5 Typische Gefahrensituationen im Hochgebirge während Sommersaison
1. Steinschlag
Was?
Kleine Felsabbrüche (V < 100 m³) wie Steinschlag, die punktuell in zufälligen Bereichen oder häufig in bestimmten Sektoren auftreten, z. B. im Goûter-Couloir auf der Normalroute des Mont-Blanc.

Wo?
Hauptsächlich in Rinnen oder Verschneidungen, in denen die Erosionsprozesse konzentriert sind. Auslösung in Bereichen mit besonders zerklüftetem Gestein, die vor Kurzem schnee- oder eisfrei wurden, wie z. B. der Gipfelbereich des Matterhorns nach der Ausaperung.

Wann?
Saisonale Skala
Destabilisierung von Felsen treten den ganzen Sommer über auf mit Perioden erhöhter Häufigkeit:
- Saisonbeginn. Schneeschmelze, Auftauen des Geländes und nach starken Niederschlägen.
- Wenn viel flüssiges Wasser vorhanden ist. Begünstigt Instabilitäten.
- Anfang und Ende der Saison. Tägliche intensive Frost- Tau-Zyklen.
- Hitzeperioden. Beschleunigte Schnee- und Gletscherschmelze sowie Auftauen von Permafrost.
- Saisonende. Größere Instabilitäten aufgrund des tiefgreifenden Auftauens des Permafrostbodens.
Tagesskala
Die Destabilisierung von Felsen nimmt in den heißesten Stunden des Tages zu, insbesondere wenn der Hang der Sonnenstrahlung ausgesetzt ist:
- Kritischer Schwellenwert. Beginn der Steinschlagaktivität, wenn die Lufttemperatur über 0°C steigt. Die höchste Frequenz wird 1–3 Stunden nach der Tageshöchsttemperatur erreicht.
- Reduktion. Die Frequenz sinkt, wenn die Temperatur wieder unter 0°C fällt.
- Minimaler Zeitpunkt. Die Steinschlagaktivität ist kurz nach dem Erreichen der minimalen Tagestemperatur am geringsten.

Warum?
Das Abfließen von Wasser an der Oberfläche führt zu mechanischen Destabilisierungen. Flüssiges Wasser erhöht den hydraulischen Druck in den Rissen und begünstigt den Abbau des Permafrosts. Frost-Tau-Zyklen erzeugen beim Gefrieren einen erhöhten Druck in den Rissen, was zu einem Zerbrechen des Gesteins führt. In frisch ausgeaperten Zonen folgt das lose Material der Schwerkraft.
Risikomanagement
Hinweise im Gelände
Knacken/Knirschen der Felswand, Kies/Sand bröselt aus den Rissen, abnormaler Wasserabfluss in Rissen oder Wasseraustritt am Wandfuß, allmähliche oder plötzliche Öffnung von Rissen, Zunahme der Häufigkeit von Steinschlag in klassisch verschonten Gebieten. Erste Hitzewelle im späten Frühjahr. Starke Erwärmung nach Schneefällen.
Verhaltenstipps
Betroffene Gebiete meiden, Zeitpläne anpassen, auf die Wassermenge im Gelände achten.

