bergundsteigen 134 (Solo)
Magazin Abo
Alex Honnold klettert Taipei 101, Taiwan
21. Mai 2026 - 12 min Lesezeit

Free Solos: Sinnlose Heldenspiele?

Starke Leistung oder sinnloser Narzissmus am Berg: Bei alpinistischen Solo-Projekten ist der Grat zwischen verantwortungsvollem Ausloten der eigenen Limits und fatalem Grenzgang schmal. Trotzdem feiern wir Alleingänger als Helden. Was sagt das über uns und die Welt aus?

„Wir leben in Heldenzeiten“, schrieb Eva Thöne kürzlich in einem Essay im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Im Bergsport ist das grundsätzlich nicht anders als in der Politik. Je krasser die Leistung, desto größer die Anerkennung – in der Szene, in den Medien und zumindest in Teilen der Gesellschaft. Schwierige Kletterrouten solo zu meistern, kommt einem Ritterschlag gleich.

Alex Honnold klettert Taipei 101, Taiwan
Alex Honnold vor seinem bislang größten urbanen Free-Solo-Projekt: dem Taipei 101. Die Solo-Begehung wurde am 26. Januar 2026 live übertragen. Foto Netflix

In einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der Instagram, Youtube, TikTok und Co. Takt und Ton angeben, erreicht der Heldenkult immer neue Höhen. Das Phänomen ist nicht neu. Berghelden haben maßgeblich dazu beigetragen, den Alpinismus populär zu machen. Wenn auch nicht solo unterwegs, manifestierte Edward Whymper seinen Heldenstatus als treibende Kraft bei der Erstbesteigung des Matterhorns. Viele folgten.

Reinhold Messner als Erster allein ohne Sauerstoff am Gipfel des Mount Everest. Ueli Steck mit seinen Speed-Rekorden am Eiger. Helden zeigen Mut, verschieben Grenzen. Zumindest in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Sie sind Extremisten, agieren jenseits des Normalen. Beim Klettern. In der Politik. In der Wirtschaft. In der Geschichte. Jedes antike Drama hat einen guten Helden und einen bösen Antagonisten.

Übertriff dich selbst – und dabei alle anderen!

Instagram- Posts funktionieren nicht viel anders: Helden fungieren als klassisches Element des Geschichtenerzählens. Solo-Bergsteiger sind Paradebeispiele für modernes Storytelling: Sie brauchen (scheinbar) niemanden. Sie sind (scheinbar) keinem Rechenschaft schuldig. Sie sind das, was die Gesellschaft uns beibringt zu sein – autonome Helden. Nach dem Motto: Übertriff dich selbst und übertriff dabei alle anderen!

Der Überheld als Vorbild

Bergsteiger, die mit Solo-Projekten erfolgreich sind, drängen sich als Überhelden geradezu auf. Kein Wunder, sie bedienen das Heldennarrativ in klassischer Klarheit. Sie schaffen, was sonst keiner schafft. Die Szene klatscht. Die Gesellschaft staunt und hebt sie aufs Podest, ob sie wollen oder nicht. Und schnell macht das Wort „Vorbild“ die Runde. Ob Workshop zur Selbstmotivation oder Managerseminar, Solo-Helden sind begehrte Speaker.

Illustration Klettern
Solo-Helden: Sie brauchen scheinbar niemanden. Sie sind das, was die Gesellschaft will. Illustration: Roman Hösel

Doch zu welchem Zweck? Um unsere Leistungsgesellschaft noch mehr zu pushen? Worin liegt der soziale, der pädagogische Nutzen solcher Aktionen? Worin liegt der Mehrwert wahnwitziger Leistungen für all jene, die nicht mit dabei sind? „Rational gesehen, sind Speed-Besteigungen völlig sinnfrei – so wie das Klettern überhaupt“, gestand mir vor einiger Zeit in einem Interview der Schweizer Alpinist Dani Arnold, Solo-Speed-Rekordhalter in der Matterhorn Nordwand. „Wir bräuchten beides nicht zum Leben“, sagt er.

