Gipfel, Ego, Risiko: Warum Männern die Umkehr schwerfällt
Ein Mann lässt seine Kletterpartnerin am Berg zurück. Sie stirbt. Vor Gericht kommt ans Licht: Es war nicht das erste Mal, dass er eine Frau in einer Extremsituation allein ließ – am selben Berg und bei Nacht. Der sogenannte Glockner-Prozess wirft Fragen auf, die über individuelle Schuld hinausgehen. Welche Rolle spielen Macht, Geschlecht und internalisierte Muster im „Männerraum“ Berg?

Bis zum sogenannten „Frühstücksplatzl“ ist eine Umkehr gut möglich. Foto: Gebi Bendler
Dass es Machtdynamiken am Berg gibt, steht außer Frage. Ebenso dass dabei Geschlechter- und Beziehungsverhältnisse eine Rolle spielen. Der vorsitzende Richter zeichnete in der Urteilsbegründung das Bild eines Alpinisten, der seine eigenen Ziele über die Bedürfnisse seiner Seilpartner stellte – im Extremfall sogar über deren körperliche und psychische Unversehrtheit. Doch der Fall wirft eine grundsätzlichere Frage auf: Warum entstehen solche Dynamiken überhaupt?
Zum bergundsteigen Artikel: Das Großglockner Verfahren: Warum wir die Kirche juristisch im Dorf lassen sollten!
Gier, Ehrgeiz und Selbstsucht
Es lassen sich viele Fragen stellen, um sich der Beziehungsdynamik oder Geschlechterdebatte im Alpinismus zu nähern. Beispielsweise ob der Angeklagte eigentlich auch mit anderen Männern klettern war oder vorwiegend mit Frauen, die er offenbar teilweise erst „anlernen“ hat müssen, damit sie seinen alpinistischen Ansprüchen genügen?
Das ist keineswegs eine so provokative Frage, wie es zuerst scheint, und es könnte gut sein, dass dieser Ansatz unbewusst öfter verfolgt wird, als man denken möchte. Warum? Weil sich viele Männer im Allgemeinen nicht gerne unterordnen, nicht gerne zugeben, dass sie etwas nicht können, nicht gerne Kompromisse eingehen, sich nicht gerne in die Position des Schwächeren begeben.
Der Psychotherapeut, Bergsteiger und Autor Manfred Ruoß gibt in seinem Buch „Zwischen Flow und Narzissmus“ Hinweise darauf, dass Kletterer bzw. Alpinisten dafür besonders gefährdet seien und damit auch die Sicherheit anderer aufs Spiel setzen könnten.¹ Der bekannte Bergsteiger Andy Kirkpatrick drückt es zudem unverblümt aus: „Man hatte mich angewiesen, irgendwas Motivierendes zu machen, und ich hatte mir den Kopf zerbrochen, wie man einen guten Firmenvortrag hält, über Leadership, Teambuilding und den ganzen Zielorientierungs- Käse, den sich Kletterer nach getaner Sache so ausdenken, aber in Wirklichkeit geht es um Gier, Ehrgeiz, Selbstsucht und darum, wie man es seinen Kumpels zeigt.“²
Die Ausbeutung eines Geschlechts
Hinter vielen erfolgreichen Männern standen und stehen noch heute Frauen, die ihnen den Rücken freihalten. Bekannterweise führte das zu einer systematischen Ausbeutung ihrer wissenschaftlichen oder künstlerischen Leistungen, für die die Männer belohnt wurden, wie es beispielsweise beim Geologen und Alpinisten Otto Ampferer der Fall war.

