Magazin Abo
Foto: argonaut.pro|Schneedeckenuntersuchung mit der SnowMicroPen Foto: argonaut.pro||Einzelhangbewertung Foto: Christoph Mitterer|Bei steigender Gefahrenstufe: weniger steil + größerer Beurteilungsradius = geringeres Risiko. Foto: argonaut.pro|Unverspurt Foto: Pauli Trenkwalder|Jochgrubenkopf Foto: Jan Mersch|insgesamt 197 vermeidbaren Toten|Mittlere Steilheit am Auslösepunkt im Unfallhang.|Vermeidbarkeit|SnowCard|Lawinenunfalltote nach SnowCard Bereich|Jan Mersch|Wolfgang Behr
11. Feb 2021 - 17 min Lesezeit

8 Unschärfen & Irrtümer in der Lawinenkunde

Angeregt durch einige Artikel im bergundsteigen #109, die Veröffentlichungen zu GKMR sowie „Fachdiskussionen“ der letzten Jahre glauben wir, dass ein paar Punkte in der Lawinenkunde nach wie vor nicht immer ganz schlüssig sind. In diesem Beitrag versuchen wir zu einigen dieser Unschärfen, Umgereimtheiten oder auch Irrtümern unsere Sichtweise darzustellen.

Wenn wir als Experten, Ausbilder und Wissensvermittler glaubwürdig bleiben wollen, ist es notwendig, dass wir in der Sprache exakt sind und inhaltlich korrekt bleiben. Nur dann werden unsere „Beiträge“ auch weiterhin Einfluss auf die angewendete Lawinenkunde haben. Denn „da draußen“ (bei den Anwendern oder Nichtanwendern jedweder Methode oder Herangehensweise) geht die Entwicklung rasant weiter und unsere „Spitzfindigkeiten“ und Diskussionen sind eventuell immer weniger relevant. Stattdessen orientiert man sich an Outdoor-Apps, Beiträgen in sozialen Netzwerken oder was und wem auch immer. Mit dem Artikel gibt es außerdem ein Update der Statistik zur Unfallanalyse SnowCard und Lawinen.

Schneedeckenuntersuchung mit der SnowMicroPen Foto: argonaut.pro
Schneeforschung oder praktische Lawinenkunde? Wissenschaftliche Grundlagenforschung und Feldversuche (im Bild eine Schneedeckenuntersuchung mit der SnowMicroPen) haben relevante Konsequenzen für uns Praktiker. Foto: argonaut.pro

1. Schneephysik, Thermodynamik und Grundlagenforschung bringen die praktische Lawinenkunde seit 20 Jahren und auch in näherer Zukunft nicht weiter

Das sehen wir nicht so, denn aus der Schneeforschung wissen wir zum Beispiel, dass …

  • Schneebretter, die auf nicht-persistenten Kristallen als Schwachschicht oder Grenzschicht aufliegen (also zum Beispiel auf etwas älterem Neuschnee), eine um mehrere Grad höhere Steilheit brauchen, um auslösbar zu sein, als zum Beispiel ein Schneebrett auf Oberflächenreif1
  • die Variabilität der Schwachschicht im Gelände eine große Rolle bei der Bruchausbreitung spielt.
  • der ECT (Extended Column Test) bei guter Anwendbarkeit der verlässlichste Schneedeckentest ist2.
  • es genauso wichtig ist dieFähigkeit zur Bruchfortpflanzung in einer Schneedecke zu beurteilen, als auch den primären Initialbruch. Diese Erkenntnis leitet ganz wesentlich die Interpretation von Schneedeckentests.

