bergundsteigen #135 Cover (Sommer 2026), Schwerpunkt: Umkehr
Magazin Abo
Screenshot aus Google Earth zeigt beispielhaft eine mit unserem Verfahren rekonstruierte gekletterte Route.
13. Juli 2026 - 13 min Lesezeit

Die Zukunft der vertikalen GPS-Navigation: Ein Feldversuch im Klettergarten

Es ist ein vertrauter Ablauf. Nach einem absolvierten Trailrun, einer Mountainbiketour oder Wanderung wird die Uhr mit dem Smartphone synchronisiert, die Route hochgeladen und anschließend neugierig betrachtet. Die moderne Outdoor-Welt hat uns daran gewöhnt, dass nahezu jede Bewegung aufgezeichnet werden kann. Wir sehen unsere Wanderungen auf Karten, analysieren Herzfrequenzen und vergleichen Leistungsdaten bis ins kleinste Detail. Nicht so beim Klettern:

Wenn GPS plötzlich durch den Fels führt

Wer nach einer Klettertour seinen aufgezeichneten Track betrachtet, erlebt häufig eine Überraschung. Die Spur verläuft nicht entlang der tatsächlich gekletterten Linie, sondern springt scheinbar wahllos über die Wand. Teilweise kreuzt sie benachbarte Routen, verschwindet im Fels oder zeigt Bewegungen an Stellen, an denen sich die kletternde Person niemals befunden haben kann.

Während ein Positionsfehler von einigen Metern auf einem Wanderweg oft kaum auffällt, hat derselbe Fehler an einer Felswand deutlich größere Auswirkungen. Viele Sportkletterrouten verlaufen nur wenige Meter voneinander entfernt. Bereits geringe Ungenauigkeiten können deshalb dazu führen, dass eine völlig andere Route angezeigt wird bzw. die gekletterte Route nicht rekonstruiert werden kann.

realer GPX Track aus dem Klettergarten
Abb. 1 zeigt einen realen GPX Track aus dem Klettergarten Stetten. Statt einer klaren Linie entsteht ein chaotisches Muster. Genau dieses Problem bildet den Ausgangspunkt der hier vorgestellten Arbeit.

Warum GNSS am Fels an seine Grenzen stößt

Moderne Smartphones und Sportuhren liefern zwar beeindruckende Leistungen, doch die Bedingungen an steilen Felswänden gehören zu den schwierigsten Umgebungen für satellitengestützte Positionsbestimmung überhaupt.

Moderne GNSS-Systeme – also GPS, Galileo, GLONASS oder BeiDou – bestimmen ihre Position aus den Signalen mehrerer Satelliten. Unter freiem Himmel funktioniert dieses Prinzip erstaunlich gut. Je mehr Satelliten sichtbar sind und je günstiger deren räumliche Verteilung ist, desto genauer wird die berechnete Position. An einer Felswand ändern sich diese Bedingungen jedoch grundlegend.

Ein wesentlicher Faktor ist die sogenannte Abschattung. Große Teile des Himmels werden durch die Wand verdeckt. Satelliten, die sich hinter der Felsstruktur befinden, können nicht mehr empfangen werden. Die Zahl der verfügbaren Signale sinkt, und damit verschlechtert sich die Qualität der Positionslösung.

Hinzu kommt die Satellitengeometrie. Für eine präzise Positionsbestimmung sollten die empfangenen Satelliten möglichst gleichmäßig über den Himmel verteilt sein. An einer senkrechten Wand befinden sich die sichtbaren Satelliten jedoch oft nur in einem begrenzten Himmelsbereich. Die Positionsberechnung wird dadurch deutlich empfindlicher gegenüber Messfehlern.

Noch problematischer sind sogenannte Multipath-Effekte. Dabei erreicht ein Satellitensignal das Empfangsgerät nicht nur direkt, sondern zusätzlich über Reflexionen an Felsflächen. Das Signal legt dadurch einen längeren Weg zurück. Für den Empfänger sieht es so aus, als sei der Satellit weiter entfernt, als er tatsächlich ist. Bereits geringe Laufzeitfehler können zu Positionsabweichungen von vielen Metern führen.

Genau diese Kombination aus Abschattung, ungünstiger Satellitengeometrie und Signalreflexionen macht Felswände zu einer der schwierigsten Umgebungen für satellitengestützte Navigation.

Die eigentliche Herausforderung besteht also nicht darin, dass GNSS an Felswänden komplett versagt. Die Systeme liefern weiterhin Positionsdaten. Das Problem ist vielmehr, dass die verbleibende Unsicherheit plötzlich dieselbe Größenordnung erreicht wie die Abstände zwischen den Routen selbst.

