Verhauer: Lehren aus dem Lawinenabgang auf der Nordkette
Es ist der 25. Dezember 2024. Die Verhältnisse um Innsbruck sind bereits tiefwinterlich – ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Am Tag zuvor hat Hannes mit einem Freund gesprochen und erfahren, dass die obere Sektion der Nordkettenbahn noch geschlossen ist, aber voraussichtlich am nächsten Tag öffnen wird. Deshalb entscheidet er sich, früh zu starten, um bei den ersten Freeridern mit dabei zu sein.
In der Warteschlange herrscht gute Stimmung. Fast ausschließlich Locals sind anwesend, da die meisten Studierenden über die Weihnachtsferien nach Hause gefahren sind. Alle freuen sich auf ein paar gute Runs auf „der Gruabm“. Bei der Auffahrt mit der Gondel sieht man eindrucksvoll die erfolgreichen Sprengungen in der Karrinne und der Seilbahnrinne.

Vereinzelt sind auch kleinere, spontan ausgelöste Schneebrettlawinen zu erkennen. Hannes findet einen guten Ausgangspunkt nahe dem Gondelausstieg und gehört folglich zu den ersten Freeridern. Da die beiden abgesprengten Rinnen wenig einladend wirken, ist für die meisten Freerider klar: Die erste Abfahrt wird die sogenannte Direttissima.
Ein homogener, rund 40 Grad steiler Kessel, der sich im unteren Teil verengt, in dem aber nicht gesprengt wird. „Ich bin als Fünfter oder Sechster in den Kessel eingefahren. Der Schnee war gut, und ich konnte in einem Zug durchfahren, ohne zurückzuschauen“, erinnert sich Hannes. Nach einigen langen Schwüngen merkt Hannes jedoch, dass etwas nicht stimmt: Der ganze Hang unter ihm gerät in Bewegung und er stürzt, weil es ihn mit voller Wucht von hinten erwischt.
Schlagartig wird ihm bewusst, dass er sofort den Lawinenairbag auslösen muss – was sich trotz Verzichts auf Stockschlaufen als schwierig erweist, ihm schließlich aber gelingt. Mit enormem Glück wird er durch den engen Kessel gespült, ohne Fels- oder Baumberührung. Am Ende der Lawine bleibt er auf dem Kegel oberhalb der Bodensteinalm liegen – unverletzt. Nach einer kurzen Orientierungsphase steht Hannes erleichtert auf und tritt – ohne Skistöcke und Ski – ein paar Schritte zur Seite.
„Ein möglicher Lösungsansatz für die Zukunft wären gezielte Ausbildungsinitiativen an Freeride- Hotspots wie der Seegrube – mit dem Ziel, bei jungen Locals eine Kultur- und Verhaltensänderung anzustoßen.“
Thomas Wanner
Doch das Schlimmste steht ihm noch bevor. Als er nach oben blickt, erkennt er, dass sich eine zweite Lawine gelöst hat und direkt auf ihn zurast. „Als ich hochgeschaut habe, sah ich eine große Schneewand, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf mich zubewegte. Ich habe noch zweimal tief Luft geholt, meine Hände vors Gesicht gepresst und darauf gewartet, dass mich die Schneemassen mitreißen.“
Hannes hat an diesem Tag ein zweites Mal Glück: Die zweite Lawine führt vergleichsweise wenig Schnee mit sich und erreicht ihn nur noch als Staubwolke. Der Tag geht glimpflich zu Ende. Es gibt zwar durch die unklare Verschüttetensituation einen Großeinsatz mit vier Hubschraubern und rund 100 Einsatzkräften, aber weder Tote noch Verletzte. Doch mit etwas weniger Glück hätte die Lawine auch mehrere Menschenleben fordern können.
Hannes hat viel über den Unfall nachgedacht und fasst seine Gedanken so zusammen: „In der Gondel war die Anspannung spürbar. Zahlreiche Gefahrenzeichen wiesen auf die hohe Störanfälligkeit der Schneedecke hin – doch niemand sprach darüber. Niemand wollte darüber sprechen. Als sich die Gondeltür öffnete, tat man einfach, was man immer tat: möglichst schnell die Ski anschnallen und die Direttissima hinunterfahren. Jeder für sich – am Ende trifft man sich wieder an der Talstation.“
Lektion gelernt
Hannes: „Rauffahren und in Ruhe die Lage beurteilen. Den anderen den Vortritt lassen und nicht unbedingt zu den Ersten gehören müssen. Im Run immer wieder nach hinten schauen. In meinem Fall wurde die Lawine weit über mir ausgelöst. Wäre ich nicht so schnell in einem Zug durchgefahren, hätte ich viel früher bemerkt, dass sich weit oberhalb etwas gelöst hat.
Die Rufe und Schreie der anderen Freerider habe ich weder gehört noch wahrgenommen – und deswegen auch nicht registriert, was da von hinten auf mich zurollte.“ Ohne die Verantwortung auf die Bergbahn abwälzen zu wollen (bei der Diretissima handelt es sich um freien Skiraum) stellt sich in diesem Kontext aber doch die Frage, ob eine regelmäßige Sprengung derselben vielleicht sinnvoll wäre, vor allem bei offensichtlich heiklen Bedingungen und dem Wissen, dass bei Öffnung der Hafelekar-Gondel diese von Freerider:innen gestürmt wird.
In einem Umfeld begrenzter Ressourcen und hohen Gruppendrucks funktioniert das allgemeine Konzept von Risikomanagement, Empfehlungen und standardisierten Maßnahmen zur Risikoreduzierung nur eingeschränkt. Die Gefahr wird in der Gruppe bewusst ausgeklammert. Gerade am Beispiel der Nordkette zeigt sich deutlich, wie stark der Faktor „gefährliche Routine“ wirkt. Das oben beschriebene Spektakel wiederholt sich viele Male – ohne Konsequenzen.