Doch er ist sich sicher: „Der Mensch ist auch ein Homo ludens.“ Ein Wesen, das seine Fähigkeiten über das Spiel entwickelt. „Speed-Projekte sind eine Spielart des Bergsteigens. Mir geht es dabei vor allem darum, die Abläufe des traditionellen Bergsteigens zu Automatismen zu optimieren“, so Arnold. Damit bringt Arnold einen philosophisch anthropologischen Ansatz ins Spiel. Den spielenden Menschen als Gegenentwurf zum Homo faber. Das Gegenstück zum schaffenden, die Umwelt verändernden Menschen.

Worin liegt der soziale Nutzen solcher Aktionen?

Solo-Klettern ist Spiel in Reinform: Es ist freiwillig, losgelöst vom „gewöhnlichen“ Leben, funktioniert nach eigenen Regeln und wird innerhalb dieser mit geradezu heiliger Überzeugung ausgeübt. Sinn oder Unsinn entstehen letzten Endes durch die Voraussetzungen, unter denen das Spiel gespielt wird. Und dadurch, was man am Ende daraus macht. Denn: Held ist nicht gleich Held. Schauen wir uns beispielhaft zwei dieser Spiele näher an.

Free-Solos als Ausdruck von Authentizität oder Schauspiel?

Spiel A: Es ist Juni 2017. Am El Capitan im Yosemite Nationalpark sind die Kameras von Filmemacher Jimmy Chin auf eine 900 Meter hohe, senkrechte Wand gerichtet. Mittendrin, klein wie ein Fliegenschiss, ohne Sicherung: Kletterprofi Alex Honnold. Nach drei Stunden und 56 Minuten macht Alex den letzten Zug in der Route „Freerider“, Schwierigkeit IX+. Nach 884 vertikalen Metern ohne Seil erreicht er das Gipfelplateau.

Im Klettersport so etwas wie eine erste Mondlandung. Unfassbar. Die Kletterwelt hält den Atem an und verneigt sich in kollektiver Ehrfurcht. Chins Film Free Solo wird 2019 als bester Dokumentarfilm mit einem Oscar ausgezeichnet. Seitdem hat er 29 Millionen US-Dollar eingespielt und zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Dokumentarfilmen.

Spiel B: Nicht jedes Solo-Projekt, nicht jeder Alleingang findet Anerkennung wie Honnolds Heldentat. Kritik und einen Shitstorm musste der norwegische Kletterer Magnus Midtbø im vergangenen Herbst für seine Solo-Besteigung des Matterhorns einstecken. Er filmte sich für ein Youtube-Video an „Europas gefährlichstem Berg“, wie er selbst gleich zu Beginn des Videos sagt. Es ist Midtbøs erste alpine Klettertour.

Zu seiner Verteidigung sei gesagt: Magnus Midtbø ist kein Kletter-Greenhorn. Der 37-Jährige war in seiner Jugend Weltmeister im Sportklettern, mischte danach bei internationalen Wettbewerben mit. Doch alpine Klettererfahrung, gesteht Midtbø, hat er nicht. Seit einigen Jahren betreibt er einen Youtube-Channel mit mittlerweile 3,3 Millionen Abonnenten. Die meisten seiner Videos drehen sich um die Themen Klettern, Kraft und die Fitness militärischer Sondereinsatzkräfte.

Für Reichweite kokettiert Midtbø bewusst mit der Gefahr, setzt sich absichtlich immer neuen Extremsituationen aus. Seine halbstündige Selbst-Doku am Matterhorn: „Eine spontane Idee“, wie er sagt. Ohne entsprechende Vorbereitung, ohne Akklimatisierung. Die Steigeisen trägt er während des Drehs zum ersten Mal. Prompt bekommt er Schwierigkeiten, ist am Gipfel erschöpft.

