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Barbara Vigl
12. Jan 2022 - 5 min Lesezeit

Verhauer: Wo bleibt das (Bauch-)Gefühl?

Barbara Vigl über einen Solo-Versuch am Peuterey-Grat auf den Mont Blanc.

Begriffe wie Risikomanagement, kalkuliertes Risiko und Restrisiko begleiten uns in den Bergen ständig: in der Planung, in der Tour und beim Bier danach, manchmal mehr, manchmal weniger. Doch wie objektiv können wir unsere Entscheidungen überhaupt treffen und wie viel hängt von unseren subjektiven Erfahrungen und Wahrnehmungen ab? Wie viel davon ist „Gefühl“?

„Human factors lie at the heart of risk“, also frei übersetzt „Menschliche Faktoren sind der Kern des Risikos“, schreibt die französische PhD-Studentin (Bereich Unfallforschung im Bergsport, Universität Lyon) und Bergführerin Maud Vanpoulle in ihrem Beitrag „A first analysis of ski touring near-miss and accidents reports in the SERAC database 04/2020“.

„Human factors lie at the heart of risk“

Maud Vanpoulle

In beinahe der Hälfte der Unfälle, die dabei untersucht wurden, gaben die Beteiligten an, vor dem Unfall ein Risiko wahrgenommen, geahnt oder gespürt und trotzdem weitergemacht zu haben. Doch was bringt einen dazu, weiterzumachen, obwohl man sich nicht mehr wohlfühlt? Maud fasst einige der identifizierten Faktoren unter „reassuring factors zusammen, unter anderem soziale Einflüsse, die Annahme, dass die Route bzw. der Abschnitt leicht ist, Vertrautheit mit dem Gelände, Erfahrung und Macht der Gewohnheit sowie der Stellenwert, den das Erreichen des gesetzten Ziels hat bzw. bekommt.

Wenn ich an mein eigenes Risikomanagement in den Routen der vergangenen Jahre zurückdenke, habe ich eine davon besonders deutlich in Erinnerung.

Im Sommer 2015 hatte ich die Idee, den Peuterey-Grat alleine zu klettern – das hier ist eine Rückblende.

Es ist 5 Uhr morgens, vom baldigen Tagesanbruch ist noch nichts zu spüren. Die Luft ist angenehm kühl und still. Das Val Veny schläft noch und die Borellihütte, die ich vor einer Stunde verlassen habe, liegt wie ein dunkler Schatten hinter mir. Nichts bewegt sich, außer der Lichtkegel meiner Stirnlampe, der über den Moränenrücken vor mir streicht. Dahinter hebt sich eine Wand ab und darüber kann man schon die Silhouette des Peuterey-Grates erahnen. Mein Rucksack ist gefüllt mit Biwak- und Kletterausrüstung, mein Kopf mit Gedanken, die in der Stille kreisen.

Babsi in Chamonix. Dieses Mal mit Seil. Foto: Mathis Dumas/The North Face
Babsi in Chamonix. Dieses Mal mit Seil. Foto: Mathis Dumas/The North Face

Als der Tag dämmert und ich mir am Einstieg das Material an den Gurt hänge, ist da bereits dieses dumpfe Gefühl, dass heute der Flow fehlt. Das Sortieren des Materials ist heilige Routine: Jeder Karabiner hat seinen Platz, die Klemmkeile rechts hinten, die Bandschlingen links – die vertrauten Bewegungen geben mir Sicherheit und bereiten mich darauf vor, dass es bald losgeht. Das schlechte Gefühl bleibt trotzdem. Schnell finde ich Argumente, um dennoch einzusteigen. Ich bin extra nach Chamonix gefahren, akklimatisiert und das Wetter passt auch. Und vor allem: Ich will es unbedingt. Mein Kopf siegt. Der Flow wird bestimmt nach einigen Seillängen kommen. Mit knapp 50 Seillängen kann ich mich nur in den Schlüssellängen selbst sichern, für den Rest muss das Seil im Rucksack bleiben. Die ersten Seillängen sind leicht, trotzdem kommt keine Leichtigkeit auf. Ich halte mich fester als nötig, vertraue dem Fels nicht und mein Rucksack fühlt sich viel zu schwer an. Und im Hintergrund, da klopft die Angst leise an; ich ignoriere sie entschlossen. Das ist nur ein Vierer, reiß‘ dich zusammen.

