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29. Mrz 2021 - 4 min Lesezeit

Antwort auf: „Die Lawinenkunde, das geheimnisvolle Wesen“

Jan Mersch und Wolfgang Behr diskutieren Punkte aus einem Leserbeitrag von Eike Roth zum Thema Lawinenkunde.

Eike Roth hat die Lawinenthemen in der bergundsteigen Ausgabe #113 genau unter die Lupe genommen und in diesem Blogbeitrag 12 Argumente in die Diskussion eingebracht. Und weil uns gute Diskussionen weiterbringen – hier die Antwort auf Roth’s 12 Argumente.

Lieber Eike, vielen Dank für Deine ausführlichen Anmerkungen ! In vielen Punkten sind wir absolut bei Dir, zum Beispiel:

  • Dass die Gefahrenstufe natürlich auch im Einzelhang gilt hast Du sehr gut und mit dem Würfel-Beispiel noch besser auf den Punkt gebracht. Danke dafür!
  • Es ist in der Tat absolut richtig, dass die probabilistischen Methoden eben nicht Auslösewahrscheinlichkeiten angeben sondern die Wahrscheinlichkeit, in einer Lawinen zu Tode zu kommen.
  • Das Know-How-Level (Anfänger, Fortgeschrittener, Experte) ist in der Tat ein ganz wichtige Aspekt bei allen Ansätzen zur Lawinenkunde. Wir hatten das schon mal systematisch aufbereitet in: „Es irrt der Mensch solang er strebt“. bergundsteigen 1/2009).
  • Wir brauchen eher hohe „Falschalarmraten“: das sehen wir auch genauso, solange es keine besseren Methoden gibt. Warum? Weil die Konsequenz und Folge einer Lawinenverschüttung eben zu oft „maximal“ ist, also tödlich.

Hier noch ein paar Kommentare zu den Punkten, die unseren eigenen Artikel betreffen:

Im Absatz „Gefahr und Risiko“, den wir inhaltlich sehr richtig finden, verwendest Du strategische Methoden synonym mit probabilistischen Methoden. Das führt unserer Meinung nach seit Jahrzehnten zu Verwirrung. Die klare Trennung dieser Begriffe haben wir in unserem Artikel (b&s 113, p. 40) ausgeführt – auf die Kürze ist eine Snowcard eine probabilistische Methode die im Rahmen einer strategischen Methode wie dem Lawinen-Mantra ihren Platz hat wie auch die Analytik oder die Konsequenzanalyse in einer modernen Strategie ihren Platz finden.

Beim Begriff „Einzugsbreich“ ist es unserer Meinung nach ähnlich: Inhaltlich 100 % Zustimmung zu Deinen Ausführungen, die Benennung und „Beanspruchung“ der Begriffe scheint sich gerade anders zu etablieren, wie wir es ja ebenfalls in unserem Artikel (b&s 113, p. 42) darstellen, auch wenn das ja nun nicht unser Wunsch ist: Einzugsbereich (original in der Probabilistik verwendet) findet heute Verwendung für die Beschreibung einer analytischen Gegebenheit – Beurteilungsradius wird für die Steilheitsbeurteilung in Abhängigkeit der GST bei der Probabilistik verwendet.

Dass gerade auch „Experten“ in Lawinen umkommen ist richtig. Die Frage bleibt, „was ist denn ein Lawinenexperte?“. Eine Statistik dazu, die über absolute Zahlen hinausgeht (also zum Beispiel Todeszahlen ins Verhältnis zu Skitourentagen setzt), ist uns nicht bekannt. Neben der Tiefe einer Ausbildung und der Anzahl der Tage im Gelände über mehrere Jahre wird ein Experte mit einem hohen Maß an Reflexion seines Tun und vor allem Demut gegenüber dem eigenen Nicht-Wissen gesegnet sein.