Im Abstieg entgeht er mit Glück einem Absturz, als ein Bergsteiger einer anderen Seilschaft ins Seil stürzt und nur knapp neben ihm vorbeirauscht. Schließlich versteigt sich Magnus in der Abstiegsroute. „Das war das erste Video, bei dem ich hinterher bereut habe, dass ich es gemacht habe“, sagt er am Ende des Films. „Ich war nicht ausreichend vorbereitet.“ Trotzdem ist das Video weiter online – wenn auch mit einem Standard-Disclaimer, wie er immer wieder bei lebensgefährlichen Videos auftaucht.

„The activities shown in this video are extremely dangerous … Do not attempt to replicate or recreate anything you see in this video. Serious injury or death could result.“ Was ist der grundlegende Unterschied zwischen den Projekten von Honnold und Midtbø? Es hängt wohl von den Spielregeln ab, die man zugrunde legt.

Das Spiel mit dem Publikum Magnus’ Video mit dem Titel „I attempted to climb Europe’s most DEADLY Mountain … Solo“ ist Teil eines Eisbergs von Filmen, in denen erfahrene wie unerfahrene Protagonisten unter Lebensgefahr ein zunehmend abgebrühtes Publikum unterhalten. Egal ob Klettern, Extreme-Skiing, Mountainbiken oder Klippenspringen – der Flirt mit dem Tod lässt die Klickzahlen nach oben schießen.

Werden alpinistische Projekte zu voyeuristischen Spektakel?

Dabei sind Videos über waghalsige Aktionen längst nicht mehr nur eine Domäne einiger weniger Spitzensportler. Waghalsige Selbstversuche im Stil eines Christopher McCandless in Jon Krakauers Non-Fiction- Erzählung „Into the Wild“ haben Konjunktur. Doch anders als McCandless vertrauen die modernen Protagonisten ihre Erlebnisse nicht ihrem Tagebuch an, sondern filmen sich als Helden.

Schnelle Stunts für Klicks und Kohle. Drei Millionen Mal (Stand Mitte Februar 2026) wurde Midtbøs Matterhorn- Video aufgerufen. Was sagt das über ihn? Was sagt das über uns als Zuschauer? Wie wichtig ist tatsächlich noch die intensive, tiefgehende persönliche Grenzerfahrung? Verkommen extreme alpinistische Projekte zum voyeuristischen Spektakel?

Das Spiel mit dem Ich: Die Suche nach Selbsterfahrung

Glaubt man Alex Honnold, ging es ihm am El Capitan um eine ultimative Form der Selbsterfahrung. Vor den Filmaufnahmen zu „Free Solo“ hat er gezögert. Lange. Er wollte keine Kameras. „Das ändert alles“, sagte er damals den Filmemachern. „Wenn ihr da seid, bin ich nicht mehr allein.“ Am Ende ließ er die Kameras doch zu. Aber er stellte Bedingungen. Das Filmteam durfte seine Entscheidungen nicht beeinflussen. Wenn es sich nicht richtig anfühlte, würde er abbrechen.

Illustration Menschenmenge mit Handy auf Kletterer gerichtet
Früher vertrauten sich Solo-Geher ihrem Tagebuch an, heute lassen sie sich filmen. Illustration: Roman Hösel

Tatsächlich stoppte Honnold einen Versuch, weil er sich nicht gut fühlte. So extrem wie seine Leistung war die Vorbereitung. Zwei Jahre. Unzählige Begehungen mit Seil. Jeder Griff, jeder Zug im Kopf abgespeichert. Jede Bewegung visualisiert. Mentales Training mit Sportpsychologen. Die Entscheidung, solo zu gehen, fällte Alex Honnold erst, als er 100 Prozent sicher war.

War Magnus Midtbø das auch? „Ich hatte so etwas noch nie zuvor gemacht“, erzählt Magnus in seinem Film. „Ich war völlig außerhalb meiner Komfortzone – vielleicht zu weit.“ Wichtiger als der routinierte Umgang mit Pickel und Steigeisen scheint ihm das Filmequipment, das er mitschleppt. Auf mehrfache Anfragen zur Veröffentlichung des Videos reagierte Midtbø nicht. Dennoch scheint klar: In seinen Filmen geht es ihm längst nicht nur um Selbsterkenntnis und Selbstexperimente. Es geht ihm darum, Menschen zu erreichen. Und zwar möglichst viele. Reichweite und Aufmerksamkeit sind längst harte Währungen.

