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Skitourengeher neben einer enormen Lawine
11. Feb 2024 - 3 min Lesezeit

Zwei Millionen Lawinen in Graubünden

SLF-Forschende simulieren Lawinenabgänge und erstellen so Gefahrenhinweiskarten auch für bislang nicht erfasstes Gelände. Das hilft insbesondere, Gefahren für Projekte außerhalb der Bauzonen einzuschätzen und die Menschen vor Ort dafür zu sensibilisieren.
Lawine 2018 Goppenstein
Knapp verfehlt: Im Januar 2018 ging diese Lawine direkt neben einem Weiler runter. (Foto: Stefan Margreth / SLF)

Bis zu 84 Prozent der Fläche Graubündens sind lawinengefährdet. Das sind rund vier von fünf Quadratmetern. Einen großen Teil davon schützt derzeit Wald. Aber selbst dann bleiben zwei Drittel potenziell gefährdet. Das sind immerhin mehr als 4700 Quadratkilometer und entspricht fast der neunfachen Fläche des Bodensees.

Zu diesem Ergebnis kommen Forschende des SLF in Kooperation mit dem Amt für Wald und Naturgefahren (AWN) des Kantons. Für das Ergebnis haben die Wissenschafter und Wissenschafterinnen im Auftrag des Kantons Graubünden Szenarien mit und ohne Wald für die verschiedenen Wiederkehrperioden von zehn, dreißig, hundert und 300 Jahren modelliert.

«Insgesamt haben wir für den Kanton zwei Millionen Lawinen simuliert», sagt Yves Bühler, Leiter der Forschungsgruppe Alpine Fernerkundung am SLF. Entstanden sind flächendeckende Gefahrenhinweiskarten Lawinen für den gesamten Kanton. Zwar existierten bereits zuvor detaillierte Gefahrenkarten.

Automatisch berechnete Lawinen Gefahrenhinweiskarte
Automatisch berechnete Gefahrenhinweiskarte für das Gebiet rund um Davos für extreme und deshalb seltene Lawinenereignisse. Rote Flächen markieren Gebiete, in denen Lawinen mit hoher, zerstörerischer Wirkung niedergehen. In den blauen Abschnitten ist der Druck der Schneemassen deutlich geringer und daher mit weniger Schäden zu rechnen. Grün markiert sind Waldflächen. Für Bauvorhaben rechtsverbindlich bleiben allerdings die Gefahrenkarten des Kantons, welche allerdings nur in Siedlungsgebieten vorhanden sind. (Bundesamt für Landestopographie)

«Allerdings nur für den Siedlungsbereich», schränkt Roderick Kühne, Experte für Naturgefahren beim AWN, ein. Die neuen Karten liefern wichtige Hinweis für Projekte außerhalb von Bauzonen. Dazu gehören Berg- und Jagdhütten sowie Infrastruktur, beispielsweise Skigebiete. «Darüber hinaus liefern die Ergebnisse eine Übersicht über die Risiken für Straßen und Bahnstrecken», ergänzt Bühler. Auch die Schutzwirkung des Waldes lässt sich mit dem Vergleich der Szenarien mit und ohne Wald besser quantifizieren.

Die Karten sind ein gutes Instrument nicht nur für Expertinnen und Experten sondern auch, um potenzielle Lawinenrisiken für Politiker und die Menschen vor Ort zu visualisieren. Für seine Arbeit haben Bühler und sein Team die SLF-Software RAMMS verwendet. Sie erlaubte, die automatisch identifizierten Anrissgebiete der Lawinen mit einer numerischen Simulation der Auslaufstrecken zu kombinieren.

Dafür waren intensive Diskussionen mit Fachexpertinnen und Fachexperten aus der Praxis erforderlich. Zehn Jahre dauerte die Entwicklung, um auf den aktuellen Stand zu kommen. Die zeitintensive Arbeit hat sich gelohnt. Ein Vergleich mit existierenden Gefahrenkarten zeigte, dass die Resultate meist überraschend gut übereinstimmen.

«Solche Karten können für alle Regionen berechnet werden, für die räumlich hochaufgelöste Geländemodelle und Informationen zur Schneeklimatologie sowie zur Schutzwirkung des Waldes vorliegen und zwar auch da, wo es bis heute keine Informationen zur Gefährdung durch Lawinen gibt»

ist sich Bühler sicher. Der neue Ansatz stößt daher auf rege Nachfrage. Für den Kanton Wallis hat das SLF-Team bereits ebenfalls Lawinen simuliert. Das Projekt haben die Forschenden gerade abgeschlossen, eins für den Kanton Tessin haben sie gestartet. «Auch das Bundesamt für Umwelt hat Interesse angemeldet», sagt Bühler.

Darüber hinaus entwickelt sich seine Arbeit zum Exportschlager: Er hat Aufträge aus Italien, Alaska und Neuseeland, Georgien und Afghanistan erhalten. Und es geht weiter, berichtet der Forscher: «Wir planen derzeit weitere Anwendungen, zum Beispiel in Usbekistan

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