ungewöhnlich lange andauernde Lawinenzeit spitzen die Situation weiter zu:
20. Februar 2026: Anhaltende Lawinenzeit! Zwei tödliche Lawinenunfälle! Spontane Lawinen und Fernauslösungen! Lawinenabgang auf die B198 bei Stockach! Weitere schwerwiegende Unfälle am 20. Februar 2026!
Mit Neuschnee und Wind samt einer verbreitet sehr störanfälligen Schneedecke herrscht aktuell in weiten Teilen des Landes große Lawinengefahr vom Waldgrenzbereich aufwärts. Für Wintersportler:innen bleibt die Lawinensituation sehr gefährlich. An vielen Stellen lassen sich sehr leicht Schneebrettlawinen auslösen. Mitunter sind spontane Lawinen zu erwarten. Fernauslösungen stellen eine ernst zu nehmende Gefährdung dar.
„Brutal angespannt momentan!“ Viel eindrücklicher lässt sich diese Rückmeldung eines Bergführers aus den Tuxer Alpen wohl nicht beschreiben. Dazu passend ist auch die rekordverdächtige Anzahl von 33 Lawinenereignisse die bei der Leitstelle Tirol gemeldete wurden.
24. Februar 2026: Vorsicht – gefährliches Altschneeprobelm!
Während sich die Zeit hoher spontaner Aktivität von trockenen Schneebrettlawinen zu Ende neigt, bleibt eine unfallträchtige Lawinenzeit für Wintersportler:innen.
An vielen Stellen können einzelne Personen Schwachschichten im Altschnee stören und mittelgroße bis große Schneebrettlawinen auslösen. Gefahrenstellen sind nicht zu erkennen, sie sind besonders an West-, Nord- und Osthängen oberhalb 1800 m anzutreffen. Große Vorsicht und Zurückhaltung empfohlen:
- Touren auf mäßig steiles Gelände (<30°) beschränken.
- Abstände zu großen Steilhängen einhalten (Fernauslösungen möglich).
Allmählich geht nun die Lawinengefahr zurück, aber das heimtückische Altschneeproblem begleitet uns dennoch weiter.
Fazit
Liest man den Lawinenreport und die Blogbeiträge aufmerksam und gewissenhaft durch, ist zum heuer omnipräsenten Altschneeproblem auch schon alles gesagt: Da es für uns Wintersportler:innen von außen nicht zu erkennen ist, meiden wir jene Bereiche (Höhe und Exposition), die im lawinen.report (oder im Blog) beschrieben werden und üben uns bei der Tourenplanung in großer Zurückhaltung!
An dieser Stelle und am Ende dieses Blog-Sammelsuriums ein dickes Dankeschön an alle Lawinenwarndienste in Österreich für die sehr guten Lawinenreporte. Und im speziellen ein noch dickeres Dankeschön an das Team des LWD Tirol für die super aufbereiteten und extrem wertvollen Blogbeiträge. Ein weiteres Dankeschön geht an das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) mit dessen Daten eine fundierte Basis bieten: DANKE!
Fakten

„Mit Stand 25. Februar 2026 sind in Österreich seit Beginn der Wintersaison 26 Menschen bei Lawinenunfällen im Rahmen des Bergsports ums Leben gekommen. Damit liegt die Zahl bereits jetzt deutlich über dem 10-Jahre-Mittel von 16 Lawinentoten pro Winter (bis zum 24. Februar sterben durchschnittlich 11 Menschen bei Lawinenunfällen).“ (ÖKAS).
Besonders auffällig ist die Anzahl der Lawinentoten innerhalb weniger Tage: Vom 15. bis 24. Februar 2026 verunfallten 14 Menschen tödlich.
