„Ich hatte dem Rope Solo abgeschworen“ – Colin Haley
Die Solo-Begehung der „Ragni-Route“ am Cerro Torre hattest du schon lange im Kopf. Bereits 2008 hast du mit dem Schweizer Alpinisten Walter Hungerbühler darüber gesprochen, der sich jedoch kurz darauf die erste Solo-Begehung im Sommer holte. Warum wolltest du nach all den Jahren unbedingt im Winter zurück?
Natürlich wäre es großartig gewesen, den Cerro Torre im Sommer zu klettern. Eine Solo-Begehung einer großen alpinen Route ist für mich jedoch idealerweise eine Erfahrung ohne andere Seilschaften in unmittelbarer Nähe. Wenn jemand eine Felsroute wie im Yosemite solo geht, besteht die Herausforderung ausschließlich darin, die Wand ohne Sicherungspartner zu klettern.
Im Alpinismus kommt zu dieser Herausforderung hinzu, dass man sich in einer sehr ernsten Umgebung befindet, in der keine Hilfe von außen verfügbar ist. Das Solo-Klettern einer alpinen Route, in der sich auch andere Seilschaften befinden, würde die psychologische Herausforderung erheblich verringern.
Und da „Ragni“ die einfachste Route auf den Cerro Torre ist, ist sie entsprechend beliebt in der Sommersaison. Im Winter konnte ich mir hingegen nahezu sicher sein, eine wirklich reine Solo-Erfahrung zu haben. Natürlich reizten mich auch die zusätzlichen Herausforderungen, die der Winter mitbringt: tiefer Schnee, Kälte und schwierige Bedingungen.
2013 war dein erster Versuch. Du hast aber relativ früh oberhalb des Col de la Esperanza, noch vor dem eigentlichen Einstieg in die „Ragni-Route“, abgebrochen und das Projekt lange ad acta gelegt – hauptsächlich, weil du dem Rope Solo „endgültig“ abgeschworen hattest. Warum?
Ich habe tatsächlich dem Rope Solo im Laufe der Jahre mehrmals abgeschworen. Grundsätzlich klettere ich am liebsten sehr leicht und schnell – das ist der Alpinismus-Stil, der mich am meisten inspiriert. Rope Solo ist jedoch genau das Gegenteil: Es ist sehr langsam und man muss viel schweres Material alleine tragen.
Und weil es eben so langsam und so extrem arbeitsintensiv ist, habe ich mich schon oft dazu entschlossen, es nicht mehr zu tun. Ein Ziel muss mich wirklich reizen, damit ich diese Mühen auf mich nehme. Den Cerro Torre im Winter allein zu klettern, war ein solches.

Schlussendlich hast du die Idee aber erst nach einer gescheiterten Pakistan- Expedition 2025 wieder aufgegriffen. War die Entscheidung aus Frust heraus motiviert?
Wenn unsere Expedition in Pakistan sehr erfolgreich gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich nicht entschlossen, nach Patagonien zu gehen. Insofern ja, ich glaube, dass meine Entscheidung teilweise von Frustration getrieben war. Frustration kann aber ein hervorragender psychologischer Antrieb sein, wenn man sie auf ein gutes Ziel lenkt.
Allein der logistische Aufwand, die Route im Winter zu klettern, war immens. Wie bist du rangegangen?
Die ganze harte Arbeit, die ich in den Wochen vor der Begehung geleistet habe, war einentscheidender Faktor für den Erfolg. Der Zustieg zur „Ragni- Route“ ist sehr lang, etwa 60 Kilometer. Der Weg führt größtenteils über sehr unwegsames Gelände und erfordert viel Spurarbeit.
Außerdem benötigt man fürs Rope-Solo-Klettern viel zusätzliches Material – und für die vielen Tage im Winter draußen eine Menge Biwakausrüstung wie Kleidung, Lebensmittel und Brennstoff. In Summe bedeutete das ein enormes Gewicht, das zum Fuß der Route transportiert werden musste, und aus früheren Versuchen wusste ich auch, dass es entscheidend ist, die Ausrüstung vorab hinaufzutragen.
Nur so konnte ich den Zustieg später schnell und möglichst fit bewältigen, sobald sich ein gutes Wetterfenster auftat. Ohne ein solches Depot hätte mich allein der Zustieg ziemlich erschöpft, ich hätte sicherlich drei Tage gebraucht – und vermutlich den Großteil des Wetterfensters verloren.
Wie viele Tage hat die Vorbereitung gedauert?
Insgesamt habe ich in den zwei Wochen vor der Begehung acht sehr lange Tage damit verbracht, die Ausrüstung nach oben zu tragen und bin dabei zweimal bis zum Einstieg der Route gelaufen. Als sich schließlich ein stabiles Wetterfenster öffnete, hatte ich bereits einen großen Teil meiner Ausrüstung deponiert, sodass ich den Zustieg relativ schnell und mühelos machen konnte.
Welche Ausrüstung hat sich als gute Wahl erwiesen, worauf hättest du im Nachhinein verzichten können?
