Lehren aus dem La-Traviata-Lawinenunglück in Kanada
Vor mehr als 20 Jahren war der kanadische IVBV- Bergführer Ken Wylie dabei, als bei einem Lawinenunglück im La-Traviata- Couloir in den Selkirk Mountains, Kanada, sieben Menschen starben. Er selbst war über 40 Minuten lang unter dem Schnee verschüttet. Bei der Aufarbeitung derartiger Katastrophen müssen wir manchmal tiefer graben und nach den potenziellen Schwachstellen in uns selbst suchen. Und die Lehren daraus ziehen.
Genau das hat Ken Wylie getan. In seinem Buch „Buried“ (2020) und bei seiner Arbeit in industriellen Umgebungen mit hohem Risikopotenzial (HRP) untersucht er, warum das innere Bewusstsein – emotional, psychologisch, relational – am Berg ebenso wichtig ist wie technische Fähigkeiten. Ken fordert uns auf, nicht nur darüber nachzudenken, wohin wir gehen, sondern auch darüber, was uns auf einer tieferen Ebene antreibt. Er sagt nicht, dass wir unsere technischen Fähigkeiten über Bord werfen sollen – ganz im Gegenteil –, er sagt: Kombiniere deine technische Meisterschaft mit emotionaler Klarheit, Gruppenharmonie und Selbstreflexion. Darin liegt die wahre Führungsstärke.
Ken Wylie

Ken Wylie (geb. 1962) ist ein kanadischer IVBV-Bergführer und überlebte einen der größten Lawinenunfälle Nordamerikas. Der gesamte Unfall und seine Folgen veranlassten ihn, seine Arbeit als Bergführer und sich selbst als Person zu hinterfragen. Später äußerte er, dass er Vorbehalte gegenüber der Route und den Schneeverhältnissen hatte, sich jedoch aufgrund der hierarchischen Dynamik zwischen ihm und dem leitenden Bergführer nicht in der Lage fühlte, seine Bedenken zu äußern.
Danach hatte Wylie mit den psychologischen Auswirkungen der Tragödie zu kämpfen. In dem Buch „Buried“ (2020) beschreibt er den Unfall und setzt sich mit der schrecklichen Erfahrung und seiner Mitverantwortung dabei auseinander. Er entschied sich, diese Erkenntnisse und Erfahrungen innerhalb und außerhalb der professionellen Bergführerwelt in Nordamerika zu teilen, wo er auch als Redner auf Konferenzen großer Unternehmen zu Themen wie Risikomanagement, Verantwortung und Verbesserung der Sicherheit auftrat. Zur Website von Ken für Mindset Awareness für Risiko Management.
All dies verdichtet sich in seiner Schlüsselfrage: „Wie präsentiere ich mich?“ In diesem Interview mit Ken Wylie geht es nicht um Traumabewältigung. Vielmehr geht es um Transformation und das Abenteuer, darum das, was wir in den Bergen erlebt haben, zu nutzen und in wertvolle Erfahrungen umzuwandeln, damit wir und andere daraus lernen und heilen können. Der Unfall sollte niemals nur eine Tragödie sein. Oder wie Viktor Frankl es ausdrückt: „Der Mensch kann Leid, Schuld und Tod auch in etwas Positives, in eine Leistung verwandeln.“
Auf der Suche nach dem Faktor Mensch
Wylies persönliche Perspektive – Teil 1
In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf Wylies persönliche Perspektive und die Integration all dessen, was passiert ist. In der nächsten Ausgabe von bergundsteigen werden wir seinen Ansatz und sein „Archetypal Modell“ untersuchen, um uns der potenziellen und persönlichen Fallstricke bei unserer Entscheidungsfindung bewusster zu werden.
bergundsteigen: Ken, was waren deine ersten Gedanken, nachdem du aus der Lawine geborgen worden warst?
Ken Wylie: Ein tiefes Gefühl von „Wie komme ich hier raus, als Bergführer, als Mensch?“ Aber es gab kein Entkommen. Diesmal hatte ich es wirklich geschafft. Ich hatte mir nie vorstellen können, dass ich so etwas erleben und überleben würde. Ich dachte immer, wenn etwas wirklich Schlimmes passieren würde, müsste ich wahrscheinlich nicht mit den Folgen leben.
Es war der Schock, dass ich überlebt hatte. Ich musste mich mit den Folgen auseinandersetzen. Es gab kein Entkommen, außer Selbstmord oder Alkoholismus. Ich habe mir dieses Ergebnis nie zugetraut. Unter all den Lügen, die ich mir in Bezug auf die Berge erzählt habe, war das die größte – eine Form der Verleugnung. Ich glaube, wenn ich mir einen Unfall vorgestellt hätte, den ich überlebe, hätte ich das viel ernster genommen. Im Grunde war das eine sehr unreife und jugendliche Herangehensweise.

