Eiskletterunfall: Beinahe-Absturz beim „Rope Solo“
Rope Soloing ist eine Sicherungstechnik, bei der man allein klettert, aber trotzdem ein Seil zur Sicherung verwendet. Im Gegensatz zum Free Solo (ohne Seil) setzt man hier ein System ein, das den Seildurchlauf beim Klettern ermöglicht und im Sturz blockiert.

Diese Methode wird beispielsweise beim Bigwall-Klettern genutzt oder um Routen alleine zu projektieren bzw. einzelne Seillängen auszuchecken – wie in der Verfilmung von Alex Honnolds „Free Solo“ am El Capitan. Häufig wird diese Methode aber auch verwendet, wenn an einem geplanten Klettertag kein Seilpartner zur Verfügung steht. Beim Rope Soloing werden zwei Arten unterschieden:
- Lead Rope Soloing Hier handelt es sich um Soloklettern mit Seil im Vorstieg (Abkürzung „LRS“). Es wird im Vorstieg geklettert und man sichert sich selbst. Das Seil ist am Wandfuß verankert und läuft von dort in die Kletterrichtung nach oben mit. Im Zuge des Vorstiegs werden Zwischensicherungen gelegt bzw. angebracht, in welche das Seil eingehängt wird (siehe bergundsteigen Sommer 23/#123 – „Solo-Seilschaft“).
- Toprope Soloing (TRS) Beim Soloklettern mit Seil im Nachstieg wird das Seil zuvor von oben fixiert und sodann über die beabsichtigte Route bzw. Seillänge abgelassen. Das Seil wird im untersten Abschnitt, beispielsweise in Bodennähe, abgebunden und zusätzlich beschwert (Rucksack etc.). Im Regelfall wird zuvor über diesen fixierten Seilstrang abgeseilt, ehe man im Anschluss unter Verwendung von Seilklemmen am Fixseil gesichert wieder nach oben klettert.
Doch nicht nur draußen an den Wänden ist diese Art des selbst am Seil gesicherten Solokletterns zu beobachten, auch in mancher Kletterhalle konnte man so schon den ein oder anderen arrivierten Kletterer beim TRS beobachten. Bei wenig Zeit und keinem zur Verfügung stehenden Kletterpartner scheint sich diese Art des Trainings stetig wachsender Beliebtheit zu erfreuen, doch birgt diese Technik auch Gefahren.
Was sich am 17. Jänner 2025 am Burgsteiner Eisfall im Ötztal, Gemeindegebiet von Längenfeld, bestätigte. Am besagten Freitag, den 17. Jänner 2025, war für einen einheimischen Kletterer kein Partner zum Eisklettern verfügbar, weshalb er sich zum Training für ein TRS am Burgsteiner Eisfall entschloss. Die Art der Selbstsicherungsmethode war der Person seit mehr als sieben Jahren bekannt und von Beginn an im Sommer, aber auch im Winter erfolgreich angewendet worden.
Am besagten Tag schaute sich der Eiskletterer die Wasserfalltour zuerst mit dem Fernglas vom Tal aus an und als er feststellte, dass sich keine Seilschaft darin befand, begab er sich zum Wirtshaus Burgstein, wo er sein Auto abstellte. Beim Verlassen des Fahrzeuges zeigte es im PKW eine Außentemperatur von -7° Celsius an.

Am Burgsteiner Eisfall führen zwei Eiskletterlinien empor, wobei es sich bei der linken Linie (Abb. 1) um jene Route handelt, in der es zum Sturz mit Beinahe-Absturzgeschehen kam. Die Route „Pfifikus“ ist in zwei Seillängen zu je ca. 30 Meter unterteilt, der Schwierigkeitsgrad jeder Seillänge wird mit WI 6 (Water Ice) angegeben, die Gesamthöhe beträgt ca. 60 Meter.
Der Kletterer begab sich von oben her zum Ausstiegsbereich des Eiswasserfalls und befestigte mit einer um einen Baum (Abb. 2) gelegten Dyneemaschlinge sein verwendetes Einfachseil der Marke Beal, Zenith, 9,5 mm, 70 Meter, an welchem er sich anschließend am Einfachstrang unter Verwendung des halbautomatischen Sicherungsgerätes GriGri bis zum Wandfuß in die sogenannte Betze- Rinne abseilte.
Während des Abseilvorganges brachte er insgesamt zwei Eisschrauben an. Die erste Eisschraube wurde ganz oben, sprich im steileren Abschnitt nahe des Ausstiegsbereiches gesetzt, in dieser hängte er mittels Expressschlingen den Seilstrang für einen sauberen Seilverlauf ein. Die Qualität des Eises machte auf den Kletterer einen sehr guten Eindruck, dieses wurde nicht als spröde oder dergleichen wahrgenommen.
Am Wandfuß angekommen, schoss der später Verunfallte die verbliebenen ca. 10 Meter Restseil zu einer Seilpuppe auf (Abb. 3) und fixierte diese Seilpuppe noch zusätzlich mit einer Expressschlinge am Seilstrang. Anschließend bereitete der Kletterer seine seit Jahren angewendete Methode unter Verwendung einer Seilrolle und einer Seilklemme vor.