2. Felssturz
Was?
Dabei handelt es sich um den gleichzeitigen Abbruch großer Felsmassen, bei dem Volumen von mehr als 100 m³ mobilisiert und Geschwindigkeiten von mehr als 40 m/s (145 km/h) erreicht werden. Die bewegten Materialien interagieren intensiv miteinander, wobei sie Gesteinsmehl produzieren oder, je nach Kinetik, teilweise schmelzen.
Diese Abbrüche können sich selbst bei geringer Hangneigung über mehrere Kilometer erstrecken. In den Bergen können die angesammelten Gesteinsmassen Dämme in Bächen und Flüssen bilden, was die Gefahr von Murgängen erhöht, die das Material mit sich führen und große Schäden anrichten können.
Wo?
Die meisten Abbrüche konzentrieren sich auf Gebiete mit stark zerklüftetem Fels, auf Hänge von 40° bis 60° und auf Höhen zwischen 3000 und 4000 m mit einem durchschnittlichen Auftreten in 3320 m Höhe. Mit dem Klimawandel treten diese Phänomene in immer höheren Lagen auf, besonders ausgeprägt in heißen Jahren und Hitzeperioden.
Die Nordhänge werden von Sommer zu Sommer empfindlicher. Im Gegensatz zu den Südhängen, wo hohe Temperaturen bereits zu einer stetigen Degradation des Permafrosts geführt haben, werden in Nordhängen nun noch nie dagewesene Temperaturen erreicht, was zum Schmelzen von altem Eis und zur Freisetzung von bislang stabilisiertem Material führt.
Wann?
Die Destabilisierung kleinerer Felsvolumen (Busgröße) kann den ganzen Sommer über auftreten, wobei sie während der Hitzeperioden häufiger vorkommt. Seltenere Ereignisse größeren Ausmaßes (Größe eines Hochhauses) ereignen sich meist im Spätsommer oder Herbst, wenn die sommerliche Hitzewelle den Permafrost in der Tiefe abgebaut hat.
Abbrüche werden auch während oder nach flüssigen Niederschlägen ausgelöst, da das Eindringen von Wasser in die Risse den Abbau des Permafrosts beschleunigt. Je weiter man sich vom Hochsommer entfernt, desto seltener treten diese Ereignisse auf, aber ihr Ausmaß nimmt zu. Beispiel: Piz Scerscen, 14.4.24, V > 1 Million m³.

Warum?
Die meisten Felsstürze werden durch das Tauen von Permafrost verursacht. Vor allem während Hitzeperioden im Sommer verliert das Eis in den Felsspalten an Festigkeit oder schmilzt sogar vollständig. Dies führt zur Destabilisierung von Felspartien die vom Eis zusammengehalten wurden.
Risikomanagement
Hinweise im Gelände
- Knacken oder Knirschen, das von Felswänden ausgeht.
- Kies oder Sand tritt aus den Rissen.
- Abnormaler Wasseraustritt aus Ritzen (Geräusche ähnlich einem „Magengeräusch“) und Wasseraustritt am Wandfuß.
- Allmähliches oder plötzliches Öffnen von Rissen.
- Zunahme von Steinschlag in sonst stabilen Gebieten.
Verhaltenstipps
- Meiden Sie während und nach Hitzeperioden diese Bereiche.
- Bevorzugen Sie den Besuch der von der Permafrostdegradation betroffenen Gebiete zu Beginn der Sommersaison vor den großen Hitzewellen.
3. Erosion von Moränen

Was?
Durch den Rückzug der Gletscher werden die Moränen freigelegt und erodieren, was zu Steinschlag, Schuttströmen (kleine Murgänge) und Erdrutschen führt. Anfänglich führt diese Erosion dazu, dass die Moränen steiler werden (Neigungen bis zu 60°–70°). Nach mehreren Jahrzehnten erreichen sie jedoch ein Gleichgewicht mit Neigungen von 35° und werden langsam von Vegetation bedeckt.
Wo?
Die Phänomene treten bereits im Gletschervorfeld auf und können bis hinauf zur Gletschergleichgewichtslinie (ca. 3000 m ü. d. M.) reichen, die die Grenze zwischen dem im Sommer schneebedeckten oberen Teil und dem unteren Teil aus Eis markiert. Beispiele: Aufstieg zur Dent-Blanche-Hütte, Monte-Rosa-Hütte u. a.

Wann?
Saisonale Skala
- Frühling. Während der Schneeschmelze oder während der häufigsten und intensivsten Frost-Tau-Wechsel.
- Nach flüssigem Niederschlag. Bis zu ein oder zwei Tage nach starken Regenfällen, wie sie bei Gewittern vorkommen.
- Allgemein. Wenn die Menge an flüssigem Wasser im Boden am größten ist.
Tagesskala
- Tagestauwetter. Wenn die Moräne im Laufe des Tages auftaut, je nach Ausrichtung.
- Bergsteiger. Die losen Moränen werden von Bergsteigern leicht destabilisiert, was zu Stein- und Blockschlag führen kann.
Warum?
Moränen sind anfangs sehr lose und erodieren schnell, sobald sie durch den Rückzug des Gletschers freigelegt werden.
- Wasserabfluss. Oberflächenwasser kann mechanisch Steinschlag und Schuttströme verursachen.
- Herkunft des flüssigen Wassers. Es entsteht durch das Schmelzen der Schneedecke oder durch Niederschläge und erhöht das Risiko von Erdrutschen.
- Frost-Tau-Zyklen. Fördern die Lockerung und das Herabfallen von Felsblöcken.
Risikomanagement
Hinweise im Gelände
- Eine steile, von Rinnen durchzogene Moräne deutet auf eine fortschreitende Erosion hin.
- Vorhandensein von Ablagerungen von Erdrutschen, Schuttströmen oder Steinschlag am Fuß der Moräne.
Verhaltenstipps
- Meiden Sie steile oder von Rinnen durchzogene Moränen, vor allem während der Schneeschmelze im Frühling oder nach Regenfällen.
- Gehen Sie nicht auf den Kämmen oder am Fuß erodierender Moränen.
- Kartierte Routen, die über Moränen führen, seien es Bergsteigerrouten oder Hüttenzugänge, sind möglicherweise nicht mehr sicher und sollten mit Vorsicht begangen werden.