Du warst nur der Assistenzbergführer und trugst keine endgültige Verantwortung.
Als Assistenzbergführer und nicht als Hauptbergführer hatte ich eine Art freies Geleit. Nach dem Unfall bekam der leitende Bergführer die ganze Kritik ab. Ich hätte mich den Rest meines Lebens verstecken können, wie es mir so viele geraten haben. Tatsächlich habe ich das auch versucht, aber das wurde für mich völlig unerträglich. Im Jahr 2008 – sechs Jahre nach der Lawine – erkannte ich, dass ich eine Lüge lebte, und begann, mir wirklich Gedanken zu machen.
Was für Gedanken?
Als ich morgens aus dem Bett stieg und in den Spiegel im Badezimmer schaute, gefiel mir nicht, was ich sah. Ich erkannte, dass das wahrscheinlich schon lange vor der Lawine ein Merkmal meines Lebens gewesen war und dass das wahrscheinlich einer der Gründe war, warum ich mich so sehr für Bergabenteuer begeisterte: Ich war mir selbst einfach nicht genug. Die Berge wurden zu meinem Zufluchtsort, um mit einer Art tiefsitzendem Schmerz zu leben.
„Im Jahr 2008 – sechs Jahre nach der Lawine – erkannte ich, dass ich eine Lüge lebte, und begann, mir wirklich Gedanken zu machen.“
Ken Wylie
Was meinst du damit, dass du dir selbst nicht genug warst?
Ich leugnete Aspekte meiner selbst, die genau wussten, was los war. Manche mögen das in Frage stellen, weil ich jetzt erst im Nachhinein auf die Tragödie zurückblicke, aber am Morgen des Unglücks wachte ich auf und wollte sofort aufhören, sagte mir aber, ich solle bis Freitag durchhalten. Der beste Teil von mir wusste, dass wir auf eine Katastrophe zusteuerten, aber ich ließ den Teil von mir, der Angst hatte, etwas zu unternehmen, die Führung übernehmen. Wenn ich mir selbst genug gewesen wäre, hätte ich mich selbst genug respektiert, um das zu tun, was ich für richtig hielt: Ich hätte meine Arbeit dort aufgegeben.
Lawine von La Traviata
Die Lawine von La Traviata ereignete sich im Januar 2003 während einer Skitour auf dem Durrand-Gletscher/Tumble Down Mountain in den Selkirk Mountains in British Columbia. Es war einer der verheerendsten Lawinenunfälle in Kanada jemals. Sieben erfahrene Tourenskifahrer:innen kamen dabei ums Leben. Sechs weitere Personen konnten gerettet werden oder befreiten sich selbst. Die Gruppe bestand aus insgesamt 21 Personen, die unter der Leitung eines renommierten Bergführers und eines Assistenzbergführers eine Tour unternahmen.
Zwei Untergruppen befanden sich gerade im Aufstieg durch das Couloir, als die Lawine abging. Zwölf Teilnehmer und der zweite Bergführer sind von der Lawine teilweise oder total verschüttet worden, von ihnen wurden sechs ausgegraben – oder haben sich selbst befreit – und überlebten. Sieben Teilnehmer sind in der Lawine verstorben:
- Kathy Kessler (Truckee, California)
- Dave Finnerty (New Westminster, BC)
- Vern Lunsford (Littleton, Colorado)
- Jean-Luc Schwendener (Canmore, Alberta)
- Dennis Yates (Hollywood, California)
- Naomi Heffler (Calgary, Alberta)
- Craig Kelly (Nelson, BC)
Es handelte sich um eine Schneebrettlawine in einigen Bereichen mit einer Dicke von bis zu 280 cm, Größe 3 (große Lawine). Am Fuße des Hangs war eine Geländefalle.
Eine spätere unabhängige Analyse stellte die Entscheidung in Frage, das 36° bis 37° steile und 310 Meter lange Couloir bei „erheblicher“ (3) Lawinengefahr zu besteigen, sowie die Entscheidung, mehrere Skifahrer gleichzeitig auf diesem steilen Hang zu haben. Der Hang war windverfrachtet und und es gab ein Altschneeproblem. Die Lawine von La Traviata hatte weitreichende Auswirkungen auf die (kanadische) Bergführergemeinschaft. Sie führte zu einer Neubewertung der Führungspraktiken und betonte die Notwendigkeit einer offenen Kommunikation zwischen Bergführern und Kunden.

Du wusstest also, dass die Skiroute gefährlich war?
