„Women’s first ascents nerven, weil es sich wie eine Abwertung anfühlt“
Interview mit Lise Billon

Foto: Jan Novak
Zuletzt warst du mit Raphaela Haug und Babsi Vigl an der Great Gorge am Ruth-Gletscher im Denali-Nationalpark unterwegs. Nach welchen Kriterien suchst du deine Projekte aus?
Da bin ich opportunistisch. Ich suche mir ein Land aus, das ich besuchen möchte. Dann gehe ich mehr ins Detail. Eine gute Quelle ist die Bibliothek der École Nationale de Ski et d’Alpinisme (ENSA). Da gibt es Tonnen an Informationen. Am wichtigsten sind aber die richtigen Kletterpartner und Kletterpartnerinnen, mit denen ich eine ähnliche Vision teile. Wir tauschen Ideen aus, sind immer auf der Suche nach einer neuen Traumlinie, also der ästhetischsten Linie durch eine steile Wand.
Wie bist du zum Bergsteigen gekommen?
Mein Vater ist Bergführer. Er hat jedoch nicht in dem Beruf gearbeitet, weil wir aus Südfrankreich kommen. Ich war aber schon immer viel draußen unterwegs, vor allem zum Klettern. In meiner Jugend habe ich dann mehr Handball gespielt.

Mit dem Bergsteigen fing ich erst während des Sportstudiums an. Ich habe mich beim Französischen Berg- und Kletterverband (Fédération Française de la Montagne et de l’Escalade, FFME) angemeldet und dort alle Ausbildungsstufen durchlaufen, bis ich dann selbst Ausbilderin geworden bin. 2017 schloss ich dann auch die Ausbildung zur Bergführerin ab.
Hattest du damals bestimmte Vorbilder?
Nein, ich mag es nicht, Fan von irgendwem zu sein oder ein Vorbild zu haben. Ich habe damals gesehen, dass sich einige Jungs aus meiner Klettergruppe für die Ausbildung zum Bergführer vorbereiten. Das wollte ich dann auch.
„Eine Ethik beim Bergsteigen definieren wir heutzutage vor allem darüber, wie wir auf den Gipfel eines Berges kommen.“
Was war für dich bisher dein größter Klettererfolg?
Das ist für mich immer noch meine erste große Klettertour. 2012 durchstiegen wir erstmals den Pillar del Sol Naciente (7b, A1, WI6, M6, 1000 Höhenmeter) am südöstlichen Grat des Cerro Murallón in Patagonien. Die Gegend ist sehr abgelegen.
Wir waren 40 Tage unterwegs, davon verbrachten wir allein zehn Tage in der Wand. Damals war mir gar nicht klar, wie groß dieses Projekt ist. Natürlich bedeutet mir auch der Cerro Torre viel. Und auch unsere Expedition zum K7 in Pakistan vergangenes Jahr war lehrreich, obwohl wir nicht erfolgreich waren.
Wie verdienst du dein Geld?