„Das wissenschaftliche Werk von Otto Ampferer kann nicht ohne den Beitrag seiner Frau Olga gewürdigt werden“, schreibt der Historiker Gunnar Mertz. „Obwohl sie offenbar bei fast allen seinen wissenschaftlichen Exkursionen dabei war, trat sie nie als Co-Autorin einer Veröffentlichung auf und blieb im Hintergrund.“³
Gleichermaßen wurden alpinistische Leistungen von Frauen wenig bis gar nicht gewürdigt, wenn nicht gleich unterdrückt. Und das, obwohl die Alpingeschichte von exzellenten Kletterinnen und Bergsteigerinnen nur so wimmelt. Die meisten Männer sahen das jedoch anders. „Kurt Maix empfahl zwar den Mädchen das Bergsteigen, um ‚Selbstzucht, Gehorsam und Kameradschaft‘ zu lernen, doch zu führen sei nicht ihre Aufgabe, sondern ‚Sache des Mannes‘“, schreibt die Bergsteigerin und Autorin Caroline Fink in ihrem Buch „Erste am Seil: Pionierinnen in Fels und Eis“.⁴
Frauen als mobile Sicherung
Paul Preuß, der als Begründer des Freikletterns gilt, wie wir es heute praktizieren, rühmt sich, mit 17 verschiedenen Damen durch das Seil verbunden gewesen zu sein. 1912 schreibt er freimütig: „Gerade auf Klettertouren zeigt sich so manches vom Wesen der Frau: die Sehnsucht, besiegt zu werden. Der Mann führt, die Frau wird angeleitet. Sie sind hilflos am Fels, darum werden sie folgsam, bemühen sich manchmal wirklich zu tun, was man ihnen sagt, weshalb Damen oft bessere Tourenbegleiter sind als Herren.“⁵
1919 veröffentlicht der Österreichische Touristenklub einen Artikel des Spitzenalpinisten Emil Gretschmann mit dem Titel „Frauen und Bergsteigertum“: „Zwar gibt es Frauen, die unter Umständen einen trefflichen Begleiter darstellen können. Denn hie und da soll’s passieren, daß da, wo zwei Männer miteinander gehen, der eine seinen ‚Dickkopf‘, der andere seinen ‚harten Schädel‘ aufsetzt. Was bei einem weiblichen Begleiter infolge des Einfühlungsvermögens der Frau eben nicht der Fall ist (– oder doch?!)“⁶, heißt es.

Laut Gretschmann gehören Frauen genauso wenig auf Hochtouren wie an die Universität oder ins Berufsleben. Eine der 17 angesprochenen Kletterpartnerinnen von Preuß war Emmy Eisenberg, spätere Emmy Hartwich-Brioschi. Man darf annehmen, dass sie eine der stärksten Kletterinnen ihrer Zeit gewesen ist. Ihre Kletterpartner waren neben Paul Preuß etwa Guido Mayer oder Emilio Comici – die damalige Weltspitze.
Emmy Eisenberg selbst ist Erstbegeherin mehrerer Routen und hat als erste Frau die rund 1000 Meter hohe Triglav-Nordwand durchstiegen. Der Bergsteiger und Preuß-Biograf Severino Casara, der sie gut kannte, beschrieb Emmy Eisenberg als eine elegante, charmante und sehr intelligente junge Frau. Sie bereiste die Welt, beherrschte fünf Sprachen und war eine geprüfte Sprachlehrerin.
Von den vielen Sportarten, die sie liebte, darunter Eislaufen, Reiten, Tennis und Skifahren, bevorzugte sie das Klettern, schreibt die Autorin Ingrid Runggaldier in „Frauen im Aufstieg: Auf Spurensuche in der Alpingeschichte“. ⁷ Reinhold Messner, der mit ihr einen regen Briefwechsel pflegte, bis sie 1980 verstarb, schreibt 1986 in seiner Preuß-Biografie lediglich: „Diese Emmy – sie ist vor wenigen Jahren verstorben – war die ideale Tourengefährtin für Paul Preuß. Leicht wie eine Feder stieg sie ihm überallhin nach und beklagte sich nie.“⁸
Veraltete Muster in der Gegenwart
Diese internalisierten Muster sind heute noch allgegenwärtig. Aktuelle Arbeiten verdeutlichen, wie tief die Sozialisierung der traditionellen Geschlechterrollen in die vertikale Welt hineinreicht. So fand die Forscherin Seray Cagla Keles Elbasan am Beispiel türkischer Kletterinnen heraus, dass selbst in modernen Partnerschaften oft eine „Lehrer-Schüler- Dynamik“ entsteht, sobald der männliche (und oft romantische) Partner erfahrener ist.
