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Skigebiet Laax Gondelbahn Crap Sogn Gion schweiz
15. Mai 2023 - 10 min Lesezeit

Alarmmeldung „Kreislauf“ – Traubenzucker oder Defi?

Mit den modernen Bergbahnen gelangt man schnell und unproblematisch in Höhen über 3.000 Meter – und damit in dünne Luft. Dies kann zu gesundheitlichen Problemen führen, welche häufig als Alarmmeldung „Kreislaufprobleme“ an die Bergrettung gehen. Doch nicht alles davon ist ein echter Notfall – wann wird es tatsächlich kritisch?

Die höchste Bahnstation der Schweiz in Zermatt befindet sich in 3.820 Meter Höhe. Aber auch die Zugspitz Bahn fährt auf die beachtliche Höhe von 2.943 Meter über Meer. Österreichs höchste Bahn auf die Wildspitze erreicht ebenfalls mit 3.440 Meter hochalpines Gelände. Abgesehen von den Bergbahnen selbst, sind eine unüberschaubare Anzahl Berghütten und -hotels durch eine schnelle und einfache Überwindung von Höhenmetern erreichbar. Was immer zum gleichen Effekt führt: Gäste, welche nicht an die Höhe gewöhnt sind, kommen schnell und unvermittelt in dünne Luft. Und bekommen dabei gesundheitliche Probleme, welche häufig als Alarmmeldung „Kreislaufprobleme“ an den Pisten-Rettungsdienst, die Bergwacht oder die Luftrettung übermittelt wird.

Doch hier beginnen die Schwierigkeiten in der Beurteilung. Wann sind es nur leichte Symptome der Höhe, welche mit einem Traubenzucker und der Empfehlung möglichst schnell wieder ins Tal zu fahren zu behandeln sind, und wann sind es effektive kritische Anzeichen, welche dringende Herz-Kreislauf-Probleme anzeigen und dadurch eine intensiv-medizinische Betreuung nötig machen?

Denn bereits in Höhen von 2000m-2500m können für Personen mit bestehenden Herz-Kreislauf Erkrankungen ernsthafte medizinische Probleme entstehen. Ein Großteil der Fälle ist einfach zu beurteilen. Ein Klassiker ist die 40 Kilogramm schwere Teenagerin, welche mit der ersten Gondel auf den Berg kommt und danach «zusammenklappt». Ein fehlendes Frühstück und eine durchfeierte Nacht können hier schon reichen, dass ihr schwarz vor Augen wird.

In solchen Fällen ist meist keine weitere Behandlung nötig. Ein weiteres verbreitetes Patientenbild ist der Gast aus dem Flachland, welcher die Nacht durchgefahren ist, und danach mit der Gondel auf knapp 3000m fährt. Auch hier ist durch ein Nachfragen und analysieren meist einfach zu entscheiden, dass die Alarmmeldung «Kreislauf» harmlos ist. Doch was, wenn er erholt ist, sogar akklimatisiert, und dennoch über Kreislaufprobleme klagt?

Jungfraujoch Schweiz
Die Reise aufs Jungfraujoch ist mit mehrmaligen umsteigen verbunden. Dennoch werden unterschiedlichste Reisegruppen innert kürzester Zeit von 563m auf 3454m transportiert. Darunter sind trainierte Skitourengänger die Richtung Konkordiaplatz abfahren oder Bergsteiger die auf die Klassiker wie Eiger, Mönch und Jungfrau gehen. Aber auch asiatische Reisegruppen und «normale» Touristen, ohne jegliches Höhentrianing oder Grundfitness. Foto: Nicolas Buechi

Eventuell sind Risikofaktoren wie Alter und Übergewicht vorhanden. Liegt hier ein schwerwiegendes Problem vor? Oder anders gesagt: Ein Wanderer, der einen 4-stündigen Hüttenzustieg gemeistert hat, hat bereits eine Grundfitness und kann ganz anders betrachtet werden, als jemand, der mit der Bergbahn die 1000 Höhenmeter überwindet. Denn dies setzt keinerlei Kondition voraus und lässt sich bis ins hohe Alter so durchführen.

Tipps zur Höhen-Akklimatisierung findest du beim Alpenverein.

