Rope-Solo: Die Seiltechnik von Simon Gietl
„Plötzlich kam mir das Seilende entgegen“
Dem Südtiroler Simon Gietl gelangen in den Dolomiten einige sehr schwere Rope-Solo-Erstbegehungen. Einige davon waren ursprünglich nie als Solo geplant – und gingen nur mit Glück und Fehlertoleranz gut aus.
Mit der Mixed-Route „Lumina“ am Nordostpfeiler des Wildgalls (M8-), der „Identität“ (8+/9-) an der Westwand des Zwölfers oder der „Can you hear me?“ (8+/A2) an der Scotoni hast du einige beachtliche Rope-Solo-Erstbegehungen gemacht. Warum alle ohne Partner?
Die Erstbegehungen waren nie als Solos geplant – aber da muss ich von vorne beginnen: Die „Can you hear me?“ war 2018 meine erste Rope-Solo-Erstbegehung und die persönlichste. Nicht wegen der Tour an sich, sondern wegen eines letzten Versprechens an meinen Freund Gerry, der in Nepal tödlich verunglückte. Die Linie an der Scotoni war sein Herzensstück.
Er wollte sie rein traditionell begehen, ohne Bohrhaken und ohne alte Routen zu kreuzen. Ich hatte zugesagt, sie nur mit ihm zu machen. Dieses Versprechen wollte ich halten und bin alleine eingestiegen. Sonst wäre ich nie auf den Gedanken gekommen – vor allem nicht in so einem Ambiente mit dieser Ausgesetztheit. Auch die Erstbegehung am Zwölfer 2023 war nie als Solo geplant: Mein Seilpartner Robert Jasper ist wegen starker Rückenprobleme plötzlich länger ausgefallen.

Er gab mir grünes Licht, mit jemand anderem zu gehen. Doch bei solch großen alpinen Unterfangen ist die Partnerwahl begrenzt. Es war ja kein Zufall, dass die Linie noch frei war. Und da möchte ich niemanden überreden. Mit der Erfahrung, die ich 2018 gesammelt hatte, entstand schließlich die Idee, es allein zu versuchen. Ebenso bei weiteren Projekten sind Partner aus verschiedenen Gründen dann kurzfristig ausgefallen.
Wie funktioniert deine Rope-Solo-Seiltechnik?
Zuerst fixiere ich das Seilende am Standplatz. Dann läuft das Seil an meinem Anseilring am Gurt durch das Pinch, also das halbautomatische Sicherungsgerät von Edelrid, und anschließend in einer Schlaufe zurück zu meiner Rücklaufsperre, einer Edelrid Spoc, die seitlich am Gurt befestigt ist.
Das Pinch wurde übrigens auch für Rope-Solos einer Risikoanalyse unterzogen und eignet sich gut – beim alten Grigri 1 von Petzl (Vgl. „Solo-Seilschaft“, bergundsteigen #123) muss man dagegen selbst ein Loch für die Brustbefestigung bohren (Anm. Redaktion: Im Artikel Lead Rope Solo von Brent Barghahn in diesem Schwerpunkt wird ein modernes Setup mit Grigri+ vorgestellt, bei dem kein Loch mehr gebohrt werden muss).
Mit diesem Setup habe ich eine drei bis fünf Meter lange Schlaufe, mit der ich mich frei bewegen und mit einer Hand Seil nachziehen kann, um weiterzuklettern (Abb. 1). Das Restseil, das in das Sicherungsgerät wie beim normalen Klettern als Bremsseil einläuft, bleibt dabei am Standplatz – es liegt zum Beispiel auf einem Felsband oder wenn es sich um steileres Gelände handelt, fixiere ich es mit einem Fifihaken in einer der letzten Zwischensicherungen.

