Berge im Krieg: Unterwegs in den ukrainischen Karpaten
Es stürmt. Je weiter wir uns dem Gipfel nähern, desto mehr orgelt, braust und pfeift der Wind. Der Petros, den wir heute besteigen wollen, ist der nördlichste und durch seine Position etwas abseits der Hauptkette der am meisten exponierte der (je nach Zählweise) sechs ukrainischen Zweitausender.
Eine Unterhaltung ist nur schwer möglich – aber ums Ratschen geht es uns auch gar nicht. Unterhalten und kennengelernt haben wir uns schon während des Anmarschs im Tal, jetzt wollen wir – Katya, Oleksii, Hund Athena und ich – endlich den Gipfel einsacken.
Dass es oben solche Verhältnisse hat, war nicht absehbar – erst als wir uns dem rund 1500 Meter hohen Rücken nähern, der den Petros vom höchsten Berg der Ukraine, der 2067 Meter hohen Howerla, trennt, fegt es uns fast vom Kamm. Endlich am 2020 Meter hohen Gipfel angekommen, flüchten wir uns in die kleine Gipfelhütte und genießen erst einmal einen heißen Tee aus der Thermoskanne.
Januar in den Karpaten

Es ist Januar in den ukrainischen Karpaten. Einen Tag vorher war ich in Dragobrat, einem der größten ukrainischen Skigebiete. Dort herrschte Hochsaison – trotz des Krieges. Lachende Familien, scherzende Teenager, Après-Ski und Halligalli wie in jedem Alpen-Skigebiet auch.
Ein Snowboard rutscht die Straße hinunter, unter Gelächter versucht es der Besitzer einzufangen. Daneben ein Gespann mit Huzulenpferden, nicht weit entfernt flitzen mit Touristen beladene Quads durch den Wald. Die Pistenverhältnisse sind allerdings prekär. „Mut zum Skifahren” lautet das Motto – denn die Sicht ist gleich Null und der Untergrund changiert zwischen steinhart und windverpresst. Nur mit großer Mühe ist es mir möglich, entlang der Trasse eines aufgrund des Sturms geschlossenen Lifts zum 1763 Meter hohen Zhandarm aufzusteigen. Oder, frei nach Ambros: „Da Berg, I muass eam untakriagn!”
Die Berge waren schon immer ein Ort, wo man sich verstecken kann.


Warum bin ich eigentlich hier? Nun, ich brauche einige Tage Urlaub, Urlaub und Entspannung vom Hilfseinsatz. Ich bin das fünfte Mal seit Sommer 2024 in der Ukraine und das dritte Mal in den ukrainischen Karpaten. Hier kann einem der Krieg und alles, was damit zusammenhängt, mal den Buckel runterrutschen. Ich bin hier sicher nicht der einzige, der das so sieht. Nicht alle Ukrainer im wehrfähigen Alter rennen der Armee mit Hurra in die Arme.
Wie, so fragt man sich zwangsläufig, wäre es in Deutschland oder Österreich, wenn ein feindlich gesinntes Land eine Invasion startet (oder es zumindest versucht)? Die Berge – egal ob Alpen oder Karpaten – waren immer schon ein Ort, wo man sich gut verstecken kann.
Erst recht im Krieg: Rückzug in die Berge
Zwar ist auch die den ukrainischen Karpaten nächstgelegene Großstadt Ivano-Frankivsk nicht vor russischen Angriffen sicher, dass sich jedoch eine Rakete oder Drohne bis in den Bergort Yasinia verirrt, dem Ausgangspunkt für die Besteigung des Petros, kam bisher noch nicht vor. Ein sehenswertes Huzulen-Museum gibt es hier, Läden, Restaurants und Unterkünfte. Die Huzulen sind die Ureinwohner hier und haben sich viele ihrer Traditionen bewahrt. Unter den Unterkünften befindet sich auch ein Gemütlich Haus. Ich muss schmunzeln. Weniger zum Lachen ist die Tatsache, dass der internationale Tourismus aus nachvollziehbaren Gründen quasi brach liegt. „Vor dem Krieg hatten wir ab und zu internationale Gäste”, erinnert sich Oleksii. „Du bist jetzt der erste seit mehreren Jahren.”
Von Lviv, wo ich erneut Tarnnetze für die ukrainische Armee geflochten und die NGO Ptaha, eine Hilfsorganisation, die sich um die Erstversorgung von Binnenflüchtlingen mit körperlichen Einschränkungen kümmert, mit Spenden unterstützt habe, bin ich in rund fünfeinhalb Stunden mit dem Zug nach Yasinia gefahren. Kurz vor der Ankunft habe ich nach ukrainischen Guides gegoogelt und bin auf Oleksii und Katya gestoßen, die mich für überschaubares Geld auf den Petros führen. Ich hätte es mir – Hand aufs Herz – alleine zugetraut, mir war aber der Kontakt zu den Menschen vor Ort wichtig – und vor allem die Gespräche. Schließlich dreht sich in Lviv und Umgebung vieles um den Krieg und seine Auswirkungen, dazu kommen zahlreiche Luftalarme, die einem zum Glück per App direkt auf das Smartphone-Display „serviert” werden.