Zur „Steilheit von Lawinen“ und Deiner Frage, wie wir mit Fernauslösungen umgehen: in der „Vermeidbarkeitsstatistik“ betrachten wir immer gemäß dem Vorgehen der SnowCard die Steilheit im Beurteilungsradius. Bei einer Fernauslösung also zum Beispiel 40°. In der zusätzlichen Statistik mit der Steilheit am Auslösepunkt kann die Steilheit aber zum Beispiel nur 10° oder sogar 0° (flaches Gelände) betragen.

Weitere Probleme bei GST 2 und 3“: nein, die niedrigere Vermeidbarkeit bei GST 2 liegt definitiv NICHT an „Großunfällen“: von 25 Unfällen bei GST 2, die nicht vermeidbar waren, gab es nur 3 mit mehr wie einem Toten. Ein paar typische Charakteristika dieser „nicht vermeidbaren“ Unfällen bei GST 2 sind vielmehr:

  • „ungünstige“ (also im LLB benannte) Hangexposition/-Form und Höhenlage
  • In aller Regel Triebschnee (15 von 25) oder Altschneeproblem (7 von 25)
  • Triebschnee, der eher schlecht erkennbar war
  • „Grenzfälle“ also je nach Einschätzung auf Basis Snowcard vielleicht auch „vermeidbar“, aber eben in diesen Fällen als „unvermeidbar“ eingestuft aus jeweils bestimmten Gründen des individuellen Unfalls
  • Wanderer, die zu Beginn oder Ende des Winters von einer Lawine „überrascht“ wurden

In diesem Punkt bitte nicht vergessen: ja, die Vermeidbarkeit ist geringer, aber es gibt auch nur vergleichsweise wenige Unfalltote bei GST 2.

Der „Faktor Mensch“ wird mit Sicherheit unterbewertet, wie Du ja sehr deutlich ausführst. Es gibt dazu ja nun ausreichende Ausformulierungen und Aufzählungen, Ideen und Vorschläge, und dennoch gelingt es uns meist nur schwer den „Einfluss möglichst effektiv zurück zu drängen“ wie Du schreibst. Wir wollen am Berg auf Skitour keine „Psycho-Spielchen“ oder irgendwelche Knoten in Bänder in unserer Hosentasche, auch wollen wir keine Gruppenaufstellungen vor jedem Einzelhang oder am Nachmittag Reflexionsrunden auf der Hüttenterrasse. Persönlichkeit und Psyche lassen sich nicht „zurückdrängen“, wir könne sie nur annehmen und ob Ihrer ganz individuellen Fallstricke wissen.

Und schließlich zum „potentiellen Lawinengelände“: ja, diese Details aus dem LLB sind auf jeden Fall zu berücksichtigen und das wird ja in der „SnowCard-Methode“ ja auch explizit gefordert. Wir finden allerdings nicht, dass das „potentielle Lawinengelände“ (also das vom LLB genannt Gelände) alleine ein wirksameres Entscheidungskriterium wie zum Beispiel die SnowCard ist. Denn, wie Du ja auch schon richtig schreibst, dann wären wirklich sehr viele Bereiche nicht mehr „erlaubt“. Wenn der LLB zum Bespiel „Schattenhänge im Nordsektor oberhalb 2500m“ benennt, dann ist es gegebenenfalls immer noch vertretbar, diese auch bei GST 3 zu befahren, wenn sie unter 30° sind. „Detaillierter untersuchen“ wäre interessant – aber dazu bräuchte wir eine automatische Auswertemöglichkeit des Geländes im Zusammenspiel mit dem jeweiligen LLB – und die haben wir leider nicht, wir arbeiten in unserer Statistik „analog“ insofern, als wir jeden Unfall im Einzelnen durchgehen auf den entsprechenden Karten.

Jan Mersch ist Bergführer und Mitautor des Fachbuches „Lawinen“. Jan war maßgeblich an der Entwicklung der DAV-Snowcard beteiligt.

Erschienen in der
Ausgabe #113