Ich arbeite als Freelance-Bergführerin in Chamonix und bin eine der Trainerinnen des französischen Nationalteams der Frauen im Bergsteigen (ENAF) des FFME. Ich arbeite schon seit sechs Jahren als Ausbilderin. Von 2010 bis 2012 war ich selbst Teil dieser Gruppe. In einem Zyklus von drei Jahren bilden wir immer sechs Nachwuchsbergsteigerinnen aus. Vergangenen Sommer waren wir zum Beispiel zum Expeditionstraining in Island und sind viele Mixedrouten im Mont-Blanc-Massiv geklettert.
Wir wollen den jungen Frauen alle Fertigkeiten mitgeben, die sie befähigen, sich sicher und selbstständig in alpinem Gelände zu bewegen. Neben dieser Arbeit setze ich eigene Projekte um und werde von Sponsoren unterstützt.
Als eine von insgesamt drei Frauen (Kei Taniguchi aus Japan 2009 und Catherine Destivelle aus Frankreich 2020) hast du einen Piolet d’Or (Goldener Eispickel) erhalten. Der Preis gilt in der Szene als Bergsteiger-Oscar. Was bedeutet dir das?
Den haben wir für die Erstbesteigung des Nordostpfeilers auf dem schwer zugänglichen 2550 Meter hohen Cerro Riso Patron in Patagonien erhalten. Ich war überrascht und hatte damals nicht das Gefühl, dass ich den Preis verdient habe, obwohl er unsere Teamleistung ausgezeichnet hat. Ich war nicht die Expeditionsleiterin, sondern nur ein Teil des Teams.
Aus meiner Sicht war die Erstbesteigung aber nicht größer als unsere Tour am Cerro Murallón. Die Linie war eine sehr originelle Idee. Sie haben uns mehr für unsere Kühnheit ausgezeichnet und weniger für die Schwierigkeit der Begehung.
Mittlerweile sitzt du selbst in der Jury des Piolet d’Or, ein Preis, der auch kritisch gesehen wird. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Projekte aus?
Die Route sollte fantasievoll und außergewöhnlich sein, aber kein unverhältnismäßiges Risiko involvieren. Es geht uns vor allem um den Entdeckergeist, das Niveau der technischen Fähigkeiten und die Ethik. Darüber gibt es eine große Diskussion, jeder hat seine eigenen Vorstellungen darüber, was Alpinismus bedeutet. Für uns sollte Alpinismus einen minimalistischen Ansatz verfolgen, also nicht mit technischen Mitteln, Fixseilen, Flaschensauerstoff, Höhenträgern und Hubschrauberunterstützung einhergehen.
Brauchen wir den Piolet d’Or noch?
Der Piolet d’Or und die Veranstaltung sind eine gute Plattform, um sich über Alpinismus auszutauschen. Und sie bietet dem Alpinismus auch eine gute Möglichkeit, um sich zu präsentieren. Für viele bedeutet Bergsteigen mittlerweile, alle 14 Achttausender in sechs Monaten zu besteigen oder auf den Seven Summits gestanden zu haben. Das bewerten wir als Jury nicht als Alpinismus, sondern als Kommerz.

Woran orientieren sich deine persönlichen Werte?
Eine Ethik beim Bergsteigen definieren wir heutzutage vor allem darüber, wie wir auf den Gipfel eines Berges kommen. Für mich persönlich ist es wichtig, dass ich nicht mit einem Hubschrauber auf einen Berg fliege. Andere lassen sich von einer Bergführerin auf einen Gipfel führen oder jagen Rekorden hinterher.
Obwohl das nicht meiner Art des Bergsteigens entspricht, versuche ich trotzdem, es zu tolerieren. Ich will mich nicht über andere stellen und entscheiden, welche Art von Bergsteigen wertvoller ist. Jeder kann das für sich persönlich entscheiden. Ich versuche, nicht zu urteilen – und das ist es auch, was ich von anderen Bergsteigern erwarte.
„Alpinismus erfordert eine gewisse Reife, es ist eine sehr komplexe Aktivität.“
Was bedeutet für dich konkret Ethik am Berg?
Ich tue mich schwer damit, eine Ethik zu definieren, weil ich wirklich glaube, dass Ethik nichts Starres sein sollte. Sie sollte veränderlich und erfassbar bleiben, sonst werden wir zu dogmatisch. Ich habe das Gefühl, dass Leute gerne eine Ethik definieren und daran festhalten, und dann fällt es ihnen schwer, sie neu zu bewerten. Wir alle werden älter, machen neue Erfahrungen und verändern auch unsere Sicht auf die Dinge.
Was ist dir in den Bergen wichtig?
Mir geht es vor allem darum, besondere Momente mit Freunden zu teilen und gemeinsam große Abenteuer zu erleben. Mit großem Abenteuer meine ich aber nicht zwingend etwas Spektakuläres, sondern es geht einfach darum, eine Reise mit jemandem zu teilen, mit dem ich gerne Zeit verbringe.
Ich wünsche mir, dass jeder in der Lage ist, sein Ego beiseitezulassen, wenn er in die Berge geht, und sich mehr darauf konzentriert, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Das gilt nicht nur am Berg, sondern auch unten im Tal.

