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21. Jul 2022 - 8 min Lesezeit

Kletter-Training: 10 digitale Trends für Kletterer und Boulderer

Von Leistungstracking, über Kraftoptimierung bis hin zu Virtual Reality: Digitalisierung hat auch das Klettern erreicht. Welchen Mehrwert diese Entwicklung für den Sport bringt? Wir stellen die wichtigsten Trends vor.

1. Hightech in der Kletterhalle: Moonboard, Kilterboard & Tension Board

Ein Moonboard in der Boulderwelt München Ost

Alle drei Boards sind interaktive und standardisierte Trainingswände, die mit verschiedenen Neigungswinkeln aufgebaut werden können. Jeder Griff besitzt eine bestimmte Position und Ausrichtung sowie eine LED-Leuchte. Diese leuchtet, wenn der Griff zur ausgewählten Route gehört. Die Boards sind jeweils mit einer App verbunden, über die der User Trainingsrouten von Kletterern aus aller Welt abrufen, abhaken und bewerten kann. Kletterer können sogar eigene Boulderprobleme definieren. Aber es gibt auch Unterschiede: Die Macher des Tension Boards setzen auf Holzgriffe, um die Haut der Kletterer zu schonen. Das Kilterboard hat über 300 Griffe – das Moonboard im Vergleich nur 198 – und 15 verschiedene Aufstellwinkel, was es auch Anfängern ermöglicht, am Board zu trainieren. Das Moonboard ist quasi die Mutter aller interaktiven Climbingboards, erfunden vom legendären Ben Moon. Es ist mit den anspruchsvollsten Problemen und hautfeindlichsten Griffen ausgestattet.

2. Trainings-Apps: Crimpd, Boulder Trainer und Beastmaker

Grippy – Beastmaker Workouts

Crimpd

Crimpd ist eine kletterspezifische Trainings-App, die sich auch besonders gut für Kletteranfänger eignet. In der App werden Trainingserkenntnisse und Datenanalysen von Lattice Training, einem Tool zur Planung von Klettertrainings, verarbeitet. Die kostenlose Version der App enthält Dutzende von Trainingseinheiten an der Kletterwand und auf der Matte, um ganzheitlich zu trainieren. Beschreibungen und Videos erleichtern die richtige Ausführung der Übungen. User können die Trainings abspeichern und den Trainingsverlauf und -fortschritt analysieren.

Grippy – Beastmaker Workouts

Die Beastmaker App ist direkt mit dem gleichnamigen Hangboard verbunden. Die App bietet vorprogrammierte Workouts sowohl für die Beastmaker 1000er als auch für die 2000er Serie von Boards. User können auch eigene Workouts einrichten, indem sie Hängezeiten, Ruheintervalle und Wiederholungen auswählen und auf jeden beliebigen Griff am Brett anwenden. Zudem kann man manuell eingeben, wie man bestimmte Griffe halten möchte, also ob zum Beispiel mit zwei Fingern oder als Leiste.

Boulder Trainer

Die App unterstützt insgesamt 80 Griffbretter und hat auch für die meisten Boards vorgefertigte Workouts parat. User können auch eigene individuelle Trainingspläne erstellen und sogar ihre selbstgebauten Hangboards hinzufügen. Was es dazu braucht, ist ein Foto des Brettes und die manuelle Nummerierung der Griffe. Zusätzlich kann man auswählen, ob man am gestreckten oder gebeugten Arm klettert oder gar Klimmzüge macht.

3. VR-Brille zur Verbesserung der Klettertechnik

free solo geht auch digital (bei deutlich verringertem Risiko). (Quelle Screenshot: https://thesoloist-vr.com)

Lust, einmal die steilsten Wände der Welt free solo zu klettern? Dann einfach eine VR-Brille aufsetzen und Alexander Honnold dabei zusehen. In The Soloist VR nimmt er den Zuschauer mit in den Yosemite National Park, in die Dolomiten oder an die Aiguille du Dru in Chamonix. Die hochauflösende 3D-360°-VR-Technologie gibt dem Zuschauer das Gefühl, hautnah dabei zu sein. Das VR-Video von Delaney Miller und Ben Rueck setzt noch einen obendrauf. Begleitet von 16 GoPros und einem Fotografen klettern sie die Route „Delicatessen“ am Col de Bavella auf der Insel Korsika. Das Ergebnis ist nichts für Menschen mit Höhenangst: Der User findet sich in einer Welt aus Fels und schwindelerregenden Höhen wieder, erlebt sogar Stürze hautnah mit. Die VR-Erfahrung ermöglicht es auch Kletterlaien, die anspruchsvolle Route zu bewältigen – wenn auch nur virtuell. Erfahrene Kletterer können zudem etwas lernen, denn die Profis offenbaren ihre eigene Technik beim Aufstieg. 