Die steilen, südseitigen Hänge der Nordkette, die durch ständige Befahrung oft einen sehr stabilen Schneedeckenaufbau entwickeln, wurden in diesen ersten Wintertagen von den meisten unterschätzt. Ein möglicher Lösungsansatz für die Zukunft wären gezielte Ausbildungsinitiativen an Freeride-Hotspots wie der Seegrube – mit dem Ziel, bei jungen Locals eine Kultur- und Verhaltensänderung anzustoßen. Als letzter Ausweg blieben nur Verbote. Doch weder die Freeride-Community noch die Skigebietsbetreiber oder Justiz streben diese an.
bergundsteigen-Redakteur Simon Schöpf war an dem Tag ebenfalls auf der Nordkette und konnte die eindrucksvolle Lawine per Video festhalten. Gedanken zu sieben mitgerissenen Personen und den vier Millionen Views.
Erster Weihnachtsfeiertag, alles weiß. Pulver bis runter in die Gassen der Altstadt, märchenhaft. Der stoke am Anfang des Winters entsprechend hoch, der Himmel wolkenlos, wie im Rausch. Aber natürlich: Weihnachten und so, da gibt es auch familiäre Verpflichtungen. Hart verhandelt: bis Mittag wieder daheim. Im Schönwetterstress noch zwei, drei Runs von der „Grube“ bis zur Hungerburg runter reinpressen.

Wie oft geht das schon noch? Der Kollege sagt in der Früh ab, Seegrube sei ihm zu stressig – jetzt weiß ich, was er meint. Aber daheimbleiben? Keine Option. Also: erste Gondel, eiskalt. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass das absurde Gedrängel, in die erste Gondel der Hafelekarbahn zu kommen, UNESCO-Weltkulturerbe werden sollte.
Wo sonst erfährt man ein vergleichbares Gerempel? Vielleicht bei einem Taylor- Swift-Konzert, um in der ersten Reihe zu stehen und lauthals zu kreischen. Nicht viel anders als pubertierende Hardcorefans kommt mir diese Menge vor, in der ich mehr passiv mitgerissen werde, als dass ich aktiv für einen Lift anstehe. Eine Szene habe ich noch bildlich vor Augen: Ein Freerider vor mir stolpert durch ein Absperrband und lässt es einfach am Boden liegen, scheiß drauf.
Kurz: Es ist irgendwie absurd. Warum erwähne ich das? Weil man diese (testosterongesteuerte?) „Powder- Geilheit“ erst begreifen muss, um zu verstehen, was am 25.12. auf der Nordkette wirklich passiert ist. Es ist eine Stresssituation, in der jeder um die erste Line wetteifert – one shot, one opportunity. Denn nur deshalb sind wir hier: Nur die erste Spur zählt, danach ist alles zu spät. Stop or Go? Haha.
Einzelhangbeurteilung? My ass. Es zählt nur: Die Gondel ist offen – also GO. Denn wenn ich nicht fahre, fährt eben der oder die Nächste. Und ich bin der Verlierer. Also weiter: Irgendwann spuckt mich die Hafelekar-Gondel oben wieder aus. Wäre ich nicht 1,90 m groß, man würde mich glatt übertrampeln. In der Hektik beschließe ich, erst mal alle anderen fahren zu lassen, damit ich meine Ruhe habe.
„Der Gruppendruck mag stark sein – aber die Lawine ist stärker.“
Simon Schöpf
Ich stelle mich auf einen Aussichtspunkt und hole das Handy aus der Hosentasche, um die absurde Szene zu filmen: eine Gondel voll Boarder und Freerider, die alle gleichzeitig in einen 40°-Hang einfahren, Lawinenwarnstufe 3 , abseits des gesicherten Skiraumes. Es gibt ein paar ganz simple Lehrsätze, die sich wirklich jeder merken kann, der im freien Gelände unterwegs ist. Der erste davon lautet: Einzeln einfahren!
Aber weil jeder der Erste sein will, fahren am Ende doch alle gleichzeitig. Kommunikation ist in dieser Situation unmöglich – es geht um die first line, die Trophäe. Wer wartet, verliert. Ich filme also dahin, schwenke über die verschneite Stadt. Plötzlich schreit jemand: „Scheiße! Lawine!“ Handy noch in der Hand, neues Video: die Lawine. Sie wird größer und größer – und gleich danach löst sich eine zweite.
Überall kleine Punkte, die mitgerissen werden. Komplettes Chaos. Sah spektakulär aus – ging aber glimpflich aus. Deshalb entschloss ich mich, das Video als „Learning“ / close call auf Instagram zu veröffentlichen. Über vier Millionen Views und einen Platz in der ORF-Sendung „Tirol Heute“ sollte es bekommen – und Hunderte Kommentare, die meisten davon allerdings Schuldzuweisungen und wenig konstruktive Anschuldigungen. Die psychologische Seite solcher digitalen (Hass-)Lawinen wurde im bergundsteigen ja schon ausführlich behandelt. Hier war sie also wieder – mir wurde das Beantworten irgendwann schlicht zu mühsam.
Lektion gelernt
Nur weil man direkt neben einem Skigebiet ins freie Gelände fährt, heißt das noch lange nicht, dass man auf selbst die einfachsten lawinentechnischen Sicherheitsmaßnahmen pfeifen kann. Nur weil alle stressen wie verrückt, muss man selbst noch lange nicht mitmachen. Der Gruppendruck mag stark sein – aber die Lawine ist stärker.