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Selbstsicherungsgerät Perfect Descent (Archivbild bergundsteigen #111)
06. Sep 2023 - 7 min Lesezeit

Autobelay-Systeme: Mensch vs. Maschine

Zum Seilklettern braucht es einen vertrauensvollen Partner, der die Sicherung des Kletterers übernimmt. Stimmt? Nicht immer: Selbstsicherungsautomaten machen die sichernde Person überflüssig. Über die Funktionsweise, Vorteile und Risiken der Autobelays

Mit den sogenannten Autobelay- bzw. Selbstsicherungsgeräten kann eine Person in der Kletterhalle ohne Partner oder Partnerin die Kletterwand hochsteigen. Die Geräte sind oberhalb der Kletterwand angebracht und bestehen aus einem geschlossenen Gehäuse, in dem sich der Einzug- und Ablassmechanismus befinden. Das Gurtband oder das Stahlseil verläuft an der Wand nach unten, am Ende des Bandes befindet sich ein Karabiner zum Einhängen.

Wie die Autobelay-Geräte funktionieren

Das Seil/Band des Selbstsicherungsautomaten wird mittels Safelock Karabiner am Klettergurt befestigt. Beim Hochklettern zieht sich das Seil automatisch ein. Oben angekommen, oder auch vorher, kann sich der Kletterer ins Seil/ Band fallen lassen und wird mit ca. ein bis fast zwei Meter pro Sekunde abgelassen. Im Wettkampfsport werden sie bei den Speedwettbewerben – mit einer höheren Einzugsgeschwindigkeit – eingesetzt.

Zwei Selbstsicherungsautomaten im KI, Innsbruck. Foto: Archivbild Arnold Kaltwasser
Zwei Selbstsicherungsautomaten im Kletterzentrum Innsbruck. Foto: Archivbild Arnold Kaltwasser

Selbstsicherungsgeräte gibt es zum Beispiel von Trublue, Redrock, Toppas oder Perfect Descent. Der Einzug erfolgt in der Regel bei allen Automaten über eine Rückzugsfeder, die das Seil beim Klettern konstant zurück zieht, sodass kein Schlappseil entstehen kann. Bei der Bremswirkung unterscheiden sich mittlerweile die Hersteller: Die ersten Sicherungsautomaten vor etwa 20 Jahren bestanden aus umgebauten Schleifbremsen. Heute findet man im Inneren der Geräte Magnetbremsen, Fliehkraftbremsen oder Kombinationen daraus, Zentrifugalblockierer, Pneumatik und Hydraulik, teilweise Flaschenzüge oder Getriebe. Auch beim Seil lassen sich verschiedene Herangehensweisen beobachten: Während ein paar Hersteller auf Stahlseile setzen, findet man bei zahlreichen Geräten Textilseile oder Bänder aus Nylon, Dyneema und anderem Gewebe.

Diese Liste ist eine Zusammenfassung der Herstellerangaben verfügbarer Geräte und keine Kaufempfehlung. Tabelle: Archiv bergundsteigen
Diese Liste ist eine Zusammenfassung der Herstellerangaben verfügbarer Geräte und keine Kaufempfehlung. Tabelle: Archiv bergundsteigen #111

Rückhaltesysteme & Auffanggeräte

Selbstsicherungsgeräte sind eigentlich als Rückhaltesysteme z.B. auch für die Höhenarbeit bzw. -rettung entwickelt worden. Die Geräte verhindern einen Absturz im Ausnahmefall, sie sind jedoch nicht zum Auffangen von Stürzen entwickelt. Geprüft werden die Rückhaltesysteme nach der Europäische Norm EN 341 Klasse A.