4. Topo-Apps: Kletterführer auf dem Smartphone

Mountain Project (Quelle Screenshot: https://www.mountainproject.com)

Vertical Life

Den Südtiroler Verlag „Vertical Life“ kennt man wegen seiner Kletterführer in Buchform, seit 2016 sind sie auch mit der Vertical Life Climbing App am Markt. Das Angebot umfasst Farbfoto-Topos sowie Hintergrundwissen wie Anfahrtsbeschreibungen und Infos zu den Kletterdestinationen zum Sportklettern, Bouldern und Mehrseillängenklettern in Europa. Mithilfe der Suchfunktion können User Klettergebiete nach Lage, Familienfreundlichkeit, Level oder bester Jahreszeit filtern. Im persönlichen Routenbuch kann der Kletterer zudem seine Erfolge digital dokumentieren oder gemachte Routen kommentieren.

Mountain Project

Ob Klettern am Mount Kenya in Afrika, im Indian Greek in Utah oder am Vinson-Massiv in der Antarktis, Mountain Project hat in seiner Datenbank weltweit mehr als 100.000 Kletterrouten gelistet. Informationen zu den einzelnen Gebieten umfassen Routen, Fotos, Kommentare und Bewertungen. User können die ausgewählten Klettergebiete herunterladen, um sie auch offline zu nutzen. Definitiv eine spannende Inspiration für den nächsten Urlaub.

5. Knoten-App

Knots 3D (Quelle Screenshot)

Weltweit gibt es mindestens 164 verschiedene Knoten. So viele sind zumindest in der App Knots 3D detailliert erklärt und es kommen regelmäßig neue hinzu. Natürlich greifen nicht nur Kletterer auf die App zurück, sondern auch Baumpfleger, Fischer, Feuerwehrleute, das Militär und Pfadfinder weltweit. In animierten 360-Grad-3D-Ansichten können User studieren, wie sich die Knoten selbst binden. Dabei ist es jederzeit möglich, die Animation mit einem Fingerwisch anzuhalten, vor- oder zurückzuspulen oder die Geschwindigkeit anzupassen. Zudem lässt sich der Knoten drehen, um ihn aus jedem Winkel zu betrachten. Die App ist in 21 Sprachen erhältlich, darunter Arabisch, Chinesisch und Koreanisch.

(Für die gängigsten 12 Knoten beim Bergsport hat der Österreichische Alpenverein kürzlich eine Video-Serie gestartet, völlig kostenlos!)

Trailer: 12 Knoten für die Berge

6. Climbtrack: Kletterprobleme mit 3D-Kamera lösen

Climbtrack (Quelle: https://cloud.dfki.de/owncloud/index.php/s/PZ3kfWcKtMOWczT?path=%2Fpresse%2FBilder)

Climbtrack ist ein Tool, mit dem die Gründer das Klettertraining professionalisieren wollen. Zurückgelegte Routen werden nachvollziehbar, Trainingseinheiten dokumentiert und neue Routen planbar. Climbtrack basiert auf einer mobilen 3D-Kamera-Projektor-Einheit, dem betaCube. Zum System gehören außerdem eine Smartphone-App und ein Wearable – ein Armband, das am Handgelenk getragen wird. Es ermöglicht, die Position des Kletterers in der Wand zu erkennen. Der Climbtrack soll dabei helfen, Bewegungsabläufe besser zu lernen oder kraftsparender zu klettern. Die Technik soll so unaufdringlich wie möglich gestaltet sein, damit auch Kletterer daran Gefallen finden, die vielleicht nicht so technikaffin sind. Interessant ist der betaCube daher vor allem für Kletterhallenbetreiber, weil die 3D-Kamera an jeder Kletterwand einsetzbar ist, ohne dass Technologie in der Wand verbaut werden muss. Noch ist das Tool in der Testphase, ein Launchtermin steht noch nicht fest.