Es ist nicht erst die Besteigung des Petros, die meine Begeisterung für die Karpaten geweckt hat. Ich habe die ukrainischen Karpaten im Sommer 2024 bereits mit dem Gravelbike durchquert, im Januar 2025 habe ich den Waldkarpaten nördlich von Uzhhorod mit den Trailrunningschuhen einen Besuch abgestattet. Die Berge sind mächtiger und wirken unnahbarer als viele Alpenberge derselben Höhe. Es ist schön zu sehen, dass die ukrainische Trailrunning- und Skimo-Szene trotz des Krieges quicklebendig ist (oder sich zumindest wenig anmerken lässt, was typisch ukrainisch ist. Groß herumgejammert wird nicht, es wird das Beste aus der Situation gemacht). Außerdem habe ich mit Katya und Oleksii nun zwei Anlaufstellen in den ukrainischen Bergen. Bei der Abreise im Januar verspreche ich Ihnen, so bald wie möglich wiederzukommen.
Typisch ukrainisch: Groß gejammert wird hier nicht.
Ein Besuch in Yaremche: Entspannen nach dem Hilfseinsatz
Ein halbes Jahr später ist es schon so weit: Ich sitze in meinem Auto auf dem Weg nach Yaremche, einem der Einfallstore in die ukrainischen Karpaten. Katya lebt hier mit ihrem Freund Taras. Auch diesmal möchte ich nach einem recht anstrengenden Hilfseinsatz in den Bergen entspannen. Ich war in Lviv und Brody im Rahmen mehrerer Hilfsprojekte tätig. Brody ist eine Kleinstadt und mit Wolfratshausen, das in meinem Heimatlandkreis liegt, befreundet.
Ohne viel nachzudenken schlage ich Katya vor, doch die Howerla zu besteigen – jetzt, in der Hochsaison. Die Idee stößt nicht sofort auf Gegenliebe. Zugegen, ich wäre ebenfalls nicht begeistert, wenn der ausländische Besuch ausgerechnet die Zugspitze als erstes besteigen wollen würde. Allerdings möchte Katyas Vater Grigorij ebenfalls auf die Howerla und so beschließt Katya, tags drauf um fünf Uhr aufzubrechen. Noch ist mir nicht klar, warum man für einen mutmaßlich harmlosen Zweitausender so früh starten sollte. Doch tatsächlich sitzen wir um halb sechs im Auto und ich bin gespannt, was uns erwartet.
Eine Buckelpiste zum Basecamp