Das sind nur einige Beispiele, wie Erkenntnisse aus der Schneeforschung durchaus unser Denken und Handeln bestimmen. Von der Nutzung durch die Lawinenwarndienste, die zunehmend auch physikalische Schneemodelle nutzen oder damit experimentieren, mal ganz abgesehen. Ob uns das bewusst ist oder nicht: Gerade in der analytischen Lawinenkunde haben wir immer ein Modell im Kopf, wie ein Schneebrett funktioniert. Systematische und nach vollziehbare (also wissenschaftliche) Erkenntnisse aus der Schneeforschung können uns wesentlich dabei helfen, einfache, unvollständige oder falsche Modellvorstellungen zu hinterfragen.

2. Risikobegriff

Der Begriff „Risiko“ wird immer wieder unterschiedlich verwendet. Das führt häufig zu Verwirrung und Missverständnissen. Risiko kann verschiedene Aspekte haben, kann sehr unterschiedlich definiert werden und Risiko ist oft auch faktisch „Ansichtssache“:

Risiko allgemein

Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit X Schadensausmaß. Die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen Lawinenunfall, also eine Auslösung mit Personenbeteiligung, ist relativ gering, wenn es dann aber zum Unfall kommt, ist das mögliche Schadensausmaß relativ hoch. Bis hin zum Tod der Beteiligten.

Analytische Lawinenkunde

Auch bei Anwendung der analytischen Lawinenkunde machen wir eine Risikobeurteilung. Dabei geht es vor allem (und erstmal nur) um die Auslösewahrscheinlichkeit einer Lawine und die mögliche Größe der Lawine. Wir gehen also der Frage nach: „Der Hang ist sicher, weil…“ Das unterscheidet sie von den …

Probabilistischen Methoden

Diese machen eine Aussage zur Wahrscheinlichkeit für Lawinentote in Abhängigkeit zu Gefahrenstufe und Geländeparametern (Lawinenlagebericht) auf Basis langjähriger Unfalldaten (letztendlich Konsequenzen im Nachhinein). Es geht also nicht nur um die Wahrscheinlichkeit einer Lawinenauslösung (wie in der analytischen Lawinenkunde), sondern um die Verdeutlichung der Eintrittswahrscheinlichkeit für einen tödlichen Lawinenunfall. Am Ende steht also: „Das Risiko hier ist so oder so groß“. Dies schließt eine ganz wesentliche Lücke im Vergleich zu einer rein analytischen Betrachtung, denn eine wie auch immer analytisch ermittelte Auslösewahrscheinlichkeit – so treffsicher jemand darin auch immer sein mag – kann in Abhängigkeit von risikoreduzierenden Maßnahmen (zum Beispiel Abstände), Schneemenge und verschiedensten Hangparametern (alles Dinge, die nur eine probabilistische Methode berücksichtigt oder die in einer integrativen Strategie zusammengefasst werden) ein vollkommen anderes Unfall- und Sterberisiko bedeuten.

Konsequenzen der Situation

Hier steht das Schadensausmaß im Vordergrund. Hanggröße und Hangauslauf, Steilheit, Abbrüche, Geländefallen, Anzahl und Art der Personen im Hang (Aufstieg / Abfahrt, gute / schlechte Skifahrer), Hindernisse (Bäume) – das alles beeinflusst das effektive Risiko bei einer Befahrung oder Begehung entscheidend.

Faktor Mensch

Erst durch unser Handeln werden Naturgefahren zu Risiken für uns – Lawinengefahr ist zu Hause auf der Couch kein Risiko. Fähigkeiten und Können, Erfahrungen, Gruppenfaktoren, Werthaltungen, Motive und Bauchgefühl (Intuition) beeinflussen unser Risiko vermutlich in einem viel größeren Umfang als wir uns das eingestehen wollen.