Für Auffanggeräte, wie die Selbstsicherungsautomaten in der Kletterhalle benutzt werden, ist die Norm aber nicht mehr ausreichend. Sie sollen den Sturz nicht verhindern, sondern einen freien Fall aufhalten. Damit Geräte für die Anwendung in Kletterhallen und Hochseilgärten auch nach einem einheitlichen Sicherheitsstandard getestet werden, haben die europäischen Zertifizierer eine zusätzliche Prüfvorschrift (RFU PPE-R/11.128) entwickelt. Demnach müssen Geräte für den Klettersport und für Hochseilgärten die 10-fachen Anforderungen der EN 341 Klasse A erfüllen. Eine Ausnahme stellen Speedkletter-Automaten dar, die noch höheren Anforderungen entsprechen müssen. Derzeit ist nur das Perfect Descent „Speed Drive“ vom ISFC für internationale Wettkämpfe zugelassen.

Zu beachten ist außerdem, dass natürlich auch die Geräte einer Lebensdauer unterliegen und regelmäßig gewartet und inspiziert werden müssen. Für den Anwender, sprich Kletterer, aber auch Hallenbetreiber ist noch zu beachten, dass die Gebrauchsanweisung bekannt sein sollte (Nutzung, min./max. Gewicht des Kletterers (i.d.R. 10 bis 140 Kilogramm), Einweisungspflicht usw.)!

Der Automat, dein Partner

Ein guter menschlicher Sicherer hat einige Vorteile, die Sicherungsautomaten nicht leisten können: Die Maschine kann dem Kletterer keine Tipps geben und wird ihn weder motivieren weiterzuklettern, noch es gut sein zu lassen. Sie klopft ihm nicht aufmunternd auf die Schulter, wenn er endlich seine Angstroute bewältigt hat. Sie zieht das Seil nicht ein und hält fester, wenn jemand sich unsicher fühlt – genauso wenig gibt sie mehr Seil, wenn gerade möglichst viel Spielraum benötigt wird. Sie ist eine Maschine und macht stur immer das gleiche.

Genau hier liegen jedoch auch die Vorteile der Maschine: sie macht stur, zuverlässig, vorhersehbar immer das Gleiche, sie lässt sich nicht ablenken, kümmert sich nur um den einen Kletternden, plaudert nicht mit Freunden oder sieht anderen zu. Der Sicherungsautomat steht als Kletterpartner in der Halle oder an der Wand immer zur Verfügung, er hat keine andere Arbeit oder ist gerade im Urlaub – außer er wird gerade gewartet oder von jemand anderem genutzt.

Die Maschine – das Risiko

Bei einer Seilschaft ist beim Einbinden bzw. Einhängen des Kletterers oder der Kletterin ein Vier-Augen-Prinzip möglich und sollte auch durchgeführt werden. Ist die Person einmal korrekt am Seil befestigt, kann fast nur noch ein Versagen des Sicherers oder der Kommunikation zwischen Sicherer und Kletterer zu einem Unfall führen. Ein möglicher Fehler kann daher vom Lossteigen bis zum Ende des Abseilvorganges passieren.

Bei der Verwendung eines Sicherungsautomaten kann die Ursache eines Absturzes zumeist auf das Einhängen bzw. eben Nicht-Einhängen zurückgeführt werden (Wartung, korrekte Installation usw. sollen hier nicht weiter beleuchtet werden.). Ein Vier-Augen-Prinzip wäre natürlich auch beim Einhängen in einen Sicherungsautomaten wünschenswert – führt aber die Grundidee das Automaten, nämlich den menschlichen Partner zu ersetzen, ad absurdum. Wenn nun schon das Sichern und Abseilen einer Maschine überlassen wird, warum sollte dann nicht auch für die Kontrolle des korrekten Einhängens in die Sicherung eine technische Lösung herangezogen werden?