Ziel dabei ist, nicht das gesamte Gewicht des Restseils an meinem Körper hängen zu haben, sondern die Last aufzuteilen, damit ich mich leichter bewegen kann. Ein kleiner Teil des Seils hängt dann bei mir am Körper, der Großteil des Restseils aber befindet sich am Felsband oder an einer der letzten Zwischensicherungen (Abb. 2).
Die Spoc klippe ich außerdem nicht in die Materialschlaufe, sondern direkt an den Bauchgurt des Klettergurtes (siehe Abb. 1). Sollte sich das Seil einmal verklemmen und stark Zug bekommen, könnte sonst die Materialschlaufe reißen und sich das weitere Material verabschieden. Das wäre natürlich ein Albtraum.
Wie hat sich die Technik bisher bewährt?
Die „Can you hear me?“ war meine erste richtige, schwere Rope-Solo-Erstbegehung und dabei habe ich einige Fehler gemacht. In der dritten Seillänge, einer 9-, kam mir plötzlich das Seilende des Restseils entgegen, das in das Sicherungsgerät als Bremsseil einläuft.
Das Eigengewicht des unten am Standplatz fixierten Seils zog das Seil nach unten und es lief langsam und unbemerkt durch das Sicherungsgerät an meinem Gurt. Also das Seil hat sich sozusagen selbst durch sein Eigengewicht langsam durch das Sicherungsgerät nach unten gezogen. Die Amis sagen zu diesem Problem auch „Backfeeding“ (Siehe Artikel Lead Rope Solo).
Unten bildete sich immer mehr Schlappseil, was ich nicht bemerkte. Dazu kam noch etwas ganz Fatales: Ich hatte keinen Knoten am freien Seilende des in das Sicherungsgerät einlaufenden Restseils (Bremsseils) gemacht. So wäre das Seil ungebremst durch das Sicherungsgerät gelaufen und ich abgestürzt. Im letzten Augenblick habe ich es noch gesehen. So ein riesiges Glück muss man erstmal haben – und daraus lernen können.
Was hattest du, bis auf den fehlenden Knoten am Seilende, falsch gemacht?
Ich hatte das Seil nicht in den Zwischensicherungen blockiert. Um zu verhindern, dass das Seil durch sein Eigengewicht zurückläuft oder mich runterzieht, hänge ich heute je nach Gelände alle sechs bis acht Meter eine Zwischensicherung mit einer Art Rücklaufsperre ein. Entweder mit Tibloc oder, noch besser, mit Halbmastwurf.
Dieser hat den Vorteil, dass er beim Sturz umschlägt und Kraft aufnimmt – ich werde also etwas dynamischer gesichert. Inzwischen gibt es sogar von einem amerikanischen Hersteller Kunststoffclipps für die Expressschlingen in den Zwischensicherungen, die den gefährlichen Seilrücklauf stoppen – sogenannte „Backfeed Preventer“ (Abb. 3). Die habe ich mir jetzt auch besorgt, aber noch nicht ausprobiert.

Außerdem achte ich sehr auf die Seilführung von Anfang bis Ende der Seillänge. Im traditionellen Stil, also nur mit Schlaghaken oder mobilen Sicherungsmitteln, ist das entscheidend. Etwa fünf Meter nach dem Stand brauche ich eine gute Zwischensicherung, das Seil sollte dann straff sein, kein Schlappseil bilden und nicht über eine Kante laufen.
Manche binden sich beim Rope Solo das Seil mit Sackstichen an den Gurt (vgl. Solo-Seilschaft, bergundsteigen #123). Wäre das nicht einfacher?
Jeder muss für sich selbst herausfinden, was funktioniert. Für mich ist es besser, wenn das ins Sicherungsgerät einlaufende Restseil am Standplatz bleibt, entweder auf einem Felsband liegend oder in einem Haulbag. Manchmal hänge ich das einlaufende Restseil auch in Schlaufen mit einem Fifihaken an eine der letzten Zwischensicherungen (siehe Abb. 2), damit möglichst wenig Restseil direkt bei mir am Körper hängt und mich runterzieht.