Risikoreduzierende Maßnahmen

Risiken können durch Maßnahmen reduziert werden. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten: Vermeidung (den Hang gar nicht befahren), Reduzierung der Auslösewahrscheinlichkeit (Entlastungsabstände oder geschickte Routenwahl) oder des Schadensausmaßes(einzeln fahren). Risiken auszulagern ist eine weitere theoretische Möglichkeit, die auch aus anderen Risikobereichen bekannt ist: zum Beispiel werden in Projekten durch „Outsourcing“ oder Auftragsvergabe Risiken nicht selten weitergegeben. In unserem Fall kann das ebenso der Fall sein, wenn wir die Verantwortung an einen Bergführer oder Tourenleiter abgeben, sprich uns führen lassen …

Bei steigender Gefahrenstufe: weniger steil + größerer Beurteilungsradius = geringeres Risiko. Foto: argonaut.pro
Bei steigender Gefahrenstufe: weniger steil + größerer Beurteilungsradius = geringeres Risiko. Aus unserer Sicht der sinnvolle Grundansatz der probabilistischen Methoden. Foto: argonaut.pro

Insbesondere eine rein analytische Beurteilung sollte um die oben erwähnten Punkte „Konsequenzen“, „Faktor Mensch“ und „risikoreduzierende Maßnahmen“ ergänzt werden. Die probabilistische Methode Snow Card „liefert“ diese Aspekte aber sozusagen bereits mit. In beiden Fällen ist das Ziel, erst gar nicht wie Baron Münchhausen versuchen zu müssen, auf einer Kanonenkugel zu reiten.

3. Regelbasierte, strategische, statistische und probabilistische Methoden – Alles das Gleiche?

Regelbasierte Methoden sind gleichzusetzen mit statistischen – richtigerweise probabilistischen – Methoden. Beispiele sind die gerechnete Reduktionsmethode, die elementare Reduktionsmethode (= Filter 1 im Stop-or-Go), die SnowCard oder die Grafische Reduktionsmethode (GRM). Hier geht es um die Abschätzung der Wahr- scheinlichkeit, in einem Hang zu Tode zu kommen.

Diese Methoden basieren auf Unfallstatistiken. Aber auch die analytische Lawinenkunde spielt letztlich eine gewisse Rolle. Denn je steiler ein Hang, desto größer die Auslösewahrscheinlichkeit und meist auch desto größer das Schadensausmaß. Und je höher die Gefahrenstufe, desto verbreiteter sind auslösebereite Geländestellen und desto wahrscheinlicher sind Lawinenauslösungen.

Es sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass nicht alle probabilistischen Methoden gleich sind. Es gibt einige Unterschiede in der Komplexität: die Elementare Reduktionsmethode belässt es bei der Hangsteilheit und der Gefahrenstufe. Die SnowCard wird dadurch richtig interessant, dass sie Detailinformationen aus dem Lawinenlagebericht berücksichtigt und dadurch sehr differenzierte Abschätzungen erlaubt. Einige Methoden sind also feiner und treffsicherer als andere.

Strategien oder strategische Methoden versuchen, verschiedene Aspekte, Informationen, Hilfsmittel und Maßnahmen von der Planung bis zur Durchführung einer Tour unter dem Aspekt der Lawinengefahr zu vereinen. Das DAV Lawinen-Mantra ist zum Beispiel so eine Strategie, in der unterschiedliche Risiko-Ansätze zum Einsatz kommen und eine Ablaufstruktur vorgegeben wird, in der alle fünf Bausteine – Probabilistik, Analytik, Faktor Mensch, Konsequenzen, Vorsichtsmaßnahmen – sinnvoll miteinander verknüpft werden. Auch beim Konzept Stop-or-Go kann man unterschiedliche Hilfsmittel und einen Ablaufplan erkennen. Das klassische 3×3 Gebäude hingegen gliedert nur die jeweils möglichen Fragen, gibt aber keinen Ablauf und auch keine Entscheidungsstruktur vor. 3×3 dient also vor allem der Informationssammlung, stellt aber keine Strategie dar.