(Beinahe-)Unfälle

  • Ein Kletterer stieg, so wie in Reutlingen geschehen, die Kletterroute hoch und vergaß sich einzuhängen. Ein anderer Kletterer bemerkte den Notfall und „holte“ den Kletterer unversehrt zurück zum Boden.
  • Ein Kletterer trainierte im Intervall immer wieder an der Selbstsicherungsanlage. Den Einbinde-Karabiner hängte er in einer Pause nicht in die vorgesehene Schlaufe des Belaygates, sondern an einen Haken der Kletterwand. Beim erneuten Klettern vergaß sich wieder einzuhängen und stürzte aus ca. fünf Metern auf den Boden und verletzte sich an der Wirbelsäule.
  • Ein Kletterer machte Intervalltraining mit Pausen zwischen den Zyklen in einer Speedroute. Beim letzten Go vergaß er sich wieder einzubinden, stürzte aus ca. 15 Metern auf den Sicherheitsboden und verletzte sich glücklicherweise nach erstem Augenschein „nur“ die Wirbelsäule und Extremitäten. 

Zum Online-Artikel von Arnold Kaltwasser aus der bergundsteigen #111

Die gute Nachricht: es gibt Lösungen

Eine häufig angewendete Maßnahme ist die Erinnerung zur Selbstkontrolle mittels Beschilderung mit Text und Piktogrammen. Solche Schilder werden jedoch übersehen – insbesondere Benutzer, welche eine Kletterhalle regelmäßig besuchen, nehmen sie mit der Zeit kaum mehr wahr.

Daher werden immer öfter beim Einstiegspunkt sogenannte Belaygates, am Boden befestigte Planen, angebracht, welche oben eine Öse haben, an welcher der Karabiner des Sicherungsautomaten befestigt werden kann. Das Belaygate wird dann durch den Sicherungsautomaten etwa 1,5 Meter in die Höhe gezogen. Damit blockiert das Belaygate – sofern der vorangegangene Kletterer es korrekt eingehängt hat – den Einstieg sowie die ersten Einstiegsgriffe und -tritte der Wand.

Ein Trapeztuch soll das Losketten ohne korrektes Einbinden verhindern. Foto: Arnold Kaltwasser, Archivbild
Ein Trapeztuch soll das Losketten ohne korrektes Einbinden verhindern. Foto: Archivbild Arnold Kaltwasser

Eine zusätzliche Erweiterung dieses Systems gewährleistet, dass das Belaygate zuverlässig nur entfernt werden kann, nachdem sich der Kletterer tatsächlich an der dafür vorgesehenen und präparierten Stelle am Gurt in den Karabiner des Sicherungsautomaten eingehängt hat. Nach dem Klettern kann sich der Kletterer vom Karabiner des Sicherungsautomaten nur lösen, wenn er diesen wieder am Belaygate befestigt hat – und damit hat er wieder alles für den nachfolgenden Kletterer korrekt vorbereitet.

Prinzipiell ist diese Idee sehr ähnlich wie das Pfandsystem eines Einkaufswagens im Supermarkt. Dieser lässt sich nur aus seinem Abstellplatz entfernen, wenn eine Münze eingeklickt wurde – und muss auch wieder zurückgebracht werden, wenn die Münze retourniert werden soll. Der Einhängepunkt am Klettergurt wäre hier die Münze: nur wenn korrekt eingehängt wird, kann der Sicherungsautomat, ergo Einkaufswagen, verwendet und in die Route eingestiegen werden. Nur wer nach dem Klettern den Karabiner des Sicherungsautomaten wieder am Belaygate einhängt, bekommt seine Münze – ergo den vom System freigegebenen Gurt – wieder zurück. Diese Systeme, welche eine annähernd 100%ige Sicherheit gewährleisten, sind bereits auf dem Markt und in Funkletterhallen bereits oft gebräuchlich.

Dass sich dieses Sicherheitskonzept zunächst in Funkletterhallen für Kinder und Jugendliche durchsetzt, ist wenig verwunderlich. Im Gegensatz zum Sportklettern ist in dieser Szene das Argument der Eigenverantwortung des Kletterers nicht haltbar. Ob und wann sich ein solches System in Sportkletteranlagen durchsetzen wird, ist offen.

Erklär-Video: Klettern mit Selbstsicherungsautomaten, DAV-Sicherheitsforschung

Erschienen in der
Ausgabe #111 (Sommer 20)

bergundsteigen 111 (Sommer 2020) Cover