Bei wenig Verkehr folgen wir zunächst der gut ausgebauten N-09 Richtung Süden. Sie ist eine der Haupt-Transitrouten durch die ukrainischen Karpaten und führt an die rumänische Grenze. Auch die R-24, auf die wir in Tatariv abbiegen, ist noch gut in Schuss. Dann wird es ernst. Ich weiß nicht, ob mich meine Begleiter aus Jux nicht vorgewarnt haben, um die Fahrkünste eines Deutschen in seinem nicht sonderlich geländegängigen VW Touran zu testen, doch das, was sich nach etwa vier Kilometern leidlich gut in Schuss gehaltener Teerstraße auftut, würde in den Alpen – und das meine ich durchaus ernst – jeden Hüttenwirt in einem Allrad-Jeep zum Schwitzen bringen. Der breite, aber übelst ausgewaschene und mit zum Teil groben Blöcken gewürzte Fahrweg hinauf zum knapp 1300 Meter hoch gelegenen Ausgangspunkt der Howerla-Besteigung spottet jeder Beschreibung.
Im Tempo einer Straßenkehrmaschine geht es vorwärts. Zu allem Überfluss macht sich Grisha (das ist der Spitzname von Grigorij) noch etwas zu lebhaft Sorgen um mein Auto – vor dessen Robustheit ich am Ende nur den Hut ziehen kann. Erkenntnis am Parkplatz: Die Ukrainer fahren mit deutlich „sportlicheren” Autos rauf als ich mit meinem 13 Jahre alten Touran.
Gegen halb neun sind wir dann startbereit und einige andere auch. Die Vorfreude steigt. Wie der Großglockner in Österreich und die Zugspitze in Deutschland zählt die Howerla zu den Nationalheiligtümern der Ukraine. Erst recht jetzt, wo der russische Aggressor den Nationalstolz geradezu herausfordert. Im Gegensatz zum Glockner und der Zugspitze haben wir hier allerdings „nur” rund 800 Höhenmeter vor uns – aber immerhin. Jedenfalls halten wir uns nicht lange auf und wandern durch ein wildromantisches Bachtal Richtung Gipfel. Nebel wabert durch die Niederungen, es hat am Vorabend gewittert. Tief durchatmen und genießen!
Eine Windschutzmauer entpuppt sich als Verkaufsstand.
Der „Austrampelungsgrad” des Weges lässt erahnen, dass hier später etwas mehr los sein wird. Zahlreiche Schilder mahnen und erinnern nicht ganz so bergaffine Besucher an die Gefahren, die in den Karpaten lauern. Wir sind flott unterwegs, überholen einige andere Frühaufsteher und verlassen bald das Tal der noch jungen Pruth, einem Donau-Zufluss, um über einen Rücken und einen felsigen Steig den Howerla-Vorgipfel zu gewinnen. Der Blick weitet sich, gefühlt endlos ziehen sich die Gipfelketten nach Osten und verlieren sich im Dunst. Bald lädt eine felsige Rückfallkuppe zum Verweilen ein. Der Gipfel selbst entzieht sich dem Blick und versteckt sich noch dazu unter einer Wolkenhaube, so wie es sich für einen prominenten Berg gehört.
Ein Gipfel wie ein Mahnmal

Bei unserem Vierer-Team, neben Katya, Grisha und mir ist ebenfalls Katyas Freundin Olha dabei, ist noch ordentlich Druck im Kessel und wir halten uns nicht lange mit Pausen auf. Nach rund zweieinhalb Stunden erscheint der rund drei Meter hohe Gipfel-Obelisk nebst Gipfelkreuz aus dem Nebel. Gesäumt wird er von zahlreichen ukrainischen Fahnen und Fähnchen, die sich im Wind bewegen, der schließlich auch den Nebel verjagt.
Es ist schon erstaunlich viel los hier oben, denn viele Wege führen zum Gipfel. Was ich zunächst für eine Windschutzmauer zum (Not-)Biwaken halte, entpuppt sich als Verkaufsstand. Schon beim Aufstieg waren mir mehrere schwer bepackte Männer aufgefallen, die nun an den Mann und an die Frau bringen, was ihre Rucksäcke bzw. Kraxen hergeben – und das ist nicht wenig. Cola, Schokolade, Bier. Medaillen am Band in den ukrainischen Nationalfarben, Schnaps und Gebäck.