Einzelhangbewertung Foto: Christoph Mitterer
Am Einzelhang gilt die regionale Lawinengefahrenstufe per Definition nicht, dennoch ist sie v.a. für weniger Erfahrene im Rahmen einer probabilistischen Methode oft die beste Informationsgrundlage. Foto: Christoph Mitterer

4. Anwendbarkeit probabilistischer Methoden im Einzelhang

Die Anwendung einer Methode wie zum Beispiel der SnowCard oder der GRM bei der Risikoabschätzung, um einen bestimmten Hang zu begehen oder zu befahren, wird (fast schon notorisch) immer wieder in Frage gestellt. Dabei wird das Argument gebracht, der Lawinenlagebericht (dessen Informationen ja bei allen probabilistischen Methoden als Eingangswerte mehr oder weniger detailliert benutzt werden) würde nicht für einen einzelnen Hang, sondern eine ganze Region erstellt.

Das ist natürlich richtig, aber die Aussage zu einer Gefahrenstufe und einer Gefahrensituation(Lawinenprobleme) für eine Region kann ja andererseits auch nicht vollkommen unabhängig von den Verhältnissen in den Einzelhängen der Region getroffen werden. Sprich die Verhältnisse, der Schneedeckenaufbau, die meteorologische Vergangenheit, die aktuellen Lawinenprobleme, die Gefahrenstufe für eine Region sind natürlich grundsätzlich auch für alle Einzelhänge in einer Region bedeutsam. Zumal ja die Zusammenstellung der Regionen, für die eine Gefahrenstufe und die Gefahrenbeschreibung gilt, zunehmend flexibel und immer kleinräumiger gehandhabt wird (siehe zum Beispiel LLB Schweiz oder Tirol). Insofern glauben wir, dass die Informationen und Aussagen des Lageberichts sowohl für die Risikoabschätzung mit Probabilistik als auch für eine analytische Beurteilung im Einzelhang erstmal die bestmögliche primäre Informationsgrundlage darstellen. Natürlich muss diese Grundlage dann mit der Realität abgeglichen und – ja – manchmal korrigiert werden, sofern ich dazu befähigt bin. Aber in aller Regel passt die Beschreibung der Schneedecke und der Gefahrenstellen recht gut unserer Erfahrung nach und stellt gerade für wenig Erfahrene einen sinnvollen Weg im Umgang mit der Lawinengefahr dar.

Daher ist eine Risikoabschätzung und Entscheidung im Einzelhang nur auf Basis einer probabilistischen Methodevertretbar, insbesondere wenn eine analytische Betrachtung schlichtweg nicht weiterführt oder im Graubereich („3 Punkte halb dafür, 3 halb dagegen“) endet, wie es nun mal nicht allzu selten der Fall ist. Entscheidungen auf Basis einer allgemeinen und statistischen Methode werden auch in vielen anderen Risikobereichen getroffen, wenn eine weitergehende (analytische) Betrachtung nicht möglich ist oder zu keinem klareren Ergebnis führt und damit nicht nachvollziehbar ist. Das ist in vielen Bereichen sogar eher die Regel und nicht die Ausnahme! Denken wir an die Medizin (Leitlinien für die Behandlung von Krankheiten), Luftverkehr (Algorithmen und Regeln zur Auswertung von Sensoren bei unterschiedlichen Messungen, zum Beispiel der Außentemperatur), Finanzwesen (Kreditentscheidungen) oder an den Betrieb von Großanlagen. Abweichungen von Regelvorgaben sind Ausnahmefälle und immer sehr gut zu begründen. Das ist das Standardparadigma im Risikomanagement heutzutage!