Doch wie lässt sich eine solche Situation durch medizinische Laien wie Bergwacht, Pisten-Rettungsdienst oder Hüttenpersonal beurteilen? Hierzu habe ich Dr. Johannes Strobel befragt. Er ist Internist, spezialisiert auf präklinische und klinische Notfallmedizin sowie Helikopter-Notarzt, aber auch begeisterter Skitourengänger.

Wie sollte man einem «Kreislaufproblem» Patienten begegnen?

Die Frage ist zunächst, wer begegnet diesem Patienten, denn das ist entscheidend für das weitere Vorgehen, eine Kardiologin, die auch zufällig Notfallequipment dabei hat, wird diesem Patienten anders helfen als ein Laie, der vielleicht lediglich einen Erste Hilfe Kurs gemacht hat. Häufig wird es in der Bergwelt im Bereich von Bergbahnen, Hütten oder Hotels aber jemand sein, der eine gewisse medizinische Grundausbildung genossen hat.

Dann sollte nicht so sehr das Ziel sein den Patienten vor Ort zu therapieren, sondern den richtigen Weg zu bahnen. Rettungsdienst, Luftrettung oder einfach zurück ins Tal. Diese Entscheidung kann aber ganz schön schwierig sein, insbesondere, wenn man wenig Erfahrung mit diesen Patienten hat und dann auch noch wenig Equipment zur Untersuchung.

Jungfraujoch Schweiz
2 Tage Splitboarding Trip vom Jungfraujoch zur Grünhornlücke, Schweiz. Foto: Nicolas Buechi

Was sind die Ersten Schritte?

Das Wichtigste ist, sich mit dem Patienten zu unterhalten. Gezielte Fragen sind mehr wert als aufwändige Untersuchungen – Anamnese ist der medizinische Fachausdruck dafür. Erst mal sieht man dabei, ob der Patient oder die Patientin überhaupt antwortet. Wenn nicht, ist jedem klar, dass das ein Fall für die schnellste Hilfe i.d.R. die Luftrettung ist.

Wenn man sich allerdings mit dem Patienten unterhalten kann, sollte man in Fragen herausbekommen, was jetzt aktuell die Symptomatik ist, was unmittelbar vorher der Fall war und ob es Vorerkrankungen gibt. Gezielt sollten Erkrankungen abgefragt werden zu Herz und Lunge:

  • Hatten Sie schon einmal Probleme mit dem Herzen?
  • Wurden Sie schon einmal ärztlich wegen des Herzens behandelt?
  • Hatten Sie schon einmal Probleme mit der Lunge?
  • Wurden Sie schon einmal ärztlich wegen einer Erkrankung an der Lunge behandelt?
  • Nehmen Sie Medikamente, wenn ja, für oder gegen was sind diese?

Zudem sollten gezielt Symptome abgefragt werden, die der Patient selbst nicht in «freien» Fragen erwähnt, obwohl sie durchaus vorliegen. Zum Beispiel sollte immer gefragt werden:

  • Haben Sie Luftnot/Bekommen Sie gut Luft?
  • Fällt es Ihnen schwer zu Atmen?
  • Haben Sie Schmerzen? Wenn ja, wo?
  • Haben Sie Brustschmerzen?
  • Fühlt es sich komisch in der Brust an?
  • Ist Ihnen schwindelig?

Darüber hinaus ist es auch wichtig einzuordnen wie sehr der Patient orientiert ist, soll heißen ob er zeitlich, örtlich und zur Person orientiert ist. Diese Frage ist häufig unangenehm zu stellen, da leicht der Eindruck entsteht, dass man den Patienten oder die Patientin für nicht ganz bei Trost hält. Wichtig ist aber, herauszufinden ob die Hirnfunktion beeinträchtigt ist. Diese Fragen helfen schnell weiter:

  • Welches Datum haben wir heute?
  • Wo sind wir hier?
  • Wie ist ihr Name und wann sind sie geboren?

Je mehr bei diesen Fragen auffällig ist, desto dringlicher ist der Fall. Allerdings sollte das immer mit den Symptomen korreliert werden. Bei all der Fragerei gilt: Diese Fragen dürfen nie suggestiv gestellt werden, wie zum Beispiel «Sie haben doch keine Schmerzen, oder?» Ein Großteil würde diese Frage mit «Ähm, nein» beantworten, obwohl sehr wohl Schmerzen vorliegen.