Die befragten Kletterinnen berichteten davon, fast unbewusst in Positionen zurückzufallen, die genau jenen Rollen entsprechen, in die sie hineinerzogen wurden.⁹ Dabei ist es unerheblich, ob die Erhebungen in Zentralasien, den USA oder Kanada durchgeführt werden. Die interviewten Probandinnen und Probanden sprechen dort genauso wie in der sogenannten westlichen Welt davon, dass das Gebirge als Männerraum erfahren wird, in dem sie sich den männlichen Gatekeepern anpassen müssen, um akzeptiert zu werden.
In einer weiteren Studie über Geschlechterstereotypen im Klettersport erklärt eine Teilnehmerin, dass „Männerkultur“ bedeutet, mit den Jungs mitzuhalten und hart, stark und stoisch zu sein.¹⁰ Darüber hinaus ist es sogar immer noch üblich, Kletterrouten frauenfeindliche, rassistische und ableistische Namen zu geben, etwa „Date Rape“ und „Wife Beater“.11
Blockbuster der Kletterwelt verbreiten weiterhin diese teils Hunderte oder vielleicht schon tausend Jahre alten Stereotype. Beispielsweise der wohl kommerziell und in der Breitenwirkung erfolgreichste Kletterfilm der letzten Jahre, wenn nicht überhaupt: „Free Solo“ mit Alex Honnolds seilfreier Besteigung des El Capitan. Eine prominente Rolle in diesem Film nimmt seine Freundin Sanni McCandless ein, die er während des Films kennenlernt und mit der er klettern geht.
Das Frauenbild, das der Film zeichnet, besteht unter anderem aus der Angst um ihren neuen Freund, was die Gefahr der Unternehmung noch unterstreichen soll. Ein Topos, der sich bis in mittelalterliche Epen zurückverfolgen lässt, aber auch in zeitgenössischer Alpinliteratur zur Genüge verwendet wird. Mindestens genauso alt ist die Warnung vor einer Beziehung, die den Mann „verweichlicht“ und ihm das kriegerische Heldentum austreibt.
Das sind keine modernen Konstrukte. Im mittelalterlichen Artusroman Erec aus dem 12. Jahrhundert dreht sich alles um das „Verligen“. Ein Begriff, der bezeichnet, dass Erec nicht mehr auf Abenteuer ausreitet, sondern aus Liebe zu seiner Frau mit ihr Tage im Bett verbringt, was ihn angeblich schwächt, wie ihm seine Freunde vorwerfen. In Free Solo sagt Tommy Caldwell, ein Kletterpartner Honnolds, dass Honnold eine mentale Rüstung braucht, um sein Projekt durchzuziehen: „A romantic relationship is detrimental to that armor. You can’t have both at the same time.“

Auch die restlichen Szenen mit Sanni McCandless oder Alex’ Aussagen zu Beziehungen sind im gleichen Tenor: „He will always choose climbing over a lady“, „Having a girlfriend in the van is nice. She’s cute, small, livens the place up, doesn’t take up too much room … makes life better in every way.“
Das Ganze gipfelt darin, dass Honnold und McCandless gemeinsam klettern und Honnold beim Abgelassen-Werden drei Meter abstürzt, weil ein Knoten im Seilende fehlt. „Gleich nachdem das passiert war, wollte ich mit ihr Schluss machen“, hören die Zuschauer. Sie aber übernimmt die ganze Schuld, weil sie nicht auf das Seilende geachtet hat.