Nach nur 200 Metern Wandhöhe bin ich mir bereits unsicher, wie es weitergeht. Links von mir ist eine Platte mit feuchten Stellen, rechts hängt eine Schlinge im Gelände, das mit Sicherheit schwerer als der vierte Grad ist, und über mir versperrt ein kleiner Bauch die Sicht. Unentschlossen traversiere ich auf der feuchten Platte vor und zurück, bis es mir zu riskant wird – das kann nicht der richtige Weg sein. Also wird es wohl der kleine Bauch sein, auch wenn mich die Steilheit irritiert. Das störende Bauchgefühl meldet sich immer lauter, und ich ärgere mich immer mehr darüber, dass so früh schon Probleme auftauchen. Mit nur halber Überzeugung, dass das der richtige Weg ist, klettere ich gerade hinauf. Mit der rechten Hand greife ich nach einer kleinen Schuppe, und bringe meine Füße höher, um mit links an einem großen Griff über mir zu ziehen.

In diesem Moment bricht die Schuppe aus. Instinktiv fange ich den Schwung ab und stehe sofort wieder fest auf meinen Füßen. Für eine Sekunde steht mein Herz still, dann schlägt die Schuppe dumpf in der Moräne am Wandfuß ein. Jetzt ist es vorbei mit meinen Argumenten und die Angst bricht voll durch. Endlich sehe ich ein, dass ich es für heute genug ausgereizt habe. Vorsichtig klettere ich zu einem einzelnen Schlaghaken ab und hänge mich ein. Das System, mit dem ich mich abseilen will, hat mir ein Kollege bei der Bergrettung gezeigt – Abseilen am Einzelstrang. Die Methode schien mir logisch und einfach – dass ich damit kaum Erfahrung habe, zeigt sich bald. Der Knoten frisst sich in den Schlaghaken, und nachdem ich mich gleich die vollen 50 Meter abgeseilt habe, bekomme ich nicht genug Zug zusammen, um ihn zu lösen. Als ich mich bereits damit abgefunden habe, die Seillänge nochmals zu klettern, löst er sich endlich. Für die nächsten Abseiler bin ich schlauer und mache kurze Seillängen. Zurück am Boden ist das schlechte Gefühl endlich weg und ich bin einfach nur erleichtert, dass ich umgedreht habe – der Peuterey kann warten.

Fazit

Rückblickend betrachtet gab es viel, was gegen das Klettern gesprochen hat: eine relativ geringe Erfahrung, seilfreies Klettern über lange Passagen in unbekanntem Gelände, ein zu schwerer Rucksack und geringe Erfahrung mit meiner Abseiltechnik. Vor allem aber eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung, das Bauchgefühl am Einstieg zu ignorieren. Die subjektiven Wahrnehmungen des Risikos und Faktoren, die mich dazu brachten, trotzdem erst nach 200 Metern und einem Beinahe-Unfall umzudrehen, finden sich zum Teil in Mauds Arbeit in den Schilderungen der befragten Kletter*innen wieder. Sie schreibt, dass ihre Arbeit Faktoren beleuchtet, die uns dazu bringen können, unseren Zugang und vielleicht sogar die Kultur unseres Sports zu reflektieren. Diese Erkenntnisse und die Reflexion eigener Erlebnisse sind meiner Meinung nach ein wertvolles Wissen, um die eigenen Entscheidungen und Wahrnehmungen in Zukunft differenzierter und kritischer zu betrachten und unsere Beziehung zum Risiko ständig weiterzuentwickeln.

Das hier ist keine Ode an das Solokletten, die Diskussion dazu kann wohl viele Seiten füllen, sondern die Reflexion eines persönlichen Beispiels, das, mit viel Abstand und neuen Gedanken betrachtet, weitere Facetten bekommt.

Erschienen in der
Ausgabe #116 (Herbst 21)

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