bergundsteigen #135 Cover (Sommer 2026), Schwerpunkt: Umkehr
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Simon Messner. Foto: Salewa
05. Aug. 2026 - 9 min Lesezeit

„Hör auf mitzudenken“: Simon Messner im Interview

Sein neuer Film wirbt mit der Erstbesteigung des Chumik Kangri. Doch Simon Messner ist umgekehrt. Ein Gespräch über einen Berg, den er nicht bestiegen hat, einen Film, den er nicht gemacht hat, und die Kunst, an einem schönen Tag auch einfach mal daheimzubleiben.

Die Werbetexte zu „Simon Messner – Aus dem Schatten“ versprechen die „spektakuläre Erstbesteigung des 6.754 Meter hohen Chumik Kangri“. Tatsächlich sind Simon Messner und Martin Sieberer im September 2025 im pakistanischen Saltoro-Gebiet umgekehrt; passend zum aktuellen Schwerpunkt im bergundsteigen #135. Die Erstbesteigung gelang wenige Tage später einem polnisch-slowakischen Trio. Getroffen haben wir Simon Messner auf der Schwarzensteinhütte hoch ober dem Südtiroler Ahrntal auf 3.026m beim Salewa Mountaineering Launch 2026.


bergundsteigen: Du hast früher selbst mit deinem Vater Filme gemacht, jetzt stehst du vor der Kamera. Wie war dieser Wechsel?

Simon Messner: Wie eine andere Welt, und schon mit gewissen Sorgen verbunden. Die Produktion hat mir irgendwann erklärt: „Simon, du machst diesen Film nicht. Wir machen diesen Film. Hör auf mitzudenken.“ Das habe ich nicht geschafft. Aber es war völlig in Ordnung – ich weiß ja, wie so ein Film entsteht.

Von wem kam ursprünglich der Impuls zum Film?

Dieser Film, so wie er heute dasteht, kommt nicht von mir. Da bin ich ganz ehrlich. Was bei mir eher mitgeschwungen ist: Wie finanzierte ich mir die nächste Expedition? Ein Film ist da eine Möglichkeit. Dass er in dieser Größenordnung wirklich ins Kino kommt, war mir lange nicht bewusst. Das Gute war, dass ich es aus der Hand gegeben habe. Es ist ein Blick von außen auf einen Abschnitt meines Lebens, ich bin da eigentlich nur der rote Faden. Was ich auch super finde: Die Regie ist weiblich, die Musik hat eine Frau gemacht, den Schnitt auch. Das ist ein anderer Blick, es werden andere Fragen gestellt. Überhaupt nichts Heroisches – das war mir das Einzige, was wirklich wichtig war. Früher wurde das Bergsteigen sehr heroisch dargestellt, und das trifft höchstens zum Teil zu. Wir sind alle Menschen mit Zweifeln und Ängsten.

Wie war es für dich, bei der Premiere im Kino zu sitzen?

Schwierig. Für mich war das Projekt mit dem Abdrehen erledigt, ich hatte es weggeschoben. Und meine Mutter und meine Schwester haben den Film in München zum ersten Mal überhaupt gesehen. Die historischen Aufnahmen von Reinhold kannten wir gar nicht. Das war schon sehr emotional.

Simon Messner beim Interview auf der Schwarzensteinhütte. Foto: Simon Schöpf

Am Chumik Kangri seid ihr umgekehrt. Woran lag es?

Das Wetter hat nicht mitgespielt, vor allem aber: Es war ein großes Filmding. Dass das eigentlich nicht funktionieren kann, haben wir vorher oft gesagt. Es ist ein Unterschied, ob du zu zweit unterwegs bist und jederzeit nach Wetter entscheidest – oder ob sechs Leute mitstapfen, die sich in der Höhe schwertun und Kameragepäck tragen. Zu zweit mit Koch und Guide, anderthalb Monate, oder großes Team mit Internet: eine völlig andere Erfahrung. Ich hätte es wahnsinnig gerne noch einmal probiert – aber das ist kein Vorwurf, bitte.

Wie weit seid ihr gekommen?

Wir haben drei Tage gebraucht, um überhaupt an den Berg zu kommen, so verschachtelt ist das dort in Pakistan. Dann haben wir den oberen Gletscher erreicht, der lange das große Fragezeichen war, und zum ersten Mal den unteren Teil der Wand gesehen. Ein Feld, hundert Meter, mehr nicht. Das war ausschlaggebend, dass wir nicht eingestiegen sind: Der Berg hat in den letzten Jahren durch die Hitze sehr gelitten.

Zu zweit hättet ihr anders entschieden?