Dabei bekommen alle Kletteranfänger und Kletteranfängerinnen eingetrichtert, ein Seilende immer abzuknoten, um das Durchschlüpfen des Seils zu verhindern, was offenbar beide unterlassen haben. Und hier klettert ein Profi aus der Weltspitze mit einer durchschnittlichen Hobbykletterin. In Österreich träfe Honnold de jure anzunehmenderweise zumindest eine Mitschuld.
Ein paar Szenen später unterzieht sich Honnold psychologischen Tests. Er liest: „Emotional stabil … stimme zu. Neigt dazu, Fehler bei anderen zu finden … stimme einigermaßen zu.“ Später hören die Zuschauer, dass er „Sanni irgendwie die Schuld geben wollte, bis zu einem gewissen Grad, weil du dir einfach denkst:
‚Was soll’s?‘ Ich war seit etwa sieben Jahren nicht mehr verletzt, und dann hänge ich plötzlich mit diesem Mädel rum, das nicht klettert, und fange auf einmal an, mich ständig zu verletzen.“ In einer anderen Szene gibt Honnold wiederum fast amüsiert zu, dass ihm mehrere Ex-Freundinnen „Persönlichkeitsstörungen“ vorgeworfen hätten.
Männerbünde am Berg
Für manches männliche Ego spielt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit eine Rolle – nicht nur am Berg. Vermeintlich scherzhafte Machosprüche auf Kosten von weiblich gelesenen Personen können innerhalb männlicher Gruppen ein Gefühl von Zusammenhalt und gemeinsamer Identität erzeugen, das sogenannte „male bonding“.
Eine eigene Erfahrung unterstreicht den Versuch eines Bündnisses durch die Abwertung von Frauen: Zusammen mit zwei ähnlich fitten Frauen wie ich bin ich vor Jahren im Hochschwabgebiet unterwegs gewesen, als uns ein bekannter Jäger begegnete und uns nach unserem Ziel fragte. Als wir die Höllmauer nannten, sagte er zu den Frauen, dass das aber schon ein alpines Kaliber sei – aber glücklicherweise hätten sie ja ein Mannsbild bei sich.
Durch das gleichzeitige Augenzwinkern in meine Richtung suchte er die männliche Allianz: ein klassischer Versuch des Bondings durch Abwertung. Indem er mich zum Mitwisser seines vermeintlichen Witzes machte, schuf er eine Ingroup der „wissenden und starken Männer“ und degradierte meine Begleiterinnen zur schwachen Outgroup.
Solche Momente sind keine bloßen Missverständnisse, sondern aktive Grenzsicherung und herablassende Grenzüberschreitung im „Männerraum Berg“. Genauso gehören direkt diskriminierende Bemerkungen zum Alltag.
Ein weiteres Beispiel aus eigener Erfahrung: Eine weitaus stärkere, alpin allerdings damals noch unerfahrene Kletterpartnerin war mit mir zu ihrer ersten Alpintour aufgebrochen. Während sie die erste Seillänge mit gehörigem Respekt – obgleich weit unter ihrem Niveau – hinaufschlich, sagte ein am Einstieg sitzender Mann zu mir, warum denn ihr Rucksack so viel größer sei als meiner, ob sie das Schminkzeug und den Föhn eingepackt habe.
Das hat dieser Mann als adäquaten Gesprächsauftakt verstanden. Übrigens ein Phänomen, das sich über Ewigkeiten verfolgen lässt: Clare A. Roche beschreibt in ihrer Doktorarbeit, wie das von den Männern kritisierte Mitnehmen der „Frauenutensilien“ den Versuch darstellt, die mehrfache Identität als Alpinistin und Frau gleichzeitig zu erhalten:
„Als die Frauen aus den hohen Bergen herunterkamen und in die Dörfer zurückkehrten, passten die meisten ihre Kleidung und ihr Aussehen an, um dem damaligen Idealbild einer Frau zu entsprechen.“12 Das geht so weit, dass manche Frauen sogar einen Kamm oder ein Wechselgewand mitnahmen, wofür sie erst recht Spott ernteten.