Ich hatte etwa 13 Eisschrauben, drei Firnanker, 8–10 Keile, 6–8 Haken, 4–5 Cams, ein 80 Meter langes, 8,5 mm dickes Seil und natürlich Bandschlingen, Karabiner, ein Grigri+, Jumar usw. dabei. Tatsächlich habe ich wenig von dem Felsmaterial gebraucht.
Ich hatte es mit, falls ich Mixed-Verhältnisse vorfinden würde. Das 80-Meter-Seil ermöglichte mir sehr lange Seillängen, so konnte ich Zeit beim Einrichten von Standplätzen und beim Wechsel zwischen Klettern, Abseilen und Jumarn sparen.

Ein echter Fehler war allerdings, dass ich den Innensechskantschlüssel für die Befestigung der „Wings“ an den Eispickeln versehentlich am Einstieg liegen ließ. Diese sind sehr hilfreich in den Rime-Passagen (dt. Anraum). Ohne war ich daher in einigen Seillängen deutlich langsamer, und es war wesentlich anstrengender.
Am 6. September 2025 bist du eingestiegen: Die ersten Seillängen bist du seilfrei geklettert, danach auf Rope Solo umgestiegen. Wie hast du entschieden, welche Abschnitte du wie kletterst – vor allem ohne genau zu wissen, wie die Verhältnisse sein würden?
Ich bin die ersten paar Seillängen free solo geklettert, bis knapp oberhalb des Col de la Esperanza. Ab dort habe ich den gesamten Rest als Rope Solo abgesichert. Ich schätze, damit habe ich nur die ersten fünf bis zehn Prozent der Route free solo gemacht.
Es gab viele weitere Passagen, die ich problemlos ohne Seil hätte klettern können, aber der Aufwand, ständig zwischen den Systemen hin und her zu wechseln, lohnt sich nicht. Außerdem hatte ich mit der gesamten Winterbiwak-Ausrüstung einen schweren 60-Liter-Rucksack dabei – und das verändert natürlich, welche Passagen überhaupt seilfrei in Frage kommen (Abb. 5).
Wie sah dein Rope-Solo-Setup aus?
Ich habe ein Grigri+ im „Toprope- Modus“ genutzt und es verkehrt herum angebracht. (Vgl. Artikel Lead Rope Solo von Brent Barghahn) Das gesamte Restseil habe ich in einem leichten Rucksack mitgetragen und es während des Kletterns bei Bedarf rausgezogen.
Das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Seil im Gelände verhängt – gerade an so einem windigen Ort wie Patagonien. Gleichzeitig konnte ich dadurch am Seilende eingeknotet bleiben, was ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor ist (Abb. 6).
Kurz unterhalb des Gipfels war ein großer Teil des sogenannten Eispilzes abgebrochen und du musstest dich, wie du in deinem Blog schreibst, eher unkonventionell durch eine sehr enge Spalte zwängen. Was heißt das?
Durch diese enge, spaltenartige Passage zu kommen, war ein wahnsinniges und intensives Erlebnis und hat mich fast drei Stunden gekostet. Tatsächlich musste ich fast die gesamte Ausrüstung zurücklassen, um überhaupt durchzupassen.
Und selbst ohne Ausrüstung habe ich Stunden damit verbracht, das Eis und den Schnee abzutragen, um den Durchschlupf groß genug zu machen. Selbst das Grigri musste ich zurücklassen, sodass ich mich nur mit einem Mastwurf an einem Schraubkarabiner gesichert habe. Zurück ging das Abseilen natürlich viel einfacher und schneller – das ganze Eis und der Schnee waren ja schon weg.
Nach über 30 Stunden trat im Abstieg noch ein Problem auf: Der Beal Escaper funktionierte nicht, und das 80-Meter- Seil kam nicht runter. Was war schiefgelaufen?
Warum der Beal Escaper nicht herunterkam, kann ich nicht genau sagen. Meine beste Erklärung ist, dass er aufgrund der extrem kalten Temperaturen versagt hat – möglicherweise, weil die Elastizität nicht mehr gegeben war.
Ich habe den Beal Escaper schon oft erfolgreich benutzt und sogar modifiziert, damit er zuverlässiger runterkommt. Trotzdem war es das zweite Mal, dass er ohne ersichtlichen Grund nicht funktioniert hat. Bei sehr ernsthaften Touren wie dieser werde ich ihn deshalb künftig nicht mehr einsetzen.
Alles in allem: Glaubst du, dass du bei der Besteigung ein großes Risiko eingegangen bist?
Nein, überhaupt nicht. Die Besteigung war zwar eine extreme Herausforderung für mich, doch vor allem aufgrund der Rope-Solo-Taktik: Die gesamte Route zweimal zu gehen, ist körperlich enorm zehrend. Es war daher in erster Linie eine große Ausdauerleistung, aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich große Risiken eingehe.
Ob ich so etwas wieder machen werde, kann ich momentan schwer sagen. Meine Motivation für anspruchsvolles alpines Klettern ist nach wie vor sehr hoch, aber was den Stil betrifft, ändere ich meine Meinung oft. In nächster Zeit sehe ich mich eher bei Unternehmungen im Fast-and-light-Stil.
Auf seinem Blog hat Colin Haley einen ausführlichen Bericht über sein Cerro-Torre-Winter-Solo verfasst.