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14. Okt. 2026 - 8 min Lesezeit

Felssturz an der Zugspitze: „Überraschend war das enorme Ausmaß“

Der Felssturz an der Zugspitze löste Ende September eine Staubwolke aus, die kilometerweit zu sehen war – und schreckte viele Menschen auf. Welche Folgen das Ereignis hat, wie groß die Gefahr weiterer Abbrüche ist und wie man mit alpinen Gefahren zukünftig umgehen kann, erklärt die Geografin und Wissenschaftskommunikatorin Laura Schmidt vom Schneefernerhaus.

Auf der Tiroler Seite der Zugspitze ist es am 22. September zu einem größeren Felsabbruch gekommen. Was genau ist passiert?

Am frühen Morgen haben sich an der Nordwand der Zugspitze in rund 2800 Metern Höhe größere Gesteinsmassen gelöst. Seismische Sensoren registrierten zwei Sturzereignisse: eines um 6:57 Uhr und ein weiteres kurz vor 8 Uhr. Danach gab es noch kleinere Abgänge. Die Abbruchstelle liegt in sehr steilem, unzugänglichem Gelände. Durch die Staubwolke war das Ereignis weithin sichtbar.

Zunächst war von rund 100 Kubikmetern die Rede. Inzwischen wird von einer ganz anderen Größenordnung gesprochen.

Felssturz Zugspitze 2026. Foto: Bergrettung Ehrwald
Felssturz Zugspitze 2026. Foto: Bergrettung Ehrwald

Das ist eine der großen Überraschungen. Mit neuen Drohnenaufnahmen konnten wir die Abbruchstelle sehr genau vermessen. Nach der aktuellen Auswertung kommen wir auf etwa 13.800 Kubikmeter Fels, das entspricht rund 40.000 Tonnen. Die Abbruchfläche umfasst etwa 4000 Quadratmeter und ist rund 80 Grad steil.

Kam der Abbruch überraschend?

Felsstürze lassen sich zeitlich nur schwer exakt vorhersagen. Für uns und die Wissenschaftler:innen am Lehrstuhl für Hangbewegungen der Technischen Universität München, einem unserer Forschungspartner am Schneefernerhaus, kam der Abbruch jedoch nicht völlig unerwartet. Die Kolleg:innen haben auch die Untersuchungen durchgeführt. Überraschend war allerdings das enorme Ausmaß.

Umweltforschungsstation Schneefernerhaus

Schneefernerhaus

Dank der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus gehört die Zugspitze zu den am besten überwachten Bergen der Alpen. Das Schneefernerhaus liegt am Südhang der Zugspitze und wurde aus einem früheren Hotel in eine Forschungsstation umgebaut. Mit 2.650 Metern Höhe ist es Deutschlands höchstgelegene Umweltforschungsstation. Seit 1999 messen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dort unter anderem Treibhausgase, Aerosole, Wetterdaten und Strahlung – und beobachten so Veränderungen durch den Klimawandel. Die Station wird von verschiedenen Forschungseinrichtungen gemeinsam genutzt, darunter die Technische Universität München.

Und was hatten die Untersuchungen ergeben?

Die Abbruchstelle liegt im Randbereich des Permafrosts am Zugspitzmassiv. Das macht den Felssturz wissenschaftlich besonders interessant. Die Kolleg:innen haben direkt in den Abrissbereichen Hinweise auf gefrorenes Material beziehungsweise Eis gefunden. Infrarotaufnahmen der Abbruchnische zeigen zudem sehr niedrige Temperaturen. Eis kann in Klüften und Spalten wie eine Art Kitt wirken und den Fels stabilisieren. Taut es auf, können sich die mechanischen Eigenschaften des Felsverbands verändern.

Die gefrorene Oberfläche hat sich um 40 Prozent verringert.

Laura Schmidt

Welchen Einfluss könnte der außergewöhnlich warme Sommer gehabt haben?

Der Sommer 2026 war nach 2003 der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 100 Jahren. Der Fels reagiert allerdings deutlich langsamer auf die Außentemperatur als die Luft oder die Felsoberfläche. Das bedeutet: Nach einem heißen Sommer, sind die Auswirkungen nicht unmittelbar, sondern manchmal erst nach einigen Wochen, Monaten oder Jahren zu sehen. Und die Messungen im nahe gelegenen Kammstollen zeigen diese verzögerte Reaktion deutlich. Ob dieser Prozess beim aktuellen Felssturz eine Rolle gespielt hat, ist eine wichtige Hypothese, die wir untersuchen.