Gesteigerte Risikobereitschaft im männerdominierten Raum
Zurück zum Großglockner-Prozess: Der Richter hat den von ihm Verurteilten als ausgezeichneten Alpinisten bezeichnet und ihn auch deshalb verurteilt, weil die Differenz der alpinistischen Erfahrung zu seiner zurückgelassenen Freundin so groß war, dass er als „faktischer Führer aus Gefälligkeit“ angesehen werden konnte.
Die Frage, die sich stellt – und die nicht im Gerichtssaal beantwortet werden kann – ist, ob gesellschaftliche Dynamiken dazu beitragen, dass manche Männer gerne mit Frauen auf Berge steigen, weil sie diese als mobile Sicherung missbrauchen können, um es provokativ auszudrücken. Am Berg gibt es ein Abhängigkeitsverhältnis, das sich allzu leicht ausnutzen lässt. Genauso wie an Bord eines Schiffes ist es in einer hohen Wand nicht einfach möglich, auszusteigen – man ist aufeinander angewiesen.
Wer mit Schwächeren unterwegs ist, ist der Begleiter bzw. die Begleiterin dieser Person, nicht umgekehrt. In einer Forschungsarbeit schreibt Wissenschaftler Yermek Galiakbarov, dass sich speziell Frauen gezwungen fühlen, durch gesteigerte Risikobereitschaft ihre Kompetenz in einem männlich dominierten Umfeld jedoch erst „beweisen“ zu müssen, anstatt sich einfach auf ihre eigenen Bedürfnisse konzentrieren zu können.13
Der Bergführer und Expeditionsbergsteiger Damian Benegas kennt schwierige Rettungsaktionen und betont in einem Interview mit dem Climbing Magazin zum Großglockner-Prozess, dass Klettern mit einem romantischen Partner zu einer von Natur aus angespannten und komplexen Dynamik führen kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn ein Kletterer deutlich mehr Erfahrung hat als der andere.
„Ich weiß nicht, wie ihre Beziehung außerhalb dieses Aufstiegs war“, sagt er, „aber wenn Männer und Frauen in Beziehungen klettern gehen, sehen wir, dass eine Menge Dinge schiefgehen. Eine Partei ist vielleicht bestrebt, zufriedenzustellen, die andere möchte beeindrucken, und am Ende des Tages denkt niemand rational.“14
Auch um diesen Mustern vorzubeugen, gibt es seit 2024 im Naturfreunde Alpinkader getrennte Frauen- und Männerteams, wie die Profi-Alpinistin und Ausbildnerin Babsi Vigl in einem Interview erklärt: „Ich habe das Gefühl, dass in Frauengruppen eigene Dynamiken herrschen und das Selbstbewusstsein nochmal ganz anders in die Höhe schnellt. Frauen trauen sich viel mehr zu und sehen, was alles möglich ist, wenn dieses klassische ‚Ja, wenn du nicht magst, dann steig’ ich eben vor!‘ ausgeschaltet wird.
Da sagt die eine plötzlich: ‚Diese wilde Psycholänge steig ich jetzt vor, denn sonst muss die Freundin durch.‘“ Und die Zahlen geben ihr recht: Man sieht die positive Entwicklung auch in Deutschland: Seit es dort einen Frauenkader gibt, hat sich die Zahl der Bergführerinnen in Deutschland verdoppelt.¹⁵ Wenn sich ein Mann der Verantwortung nicht gewachsen fühlt, in einer asymmetrischen Situation auf die Bedürfnisse weniger erfahrener Personen einzugehen, sollte er nur mit Menschen einsteigen, die er von vornherein als ebenbürtig und eigenverantwortlich anerkennt.