Ja, auf jeden Fall. Und Problem und Risiko lagen nicht nur in der schwachen Altschneedecke, sondern auch in der Zusammenarbeit mit dem leitenden Bergführer und Eigentümer des Unternehmens. Meiner Erfahrung nach herrschte in diesem Unternehmen eine strenge Hierarchie. Während der Wochen, in denen ich dort arbeitete, wurden Diskussionen über die gewählten Tagesziele in Bezug auf die Bedürfnisse der Kunden oder über die Schnee- und Lawinenbedingungen nicht gefördert.
Wenn ich eine andere Meinung darüber hatte, was geschehen sollte, wurden meine Vorstellungen nicht respektiert, geschweige denn umgesetzt. Das führte mich zu der falschen Annahme, dass ich keine Wahl hatte. Die Wahrheit ist, dass ich eine Wahl hatte, und diese Wahl hätte bedeutet, dass ich sofort kündigen hätte müssen. Ich verstehe jetzt, dass Hierarchien in Situationen, in denen die Konsequenzen von allen getragen werden, unethisch sind.
Das heißt, wenn wir alle etwas Unerwünschtem wie Schaden oder Tod ausgesetzt sind wie in den Bergen, müssen wir unsere Stimme erheben können. Es gibt zwei Möglichkeiten, eine unangemessene Hierarchie zu beheben. Eine Möglichkeit liegt bei der Führung: Diese muss erkennen, dass alle gleichermaßen von den Konsequenzen betroffen sind, eine freie und offene Bewertung der Bedingungen fördern und gemeinsam geeignete Ziele in Bezug auf diese Bedingungen festlegen.
Die andere Möglichkeit besteht darin, die Führungskräfte herauszufordern, auch wenn das bedeutet, den Arbeitsplatz zu verlassen oder die Reise abzubrechen. Unabhängig von der Erfahrung hat in Situationen mit hohem Risiko jeder eine Wahl verdient. Es muss eine Wahl geben, und wenn dies nicht der Fall ist, muss sie erzwungen werden. Ironischerweise wurde mir nach dem Ereignis gesagt, dass ich Teil eines Teams war und mich hätte zu Wort melden sollen, wenn mir das, was wir taten, unangenehm war.
Das war leider die schmerzliche Wahrheit. Am Unglückstag hatte ich meine Stimme aufgegeben, weil ich sie für sinnlos hielt. Das war sie aber nicht. Seinen Job zu verlieren, ist nicht das Ende der Welt, Leichen vom Berg zu holen schon. Es geht also um viel mehr als nur Unachtsamkeit. Es waren meine Persönlichkeitsmerkmale, die schon lange vor der Lawine auf meinem Weg aufgetaucht sind.
Wenn wir die Fehler anderer sehen, sehen wir oft nur die letzte Entscheidung, die sie getroffen haben, und wissen wenig über die Hunderten Ereignisse, Erfahrungen und Entscheidungen, die sie an diesen Punkt gebracht haben. Mir fehlte an diesem bestimmten Tag der soziale Mut zu sagen: „Ich sehe, wohin das führt, und ich werde mich daran nicht beteiligen.“ Ich kannte die Risiken und möglichen Folgen, habe mich aber nicht zu Wort gemeldet. Und habe sieben Menschen mit in den Tod geführt.

Wie kommen wir nach einem Misserfolg, nach einer Katastrophe wieder auf die Beine? Wie hast du es geschafft?
Was wir in unserer Gesellschaft oft nicht verstehen, ist, dass es keine Worte gibt, wenn so etwas Schlimmes passiert. Ich bin immer noch dabei zu begreifen, was passiert ist. Wenn wir Menschen solche tragischen Dinge erleben, ist es klug, sie zu verarbeiten, anstatt vor ihnen zu fliehen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich in Verleugnung zu flüchten, sich abzulenken und einfach mit seinem Leben weiterzumachen. Das wollte ich nicht. Die Frage lautet: Wie willst du diese Tragödie annehmen und in dein Leben integrieren … und daraus etwas Wertvolles machen? Ich zitiere Joe Campbell, wenn er sagt: „Lass mich mit einem Geschenk für die Gemeinschaft zurückkommen.“
Was hast du entdeckt?
Dass mein Leben eine Fassade war und dass das aufhören musste. Denn ich musste anfangen, die Wahrheit über mich selbst zu sagen. Warum ich mich so für Abenteuer engagierte, warum ich Bergführer wurde und wie ich an der Tragödie beteiligt war. Dabei wusste ich überhaupt nicht, was diese Wahrheit war. Das machte mir Angst und niemand verstand es. Ich fühlte mich damals so allein. Es fühlte sich an, als würde ich in den Abgrund stürzen. Kein Haken, keine Karte, keine Sicherung.