Genau deshalb stoßen klassisch aufgezeichnete Tracks im vertikalen Gelände an ihre Grenzen. Und genau deshalb wird die Frage immer interessanter, wie sich Positionsdaten künftig mit zusätzlichen Informationen über Gelände, Höhe und Bewegungszusammenhang kombinieren lassen, um die tatsächliche Bewegung an einer Felswand besser zu verstehen.

Prinzip des Multipath Effektes:
Abb. 2 zeigt das Prinzip des Multipath Effektes: Die roten Signale werden an den Felswänden reflektiert und sind deshalb deutlich länger als die direkten ungestörten Signale.

Ein anderer Blick auf die Positionsbestimmung

Die eigentliche Schwierigkeit besteht nicht nur darin, dass einzelne Messungen ungenau werden. Vielmehr fehlt dem System der Zusammenhang. Ein GPS-Empfänger weiß nicht, dass sich eine Person an einer senkrechten Wand befindet. Er kennt weder die Geometrie des Geländes noch den Verlauf einer Route. Für einen Menschen hingegen sind diese Informationen selbstverständlich.

Genau dieser Gedanke führte zu einem anderen Blick auf die Positionsbestimmung. Anstatt die Position ausschließlich aus einzelnen GNSS-Messungen abzuleiten, lässt sich die Umgebung selbst als zusätzliche Informationsquelle betrachten. Geländeform  und Höhenverlauf zusammen mit statistischen Berechnungen liefern Hinweise darauf, welche Positionen wahrscheinlich sind und welche eher ausgeschlossen werden können.

Dadurch entsteht aus vielen unsicheren Einzelmessungen ein deutlich stabileres Gesamtbild der Bewegung entlang einer Route. Die genaue technische Umsetzung dieser Idee ist Gegenstand laufender Entwicklungsarbeiten und Feldversuche. Entscheidend ist jedoch das zugrunde liegende Prinzip: Die Position wird nicht mehr ausschließlich gemessen, sondern im Kontext der Umgebung interpretiert.

Der Blick verschiebt sich damit von der einzelnen Koordinate hin zur gesamten Bewegung. Nicht mehr die Frage: „Wo sagt das GNSS, dass ich mich befinde?“ steht im Mittelpunkt, sondern:„Wo befinde ich mich mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb dieser Felswand?“

Gerade im Klettersport könnte dieser Perspektivwechsel zukünftig eine wichtige Rolle spielen. Denn die entscheidende Information ist häufig nicht der einzelne Punkt auf einer Karte, sondern die tatsächliche Linie einer Bewegung im vertikalen Raum.

Feldversuche im Klettergarten Stetten

Zur Untersuchung der Praxistauglichkeit unseres Verfahrens wurden mehrere Testläufe im Klettergarten Stetten im Remstal durchgeführt. Das Gebiet eignet sich besonders gut als Testumgebung, da die steilen Felsstrukturen typische Herausforderungen für GNSS-Systeme darstellen und die Routen dort eng beieinander liegen.

Die Messungen wurden mit handelsüblichen Smartphones durchgeführt. Ziel war es, die Unterschiede zwischen der reinen GNSS-Aufzeichnung und einer kontextbasierten Auswertung nach unserer entwickelten Methode sichtbar zu machen.

Im ersten Testlauf zeigte sich bereits deutlich, dass die Rohtracks erhebliche Unsicherheiten aufweisen. Der zweite Testlauf bestätigte zahlreiche Beobachtungen und lieferte zusätzliche Datengrundlagen für die Auswertung. Besonders interessant war dabei, dass sich bestimmte Muster reproduzieren ließen. Dies deutet darauf hin, dass die beobachteten Effekte nicht zufällig entstehen, sondern systematische Ursachen besitzen. Außerdem gelang es in beiden Testungen die gekletterten Routen mit unserem entwickelten Verfahren sehr präzise zu rekonstruieren.

Testklettergarten Stetten im Remstal aus der Luft fotografiert
Abb. 3: Der Testklettergarten Stetten im Remstal aus der Luft fotografiert.
Screenshot aus Google Earth zeigt beispielhaft eine mit unserem Verfahren rekonstruierte gekletterte Route.
Abb. 4: Ein Screenshot aus Google Earth zeigt beispielhaft eine mit unserem Verfahren rekonstruierte gekletterte Route. Hierbei sind die weißen Punkte (die einzelnen berechneten Standpunkte in der Wand) zu einer plausiblen Linie verbunden

Vom Track zum alpinen Informationssystem

Die Frage, die sich nach den ersten Feldversuchen in Stetten stellte, war überraschend einfach: Was passiert eigentlich, wenn sich eine Bewegung an einer Felswand tatsächlich zuverlässig rekonstruieren lässt? Zunächst scheint die Antwort offensichtlich. Der aufgezeichnete Track wird genauer.