5. Hangsteilheit und Beurteilungsradius vs. Einzugsbereich

Probabilistische Methoden reduzieren das Risiko über eine Reduzierung der Hangsteilheit zusammen mit dem größeren Beurteilungsradius bei steigender Gefahrenstufe. Beides macht Sinn:

  • Rein schneephysikalisch bedeutet – nach allem, was wir heute aus der Schneeforschung wissen – eine höhere Steilheit eine höhere Auslösewahrscheinlichkeit. Siehe dazu die neueren Veröffentlichungen von Rosendahl/Weißgraeber in der Fachliteratur und auf dem ISSW in Innsbruck 20183.
    Hie und da wird in dem Zusammenhang die sogenannte „Harvey- Kurve“ als Gegenargument gebracht, die in Bezug auf Lawinenabgänge ähnliche Steilheiten bei den verschiedenen Gefahrenstufen belegen würde4. Allerdings: Hier wurde immer und zwar für jede Gefahrenstufe die „steilste Stelle im Hang“ nach der Schweizer Landeskarte im Maßstab 1:25.000 ausgewertet. Dass dabei ähnliche Steilheiten unabhängig von der Gefahrenstufe herauskommen, ist zu erwarten, da ja immer der gesamte Hang betrachtet wird. Passender wäre eine Auswertung der Steilheit am Auslösepunkt.
  • Verzicht auf steilere Hänge in Zusammenhang mit dem Beurteilungsradius (größerer Beurteilungsradius mit steigender Gefahrenstufe) bedeutet Verzicht auf immer mehr Geländeanteile mit steigender Gefahrenstufe. Ein einfaches und wie wir meinen effektives Prinzip. Je nach Situation, herrschendem Lawinenproblem, dessen Ausprägung und den zu erwartenden Lawinengrößen macht es bei der analytischen Beurteilung Sinn, den Einzugsbereich für die relevante Steilheit zu erweitern (oder einzuschränken). Bei der probabilistischen Risikoabschätzung interessiert diese analytische Wahrheit eigentlich nicht, deshalb auch Beurteilungsradius vs. Einzugsbereich. Die Vergrößerung des Beurteilungsradius bewirkt lediglich eine Ausweitung der Fläche, auf die unter Umständen verzichtet wird.

6. Probabilistische Methode und das Altschneeproblem

Immer wieder lesen und hören wir, dass GRM (grafische Reduktionsmethode), SnowCard und Co. bei einem „Altschneeproblem“ nicht anwendbar seien. Da widersprechen wir (nochmals) ganz deutlich. Unsere langjährige Unfallanalyse (siehe Kasten unten) ergibt recht klar und stabil über die verschiedenen Winter: Die „Vermeidbarkeitsquote“ der tödlichen Unfälle bei einem vorherrschenden Altschneeproblem ist auf Basis einer fortgeschrittenen probabilistischen Methode wieder SnowCard sogar am überdurchschnittlichsten, siehe Kasten..

Zudem: Dass die Alternative einer Schneedeckenuntersuchung (Schneedeckentests) vor Ort bei einem ausgeprägten Altschneeproblem besser sei, ist nirgends nachgewiesen, sprich reine Behauptung ohne nachvollziehbare Grundlage. Im Gegenteil: im Rahmen der Unfallanalyse und dem Studium aller einzelnen Unfallberichte sind uns mehrere tödliche Unfälle (gerade bei „Altschnee“) im Kopf geblieben, bei denen kurz vor dem Unfall ein Schneedeckentest gemacht wurde. Man mag es trotzdem tun – aber ohne tiefgreifendes Prozessdenken, Wissen über den Witterungsverlauf im Gebiet und sehr viel physikalisches Hintergrundwissen scheint uns das doch oft eher ein wenig Kaffesatzleserei zu sein.

Jochgrubenkopf Foto: Jan Mersch
Jochgrubenkopf. „Alter Haudegen oder junge Anfängerin? Unterschiedliche Anwendergruppen benötigen unterschiedliche Methoden – das Altschneeproblem bleibt für alle schwierig.“ Foto: Jan Mersch