4. Schnee- & Gletscherschmelze
Was?
Die ehemals schneebedeckten Eismassen apern immer früher aus, werden steiler und sind Steinschlägen aus Gebieten, die vor kurzer Zeit eisfrei wurden, ausgesetzt. Die Bergschründe sind offen und Spalten können sich schnell öffnen und manchmal eine ganze Wand durchziehen, wie im oberen Teil der Nordwand der Pointes du Mourti beobachtet wurde.
Massive Destabilisierungen von Wandgletschern konnten in den Alpen bereits beobachtet werden, in den kommenden Sommern konnten ähnliche Ereignisse wie am Marmolada- Gletscher (Dolomiten) eintreten. Beispiele: Nordwand des Obergabelhorns, Nordwand der Lenzspitze, Nordwand der Pointes du Mourti.

Wo?
Hauptsächlich an Hängen von NW, N, NE. Oberhalb von 3100 m. Die meisten Hänge haben eine Neigung zwischen 53° und 65°, die steilsten sogar bis zu 80°.
Wann?
- Während oder nach Hitzeperioden.
- Am Ende der Sommersaison
- Sehr starke Niederschläge können ebenfalls eine Rolle spielen, indem sie in Spalten zwischen den Seracs an der Basis der Gletscher- und Schneedecken einsickern und so den Druck im Inneren des Gletschers ansteigen lassen.
Warum?
Steigende Temperaturen führen dazu, dass zunächst der Oberflächenschnee und dann das Gletschereis schmilzt. Der Abbau des Permafrosts führt zu einer höheren Temperatur des Gesteins und fördert so das basale Schmelzen.
Risikomanagement
Hinweise im Gelände
- Felsaufschlüsse in Firn- und Eiswänden.
- Spuren von Steinschlag auf dem Schnee, Firn oder Eis sowie auch am Wandfuß.
- Wasser fließt mit großer Geschwindigkeit an der Basis eines Wandgletschers ab.
- Eine große Spalte, die sich sehr schnell an einer neuen Stelle geöffnet hat oder auch Vergrößerung einer bereits bestehenden Gletscherspalte.

Verhaltenstipps
- Begehen Sie Routen, die über steilere Gletscher und Firnfelder führen vor allem zu Beginn der Saison, wenn die Ausaperung noch nicht fortgeschritten ist.
- Vermeiden Sie Hitzeperioden.
- Behalten Sie ein kritisches Auge gegenüber den Schwierigkeitsangaben in der Führerliteratur.
- Seien Sie sich bewusst, dass es sich um ein sehr dynamisches Umfeld handelt, das sich von Jahr zu Jahr oder sogar während der Saison ändert.
Gletscher, Firnfelder und Hängegletscher sind trotz ihrer geringen Größe in den Landschaften der alpinen Hochgebirge allgegenwärtig, doch in den letzten Jahren ist ihre Fläche stark zurückgegangen. In einigen Fällen kann ihr Verschwinden abrupt erfolgen, wenn sich der Gletscher spontan von der Wand löst. Ravanel (2021) schlägt vor, die Gletscher, die die Hochgebirgswände bedecken, in drei verschiedene Kategorien zu unterteilen:
Bewegliche Hanggletscher
Der bewegliche Hanggletscher bewegt sich – er fließt durch die Schwerkraft – und speist einen Kar- oder Talgletscher. Er fließt an einer Wand entlang und verbindet einen Kar- oder Talgletscher.
Die Hängegletscher
Hängegletscher sind voluminös genug, um an der Wand entlangzufließen. Sie sind durch eine ausgeprägte Front von Seracs gekennzeichnet, die das Ende der Struktur markiert. Sie sind nicht mit einem Kar- oder Talgletscher verbunden.

