bergundsteigen #118 cover
Magazin Abo
Schneebrettlawine-mit-grosser-Bruchausbreitung-hoepperger
21. Feb 2022 - 6 min Lesezeit

Wann wird der Altschnee zum Altschneeproblem?

Immer wieder wird von einem Altschneeproblem berichtet, aber was das genau heißt, kann verwirrend sein. Hier folgen Beispiele, Begriffserklärung und Definition eines Phänomens, das uns oft über den ganzen Winter begleitet.

Vorweg sollte man wissen, dass ein Lawinenproblem (Alt,- Neu-, Trieb,- Nass, & Gleitschneeproblem) kein Gefahrenmuster ist, sondern aus verschiedenen Gefahrenmuster bestehen kann. Ein Lawinenproblem umschreibt die Art der Lawine und deren Mechanismen, ein Gefahrenmuster hingegen die verantwortlichen Schwachschichten und deren Prozesse.

Auch sollte man wissen, dass der Begriff „Altschnee“ kein Problem beschreibt, sondern jenen Schnee, der ein paar Tage alt ist und weder durch Niederschlag, Windeinfluss oder Schmelzprozessen beeinflusst wurde. Seine Kornform in Altschnee kann vom kleinen, runden Korn bis hin zum Becherkristall reichen und sagt nichts über eine Gefahr aus.

Nicht selten wird unter einem Altschneeproblem nur eine am Boden befindende Schwachschicht aus Schwimmschnee (Becherkristallen) verstanden. Der Begriff „Altschneeproblem“ ist allerdings um einiges umfangreicher. Er beinhaltet nicht nur mehrere Gefahrenmuster und Schwachschichten, sondern beschreibt auch das Alter des Schnees und den Lawinenmechanismus. Auch das Handling eines Altschneeproblems ist bekanntlich schwierig. Die Bruchausbreitung spielt dabei eine große Rolle, denn wird ein sogenannter „Hotspot“ erwischt und ein Bruch initiiert, kann er sich über weite Distanzen ausbreiten. Grund dafür sind die flächig vorhandenen Schwachschichten. Zudem können Lawinen auch im flachen Gelände ausgelöst werden.

Frühwinterliches bodennahes Altschneeproblem (Foto: Stefanie Höpperger)

Bei einem Altschneeproblem entstehen Schwachschichten innerhalb der Schneedecke, oder an der Schneeoberfläche. Sie können den ganzen Winter über aufs Neue gebildet werden. Es handelt sich dabei also nicht um Schwachschichten, die zum Beispiel durch eine wechselnde Windstärke in den Neuschneeschichten entstehen, oder Schwachschichten aus Graupel, sondern um Schwachschichten, die durch Schneeprozesse (Metamorphose) zustande kommen.

Altschneeproblem und GM 1 (Bodennahe Schwachschicht)

Den ersten Startschuss für ein Altschneeproblem bilden oft frühe Schneefälle im Herbst und Frühwinter. Darauf folgt für gewöhnlich eine Hochdruckwetterlage mit Sonnenschein und klaren Nächten. Während in milden Schönwetterphasen steile Sonnenhänge wieder ausapern, bleibt in Schattenhängen sowie in der Höhe, der Schnee liegen und fängt mit den Umwandlungsprozessen an. Vor allem an windgeschützten Hängen, wo keine direkte Sonneneinstrahlung hin kommt, kann die Schneedecke gut abstrahlen und auskühlen. Die aufbauende Umwandlung fängt an zu werkeln. Je nach Schneehöhe entstehen an der Schneeoberfläche oder in der gesamten Schneedecke kantige Kristalle, bis hin zu Becherkristallen (Schwimmschnee) im fortschreitenden Stadium. Schneit es dann darauf, ist bereits das erste Altschneeproblem durch das Gefahrenmuster 1 (bodennahe Schwachschicht) vorhanden. Es kann uns den ganzen Winter über begleiten, insbesondere wenn eine gering mächtige Schneedecke vorherrscht. Ist das der Fall, wird zugleich auch das Gefahrenmuster 7 (schneearm neben schneereich) präsent. An schneearmen Stellen kann durch einzelne Wintersportler ein Bruch initiiert werden, da sich die Schwachschicht in einer noch störbaren Tiefe befindet (ca. bis zu einem Meter). An schneereichen Stellen reicht die Eindringtiefe dagegen nicht aus um Schwachschicht zu stören.

Schneereiche Winter sind also von Vorteil! Denn: je tiefer die Schwachschicht sich in der Schneedecke befindet, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, einen Bruch zu initiieren. In so einem Fall können bodennahe Schwachschichten den ganzen Winter nur wenig bis gar kein Problem darstellen. Im Frühjahr ist allergings wieder Vorsicht geboten, denn wenn die erste komplette Durchfeuchtung der Schneedecke stattfindet, können die noch vorhandenen Schwachschichten durch den Wassereintrag auf ein Neues aktiviert werden und teilweise zu sehr großen Lawinenabgängen führen.

