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Nick Mammel Klettern
14. Mrz 2022 - 6 min Lesezeit

pro & contra: Brauchen wir einen Kletterführerschein?

Sind Kletterscheine eine Chance der Alpenvereine, Sicherheit mit betriebswirtschaftlich lukrativen Kurskonzepten und einer Motivation zur Weiterbildung zu verbinden? Oder bringen standardisierte Prozesse nur Probleme und rauben das Abenteuer?

pro: Jonas Loss

Jonas Loss (*1984) arbeitet (seitdem er arbeiten darf) in Kletterhallen. Als Schüler in den Red-Point-Walls Duisburg, als Student im RoXx in Göttingen, seit 2008 als Betriebsleiter im Cube in Wetzlar und seit 2015 im UNTERWEGS, dem DAV-Kletterzentrum Bremen.

Kletterscheine: Eine verpasste Chance der Alpenvereine, Sicheheit mit betriebswirtschaftlich lukrativen Kurskonzepten und einer Motivation zur Weiterbildung zu verbinden. Was im Tauchsport gang und gäbe ist, hat beim Klettern nie Einzug gefunden. Ohne einen „Open Water Diver“ (OWD) darf kein*e Taucher*in selbständig in die Tiefe – sofern er oder sie Gebrauch der Infrastruktur von Tauchbasen machen will. Mit dem OWD beginnen Einsteiger das Sammeln von Qualifikationen, auf die man stolz ist und mit denen man am Stammtisch gerne zeigt, was man errungen hat. Sichtbar wird dies unter anderem durch Bonussticker für Aufbaukurse wie „Advanced Open Water Diver“, „Night Diver“, „Emergency First Responder“ und vielen mehr. Das Erlangen neuer Fähigkeiten und damit zusätzlicher Sicherheit wird gamifiziert und zur Lebensaufgabe. Wie weit steige ich im Ausbildungsschema auf? Wie viele Qualifikationen bekomme ich? Schaffe ich es bis zum Platin-Ausweis mit allen Bonusstickern?

Fundierte Ausbildung – mehr Sicherheit

Ein fein gegliedertes Ausbildungskonzept mit Kursen, die gerne belegt und natürlich auch bezahlt werden wollen. Plötzlich gibt es eine intrinsische Motivation sich fortzubilden. Der Versuch des Deutschen Alpenvereins, aufbauend auf dem DAV-Kletterschein- Vorstieg, eine Update-Marke „Sicherungstraining“ mit entsprechendem Kurs aufzusetzen, kennen wohl die wenigstens. Guter Ansatz, schlechtes Marketing rund um das Mindset, wie so ein Angebot vom gemeinen Hallenkletterer*in wahrgenommen wird. Wer zahlt schon 60 € für ein Sicherheitstraining und kommuniziert damit nach außen, dass er/sie diese Auffrischung dringend nötig hat? Die coolen Jungs und Mädels schauen herab und belächeln die Teilnahme der Amateure.

Kletterschein kann Türöffner sein, um Kletternde zu motivieren, sich regelmäßig mit dem Sport auseinanderzusetzen.

Jonas Loss

Wäre dies jedoch ein Schritt zum Platin-Ausweis, den alle selbstverständlich durchlaufen, wäre das Ansehen und die Motivation, einen solchen Aufbaukurs zu belegen, eine andere. Dass eine fundierte Ausbildung mehr Sicherheit bedeutet, steht außer Frage. Aus diesem Grund sind Zugangsqualifikationen eine uns vertraute Angelegenheit. Sei es im Straßenverkehr, beim Segelfliegen, beim Holzeinschlag mit der Motorsäge oder eben beim Tauchen. Eigentlich immer, wenn ein „künstlicher“ Verkehr eröffnet wird und die hier verrichtete Tätigkeit mit besonderen Gefahren für sich und vor allem auch für andere einhergeht, gibt es Zugangsbeschränkungen – und das aus gutem Grund! Klar, im Schwimmbad muss ich nicht mein Seepferdchen-Abzeichen vorzeigen. Dafür zieht mich der Bademeister aber auch aus dem Wasser, wenn ich zu lange unten bleibe. Einen solchen Hallen-Sheriff wollen wir nicht.

Ziel: Eigenverantwortlichkeit.

Wir wollen eigenverantwortliche, mündige Kletterbegeisterte – und genau dies könnte man in einem ersten Schritt mit einem Kletterschein als Minimalanforderung belegen. Dass dieser nicht zwingend aussagekräftig sein muss, weil er eventuell schon Jahrzehnte alt ist oder einem der Schein „geschenkt“ wurde, ist klar. Aber besser als nichts ist es allemal. Zudem soll er auch nur ein Add-on zu bereits bestehenden Sicherheitsmaßnahmen sein, wie zum Beispiel dem vom DAV propagierten standardisierten Eingangsprozedere oder der Fehleransprache.

