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von Tom Dauer
02. Nov 2022 - 4 min Lesezeit

Kolumne: Denkt Alpinismus die Natur als Ganzes?

In den Bergen unterwegs zu sein, ist gut für mich. Nicht in den Bergen unterwegs zu sein, ist gut für andere und die Natur ganz allgemein. Was also soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten – meinen Mitmenschen und der Berg-Natur- Kultur-Landschaft gegenüber?

Tom Dauer schreibt über das komplexe Themenfeld Mensch und Natur.

Wovon reden wir, wenn wir von Natur reden? Oder anders gefragt, wie ich letztens zufällig las, als ich in Ludwig Hohls 1972 erschienener Gedankensammlung „Von den hereinbrechenden Rändern“ schmökerte:

„Natur, Natur! Aber was ist Natur? Die Tiere kennen so etwas nicht. Es ist eine Vereinbarung, zu sehen; ein Bild.“

Wenn dem so ist, und ich glaube es fest, dann bewegen wir uns nicht nur auf wirklichen Bergen, sondern auch in einem von uns geschaffenen Werk, das Schicht um Schicht gezeichnet wurde und wird. Im 18. Jahrhundert etwa sah man die Alpen als reine und menschenleere Wildnis, obwohl sie das spätestens seit dem Mittelalter nicht mehr waren. Ihre Gipfel galt es zu erobern. 100 Jahre später war das erledigt, woraufhin die Gebirge großflächig mit Infrastruktur ausgestattet und zum Sehnsuchts- und Erholungsort vieler wurden. Das ist die städtische Sichtweise. Eine ursprünglich bäuerlich geprägte Alpenkultur sah dagegen keinen Sinn darin, auf Berge zu steigen – und wenn, dann für Geld, wie es die Jäger, Schmuggler und Bergführer taten. Ansonsten meisterte man die Natur, wo dies möglich war, und mied sie, wo sie übermächtig schien. Naturschutz bedeutete, den Menschen vor Unbill zu bewahren.

Kleine Menschen, große Eis(reste): Alpinisten beim Abstieg vom Ortler. Foto: Simon Schöpf

Diese Sichtweise verkehrte sich in ihr Gegenteil, als die Städter es sich in Folge der Industrialisierung leisten konnten, alpine Landschaften nicht mehr als magere Ressource oder gar als nutzlos, sondern als schön und schützenswert zu betrachten. Sowohl das touristische als auch das ökologische Bild der Alpen beruhte auf einem Missverständnis: Was man erhalten wollte, war nicht Natur, sondern Kultur – außer im alpinen Ödland.

Der Mensch stellt die Natur ins Museum und legt fest, wer sie wann und wie betreten darf.

Tom Dauer

An diesem gab es kein ökonomisches Interesse, weshalb der organisierte Naturschutz dort ab Ende des 19. Jahrhunderts Flächen aufkaufen und unter Schutz stellen konnte. Welche Landschaften eingehegt wurden, hing vom Goodwill der Grundbesitzer ab; eine Systematik gab es nicht. Erst als die ökologische Krise in den 1970er-Jahren ins öffentliche Bewusstsein drang, erschloss der Naturschutz auch tiefere Lagen für seine Form der Nutzung – der Mensch stellt die Natur ins Museum und legt fest, wer sie wann und wie betreten darf.

Die Alpen als Lebens- und Wirtschaftsraum

Heute sind nach Angaben des Netzwerks Alpiner Schutzgebiete (Alparc) rund 28 Prozent der Alpen als schützenswert ausgewiesen. Das macht etwa 1000 Schutzgebiete verschiedener Art und Verbindlichkeit. Der reine Naturschutz hat in diesen Reservaten weitgehend ausgedient. Seine Grundannahme, die Natur sei zu einem historischen Zeitpunkt so gewesen, wie sie fortan bleiben solle, hat sich als schräges Bild erwiesen. Moderner Umweltschutz berücksichtigt die Interessen der Land-, Alm- und Forstwirtschaft, der Jagd, der lokalen Bevölkerung. Das ist nachhaltig, weil die Alpen so zum Lebens- und Wirtschaftsraum werden – und nicht zur Projektionsfläche weltfremder Romantiker, die eine nie dagewesene Idylle zu erhalten trachten.

Die Berge um das Stilfser Joch. Foto: Simon Schöpf

Und die Rolle des Alpinismus?

Leider hat es der Alpinismus in seinen Spielformen inzwischen gut 150 Jahre lang versäumt, seine Rolle im Multifunktionsraum Alpen darzulegen. Das mag daran liegen, dass er einerseits das Schöne, Wilde und Erhabene feiert – auch wenn dieses nur als Illusion existiert –, dieses Schöne, Wilde und Erhabene zugleich aber auch am eigenen Leib und immer wieder erfahren will. Alpinismus ist daher weder Fisch noch Fleisch.

Alpinismus ist weder Fisch noch Fleisch.

Tom Dauer

Er will die Natur in gleichem Maße schützen, wie er sie nutzen will. Sein Bild der Berge ist im schlechtesten Fall verschwommen, im besten Fall mehrdeutig. Daher hat er im großen und anhaltenden Konflikt handfester ökonomischer Interessen – alle wollen an den Bergen was verdienen – einen schwachen Stand.

Alpinismus denkt Natur als Ganzes.

Das ist schade, denn der Alpinismus hätte gute Argumente. Er sieht die Natur nicht als Ressource – auch Bergführer und Profibergsteiger sind nicht an ihrer Ausbeutung interessiert, wäre ja doof. Er sieht sie aber auch nicht als idealisierte Konserve. Alpinismus denkt Natur weder als Objekt noch als Fetisch, sondern als Ganzes. Alpinisten erfahren Natur wiederholend, sich vertiefend, sinnlich, körperlich und gestalten dabei ein Bild, das sich wie die Natur selbst ständig verändert. Alpinisten anverwandeln sich Natur. Sie wird ihnen äußere und innere Heimat.

Die Welt bräuchte nicht weniger, sondern mehr von uns.

Erschienen in der
Ausgabe #119 (Sommer 22)

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