7. Augmented Reality Climbing Wall

Quelle: KletterZ

Augmented Climbing ist eine interaktive Spielfläche an der Kletterwand. Mit einem Beamer werden die lustigen, aber auch anspruchsvollen Spiele sowie Trainings auf die Wand projiziert. Auf diese Weise kombiniert Augmented Climbing Gaming und Sport miteinander. Ein Sensor erfasst die Personen an der drei Meter hohen Kletterwand und ein Beamer beleuchtet die Positionen, die erreicht werden sollen. User können zwischen Single- und Multiplayer-Games wählen. Witzig ist zum Beispiel Climball, ein Spiel, bei dem sich die Teilnehmer an der Wand einen Ball hin- und herspielen. Beim Spiel Astromania haben Kletterer die Aufgabe, den Planeten vor einem plötzlich auftauchenden Meteoriten zu retten.

8. Online-Routendatenbanken: The Crag, 27crags und 8a.nu

Quelle Screenshot

The Crag

The Crag ist eine der größten Routendatenbanken der Welt. Aktuell listet die Seite mehr als 880.000 Routen, 38.300 Topos in tausenden von Klettergebieten rund um den Globus. Die Klettergemeinschaft selbst erfasst und aktualisiert alle Informationen und Routen, die auf der Seite zu finden sind. Zudem ist die Plattform kostenlos zugänglich.

27crags

Auch auf 27crags können User ihre Touren veröffentlichen und mit der dazugehörigen App sogar neue Topos erstellen. 27crags gibt zudem an, die einzige Plattform zu sein, die die Erschließer von Premiumrouten mit Geld entlohnt.

8a.nu

Die Plattform 8a.nu ist hingegen eine Mischung aus Community-Space und News-Blog für Kletterer. Mehr als 100.000 User nutzen die Seite auch als Logbuch für ihre Klettererfolge, die in einem Punktesystem erfasst und in Rankings dargestellt werden. Adam Ondra führt das Ranking im Sportklettern aktuell mit 13 995 Punkten an.

9. myclimb

myclimb (Quelle Screenshot)

MyClimb funktioniert wie eine Social-Media-Plattform für die Klettercommunity. Mit der App können User ihre Kletterrouten in der Halle und am Fels überall auf der Welt aufzeichnen, gemachte Routen mit Fotos und Videos auf die eigene Seite stellen und mit Freunden und der weltweiten MyClimb-Community teilen. Kletterer können zudem ihren Kletterfortschritt verfolgen und dokumentieren, wenn sie sich auf der Kletterskala nach oben bewegen – und sich dabei in der Bestenliste mit Freunden vergleichen. Wer seine Kletterleistung verbessern will, nutzt die Workouts und Trainingspläne, die von professionellen Kletterern erstellt werden. Spannend ist auch das Analyse-Feature, mit dem User per Video ihre Performance an der Wand bewerten lassen können.

10. iRedpoint: Bouldern und Klettern

iRdpoint (Quelle: Screenshot)

Wer wissen will, wie viele Klettermeter er in der Halle oder am Fels schafft, für den ist iRedpoint die richtige App. Sie erlaubt es, die Bewegungen beim Bouldern und Klettern mithilfe der Apple Watch mit überraschend hoher Genauigkeit aufzuzeichnen. Die App nutzt dazu unter anderem das integrierte Barometer der Uhr, um relative Höhenunterschiede festzustellen. Dadurch erreicht die App auch innerhalb von geschlossenen Räumen eine Genauigkeit von etwa 30 Zentimetern. Nach jeder Session gibt die App detaillierte Informationen zur Performance. Angegeben werden die Klettermeter, die Herzfrequenz, die Dauer der Einheit – und sie macht Vorschläge für einen persönlichen Trainingsplan, der auf den erbrachten Leistungen basiert. Um den kompletten Funktionsumfang nutzen zu können, benötigen User ein Abo. Und natürlich eine Apple Watch.

Erschienen in der
Ausgabe #119 (Sommer 22)

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