Wie stark hat sich der Fels an der Zugspitze langfristig erwärmt?

Eine Auswertung von 17 Jahren Messungen zeigt, dass die Felstemperatur über einen Zeitraum von zehn Jahren um ungefähr ein Grad gestiegen ist. Gleichzeitig hat sich die dauerhaft gefrorene Oberfläche in den untersuchten Bereichen um rund 40 Prozent verringert.

Ein Grad klingt zunächst nach wenig. Warum ist das dennoch so relevant?

Weil schon relativ kleine Temperaturänderungen große Auswirkungen auf den Aggregatzustand des Wassers in den Klüften haben können. Der Unterschied zwischen gefrorenem und aufgetautem Wasser ist für die Stabilität des Felsverbands enorm.

Laura Schmidt

Die Diplom-Geographin Laura Christina Schmidt arbeitet in der Wissenschaftskommunikation an der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus unterhalb der Zugspitze. Ihre besondere Expertise liegt an der Schnittstelle von Alpen und Arktis. Sie war unter anderem in Grönland, Spitzbergen und Norwegen als Guide und Expeditionslogistikerin tätig und Teil einer mehrmonatigen Expedition mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ im Arktischen Ozean. 

Eine umfassende Überwachung erscheint sehr aufwändig. Wie soll das zukünftig an der Zugspitze aussehen?

Das Team rund um Michael Krautblatter wird mehrere Laserscanner einsetzen, um die Zugspitz-Nordwand aus einer Entfernung von etwa vier Kilometern erfassen zu können. Damit kann ein großer Abschnitt der Wand regelmäßig und sehr präzise vermessen werden.

Es ist schlicht unmöglich, jeden Berg lückenlos zu überwachen.

Kann daraus ein Frühwarnsystem für Felsstürze entstehen?

Mit dem Begriff Frühwarnsystem müssen wir vorsichtig sein. Einen Felssturz können wir nicht exakt vorhersagen. Das hilft vor allem bei der Risikobewertung und bei der Frage, ob bestimmte Bereiche oder Wege gesperrt werden sollten.

Warum bleibt es bis heute so schwierig, solche Felsstürze trotz Messungen hervorzusagen? Der Bergsturz von Bondo 2017 führte sogar zu einem Strafprozess darüber, ob das Unglück vorhersehbar war – und ob Wanderwege rechtzeitig hätten gesperrt werden müssen. 

Die Datenerfassung ist ein entscheidender limitierender Faktor. Um Felsstürze zuverlässig vorherzusagen, bräuchte es eine engmaschige und kontinuierliche Überwachung – und das ist weder technisch noch finanziell überall möglich. Hinzu kommt, dass wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen und die Entscheidung über Schutzmaßnahmen oder Wegsperrungen letztlich nicht bei den Wissenschaftler:innen liegt. Sie können Gefahren erkennen und Risiken einschätzen, doch ob und wann daraus konkrete Maßnahmen folgen, entscheiden andere. Und nicht zuletzt ist es schlicht unmöglich, jeden Berg lückenlos zu überwachen.

Gibt es in Deutschland noch andere Gebiete, die gefährdet sind?

Neben der Zugspitze ist vor allem der Hochvogel im Allgäu ein relevantes Forschungsgebiet. Kolleginnen und Kollegen der Technischen Universität München überwachen den Berg seit zwölf Jahren. Bis zu 400.000 Kubikmeter Fels könnten sich dort lösen. Zuletzt wurden erneut Bewegungen registriert. Ursache der Instabilität ist jedoch nicht auftauender Permafrost, sondern ein tief reichender Riss im Gestein, dessen Ausbreitung etwa durch Niederschläge beeinflusst wird.