Firnfelder
Dabei handelt es sich um Eis-Schnee-Decken, die nicht dick genug sind, um an den Wänden entlangzufließen. Sie sind also unbeweglich, wachsen oder schrumpfen durch Akkumulation von Schnee oder durch Abtragung. Sie befinden sich oft an der Oberkante eines Hängegletschers.
5. Schnelles Öffnen von Gletscherspalten und erhöhte Anfälligkeit von Schneebrücken

Was?
An der Oberfläche der Gletscher entstehen neue Spalten und die Stabilität der Schneebrücken nimmt ab.
Wo?
Im Allgemeinen befinden sich Gletscherspalten an den Rändern von Gletschern (seitliche Spalten), oberhalb von Geländeabbrüchen (Querspalten) und an der oberen Grenze des Gletschers (Bergschründe). Schneebrücken gibt es in Bereichen, in denen Schnee auf dem Gletscher liegt (im Sommer über 3100 m Höhe).
Wann?
Saisonale Skala
- Im Verlaufe des Sommers schreitet die Ausaperung der Gletscher voran. Die Spalten werden frei und die Schneebrücken werden dünner.
- Im Frühsommer, während der Schneeschmelze, verlieren die Schneebrücken an Stabilität und Spalten werden sichtbar.
- Das Ausbleiben der nächtlichen Abkühlung verstärkt die Schwächung der Schneebrücken.
- Kritische Periode: während der heißesten Perioden.
Tagesskala
Die Schneebrücken sind am Ende des Tages schwächer, da die Schneedecke durch die Wärme weicher wird.

Warum?
Das Schmelzen eines Gletschers kann zu einer Veränderung seiner Morphologie und zur Bildung neuer Gletscherspalten führen. Weniger Schnee auf der Gletscheroberfläche bedeutet, dass die Spalten weniger vom Schnee aufgefüllt werden und die Schneebrücken dünner und damit instabiler werden.
Risikomanagement
Hinweise im Gelände
Es ist nicht immer möglich, Schneebrücken zu erkennen. In manchen Fällen kann man eine leichte Vertiefung oder einen Unterschied in der Farbe oder Textur des Schnees erkennen.
Verhaltenstipps
Vorsicht während Hitzeperioden oder Zeiträumen ohne nächtliche Abstrahlung, Vermeidung von Bereichen mit konvexer Gletscheroberfläche.
- Windeffekt. Wind parallel zu einer Spalte fördert deren Auffüllung, Wind quer zur Spalte begünstigt die Bildung einer Schneebrücke.
- Spontane Brüche. Schneebrückenbrüche sind selten.
- Tiefe der Gletscherspalten. Gewöhnlich bis zu 30 m, unter bestimmten Bedingungen aber auch bis zu 50 m.
- Isolierte Gletscherspalten. Tiefer als in Spaltenzonen.
- Ablations- und Akkumulationszonen. In Ablationszonen begünstigt die geringere Eisdichte tiefe Gletscherspalten. Im Akkumulationsgebiet begrenzt das dichtere Eis die Tiefe der Spalten.
- Eisverformung. Je kälter das Eis ist, desto weniger Verformung toleriert es, was die Bildung von Spalten begünstigt. Umgekehrt ist temperiertes Eis verformbarer, ohne zu brechen.
- Spaltenöffnung. Entstehende Gletscherspalten, oft an konvexen Hängen, erhöhen das Risiko, dass Schneebrücken brechen.
- Ausbreitung von Gletscherspalten. Sie öffnen sich in einer Tiefe von 15 bis 30 m, bevor sie die Oberfläche erreichen.
Hinweis: Dieser Text basiert auf dem Nachschlagewerk „Typische Gefahrensituationen im Sommer im alpinen Hochgebirge“, das von Jacques Mourey, Mathis Arnaud und Xavier Cailhol im Rahmen des Programms „Regard d’Altitude“ verfasst wurde, das vom „Pôle Alpin des Risques Naturels“ und dem „Syndicat National des guides de montagne“ geleitet wird. Der Text wurde mit Beispielen aus den Schweizer Alpen ergänzt.