Doch bei näherer Betrachtung wird schnell klar, dass die eigentliche Bedeutung weit darüber hinausgeht. Die letzten zwanzig Jahre des Outdoorsports wurden im Wesentlichen durch eine einzige Entwicklung geprägt: die digitale Karte.

  • Komoot veränderte das Wandern und Mountainbiken.
  • Strava veränderte das Laufen und Radfahren.
  • Suunto, Garmin und andere Hersteller machten Trainingsdaten sichtbar.

Der Klettersport blieb dabei jedoch weitgehend außen vor. Die Ursache liegt nicht darin, dass Klettern weniger interessant wäre. Es fehlt schlicht die räumliche Grundlage.

Solange ein Track mehrere Meter Unsicherheit besitzt, kann eine Route nicht eindeutig erkannt werden. Ohne präzise Position gibt es keine objektive Route, keine Bewegungsanalyse und letztlich keinen digitalen Zwilling der Wand.

Eine präzisere Positionsbestimmung im vertikalen Gelände eröffnet zahlreiche Anwendungen:

Die Route als digitale Linie

Heute dokumentieren Kletterer ihre Begehungen meist manuell. Die Route wird eingetragen. Der Schwierigkeitsgrad wird angegeben. Vielleicht wird noch ein Kommentar ergänzt. Die tatsächliche Bewegung in der Wand bleibt unsichtbar.

Eine präzisere Positionsbestimmung könnte erstmals die gekletterte Linie selbst sichtbar machen. Nicht mehr: „Ich bin die Südkante geklettert.“ sondern: „Hier verlief meine tatsächliche Bewegung.“

Automatische Routenerkennung

Jeder Kletterer kennt die Situation: War das jetzt wirklich Route A oder doch Route B? Insbesondere in stark strukturierten Wänden verlaufen viele Linien nur wenige Meter auseinander. Ein zukünftiges System könnte die Bewegung automatisch einer bekannten Route zuordnen.

Der Nutzer müsste die Route nicht mehr auswählen. Sie würde erkannt. Ähnlich wie Komoot erkennt, auf welchem Weg man unterwegs war, könnte eine Kletter-App feststellen:

Diese Linie entspricht mit hoher Wahrscheinlichkeit Route X.

Verifizierung von Begehungen

Viele Begehungen werden heute ausschließlich manuell dokumentiert. Ein präziser Bewegungsverlauf könnte erstmals eine objektive Rekonstruktion ermöglichen.

  • Wann wurde die Route geklettert?
  • Wie verlief die Bewegung?
  • Welche Variante wurde genutzt?

Dies könnte insbesondere für professionelle Kletterer und Alpinisten relevant sein, die offiziell eine Begehung nachgewiesen haben wollen, aber auch für Freizeitkletterer, welche ihre Begehungen sauber dokumentiert haben wollen.

Hakenabstände und Runouts

Jede Sportkletterroute besitzt ihre eigene Struktur. Die Abstände zwischen den Sicherungspunkten bestimmen das Risiko und den Charakter der Route.

Lange Hakenabstände erzeugen Runouts.

Kurze Abstände erhöhen die Sicherheit.

Ein digitales Modell könnte diese Informationen erstmals objektiv erfassen. Die Wand würde nicht nur als Geometrie verstanden, sondern auch als Sicherungssystem.

Der Absicherungsindex

Zwei Routen mit demselben Schwierigkeitsgrad können sich völlig unterschiedlich anfühlen.

  • Die eine ist eng abgesichert.
  • Die andere fordert mentale Stärke.

Ein zukünftiger Absicherungsindex könnte diese Unterschiede erstmals objektiv beschreiben.

  • durchschnittliche Hakenabstände
  • längste Runouts
  • Sturzpotenzial
  • psychische Belastung

Dadurch würden Routen besser vergleichbar.

Crux-Erkennung

Fast jede Route besitzt einen entscheidenden Abschnitt. Die Crux.

Heute wird sie meist verbal beschrieben: „Schwerer Zug im oberen Drittel.“

Die Analyse der Bewegung könnte diese Schlüsselstellen automatisch sichtbar machen.