Ein neuer Riss: Vorbote eines massiven Felssturzes am Hochvogel

Anfang Oktober 2026 wurde bei Messungen am 2.592 Meter hohen Hochvogel in den Allgäuer Alpen ein neuer Riss an der Südwestkante entdeckt, welcher die bisher größten Bewegungsraten verzeichnet – „Spalt 6“, wie die Technische Universität München ihn nennt. Die Forschenden gehen davon aus, dass damit der nächste große Felssturz eingeleitet wird. Nachdem bereits im Juni rund 2.000 Kubikmeter Gestein abbrachen, droht nun der finale Kollaps des instabilen Gipfelteils: Hierbei könnten bis zu 400.000 Kubikmeter Fels und Geröll in die Tiefe stürzen, wie der bayerische Rundfunk berichtet. Der traditionelle Bäumenheimer Weg ist daher bereits seit 2014 gesperrt – bei einem Abbruch würde er vollständig unter der Gerölllawine verschwinden. 

Und muss man zeitnah mit weiteren Felsstürzen an der Zugspitze rechnen?

Grundsätzlich ja. Die Frage ist allerdings, wann, wo und in welcher Größenordnung. Gerade deshalb beobachten wir die Nordwand jetzt sehr genau. Die thermische Entwicklung des Felsens läuft weiter, und die maximale Erwärmung der tieferen Bereiche kann zeitlich noch vor uns liegen. Daher sollen in naher Zukunft weitere Laserscanner vom Lehrstuhl für Hangbewegungen eingesetzt werden, um den Berg noch besser zu überwachen.

Welche Möglichkeiten haben Gemeinden und Tourismusverbände, auf eine erhöhte Naturgefahr zu reagieren? 

Entscheidend ist ein gutes Risikomanagement. Das hängt zunächst davon ab, wo sich die Gefahrenstelle befindet. Liegt sie in einem erschlossenen Gebiet mit Wanderwegen oder Infrastruktur, sind andere Maßnahmen notwendig als in unzugänglichem Gelände. Das Spektrum reicht von verstärkter Information und Warnung der Besucherinnen und Besucher über Umleitungen oder zeitweise Wegsperrungen bis hin zur Schließung von Hütten oder anderen touristischen Einrichtungen. Solche Entscheidungen können aber auch rechtliche und organisatorische Konsequenzen haben.

Wie können sich Bergsteigerinnen und Bergsteiger künftig auf solche Gefahren besser einstellen?

Wir müssen lernen, dass sich alpine Gefahren mit den Umweltbedingungen verändern. Im Winter gehört es für viele selbstverständlich dazu, Lawinenlage und Wetter zu berücksichtigen. Im Sommer wird die Veränderung von Fels und Permafrost künftig wahrscheinlich eine größere Rolle spielen. Das bedeutet nicht, dass man das Gebirge meiden sollte. Es bedeutet, dass wir bessere Informationen brauchen und diese in die Tourenplanung einfließen müssen. Grundsätzlich wird uns der Permafrostrückgang mehr in den Zentralalpen beschäftigen. Starkniederschlagsereignisse und Extremwettersituationen erwarten uns ziemlich wahrscheinlich überall.

Wie sollen Laien mögliche Abbrüche beurteilen können – vor allem, wenn keine Daten oder Informationsgrundlage besteht? 

In Deutschland betrifft Permafrost vor allem die Zugspitze; weitere relevante Permafrostgebiete liegen in den Zentralalpen, meist oberhalb von 3000 bis 3500 Metern. Natürlich kann man von Laien nicht erwarten, geologische Prozesse oder die Steinschlaggefahr fachlich zu beurteilen. Ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand gehört aber dazu: Wenn ich weiß, dass an einem Berg wie dem Matterhorn oder dem Ortler eine erhöhte Steinschlaggefahr besteht, muss ich das bei meiner Tourenplanung berücksichtigen. Darüber hinaus sind lokale Informationen entscheidend. Hüttenwirt:innen, Bergführer:innen oder die zuständigen Gemeinden können auf Gefahren hinweisen und vor bestimmten Touren oder Wegen warnen.

Können wir konkret etwas aus dem Felssturz an der Zugspitze lernen?

Das Ereignis ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung ist. Gerade bei Naturereignissen und wissenschaftlichen Zusammenhängen sollten wir genau hinschauen: Was ist tatsächlich bekannt? Was ist eine Vermutung? Und welche Fragen müssen erst noch wissenschaftlich geklärt werden? Bei dem Ereignis an der Zugspitze waren weder Infrastruktur noch Wege betroffen. Eine sachliche Einordnung ist bei Naturgefahren entscheidend, um Risiken weder zu unterschätzen noch unnötig zu dramatisieren.