Zuerst wurde die Microtraxion, eine Umlenkrolle samt Rücklaufsperre der Firma Petzl, am Seil eingehängt, mittels Balllockkarabiner geschlossen und am Anseilring des Sitzgurts befestigt. Anschließend wurde ein altes Tibloc- Modell, eine Behelfsseilklemme derselben Firma, am Einfachseil angebracht, mit einem Schraubkarabiner umfasst und ebenfalls am Anseilring des Sitzgurtes, jedoch unterhalb der fixierten Microtraxion eingehängt.
Im Gegensatz zur neuen Generation des Tibloc verfügt dieses ältere Modell nicht über ein System, welches den Karabiner automatisch am Seil fixiert. Der Balllockkarabiner mit der daran bereits am Seil befestigten Microtraxion wurde sodann oberhalb des bereits am Hüftgurt befindlichen Schraubkarabiners ebenfalls am Anseilring des Sitzgurtes eingehängt (Abb. 4). Nach dem Blockiercheck, der durch ruckartiges Ins-Seil-Setzen erfolgte, stieg der Eiskletterer gegen ca. 10 Uhr in die Eiskletterroute „Pfifikus“ (WI 6) ein.

Die erste Seillänge ist laut seinen Ausführungen sehr gut zu klettern gewesen. Nach ca. 10-minütiger Kletterzeit kam er im letzten Abschnitt der zweiten Seillänge auf Höhe des Überganges zur dort befindlichen Eissäule eher im rechten Bereich an. Er stellte auf dieser Höhe recht nasse Verhältnisse fest und beschrieb die Eisqualität in seinen Worten als eine Art „Christbaumeis“, sprich frisch gebildetes nasses Eis, etwa Crushed Ice ähnlich.
Es stand noch kurz die Überlegung im Raum, ob er sich in das Seil hineinsetzen und anschließend daran hochprusiken sollte. Aufgrund der Tatsache, dass er ohnehin am Seil entsprechend selbstgesichert war, entschied er sich zum Weiterklettern. Als er mit beiden Armen ausgestreckt am Beginn dieser Eissäule ca. 8 Meter unterhalb des Ausstieges an den ins Eis eingeschlagenen Eisgeräten im überhängenden Bereich hing, dürfte es vermutlich zum Ausbruch eines Eisgerätes gekommen sein.

Beim unmittelbar darauffolgenden Sturz in das Seil bemerkte der stürzende Eiskletterer, dass es zu keiner Blockierung an seinem angewendeten System zur Selbstsicherung kam. Noch beim Gedanken „Warum blockiert es nicht?“ griff er instinktiv mit seiner rechten Hand unterhalb des Tibloc ins Seil, um dadurch mehr Zug für ein Abstoppen bzw. zum Blockieren zu erzeugen. Bis auf eine Brandblase zwischen Zeigefinger und Daumen zeigte dies jedoch keine Wirkung.
Es folgte ein Sturzgeschehen von 17 bis 18 Metern (Abb. 1), das als nahezu „freier Fall“ empfunden wurde, ehe die verunfallte Person dann doch inmitten des Eiswasserfalls zuerst bewusstlos im Seil hängen blieb. Ob der Versuch des Abstoppens dazu führte, dass es zu keinem vollständigen Absturz bis zum Boden bzw. zum Wandfuß kam, konnte nicht vollständig erhoben bzw. analysiert werden. Nachdem der Eiskletterer wieder zu Bewusstsein kam, nahm er am Eisfall Blutspuren wahr und erkannte zudem, dass von seiner Stirn weiteres Blut abtropfte.

Zudem verspürte er starke Schmerzen im Rippenbereich. Es gelang ihm noch, sein Handy aus der Innenjacke hervorzuholen und über die Notrufnummer 112 die Rettungskette selbständig in Gang zu setzen. Nach erfolgreicher Bergung durch den Notarzthubschrauber mittels Seilwinde wurde er in den Schockraum nach Innsbruck geflogen, wo eine Serienrippenfraktur (fünf Rippen) an der linken Brustseite, Brüche des linken Jochbeines, der linken Augenhöhle und des linken Oberkiefers sowie ein Lungenriss und eine starke Gehirnerschütterung diagnostiziert wurden.
Nach fünf Tagen auf der Intensivstation befand sich der Verunglückte noch weitere vier Tage auf der Normalstation. Insgesamt betrug die Krankenstandsdauer sieben Wochen. Heute fühlt sich der Kletterer wider vollständig erholt und hat keinerlei Einschränkungen mehr!

Fazit des Unfallgeschehens
Vermutlich dürfte im oberen Bereich das Seil zuerst feucht geworden und sodann etwas angeeist sein. Als sich das Sturzgeschehen ereignete, kam es zu keiner unmittelbaren Blockierung. Als mögliche Ursachen für das anfängliche Nicht-Blockieren der Microtraxion kommen das Verkeilen des Tibloc (Abb. 5, 6, 7), kleine Eisbrocken oder auch andere Fremdkörper oder ein gefrorenes bzw. angeeistes Seil in Frage.
Ergänzend sind am verzahnten Klemmnocken der verwendeten Microtraxion im hinteren Abschnitt Abflachungen zu erkennen, was vermutlich auf die Krafteinwirkung im Zuge des Verkeilens des Tibloc zurückzuführen ist. Dennoch kam es auf der Sturzlänge von 17 bis 18 Metern immer wieder zu kurzen Kontakten der verwendeten Geräte am Seilstrang, was die sichtbaren Beschädigungen am Seil erklärt.
Wie es dennoch im Zuge des Sturzes letztlich zu einer vollständigen Blockierung ca. inmitten des Eisfalles am Seilstrang kam, konnte nicht restlos eruiert werden. Möglicherweise durch den Geländeverlauf oder dadurch, dass das Seil im unteren Abschnitt noch nicht entsprechend angefeuchtet bzw. angeeist war und daher wiederum mehr Reibung gegeben war.