7. Anwendergruppen

Immer wieder muss auf die ganz unterschiedlichen Anwendergruppen hingewiesen werden: Es gibt Anfänger, Fortgeschrittene und Experten5 und selbst letztere Gruppe ist nicht einheitlich (Bergführer, Gutachter, Lawinenprognostiker, Lawinenkommission, Schneeforscher …). Und je nach Anwendergruppe müssen auch unterschiedliche Methoden benutzt und diskutiert werden. Der Lawinenwarner wird mit seinen Blocktests, die er den ganzen Winter über in mehr oder weniger derselben Region täglich mehrmals durchführt, bestens bedient sein, einem Gelegenheits-Skitourengeher bringt ein Blocktest eher überhaupt nichts. Für den Großteil der Skitourengeher da draußen geht es doch darum, eine Skitour bei akzeptablem Risiko zu unternehmen und nicht darum, tagelange Recherche zu betreiben, mehrere Schneedeckenuntersuchungen durchzuführen – nur um die letzte vielleicht doch mögliche Steilrinne zu probieren. Und für Bergführer und Tourenleiter kann es andererseits ja nun auch nicht darum gehen, das letzte Bisschen an unverspurter und steiler Möglichkeit für ihre Teilnehmer rauszukitzeln, sondern da muss es doch um ein verantwortungsvolles Gesamterlebnis im Rahmen der Bedingungen und Möglichkeiten gehen.

8. Lawinenprobleme und Muster, Begriffe und Historie und „wer hat‘s erfunden“?

Ja, die aktuellen EAWS Lawinenprobleme (ehemals Schweizer Muster) und die Tiroler Gefahrenmuster6 haben uns vor allem in unserer analytischen Herangehensweise und Hangbeurteilung weitergebracht, weil sie einen weiteren Blickwinkel aufzeigen und den richtigen didaktischen Weg in einer komplexen Materie anbieten. Falsch ist, dass das alles so neu ist. Der „Faktorencheck“ von Martin Engler war bereits in den späten 1980er-Jahren in Anwendung und wurde vor 20 Jahren publiziert7. Da haben wir die „Mutter aller Muster“, wie der kongeniale Bergführer-Ausbilder Caspar Güntsch einmal treffend bemerkte, denn im Faktorencheck sind die Lawinenprobleme (aka Schweizer Muster) schon inkludiert: Neuschnee, Temperatur, Wind, Altschneeoberfläche, Altschneetiefe waren die Faktoren. Kommt uns bekannt vor – oder nicht? Da waren alle Einzelzutaten bereits abzuarbeiten – ganz ähnlich, wie das heute beim „Muster-Analyser“ in der Schweiz auch vorgeschlagen wird, um die heutigen Lawinenprobleme zu bewerten8. Damals war am Ende das Problem erkennbar und bewertbar. Heute steht das (Lawinen-) Problem am Anfang und wird dann analysiert.

Über Lawinenkunde differenziert zu denken verdanken wir Werner Munter, der uns zu Ende des letzten Jahrtausends den Paradigmenwechsel („die Erde ist keine Scheibe“) in der Lawinenkunde brachte. Die Lektüre des Standardwerks „3×3 Lawinen“9 sei ans Herz gelegt, und man wird sich wundern, welche Denkansätze und Erkenntnisse hier bereits vor 20 Jahren veröffentlicht wurden und heute allzu oft „neu erfunden“ werden.

Und, zu guter Letzt: Die SnowCard von Engler & Mersch ist die älteste grafische Reduktionsmethode, ein halbes Jahr vor der GRM der Schweiz, und ist inzwischen 20 Jahre jung, in der vierten aktualisierten und angepassten Auflage10. Irrtümer sind, nach dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, nur „Momente in der Entwicklung der Wahrheit“. Ganz in diesem Sinne ist dieser Beitrag zu verstehen.