  • Längere Aufenthaltszeiten.
  • Geringere Geschwindigkeit.
  • Wiederholte Bewegungen.

Dadurch entstünde eine Art topographische Karte der Schwierigkeit.

Bewegungs- und Flow-Analyse

Nicht jede Route wird gleich geklettert. Manche Bewegungen wirken flüssig. Andere erzeugen Stop-and-go-Muster. Ein Bewegungsprofil könnte erstmals zeigen:

  • Wo wird gezögert?
  • Wo wird dynamisch geklettert?
  • Wo entstehen Unsicherheiten?

Dies könnte sowohl für das Training als auch für die Routenbewertung interessant sein.

Echtzeit-Feedback

Moderne Sportuhren liefern bereits heute:

  • Herzfrequenz
  • Leistung
  • Geschwindigkeit

Im vertikalen Gelände könnten zukünftig weitere Informationen hinzukommen:

  • Abstand zum nächsten Standplatz
  • verbleibende Kletterhöhe
  • Wo ist der nächste Notausstieg im Klettersteig
  • Wie viel Meter muss abgeseilt werden zum nächsten Standplatz

Da man die genaue Position in der Wand kennt könnten relevante Informationen zukünftig wie ein digitaler Partnercheck direkt auf der Uhr angezeigt werden, z.B:

Für diese Route benötigst du 12 Expressen.

Beim Abseilen: Die nächste Abseilpiste ist 30 Meter lang. Vergesse nicht Endknoten ins Seil zu machen. Diese Infos werden dann nur an der entsprechenden Stelle angezeigt/ vorgelesen/ mit Piktogrammen angezeigt.

Beispielhafte Visualisierung von relevanten Informationen im vertikalen Gelände
Abb. 5: Beispielhafte Visualisierung von relevanten Informationen im vertikalen Gelände auf einer modernen Bergsportuhr.

Heatmaps und Frequentierung

Ein weiterer Aspekt betrifft die Nutzung von Klettergebieten.

  • Welche Linien werden besonders häufig begangen?
  • Wo entstehen Wartezeiten?
  • Welche Sektoren sind überlastet?

Heatmaps könnten diese Informationen sichtbar machen. Dies wäre nicht nur für Kletterer interessant, sondern auch für Gebietsbetreuer und Naturschutz.

Sturzsimulationen und Sicherheitsanalyse

Ein besonders spannender Bereich betrifft die Sicherheit. Es entstand die Idee, Bewegungsdaten mit Informationen über Sicherungspunkte und Hakenabstände zu kombinieren.

Dadurch könnten theoretisch berechnet werden:

  • potenzielle Sturzlängen
  • Fallfaktoren
  • Belastungen innerhalb der Sicherungskette
  • kritische Runout-Bereiche

Die Route würde nicht nur geometrisch beschrieben. Sie würde als dynamisches Sicherheitssystem verstanden. Außerdem würde dies auch die Materialbeanspruchung gut dokumentierbar machen.

z.B. Mein Seil hat insgesamt 40 Stürze halten müssen. Härtester Sturzfaktor war 1.0 mit geschätztem Fangstoß von 5KN. Es entstünde eine Art Materialtagebuch, welches genutzt werden könnte, um Materialverschleiß besser zu dokumentieren.

Präzise Rettungs- und Notfallpositionen

Im alpinen Gelände entscheidet die Genauigkeit einer Positionsangabe häufig über wertvolle Minuten in einer Notfallsituation.

Während beim Wandern eine Positionsangabe im Bereich von zehn oder zwanzig Metern oft ausreichend ist, kann dieselbe Unsicherheit an einer Felswand problematisch werden. Befindet sich eine Person beispielsweise an einer mehrseillängigen Route oder in einem komplexen Wandbereich, genügt die Angabe des Wandfußes häufig nicht.

Die entscheidende Frage lautet: An welcher Stelle der Wand befindet sich die Person tatsächlich?

Eine präzisere Rekonstruktion der Bewegung könnte zukünftig deutlich genauere Positionsangaben ermöglichen. Rettungskräfte würden nicht nur den Sektor einer Wand kennen, sondern auch die Höhe, die gekletterte Linie und die genaue Position in der Wand.

Gerade bei schlechter Sicht, Dunkelheit oder in großen alpinen Wänden könnte dies die Orientierung erheblich erleichtern. Langfristig wäre sogar eine freiwillige Freigabe der aktuellen Position für Bergwacht oder Rettungsdienste denkbar – ähnlich wie heute bereits Notfallfunktionen bei Smartphones oder Sportuhren existieren.