Noch mal zum Piolet d’Or: Warum haben bisher so wenige Frauen den Preis erhalten?
Eines der Kriterien beim Piolet d’Or ist, dass es eine Erstbegehung sein muss. Es gibt einfach keine Frauen, die das machen, also herausragende Routen an fernen Bergen zu eröffnen. Aktuell gibt es keine Frauenteams, die so etwas angehen oder die erfahren genug dafür wären. Alpinismus ist kein Sport, für den du einfach trainieren kannst, losgehst und dann erfolgreich bist. Alpinismus erfordert eine gewisse Reife, es ist eine sehr komplexe Aktivität.
Woran hakt es bei den Frauen?
Du kannst nicht einfach fordern, dass du mehr Frauen im Bergsteigen willst, und dann erwarten, dass sie sofort auf der Matte stehen. Das ist ein langer Prozess. Die neue Generation ist viel stärker, als wir es damals waren. Sie sind unabhängiger. Dass wir jetzt überhaupt Nachwuchs haben, haben wir den nationalen Verbänden zu verdanken, die viel in die Ausbildung von jungen Alpinistinnen investieren. Das zahlt sich langsam aus. Die nächste Generation kommt, aber wir sollten sie nicht zu stark unter Druck setzen. Die sind Anfang 20, sie werden nicht gleich morgen die nächste schwierige Route klettern, aber vielleicht sind sie in zwei, drei Jahren bereit.
Welche Rolle spielen Outdoormarken in diesem Zusammenhang?
Aus meiner Sicht setzen viele Brands junge Frauen unter Druck. Sie wollen Frauen im Bergsteigen, aber du kannst nicht erwarten, nur weil du einer Frau viel Geld und Ausrüstung gibst, dass sie morgen ein Superstar im Bergsteigen sein wird. Dieses Denken ist sehr gefährlich. Großer Alpinismus braucht viel Erfahrung, weil Bergsteigen einfach sehr gefährlich ist.
Wie denkst du über deine Rolle als weibliche Bergsteigerin?
Ich bin da zwiegespalten. Einerseits freue ich mich, wenn ich dazu beitragen kann, Klischees und alte Rollenbilder aufzubrechen und Frauen zu alpinistischen Leistungen zu inspirieren. Andererseits nervt es mich, wenn meine Erfolge als „women’s first ascents“ bezeichnet werden, weil es sich wie eine Abwertung anfühlt. Ich würde gerne einfach als Mensch wahrgenommen werden, der etwas in den Bergen leistet, ohne als Frau kategorisiert zu werden.