Quellen:

1 Sharaf, Don (2011) So What? How does an understanding of avalanche mechanics benefit ME ? In: The Avalanche Review February 2011
2 Schweizer, Jürg; Jamieson, J. Bruce (2010) Snowpack tests for assessing snow-slope instability. In: Annals of Glaciology 51(54) 2010
3 Rosendahl, Philipp Laurens; Weißgraeber, Philipp (2019): Modeling snow slab avalanches caused by weak layer failure – Part II: Coupled mixed-mode criterion for skier-triggered anticracks. In: The Cryosphere Discussions, S. 1-25, ISSN 1994-0440, DOI: 10.5194/tc-2019-87
4 Harvey, S. (2002). Avalanche incidents in Switzerland in relation to the predicted danger degree. In International snow science workshop proceedings 2002 (pp. 443-448). Retrieved from http://arc.lib.montana.edu/snow-science/item/870
5 Mersch, Jan; Behr, Wolfgang (2009): Es irrt der Mensch so lang er strebt. In: bergundsteigen 1/2009
6 Mair, Rudi; Nairz, Patrick (2016): Lawine: Die entscheidenden Probleme und Gefahrenmuster erkennen. Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck.
7 Engler, Martin (2001): Die weiße Gefahr: Schnee und Lawinen. Verlag Martin Engler, Sulzberg.
8 Harvey, Stephan; Rhyner, Hansueli; Schweizer, Jürg (2012): Lawinenkunde: Praxiswissen für Einsteiger und Pro s. Bruckmann Verlag, München.
9 Munter, Werner (2003): 3×3 Lawinen-Risikomanagement im Wintersport. Pohl&Schellhammer, Garmisch-Partenkirchen.
10 Engler, Martin; Mersch, Jan (2019): SnowCard, Lawinen-Risiko-Check. Deutscher Alpenverein (Hrsg.), München.
11 Behr, Wolfgang; Mersch, Jan (2019): Die Balance ist verloren gegangen. bergundsteigen #105 / winter 18/19

Unverspurt Foto: Pauli Trenkwalder
Unverspurt. „Muss es immer unverspurt und steil sein?“ Foto: Pauli Trenkwalder

There is no glory for prevention!

Unfallanalyse, SnowCard und Lawinen – Aktualisierung Winter 2018/19 und 2019/20

Wir haben die Datengrundlage unserer Unfallanalyse zur Wirksamkeit der Probabilistik (insbesondere der SnowCard) erweitert. Sie umfasst weitere 46 tödliche Lawinenunfälle aus jetzt sieben Wintern (2013/14 bis 2019/20) mit jetzt insgesamt 231 Todesopfern. Als „vermeidbar“ werden dabei alle Todesfälle kategorisiert, die im orangen oder roten Bereich der SnowCard passiert sind. Insgesamt bestätigen sich die bisherigen11 Quoten und Aussagen im Grundsatz. Der mögliche statistische Fehler reduziert sich dadurch weiter.

Annahme für alle nachfolgenden Daten ist, dass ein Unfall im orangen oder roten Bereich der SnowCard „vermeidbar“ gewesen wäre:

SnowCard
Abb. 1 85 % der Toten wären bei Anwendung der SnowCard vermeidbar gewesen (bei Verzicht auf Orange und Rot).
  • 85% (2018: 84%) aller Todesfälle (197 absolut) waren „vermeidbar“ auf Basis der SnowCard (Abb. 1). Diese Quote verringert sich weiterhin leicht auf 77 %, wenn nur auf die roten Geländebereiche verzichtet worden wäre („Expertenmodus“ der SnowCard) und erhöht sich auf 96 %, wenn auch auf die gelben Bereiche (Modus für sehr sicherheitsbewusste Anwender) verzichtet worden wäre.
  • Abb.2 zeigt zur Verdeutlichung die Verteilung der Unfalltoten auf die jeweiligen Risikobereiche der SnowCard, aufgeteilt in „günstige“ oder „ungünstige“ Bereiche.
  • Mit 92% (2018: 95%) waren die allermeisten der „vermeidbaren“ Toten in Geländebereichen unterwegs, die klar vom jeweiligen LLB als potentielles Lawinengelände benannt wurden (Abb. 3).
Lawinenunfalltote nach SnowCard Bereich
Abb.2 Lawinenunfalltote nach SnowCard Bereich. Die Größe der Kugeln zeigt ungefähr die Anzahl der Toten im jeweiligen Bereich.
  • Abb.4 zeigt schließlich, dass die Vermeidbarkeit für die wesentlichen Lawinenprobleme (Neu-, Trieb- und Altschnee) jeweils über 80 % (2018: über 75 %) liegt. Damit gilt diese Aussage im jetzt erweiterten Datensatz noch stärker, da insbesondere die Vermeidbarkeitsquote bei Neuschnee angestiegen ist. Bei Altschnee ist die Quote mit 90 % weiterhin sogar am höchsten.
  • Bei Lawinenwarnstufe 2 (30% aller Unfalltoten) ist die Vermeidbarkeit mit 59 % (2018: 60 %) weiterhin unterdurchschnittlich.
  • Während bei Trieb und Altschnee die Vermeidbarkeitsquoten zwischen Tourengehern und Variantenfahrern ähnlich sind, gibt es einen deutlichen Unterschied bei Neuschnee: bei „Variante“ sind 95 % der Unfälle vermeidbar, bei „Tour“ nur 57 %. Ein naheliegender Grund könnte sein, dass es bei einer Neuschneesituation die Variantenfahrer deutlich stärker ins Gelände zieht als die Tourengeher.
  • Weiterhin ist die durchschnittliche Hangsteilheit am angenommenen Auslösepunkt in der Abfahrt etwas höher (36°) wie im Auf- stieg (31°), was der allgemeinen Erfahrung entspricht, in der Abfahrt etwas steilere Hänge zu befahren, die man im Aufstieg eher noch meiden würde.
  • Verwendung eines„Lawinen-Airbags“: Für 96 Unfalltote ist die Mitführung eines „Lawinen-Airbags“ bekannt. Damit verbessert sich die statistische Aussagekraft bezüglich dieses Merkmals weiter. Die Aufteilung der Unfalltoten auf „mit“ oder „ohne“ Airbag ist ungefähr gleich (45 mit Airbag und 51 ohne Airbag, wobei „mit“ nicht weiter differenziert, ob der Airbag auch ausgelöst wurde oder nicht).
insgesamt 197 vermeidbaren Toten
Abb. 3 Von den insgesamt 197 vermeidbaren Toten waren 92 % im vom LLB als kritisch benannten Gelände unterwegs.

Noch deutlicher wie im bisherigen Datensatz unterscheidet sich die „geschätzte Steilheit am Auslösepunkt“: sie beträgt durchschnittlich 36,4° für die Nutzer und 33,2° für die Nicht-Nutzer. Damit verdichtet sich die Vermutung, belegt durch Daten anstelle von nicht belegbaren Vermutungen und „Unterstellungen“, dass Airbag-Nutzer größere Risiken (im Sinne steilere Hänge) eingehen als Nicht-Nutzer.

Vermeidbarkeit
Abb. 4 Vermeidbarkeit SnowCard (Verzicht auf Orange und Rot) nach Lawinenproblem (ohne Gleit- und Nassschnee).

Allerdings: die Vermeidbarkeitsquote bei beiden (Nutzer und Nicht-Nutzer) ist trotzdem fast gleich: 89 % für die Nutzer eines Airbags und 90 % für die Nicht-Nutzer, aber höher als bei den Toten, für die eine Nutzung nicht bekannt ist.

Auch wenn also die Vermeidbarkeitsquote ähnlich ist, gehen die Airbagnutzer noch weiter über die Limits hinaus.

Mittlere Steilheit am Auslösepunkt im Unfallhang.
Abb. 5 Mittlere Steilheit am Auslösepunkt im Unfallhang.

Wie auch bisher schon ist die geschätzte Steilheit am Auslösepunkt höher, je niedriger die Gefahrenstufe ist (Abb. 5).

Erschienen in der
Ausgabe #113