Das ist übrigens ein absoluter Gewinn. In einer gleichberechtigten Seilschaft kann es für manche Männer durchaus ein Genuss sein, sich auch einmal auf die andere Seilhälfte stützen zu können, wenn es eng wird. Sich gegenseitig zu bestärken und zu unterstützen, oder Schwäche zu zeigen, zeugt von emotionaler Reife.
Auch umdrehen, einen Gipfel aufgeben, sich und den anderen eingestehen, dass man Fehler gemacht hat, ist am Berg elementar – und stellt vor allem männliche Bergsportler vor eine Herausforderung. Es bleibt fraglich, ob „Mann“ jemandem das Prädikat „ausgezeichneter Alpinist“ angedeihen lassen sollte, wenn er an dieser zentralen Aufgabe gescheitert ist.
Literatur
- 1 Ruoss, Manfred. Zwischen Flow und Narzissmus: Die Psychologie des Bergsteigens. Hans Huber, 2017.
- 2 Kirkpatrick, Andy. Kalte Kriege: Der schmale Grat zwischen Risiko und Realität. As Verlag, 2012, S. 299.
- 3 Mertz, Gunnar. „‚Das Sprengen hört seit Wochen Tag und Nacht nicht mehr auf‘: Biografisch-kontextuelle Anmerkungen zu Otto Ampferer, Christof Exner und den österreichischen Geowissenschaften in der Zeit des Nationalsozialismus“. In Die Geologen Otto Ampferer und Christof Exner während des Zweiten Weltkriegs. Berichte der GeoSphere Austria 153. GeoSphere Austria, 2024, S38.
- 4 Fink, Caroline. Erste am Seil: Pionierinnen in Fels und Eis. Wenn Frauen in den Bergen ihren eigenen Weg gehen. Mit Karin Steinbach. Tyrolia, 2013, S. 112.
- 5 Paul Preuß, Damenkletterei, in: Deutsche Alpenzeitung 1912, S. 1–12
- 6 Österreichische Touristenzeitung 1919/5, S. 74
- 7 Runggaldier, Ingrid. Frauen im Aufstieg: Auf Spurensuche in der Alpingeschichte. Raetia, 2011, S. 179.
- 8 Preuß, Paul. Freiklettern mit Paul Preuß. Herausgegeben von Reinhold Messner. BLV, 1986. S.18.
- 9 Keles Elbasan, Seray Cagla. „Gendered Experiences in Climbing : How Being a Woman Changes the Whole Experience of the Sport“. Master thesis, University of British Columbia, 2025.
- 10 Davis, Erin. „Exploring Women’s Experiences and Gender Relations in Rock Climbing: A Participatory Action Research Photovoice Study“. Master thesis, Lethbridge, 2022, S.77
- 11 Bird, Jenny. „Uneven Ground: Examining Gender Dynamics in Rock Climbing“. Arts & Sciences, 21. Mai 2025; Lucy Alsip Vollbrecht, „The Logic of Misogyny in Sport“, Signs: Journal of Women
- in Culture and Society 50, Nr. 3 (2025): 759–81. S. 770.
- 12 Roche, Clare A. „Women Climbers 1850–1900: A Challenge to Male Hegemony?“ Sport in History 33, Nr. 3 (2013): 236–59, S.252
- 13 Galiakbarov, Yermek, Ordenbek Mazbayev, Baldyrgan Onayeva, Botakoz Bolatova, Viachaslau Filimonau, und Hakan Sezerel. „Conquering Heights, Challenging Norms: The Motives and Experiences of Elite Female Climbers in a Patriarchal Society“. Journal of Sustainable Tourism, 7. April 2025, 1–26. S.16
- 14 Clarke, Owen. „Climber Faces Homicide Charges After His Partner Dies. When Does a Bad Decision Become a Crime?“ Climbing, 8. Dezember 2025.
- 15 „Naturfreunde Alpinkader: Für Frauen die gleichen Voraussetzungen schaffen“. Zugegriffen 24. Februar 2026.