Zudem habe ich alle Touren im klassischen Stil erstbegangen – das macht einen großen Unterschied. Bei einer Erstbegehung mit Bohrmaschine hat man weniger Material am Gurt. Man sitzt im Cliff, zieht die Bohrmaschine hoch, setzt den Dübel, die Sicherung und fertig. Man benötigt nur einen kleinen Hammer und minimale Ausrüstung. Im klassischen Stil hat man dagegen möglichst viele verschiedene Haken und Friends am Gurt.
Denn alles, was man nicht dabeihat, kann am Ende zum Problem werden. Natürlich bleibt es selbst mit Bohrhaken extrem anspruchsvoll, aber es gibt mehr Möglichkeiten, um Haken zu setzen. Das heißt: Man sieht ohnehin schon aus wie ein Christbaum und wenn dann noch das Seil am Gurt hängt, wird es richtig schwer. Für eine Solo-Begehung im alpinen Stil braucht es ohnehin eine sehr hohe Leidenstoleranz. Eigentlich schindet man sich den ganzen Tag.

Warum denn dann die ganze Schinderei?
Das habe ich mich schon oft gefragt. Einerseits wegen des Abenteuers, andererseits wegen des sportlichen Reizes. Letzten Herbst bin ich die „Lumina“ am Wildgall zum ersten Mal mit Ines Papert zusammen geklettert.
Dass ich alleine dort war, zeigte mir, wie groß meine Motivation war: drei Stunden Zustieg und dann wirklich alleine in so einer Wand. Nach solchen Aktionen bin ich für eine Weile erstmal gesättigt – und diese Sättigung hält länger als beim Klettern in einer Seilschaft.
Allerdings gewöhnen sich Menschen relativ schnell an solche Reize. Danach wollen wir nicht nur dasselbe wieder, sondern oft noch mehr davon. Das Phänomen nennt man in der Psychologie hedonistische Adaption. Ist das nicht eher ein gefährlicher Kreislauf – vor allem bei Solo-Erstbegehungen?
Ich habe viele Erstbegehungen in Seilschaften gemacht. Der Reiz bleibt, aber ja, man möchte sich nicht auf gleichem Level bewegen. Wie ein Alkoholiker will man irgendwann mehr. Beim Solo-Klettern spielt das Adrenalin sicher eine größere Rolle.
Doch es gibt auch eine andere Seite: Erst durch gesammelte Erfahrungen ergeben sich neue Möglichkeiten. Von außen wirkt es oft extremer, dabei waren meine ersten Alpintouren vielleicht leichter, aber ich hatte weniger Erfahrung. Das Risiko bleibt also ähnlich: Die Tour ist heute anspruchsvoller, aber ich bin erfahrener.
In einem Interview hast du gesagt, dass du in der „Can you hear me?“ risikofreudiger unterwegs warst als in der „Lacedelli“ (7a), ebenfalls an der Scotoni, die du komplett seilfrei gegangen bist. Klingt paradox.
Die Route „Can you hear me?“ ist in einem sehr anspruchsvollen Gelände, welches selbst für eine Seilschaft eine große Herausforderung ist. Nur weil ich mit Seil klettere, heißt das nicht, dass ich überall stürzen darf – schließlich kenne ich das Gelände oft nicht. Die „Lacedelli“ bin ich mehrfach geklettert, auch als Rope Solo. Ich habe mich genau vorbereitet und wusste, was auf mich zukommt.
Es war keine Frage, ob ich es schaffe. Natürlich gibt es Aktionen, die frech sind, wie schwere Onsight Free Solos. Doch innerhalb der Touren gibt es große Unterschiede. Jemand wie Alex Huber ist das zum Beispiel sehr professionell angegangen: Er hat klein angefangen, Routen genau studiert und sich viel Zeit genommen. Und die Zeit, die man investiert, ist eine sehr wichtige Komponente, finde ich. Ich will schließlich alt werden – das war immer mein größtes Ziel.