Sollte der Laie etwas «Messen»?

Ja und Nein! Vorweg, wenn jemand bewusstlos ist und es fraglich ist, ob jemand noch atmet, immer sofort mit der Wiederbelebung anfangen und nichts messen, auch nicht den Puls. An vielen Bergstationen gibt es Defibrillatoren, die sollten umgehend und ohne Zeitverlust zum Einsatz kommen. Beim wachen Patienten, über den wir uns hier unterhalten, da soll der Laie natürlich keine umfassende Diagnostik machen für die er nicht ausgebildet ist.

Ein paar wenige Dinge sind aber durchaus hilfreich. Zum Beispiel das Pulsmessen. Zugebenermaßen ist das nicht immer ganz einfach, aber es verschafft einen Eindruck ob das Herz sehr langsam, sehr schnell oder unregelmäßig schlägt. Gemessen wird dies in der Regel am Handgelenk, Daumen seitig. Gefühlt wird mit dem Zeige- und Mittelfinger. Wenn das nicht klappt, sollte man sich aber nicht allzu lange damit aufhalten.

Pulsoxymeter
Ein einfaches und kostengünstiges Hilfsmittel, um Vitalwerte wie Sauerstoff-Sättigung im Blut als auch den Puls messen zu können, ist ein Pulsoxymeter. Foto: Nicolas Buechi

Auffälligkeiten ggf. mit einer Symptomatik wie Schmerzen, Luftnot oder ähnliches müssen immer vom Rettungsdienst behandelt werden. Dann darf und soll natürlich alles gemacht werden, was man kann und was man dabei hat. Die Blutdruckmessung wäre der nächste einfache Schritt. Dann wäre eine Pulsoxymetrie oder SpO2-Messung sinnvoll, diese misst wieviel Sauerstoff im Blut ist.

Kleine Geräte sind praktisch in jeder Notfalltasche. Der Wert sollte am besten über 95% sein, mindestens aber über 91%. Aber diese Geräte bzw. die Messung ist bei widrigen Umständen (Kälte, Wetter, aber auch lackierte Fingernägel) sehr fehleranfällig. Einfache Messungen wie die Blutzuckermessung haben Patienten manchmal selbst dabei, wenn man unerfahren ist, können Angehörige mit der Interpretation der Werte helfen.

Symptome, die etwas Schwerwiegendes befürworten

Aufbauend auf den Fragen und vielleicht Dingen die wir «gemessen» haben sollten Symptome eingeordnet werden. Luftnot bei einer gesunden 20-jährigen Skifahrerin sind sicher anders zu bewerten als Luftnot bei einem 70-Jährigen der Vorerkrankungen an Lunge und Herz hat. Je mehr Vorerkrankungen vorliegen, um so niedriger sollte die Schwelle sein den professionellen Rettungsdienst zu alarmieren. Darüber hinaus gibt es Symptome, die immer schnellste Hilfe benötigen:

  • Brustschmerzen, ein ungutes Gefühl in der Brust oder ein Druck, so als ob jemand darauf säße. Dies kann Ausdruck eines Herzinfarkts sein, der durch die Höhe, akute körperliche Belastung aber auch kalte Luft begünstigt wird.
  • Herzrhythmusstörungen, zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig. Entweder berichtet davon der Patient von selbst oder man kann es mit dem Puls tasten
  • Luftnot, insbesondere wenn das kombiniert ist mit weiteren körperlichen Symptomen wie z.B.: Blaufärbung der Lippen (Zeichen der Sauerstoff Unterversorgung), aber auch wenn der Patient schnell atmet (der Körper kompensiert so eine schlechte Versorgung mit Sauerstoff), oder kombiniert mit einer Sauerstoffsättigung unter 92%, wenn diese gemessen wird.
  • Neurologische Ausfälle. Lähmungen im Gesicht oder Extremitäten können immer auf einen Schlaganfall hindeuten, das leuchtet vielen ein: Ein Fall für den Rettungsdienst.