Der größte Verlust war die Unschuld und ich glaube, dass Unwissenheit unglaublich viel Kraft gibt. Deshalb sehen wir junge Abenteurer, die unglaubliche Dinge tun. Die Verbindung zu den Konsequenzen ist noch nicht da. Oder nur teilweise. Das ist etwas Schönes, aber auch etwas Gefährliches, weil es zu Tragödien führen kann. Ich habe die Vorstellung verloren, dass Abenteuer nur schön sind. Sie können sich in einem kurzen Augenblick in etwas Schreckliches verwandeln.
„Ich kannte die Risiken und möglichen Folgen, habe mich aber nicht zu Wort gemeldet. Und habe sieben Menschen mit in den Tod geführt.“
Ken Wylie
Dann hast du angefangen zu schreiben?
Ja, ich habe angefangen, das Buch „Buried“ zu schreiben – anfangs ging es mir darum zu zeigen, warum ich keine Schuld hatte und nicht verantwortlich war. Aber das hat nicht funktioniert. Später fand ich heraus, dass es um Dinge ging, die ich nicht sah, die ich sogar leugnete. Prozesse über Mut, darüber, wie man sich mit anderen Menschen und der Landschaft getrennt, weil ich nicht wusste, wie ich die Wahrheit sagen sollte.
Es ging darum, im Einklang mit dem zu sein, was draußen vor sich ging und was ich der Außenwelt präsentierte. Ich war in meinem Kopf, ich war in einem Kampf, ich konnte nicht sehen, wie es den Menschen um mich herum ging. Ich war gebrochen und erlebte eine kognitive Dissonanz.
Kannst du ein Beispiel für deine Verleugnung nennen?
Ich hatte jede Erinnerung, jede Verbindung zu dem Lawinenerlebnis so sehr unterdrückt, dass ich nicht einmal die Namen der Menschen nennen konnte, die ihr Leben verloren hatten. Es ist verrückt, wie stark dieser Prozess der Verleugnung wirkt. Ich hatte die Menschen, meine Gäste, die gestorben waren, völlig objektiviert.
Sie waren für mich nur noch eine Zahl. Ich war nicht in der Lage, sie zu ehren oder Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen, und das war schmerzhaft. Wenn ich meinen Schülern Risikomanagement im Abenteuersport beibringe, vermittle ich ihnen neben den technischen Fähigkeiten für eine Tour auch, wie sie die Entscheidungen, die wir oft im Verborgenen treffen, entdecken und sich ihrer bewusst werden. Alles ins Licht bringen.
Ich habe irgendwo gelesen, dass du sagst, wir müssten auch die „Outdoor-Narrative“ neu formulieren?
Der Abenteuerbereich ist eine reale Umgebung. Heutzutage wird so vieles digital optimiert oder modifiziert. Wir brauchen Umgebungen, in denen wir unsere Sinne wirklich trainieren, unsere Wahrnehmung aber auch hinterfragen und die Wahrnehmung anderer einbeziehen können. Um Entscheidungen zu treffen, die echte Konsequenzen haben, und daraus zu lernen.
Die Natur ist dafür ideal. Wir müssen die schwierigsten Aspekte der Entscheidungen, die wir in den Bergen getroffen haben, akzeptieren und sie beleuchten. Aber wir sperren uns selbst ein, wenn wir uns etwas vormachen, das kostet so viel Energie und Lebensfreude. Es geht nur darum die Wahrheit zu suchen – zuerst sich selbst gegenüber. Sich zu fragen: „Wie möchte ich mich zeigen?“, und dann danach zu leben.
Vielen Dank für deine Zeit und dafür, dass du das mit uns geteilt hast, Ken.
Literaturhinweise
- Campbell, Joe: The Hero’s Journey, Harper Collins 1990
- Frankl, Viktor E.: Trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, 1946 (deutsche Ausgabe), 1959 (englische Ausgabe).
- Penniman, Dick & Baumann, Frank: Case analysis – The SME Avalanche Tragedy of January 20, 2003: a Summary of the Data, 2004 – https://docslib.org/doc/799021/the-sme-avalanche-tragedy-ofjanuary- 20-2003-a-summary-of-the-data?utm_source=chatgpt.com
- Trenkwalder, Pauli: ÖKAS – Analyse Berg Winter 2024–2025
- Van Galen, Anne: We really need to do better; bergundsteigen #128, Herbst 24
- Wylie, Ken: Buried, updated edition, e-Book, Canada, 2020
- Wylie, Ken, website – archetypal.ca