Am besten wäre, wenn sich ein bodennahes Altschneeproblems aus Schwimmschnee oder kantigen kristallen mit der Zeit wieder stabilisiert. Dies geschieht primär in tieferen Lagen durch Regeneintrag, Wärme und/oder regelmäßige Niederschläge mit geringen Temperaturschwankungen – alles Prozesse, die die abbauende Umwandlung in Gang setzen. Der Altschnee stellt dann kein Problem mehr dar.

Altschneeproblem und GM 4 und 5

In allen anderen Wintermonaten kann sich immer wieder von Neuem ein Altschneeproblem bilden. Aufbauende Umwandlung heißt nicht immer nur Tiefenreif am Boden: In Schönwetterphasen mit kalten Temperaturen und klaren Nächten, bilden sich kantige Kristalle an der Schneeoberfläche. Werden sie in Folge vom Neu- oder Treibschnee überlagert, handelt es sich um das Gefahrenmuster 5 (Schnee nach langer Kälteperiode). Auch im Hochwinter, wenn eine gering mächtige Schneedecke vorherrscht, kann sich dann die gesamte Schneedecke aufbauend umwandeln, oder Schwachschichten am Boden gebildet werden (Bodenstrom), was wiederum zu einem GM1 (bodennahe Schwachschicht) führt.

Auch das Gefahrenmuster 4 (kalt auf warm, warm auf kalt) kann bei einem Altschneeproblem auftreten. Der einzige Unterschied ist, dass sich kantige Kristalle nicht an der Schneeoberfläche sondern in der Schneedecke bilden, primär ober- oder unterhalb von Krusten (Krustensandwich).

Schwachschicht aus kantigen Kristallen mitten in der Schneedecke (Foto: Stefanie Höpperger)

Altschneeproblem und GM 8 (Oberflächenreif)

Der Prozess der Deposition, wodurch Oberflächenreif (Gefahrenmuster 8) entsteht, kann auch eine Rolle spielen. Er stellt, wenn er eingeschneit oder überdeckt wird, ein Altschneeproblem dar. Oberflächenreif wird meist über mehrere Tage gebildet, ohne Wind auch nicht beeinflusst und wenn durch Sonneneinstrahlung und Wärmeeintrag kein Schmelzprozess stattfindet, als Altschnee bezeichnet. Sofern er sich noch an der Schneeoberfläche befindet, stellt er kein Problem dar.

Altschneeproblem und GM 7

Das Gefahrenmuster 7 (schneearm neben schneereich) tritt in der Regel mit den oben genannten Gefahrenmustern Gefahrenmustern gekoppelt auf.

Achtung: Im Gelände nicht erkennbar!

Noch zu erwähnen ist der Lawinenmechanismus. Bei einem Altschneeproblem handelt es sich immer um Schneebrettlawinen. Für eine solche sind drei Zutaten notwendig: Eine ausgeprägte Schwachschicht, ein darüber lagerndes Brett aus gebundenen Schnee und eine ausreichende Steilheit für einen Lawinenabgang. Hauptsächlich wird ein Bruch durch eine Zusatzlast (z.B. Wintersportler) initiiert, spontane Lawinenabgänge treten dennoch immer wieder auf.

Wie man sieht, kann ein Altschneeproblem in verschiedenen Situationen und durch verschiedene Prozesse auftreten, sowie mehrere Gefahrenmuster gekoppelt beinhalten. Es kann den gesamten Winter über immer wieder aufs Neue überall in der Schneedecke entstehen, zu Bruchausbreitungen über weite Distanzen führen und ist oft für große Lawinenabgänge verantwortlich.

Das Handling gestaltet sich als relativ schwierig, denn die Gefahr kann optisch im Gelände nicht erkannt werden. Eventuell können Setzungsgeräusche, Rissbildungen oder frische Lawinenabgänge wahrgenommen und beobachtet werden. Um welche Schwachschicht es sich handelt und wo in der Schneedecke sie sich befindet, bekommt man aber höchstens bei einem Schneeprofil zu sehen. Wenn man Schwachschichten, bevor sie überdeckt wurden, an der Schneeoberfläche gesehen und wahrgenommen hat, sie dann bei besten Pulvertraum immer noch am Schirm hat und zudem das richtige Risikomanagement betreibt, ist das klar von Vorteil. Nur können viele mit einer nicht wahrnehmbaren Gefahr wenig anfangen und lassen sich von der scheinbar sicheren Pulverabfahrt verleiten.

Tipps zum Handling des Altschneeproblems

  • Den Text des Lageberichts/Bulletins lesen (egal was für eine Gefahrenstufe ist!), dort wird über ein vorhandenes Altschneeproblem berichtet und das Problem auch recht genau in einem gewissen Höhenband und Exposition eingegrenzt.
  • Die angegebenen Bereiche so gut es geht meiden! Bereits bei der Tourenplanung mit Exposition und Hangsteilheit spielen, um Gefahrenstellen zu umgehen.
  • Achtet zudem auf Geländefallen und Übergängen von wenig auf viel Schnee. In Regionen ohne zuverlässigen Lagebericht erfordert das Handling eines Altschneeproblems viel Erfahrung und grundsätzlich eine sehr defensive Herangehensweise.

Dieser Beitrag wurde zuerst auf powderguide.com veröffentlicht.