Aber auch Verwirrtheit kann ein Zeichen von Sauerstoffminderversorgung sein und sollte beachtet werden. Regelmäßig sind Patienten verwirrt sogar aggressiv, wenn der Körper merkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Dies wird dann immer wieder als «der spinnt», oder «der ist betrunken» abgetan, wenn aber die Vorgeschichte des Patienten dazu überhaupt nicht passt, ist das immer eine Alarmsignal. Von Schlaganfall, Sauerstoffunterversorgung, Herzinfarkt und Stoffwechselentgleisung kann vieles dahinter stecken.

Skigebiet Laax Gondelbahn Crap Sogn Gion schweiz
Im Skigebiet von Laax geht der Zustieg ins Skigebiet meist mit der Gondelbahn auf den Crap Sogn Gion. In wenigen Minuten werden knapp 1200 Höhenmeter zurückgelegt. Dieser rasante Druckunterschied ist nicht für alle so leicht zu verkraften. Foto: Nicolas Buechi

Was sind Hinweise, dass es nicht so dramatisch ist?

Etwas nach oben zu skalieren, um sicher zu gehen, ist natürlich immer leichter, als eine Entscheidung zu treffen, dass nicht eskaliert wird und dieses im Fall auch verantworten zu müssen. Im Zweifel gilt natürlich immer, lieber einmal zu viel den Rettungsdienst alarmieren. Grundsätzlich gilt, bei einem Vorfall der dazu führt, dass Bergrettung, Bergwacht, Skiwacht oder ähnliches involviert wird, dass das Ziel sein sollte, unversehrt zurück ins Tal zu kommen.

Auf welchem Weg auch immer. Wenn die Problematik/Symptomatik wohl bekannt ist, mit welcher der Patient Erfahrung hat und auch umzugehen weiß, oder wenn es eine klare Ursache gibt, die behoben werden kann, dann kann häufig die Dramatik etwas deeskaliert werden. Natürlich immer nur mit Einverständnis des Patienten. Hilfe zur Entscheidung kann man sich übrigens häufig aus Rettungsleitstellen holen oder wenn es die Möglichkeit gibt, dann auch aus Notaufnahmen naher Krankenhäuser. Im Voraus Kontakte oder Ansprechpartner herzustellen lohnt sich.

Überwachung und zeitliche Veränderung

Wenn man Zeit überbrücken muss, entweder bis der Rettungsdienst/Hubschrauber da ist, oder bis der Patient anderweitig ins Tal gebracht wird, dann sollte man diese Zeit auch nutzen. Spätestens hier, sollte man bei kranken Patienten Rat einholen, aus der Rettungsleitstelle oder Krankenhaus.

Für den Fall, dass man etwas als «halb so wild» eingestuft hat und der oder die Betroffene dennoch in der Obhut des Erst-Helfers ist, dann sollte auch hier die Zeit genutzt werden. Ein Verlauf ist bei einer Erkrankung immer wichtig, wenn sich innerhalb kurzer Zeit (Minuten bis wenige Stunden) etwas ändert, also etwas schlimmer wird, dann spricht das für einen schnellen Progress der Erkrankung.

Finsteraarhornhütte
Wer es bis in die Finsteraarhornhütte schafft, muss eine gewisse Fitness vorweisen können. Hier ist die Einschätzung eines Kreislauf-Problemes ein ganz anderes, als noch auf dem Jungfraujoch. Foto: Nicolas Buechi

Do’s und Dont’s

Patienten, die so erkrankt sind, dass sie medizinische Hilfe benötigen, sollten in einer Umgebung wie im Gebirge wie ein rohes Ei behandelt werden. Durch die Höhe und die verminderte Sauerstoffversorgung können bereits kleine Belastungen ein System, dass sich gerade noch über Wasser hält, zum Einsturz bringen.

Diese Patienten sollten liegend, bzw. mit leicht erhöhtem Oberkörper gelagert werden, sie sollten nicht laufen, auch nicht die 20 Meter aus dem Restaurant zur Bergbahn. Zudem sollten die Patienten immer ernst genommen werden. Bis zum Beweis des Gegenteils hat der Patient recht, auch wenn uns das manchmal nicht so lieb ist, oder Aufwand bedeutet.