Da hätte man sicher länger ausgesessen, das wäre die richtige Strategie gewesen. Und dann sind wir rein zufällig in einen Wettkampf gerutscht: 40 Jahre hat sich niemand für diesen Berg interessiert, und dann ist zur selben Zeit ein anderes Team dort. Drei Polen, jung, voll motiviert – schön, dass das jemand macht. Wir haben viel Zeit gemeinsam im Basislager verbracht, und trotzdem hat es mich gestört, dass daraus ein Wettrennen wird. Das hat uns viel Freude genommen. Sie haben es gemacht, als ich schon zu Hause war, und sie haben länger ausgeharrt. Das spricht absolut für sie.

Simon am Schwarzensteingletscher. Foto: Salewa

Hat sich dein Verhältnis zum Risiko verändert?

Nicht willentlich, eher durch das Älterwerden. Es sind doch einige Partner, Freunde, Verwandte gestorben in den letzten Jahren. Das ist ein schleichendes Erwachen; du kannst es verdrängen, irgendwann ist es zu viel. Dazu das Vaterwerden, in Kombination. Die rein logische Überlegung: Je öfter ich gewisse Routen mache, desto wahrscheinlicher trifft mich eine Lawine auch. Nicht, weil ich schlechter vorbereitet wäre. Das ist ganz einfach Statistik.

Im Film kommt auch Hanspeter Eisendle vor. Was ist es, das dich an ihm interessiert?

Es gibt ein, zwei Menschen, die absolut in sich ruhen – und die das vielleicht über die Berge gelernt haben. Der Hanspeter ist einer davon. Es müssen aber nicht die Berge sein. Ich finde das schön, wenn sich jemand fast asketisch zurücknehmen kann. Da tue ich mir selbst immer noch schwer: gewisse Dinge einfach nicht so ernst zu nehmen. Resilienz ist mittlerweile fast ein Unwort, weil es überhandnimmt – aber es ist das beschreibende Wort, und es ist ein Thema der heutigen Zeit.

Es gibt ein, zwei Menschen, die absolut in sich ruhen – und die das vielleicht über die Berge gelernt haben.

Du hast einmal gesagt, du seist getrieben gewesen.

Ich glaube, da erkennen sich ein paar wieder. So schön Bergsteigen ist – man tendiert dazu, getrieben zu sein. Es macht dann eigentlich keinen Spaß mehr, aber etwas im Inneren zwingt dich weiterzugehen. Im Raum Innsbruck, wo ich studiert habe, ist das zum Beispiel ganz extrem: Irgendwer hat immer Zeit, irgendwer ist immer krasser unterwegs. Dann denkst du, jetzt musst du auch mal wieder was Cooles raushauen. Eine Schulterverletzung hat mich dann gezwungen, nicht mehr zu gehen. Das war eine Zeit lang gut. Es ist schön, an einem schönen Tag einfach daheimzubleiben und nicht gehen zu müssen. Das ist eine Kunst, die ich noch lerne.

Wo merkst du die Veränderung des Klimas am deutlichsten?

Am Hof, ehrlich gesagt, noch mehr als in den Bergen. Wir haben sehr wenig Niederschlag, das ist eine der trockensten Ecken der Alpen. Früher war er konstant – wenig, aber konstant. Jetzt haben wir wochenlange Trockenheit, dann kommt der Regen auf einmal in einer Stunde. Das können die Böden nicht aufnehmen. In Pakistan sowieso: Ich habe als Kind die hohen Berge mit Kälte verbunden. Selten habe ich so geschwitzt wie auf den letzten Reisen dorthin. Und in den Alpen: Wir haben ein großes Straßennetz, das ist gut versichert. Was da jetzt in Bewegung gekommen ist, ist nicht versicherbar. Das wird ein Problem. In Pakistan haben sich in den letzten Jahren Tausende Gletscherseen gebildet, die irgendwann brechen werden. Diese Veränderung könnte drastisch werden, wir sehen sie nur noch nicht wirklich. Eine menschliche Schwäche – im Detail sind wir extrem clever, aber das große Ganze durchblicken wir scheinbar nicht.

Foto: Salewa

Gibt es noch interessante Ziele für dich?

Die Dolomiten mehr denn je, interessanterweise. Es gibt verblüffend viel zu machen, man muss halt relativ lang hingehen. Ein Projekt an der Lavarella, rechts vom Heiligkreuzkofel: super Fels, sehr schwer zugänglich, Richtung 8a/8b alpin. Angefangen mit Martin, seit zwei, drei Jahren ruhend. Die größere Frage ist eher, ob das Klettern noch den Stellenwert hat, dass man so viel Zeit investiert wie vor zehn Jahren. Ich glaube eher nicht.