Nur was die Öffentlichkeit in Bildern sieht, existiert. Ein Gipfel ohne Foto ist kein Gipfel. Eine Bestleistung ohne Video-Publikum dümpelt in der Belanglosigkeit. Hunderttausende Videos von Extremsportlern werden täglich auf Youtube und anderen Social-Media-Kanälen hochgeladen. Entsprechend schwierig ist es, selbst mit Bravourstücken herauszustechen. Die Folge: eine Überbietungsmaschinerie, angetrieben von einer sich selbst verstärkenden Eskalationsspirale.

Freiheit mit Verantwortung

Freiheit ist für viele Bergsteiger und Kletterer ein zentrales Motiv. Doch auch sie hat ihre Grenzen – egal ob man sich auf Solo-Tour in ultimativer Freiheit wähnt oder bei alpinistischen Projekten in der Gruppe. Die internationale Bergsteigervereinigung UIAA hat dazu in Form einer offiziellen Erklärung Spielregeln veröffentlicht.

Ihr Ziel: Bergsteiger sollen ehrlich, rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst handeln – gegenüber sich selbst, anderen Menschen und der Natur.

Ethik und Stil

  • Wir berichten ehrlich über den Stil, in dem wir klettern.
  • Wir akzeptieren den Stil anderer, auch wenn er sich von unserem unterscheidet.
  • Wir beeinträchtigen nicht die Erfahrungen anderer beim Wandern oder Klettern.

Ausgewogenheit zwischen Risiko, Erfolg und Misserfolg

  • Wir berücksichtigen die Auswirkungen auf andere, bevor wir Risiken eingehen.
  • Wir helfen anderen in Not, auch wenn dies auf Kosten unserer eigenen Ziele geht.

Rechte und Pflichten

  • Wir respektieren die natürlichen Ökosysteme in Klettergebieten und Bergregionen.
  • Wir erkennen den Klimawandel an und versuchen, unsere Auswirkungen zu reduzieren.
  • Wir halten uns an lokale Vorschriften und respektieren lokale Gemeinschaften und Kulturen.
  • Wir unterstützen das Recht auf Zugang zur Wildnis mit Verantwortung.

Quelle: theuiaa

Magnus Midtbø wird für seinen Film kritisiert: „Eine Gefahr für sich und andere“, heißt es in Kommentaren. Der Vorwurf mag berechtigt sein. Gleichzeitig klingt er scheinheilig. Denn dieselbe Gesellschaft, die Magnus Egoismus verurteilt, belohnt Egoismus an anderer Stelle systematisch. Wer sich im Beruf stark verkauft, macht Karriere. Wir feiern diejenigen, die Grenzen sprengen.

Doch welchen Preis zahlen wir als Gesellschaft, wenn Heldenmut zur ausschließlichen Währung wird – und Rücksicht zur Schwäche? Wir feiern Egoismus und verteufeln ihn gleichzeitig. Wir zelebrieren Stärke, auch wenn wir ihre Schattenseiten sehen. Wieso brauchen wir diese Extreme?

Free-Solo-Kletterer, polarisierende Politiker, visionäre CEOs spiegeln eine soziale Dynamik: Extreme Persönlichkeiten erfüllen eine Erwartung an eine Risikobereitschaft, ohne die unsere Gesellschaft weitgehend stillstehen würde. Wir scheinen diesen Ausbruch aus der Normalität zu brauchen. Nicht nur zur Nachahmung im direkten Sinn, sondern als Korrektiv.

Mehr als Überleben: Warum Menschen Risiko suchen

Allen weltpolitischen Turbulenzen zum Trotz leben wir in Mitteleuropa in einer der sichersten Epochen der Menschheitsgeschichte. Lebenserwartung: Rekordhoch. Unfallraten: Rekordtief. Finanzielle Absicherung: auf solidem Niveau. Jedes Risiko wird minimiert, jede Gefahr eliminiert, jede Unsicherheit wegreguliert. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, die vor allem eines will: dass nichts passiert.