Ich beobachte, wie sich eine größere Gruppe zu Füßen des prominenten Obelisken sammelt. Wie sich bald herausstellt, sind es Kriegswaisen, also Teenager aus der Umgebung von Zaporizhzhia und ihre Betreuer. Darunter befindet sich auch Denver aus den USA, mit dem ich ins Gespräch komme. Der fünffache Familienvater hat sich mehrere Monate Zeit genommen, um unmittelbar im Kriegsgebiet – Zaporizhzhia liegt nahe der Frontlinie – Dienst am Nächsten zu leisten. Vor seinem Mut kann ich mich hier in der „komfortablen” Westukraine nur den Hut ziehen.
Rummel und Einsamkeit

Nach dem Touristentrubel in Yaremche und an der Howerla ist das Waldbaden ein Heilmittel. Über mehrere Poloninas, wie die Almflächen hier in den Karpaten heißen, schlängelt sich der zum Teil unscheinbare Weg an die steilen, bewaldeten Nordhänge des Yavirnyk heran. In einfacher Kletterei geht es durch mächtige Felsblöcke an den Gipfelaufbau heran und in leichter Kletterei auf diesen selbst. Ein Pärchen posiert vor dem kitschig-schönen Abendhimmel – beide ganz in Weiß. Es ist ein surrealer Anblick, der eher zu einer Großstadt passt als in Berge. Vielleicht gerade deswegen rührt mich die Szene an: das Liebespaar und das Weiß der Kleidung als Zeichen des Friedens in diesem kriegsgebeutelten Land.
Ein Liebespaar in Weiß gekleidet als Zeichen des Friedens in diesem kriegsgebeutelten Land.
Mühsam arbeiten wir uns anschließend den mehrgipfeligen, grobblockigen Kamm nach Osten vor, ehe es hinab geht Richtung Zeltplatz. Und was für ein Platz das ist! Auf rund 1200 Meter Höhe stehen einige Zelte weit voneinander entfernt, dazu kommen ein paar Blockhütten und eine kleine, bewirtschaftete Hütte. Taras holt uns noch ein Bier, wir kochen gemeinsam mit ein paar anderen und genießen den Sonnenuntergang. Anschließend fallen wir hundemüde in die Schlafsäcke.
Dass ich wiederkommen will, ist klar. Schließlich möchte ich die Karpaten auch mal bei besseren Schneeverhältnissen erleben als im vergangenen Januar. Außerdem haben mir Taras und Katya vom Clann of Snow berichtet, ihrer Freeride-Community. Das nächste Karpaten-Abenteuer wartet also schon. Hoffentlich, ja hoffentlich, ist der Krieg dann endlich Vergangenheit.
Anreisen, Unterkommen und wichtiges Know-How

Reisewarnungen
Die Ukraine und damit auch die Westukraine ist Kriegsgebiet. Die Warnhinweise des Bundesministeriums für Inneres (Ö) bzw. Bundesministerium des Innern (D / jew. BMI) sollten beachtet werden. Wie aus dem Text ersichtlich ist jedoch die Gefahr, in den ukrainischen Karpaten einem russischen Angriff ausgeliefert zu sein, sehr gering – zumindest dann, wenn man die größeren Karpaten-Anrainerstädte wie Lviv, Ivano-Frankivsk, Mukacheve und Uzhhorod zügig hinter sich lässt.
Anreise
Die Anreise in die Ukraine ist per Auto i.d.R. problemlos möglich. Wer von Süden (Ungarn/Rumänien) in die Karpaten fährt, muss sich auf längere Wartezeiten und zeitraubende Grenzformalitäten (zwischen eineinhalb und drei Stunden sind einzuplanen) einstellen. Das gleiche gilt für die polnische Grenze. Die Weiterreise ist bis auf einzelne Militärcheckpoints, an denen man als Deutscher bzw. Österreicher nach einem Blick in den Pass und in den Kofferraum normalerweise durchgewunken wird, problemlos. Hauptstraßen sind i.d.R. gut in Schuss, Nebenstraßen können schnell zur Buckelpiste werden. Yasinia und Yaremche können auch per (sehr komfortabler und i.d.R. pünktlicher, darüber hinaus noch sehr günstiger) Bahn erreicht werden – übrigens einer der komfortabelsten Wege, in die Ukraine zu reisen.
Übernachten
Unterkünfte in der Ukraine findet man aktuell am besten auf booking.com oder auf AirBnB. Bestimmte Berghütten können direkt gebucht werden:
- Гірська хатина «Білий Cлон / Bilyi Slon (schön gelegene Unterkunft in der Nähe der Zweitausender Rebra bzw. Smotrich)
- Навчально-спортивна база „Заросляк“ / Zaroslyak (Zweckmäßiges “Basecamp” zur Besteigung der Howerla)