Klettern ist wunderschön, aber es ist nicht alles.

Und im Alter?

Als Bub habe ich mir vorgestellt: Wenn man im Leben ganz viel gemacht hat, kann man später auf einer Bank sitzen, die Berge anschauen und glücklich sein. So tickt der Mensch aber nicht, dieser innere Drang bleibt wahrscheinlich. Ich hatte das Glück, einige ältere, wirklich starke Bergsteiger kennenzulernen – und wenn man es nicht schafft, etwas zu finden, das ähnlich interessant sein kann wie das Klettern, ist die Chance hoch, dass man im Alter verbittert. Deswegen nehme ich mir vor: Klettern ist wunderschön, aber es ist nicht alles. Mit kleineren Brötchen zufrieden sein – das ist eigentlich die große Kunst. Ich bewundere Walter Bonatti als Bergsteiger, seine Routen waren für diese Zeit einmalig. Aber noch viel mehr bewundere ich, dass er mit 35 gesagt hat: Ich lasse es. Wenn ich weitermache, sterbe ich. Fürs Ego ist das ganz, ganz schwierig.


Kurzbio Simon Messner

Simon Messner in den Zillertaler Alpen. Foto: Simon Schöpf

Simon Messner, geboren 1990, Südtiroler Alpinist, Molekularbiologe und Bergbauer. Er begann mit 16 zu klettern und hat über 80 Erstbegehungen realisiert – in den Alpen und Dolomiten sowie in Oman, Jordanien, Nepal und Pakistan. 2023 gelang ihm mit Martin Sieberer die Erstbesteigung des Yermanendu Kangri (7.163 m) im Karakorum, die das Piolet-d’Or-Komitee in seine Liste bedeutender Begehungen aufnahm. Seit 2014 bzw. 2022 bewirtschaftet er die Höfe Unter- und Oberortl auf Juval im Vinschgau; die erste urkundliche Erwähnung des Oberortlhofs stammt aus dem Jahr 1331. Bohrhaken im Gebirge hat er nach eigenen Angaben nie gesetzt (außer auf seinem Balkon. Dort hängt jetzt eine Hängematte).

Nominierungen Piolet D’Or

  • Black Tooth (6.718 m, Karakorum / Pakistan, 2019) – Erstbesteigung über die Ostgrat-Traverse zusammen mit Martin Sieberer (Piolet d’Or Big List 2020).
  • ​„Rapunzel“ am Heiligkreuzkofel (Dolomiten, 2019) – Erstbegehung der Nordwestwand (M8, WI6+) zusammen mit Manuel Baumgartner (Piolet d’Or Big List 2020).
  • ​„Goodbye Innsbrooklyn“ am Schrammacher (3.410 m, Zillertaler Alpen, 2022) – Erstbegehung der Nordwestwand zusammen mit Martin Sieberer (Piolet d’Or Big List 2023).
  • Yernamandu Kangri (7.163 m, Karakorum / Pakistan, 2023) – Erstbesteigung im Alpinstil über die Südwestwand zusammen mit Martin Sieberer (Piolet d’Or Big List 2024).

Zum Film und zur Expedition

Simon Messner – Aus dem Schatten“, D 2026, rund 90 Minuten. Regie: Veronika Kaserer. Buch: Georg Tschurtschenthaler, Veronika Kaserer. Kamera: Daniel Mazza, Franz Hinterbrandner. Schnitt: Anne Jünemann. Musik: Martina Eisenreich, Michael Kadelbach.

Produktion: beetz brothers film production, Koproduktion mit SWR und BR für die ARD sowie Sky. Weltpremiere am 2. Juli 2026 beim Filmfest München, deutscher Kinostart am 7. Juli (Verleih LUF). Neben Messner kommen unter anderem seine Mutter Sabine Stehle, seine Schwester Magdalena, seine Frau Anna sowie Alexander Huber, Hans Peter Eisendle und Martin Sieberer zu Wort.

Das Saltoro-Gebiet am Rand des Siachen-Gletschers war jahrzehntelang für Ausländer gesperrt – Grenzregion zu Indien, lange als „höchstes Schlachtfeld der Welt“ bezeichnet. 2025 wurden erstmals wieder Genehmigungen vergeben. Messner und Sieberer erreichten am 7. September nach dreitägigem Zustieg über Moränen, Gletscher und eine vereiste Rinne (bis M6+) den oberen Gletscher und kehrten um. Am 15. September gelang Michal Czech und Wadim Jablonski (POL) sowie Adam Kaniak (SVK) die Erstbesteigung über die Südwand.