Lass uns über Patagonien reden, dein zweites Zuhause. Warum bist du so gerne dort?
Ich habe schon früh von Patagonien geträumt. Mittlerweile war ich sechs Mal dort. Ich finde weite Landschaften wunderschön, weil die Augen so weit sehen können. Im südlichen Patagonien hast du dann diese Felsnadeln in den Himmel ragen, mitten im Nirgendwo. Und ich liebe die Abgeschiedenheit und steile Berge.
In diesem Jahr gelang dir gemeinsam mit den Französinnen Maud Vanpoulle und Fanny Schmutz die Wiederholung der Route über den Südostgrat auf den Cerro Torre (3128 Meter). Im Netz kursieren Meldungen, dass ihr nicht die erste Frauenseilschaft gewesen seid.
Das ist ein Missverständnis. 2012 entfernten zwei Amerikaner die Bohrhaken aus der Kompressorroute von Cesare Maestri. Das war eine Zäsur. Danach war die Route nicht mehr dieselbe. Uns ist in diesem Jahr als erste Frauenseilschaft eine Begehung der bohrhakenfreien Route über den Südostgrat gelungen, also ohne die ganzen technischen Hilfsmittel von Maestri. Das ist die freie Variante der Kompressorroute, die David Lama und Peter Ortner am Cerro Torre 2012 eröffnet haben.
Patagonien ist für schwierige Wetterverhältnisse bekannt. Wie war es am Tag eures Aufstiegs?
Wir haben sechs Wochen gewartet, bis wir ein halbwegs gutes Wetterfenster hatten. Am Anfang schneite es noch und es hatte mehr Schnee in der Route, als wir erwartet hatten. Aber dafür lief alles recht reibungslos. Die Ausstiegswand ist der schwierigste Teil der Route. Als wir dort ankamen, schien gerade die Sonne und die Eisschicht auf dem Fels war angetaut.
Das war unser Glück. Mit Eisschicht wäre die Route unkletterbar gewesen. Trotzdem haben wir bis zum Schluss nicht daran geglaubt, dass wir es schaffen würden. Als wir etwa 19 Uhr am Gipfel ankamen, zogen wieder Wolken auf und es schneite. Wir seilten ab, biwakierten nochmal eine Nacht in der Wand. Beim Abseilen kamen wir auch am Kompressor vorbei, man steigt buchstäblich drauf.
Warum wolltest du genau diese Route klettern?
Die Route ist sehr faszinierend, hat eine spannende Geschichte, und du kannst die Ostseite schon von El Chaltén aus sehen. Ich war zwei Mal vorher schon am Cerro Torre, aber ich habe andere Routen probiert. Das erste Mal war ich 2013 dort. Damals passierte ein Unfall, als wir in der Ostwand kletterten. Ich war 24 Jahre alt und war nicht sehr erfahren. Das war verrückt, weil ich dabei fast draufgegangen wäre. Mein Partner stürzte schwer ab, weil ein Griff ausgebrochen ist. Ein Wirbel und seine Hüfte waren gebrochen. Das Rettungssystem in El Chaltén funktioniert nicht wie bei uns. Da kommt kein Heli, um dich zu retten.

Es brauchte 50 Leute, um ihn zurück in die Stadt zu befördern. Das hatte einen sehr großen Einfluss auf mich. Ich musste erstmal wieder Selbstvertrauen zurückgewinnen. 2016 kam ich zurück zum Cerro Torre, um eine neue Route zu etablieren. Aber die Route war zu lang, am Ende waren wir zu kaputt und das Wetter zu schlecht, um den Gipfel zu erreichen.
Dieses Jahr hat es dann geklappt: Wie hast du dich am Gipfel gefühlt?
Für mich sind Klettern und Bergsteigen ein kollektiver Sport, eine gemeinsame Anstrengung, man teilt die gleichen Werte. Wir drei haben harte Jahre hinter uns, gemeinsam haben wir viel durchgemacht. Wir waren so dankbar, dass wir nach all den traurigen Momenten einen so wunderschönen Moment teilen konnten. Und es war sehr befreiend, dass endlich mal wieder etwas am Berg funktioniert hat.
Wie viel Risiko gehst du ein, um deine Bergziele zu erreichen?
Wenig, eigentlich suche ich gar nicht nach Risiko. Ich versuche immer Routen zu wählen, die sich für mich sicher anfühlen. Für mich war zum Beispiel die Kompressorroute eine sichere Route, weil man immer hätte abseilen können und es aus meiner Sicht wenig objektive Gefahren gab.
Das klingt vielleicht überraschend, aber ich bin nicht besessen vom Gipfel. Natürlich freue ich mich, wenn ich mein Ziel erreiche, aber mein Leben ist mir wichtiger. Für mich bedeutet Erfolg, wenn ich gesund von einer Expedition zurückkehre und auf dieser Reise etwas gelernt habe.
„Für mich bedeutet Erfolg, wenn ich gesund von einer Expedition zurückkehre und auf dieser Reise etwas gelernt habe.“