Die präzise Verortung an einer Felswand wäre damit nicht nur ein Komfortgewinn, sondern könnte im Ernstfall einen sicherheitsrelevanten Beitrag leisten.

Ein Trainingszustand für den Klettersport

Im Ausdauersport haben sich Kennzahlen wie CTL (Chronic Training Load), Trainingsbelastung oder Form etabliert. Sportuhren und Trainingsplattformen können heute relativ gut einschätzen, wie belastbar ein Athlet ist oder wie sich seine Leistungsfähigkeit über die Zeit entwickelt.

Im Klettersport existiert eine vergleichbare Kennzahl bislang kaum. Eine Route wird meist lediglich über ihren Schwierigkeitsgrad beschrieben. Die tatsächliche Belastung hängt jedoch von vielen weiteren Faktoren ab:

  • Wandhöhe
  • Steilheit
  • Überhang/Plattenkletterei
  • Bewegungsfluss
  • Anzahl schwieriger Passagen
  • Pausenzeiten
  • Gesamtdauer

Eine zukünftige Analyse könnte daraus erstmals eine kletterspezifische Belastungsgröße ableiten. Eine lange, technisch anspruchsvolle Mehrseillänge würde anders bewertet als eine kurze Sportkletterroute.

Der Trainingszustand eines Kletterers könnte damit nicht nur anhand des Schwierigkeitsgrades, sondern anhand der tatsächlich absolvierten Belastung beschrieben werden. Ähnlich wie CTL im Ausdauersport könnte ein langfristiger Kletter-Load entstehen, der Training, Regeneration und Leistungsentwicklung sichtbar macht.

Der digitale Zwilling einer Felswand

Letztlich führen all diese Anwendungen zu einer gemeinsamen Vision. Ein vollständiger digitaler Kartenzwilling der Vertikalen Welt .

Nicht nur ein Topo. Nicht nur eine Karte. Sondern ein vollständiger dreidimensionaler digitaler Zwilling für Alpinisten und Kletterer.

  • Die Geometrie.
  • Die Routen.
  • Die Bewegungen.
  • Die Sicherung.
  • Die Schwierigkeit.
  • Die Nutzung.
  • Die Risiken.
  • Die Trainingsdaten

Alles wäre miteinander verknüpft.

Ein Komoot für die Vertikale

Komoot beantwortet heute die Frage: Welchen Weg soll ich gehen?

Strava beantwortet: Wie schnell war ich?

Garmin und Suunto beantworten: Wie hat mein Körper gearbeitet?

Ein zukünftiges vertikales Informationssystem könnte eine andere Frage beantworten: Wie habe ich mich tatsächlich durch diese Wand bewegt?

Die eigentliche Vision besteht deshalb vielleicht nicht darin, GNSS genauer zu machen. Die eigentliche Vision besteht darin, den vertikalen Raum erstmals digital verständlich zu machen.

Vision: Der digitale Zwilling eines Klettergebiets

Langfristig könnte aus solchen Verfahren ein digitales Abbild von Klettergebieten entstehen. Routen, Bewegungen und sicherheitsrelevante Informationen würden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit der realen Geometrie des Geländes.

Denkbar wären digitale Karten für vertikale Aktivitäten, die ähnlich selbstverständlich genutzt werden wie heutige Wander- oder Radportale. Neben der Navigation könnten dabei auch Sicherheitsinformationen, Nutzungsanalysen und detaillierte Routendaten integriert werden.

Vision eines 3d Routenportals
Abb. 6: Vision eines 3d Routenportals für Kletterer und Alpinisten mit exakt angezeigten Routenverläufen mit einem Communityportal, getrackten Aktivitäten, einer interaktiven 3d Karte zum Erkunden der nächsten Tour etc.


Die in diesem Artikel vorgestellten Untersuchungen stellen einen wichtigen ersten Schritt in diese Richtung dar.

Fazit

GPS funktioniert im Gebirge erstaunlich gut – bis man an eine Felswand tritt. Dort werden Positionsfehler plötzlich sichtbar und können die Interpretation einer Kletterroute erheblich erschweren.

Die bisherigen Feldversuche im Klettergarten Stetten zeigen, dass die Kombination von Satellitendaten mit zusätzlichen Kontextinformationen vielversprechende Möglichkeiten zur exakten Routenrekonstruktion eröffnet. Bereits heute zeichnet sich ab, dass die Zukunft der Positionsbestimmung im Klettersport nicht allein in besseren Satellitensignalen liegen wird, sondern in der intelligenten Verknüpfung verschiedener Informationsquellen.