Solo-Bergsteiger erinnern daran, dass Leben mehr ist als Überleben. Dass es neben Sicherheit Werte gibt wie Intensität. Dass eine Welt ohne Risiko auch eine Welt ohne echte Freiheit ist. Eine gesunde Gesellschaft ist kein karger Monolith. Sie ist ein Ökosystem, das von Diversität lebt. Wir brauchen die Krankenpfleger und die Solo-Klettererinnen – und Kletterer. Die Sozialarbeiter und die Grenzgänger. Die Teamplayer und die Einzelkämpfer.

Ist eine Welt ohne Risiko eine ohne Freiheit?

Ein Einzelner kann nie allen Anforderungen gerecht werden. Die Stärke liegt im Kollektiv – und das Kollektiv braucht auch die Extremen. Wo aber liegen die Grenzen? Wohl dort, wo mutige Individualleistungen in schädigenden Egoismus münden. Über Sinn oder Unsinn entscheidet nicht zuletzt, mit welchem Verantwortungsbewusstsein diese Projekte durchgeführt werden. Mit welchem Ethos für sich selbst und für die, die zurückbleiben, wenn etwas schiefgeht.

Alex Honnold klettert Taipei 101, Taiwan
Alex Honnold beim Taipei-101-Skyscraper-Solo in Taiwan – vor laufenden Kameras. Foto: Netflix

Moderne Ethikleitlinien im Alpinismus – etwa die UIAA-Deklaration zu Ethik und Risiko – unterstreichen: Freiheit am Berg ist nicht absolut, solange Dritte betroffen sind (siehe Kasten oben). Honnold als den verantwortungsvollen Helden und Midtbø als leichtsinniges, publikumssüchtiges Pendant zu klassifizieren, wäre viel zu einfach, viel zu platt. Ob ein Extremprojekt sinnvoll ist, hängt von den individuellen Zielen ab und davon, was man daraus macht.

Vielleicht dreht Magnus Midtbø aus seinen Erfahrungen heraus irgendwann Videos, die über Gefahren am Berg aufklären. Sein Matterhorn-Beitrag mag den einen oder anderen zu leichtsinnigen Nachmach-Aktionen animieren. Vielleicht hält der Matterhorn-Film aber mindestens genauso viele Hobbyhelden ab, in seine Fußstapfen zu treten. Und Honnold? Auch er wurde gefilmt. Auch er profitierte finanziell. Auch sein existenzielles Spiel wurde zum Spektakel – ob er wollte oder nicht.

Die Frage ist: Kann man in einer bis in die kleinsten Nischen von Medien durchdrungenen Welt überhaupt noch für sich allein spielen? Oder sind wir alle zum Spiel fürs Publikum verdammt, sobald wir den Pfad des Gewöhnlichen verlassen?

Gefangen in paradoxen Träumen

Alex Honnold musste erkennen, dass er durch eine der radikalsten und archaischsten Ausdrucksformen der Freiheit zum Gefangenen ebendieser Freiheit geworden ist. Spätestens nach dem Oscar für „Free Solo“ musste er lernen, mit der Bürde des inoffiziellen Titels des krassesten Free-Solo-Kletterers der Welt umzugehen. Die lässt er sich nun vergolden. 500.000 Dollar kassierte er für die Besteigung des Wolkenkratzers Taipei 101 – im Vergleich zum El Capitan ein lockeres Klettertraining.

Ein Held – solange er nicht abstürzt.

Und schon wartet ein noch größeres Publikum auf die nächste Heldenstory. Die trägt immer ein fundamentales Paradox in sich: Der moderne Held der Berge kann sich nur als Medienheld behaupten, solange er nicht abstürzt. Andernfalls wird er zum tragischen Ikarus. Dazu trägt jeder Einzelne von uns bei – als Element einer widersprüchlichen Gesellschaft.

Erschienen in der Ausgabe #134 (Frühling 26)

bergundsteigen 134 (Solo)