Der Kletterschein kann Türöffner sein, um Kletternde zu motivieren, sich regelmäßig mit dem Sport auseinanderzusetzen, sich up-to-date zu halten und sich fortzubilden. Ebenso, wie Ihr dies beim Lesen dieses Magazins tut.


contra: Nick Mammel

Nick Mammel (*1984) ist Geschäftsführer der urbanen apes-Gruppe, der größten Kletter- bzw. Boulderhallenkette Deutschlands mit derzeit neun Hallen in Nord- und Ostdeutschland. Er ist gelernter Eventmanager, klettert seit 17 Jahren und ist Trainer C im Sportklettern beim DAV.

Bewährtes Konzept Aus-/ Weiterbildung

Aus- und Weiterbildungen und die dazugehörigen Scheine sind in vielen Sportarten bereits etabliert und nicht mehr wegzudenken. Werden sie doch von den Ausübenden nicht nur als Würdigung ihrer Leistung und somit als Trophäe wahrgenommen, sondern ermöglichen darüber hinaus einen kontrolliert sicheren Umgang mit der Materie. Warum also nicht auch im Klettersport einen solchen „Führerschein“ einführen?

Gutes Fundament für Neueinsteiger*innen

Bisher gibt es in Deutschland den Kletterschein Toprope und den Kletterschein Vorstieg bzw. die KLEVER-Card Toprope und Vorstieg, mit einer entsprechenden Prüfung am Ende mehrerer Lehreinheiten, sowie das entsprechende Pendant beim Österreichischen Alpenverein. Ich bin ein absoluter Fan dieser Scheine. Bieten sie Trainern*innen doch eine Struktur, einen Leitfaden, als auch eine standardisierte Prüfung und damit die Sicherheit, dass ein Neueinsteiger*in mit Bestehen der Prüfung ein gutes Fundament erlangt hat, sicher zu klettern bzw. zu sichern. Immer wieder kommt es jedoch vor, dass Kurse teilweise Monate oder sogar Jahre zurückliegen, dass angeeignetes Wissen und Können nicht ausreichend geübt und vertieft wurden und somit Kursinhalte nicht mehr präsent sind. Wie von Jonas bereits beschrieben, gab es vom DAV ja bereits Versuche einer Update-marke, welche sich jedoch leider nicht durchgesetzt hat.

Und das altgediente Urgestein der Szene?

Ohne diese Checkups bzw. regelmäßigen Fortbildungen sind die so gut gedachten Qualifikationen nur halb so viel wert. Eine nachprüfbare Legitimation wäre als Kletterhallenbetreiber in vielen Bereichen sehr wünschenswert. Müsste sich doch z. B. kein*e Mitarbeiter*in mehr durch clever ausgeklügelte Fragen davon überzeugen, dass die Kletterwillige vor ihm kann, was sie vorhat zu praktizieren. Doch bereits hier komme ich als Betreiber einer Kletterhalle ins Stocken. Was mache ich mit den Alexander und Thomas Hubers, den altgedienten Kletterern dieser Welt, die seit Jahrzehnten klettern bzw. sichern und sich ihr Wissen und Können in keinem national standardisierten Kurs angeeignet haben? Muss ich diesen zukünftig den Zugang zu unserer Anlage verweigern, weil sie sich ihr Können nicht im Rahmen einer Prüfung bestätigen lassen haben?

… habe nie einen Toprope- oder Vorstiegskurs besucht.

Nick Mammel

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich nie einen Toprope- oder Vorstiegskurs besucht habe. Ich habe zwar später in meinem Leben Trainerscheine über den DAV absolviert und war selbst lehrend tätig, bin jedoch nicht den klassischen Weg gegangen, den wir mit Einführen eines „Führerscheins“ von unseren Gästen verlangen würden.

Ruf nach Übergangsphase

Mal angenommen, wir führten einen solchen nationalen „Kletterführerschein“ ein, müsste es meines Erachtens eine Übergangsphase geben, in welcher alle Kletterhallen vergünstigte oder sogar kostenlose Prüfungen anbieten. Dann bekommen all diejenigen, die zwar das nötige Wissen und Können besitzen, jedoch nie einen Kurs besucht haben, die Möglichkeit, die ab diesem Zeitpunkt gültige und geforderte Nachweispflicht unkompliziert nachzuholen. Ich bin nicht gegen standardisierte Prozesse und Scheine, sehe deren Einführung jedoch als problematisch an.

Erschienen in der
Ausgabe #117 (Winter 21-22)

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