Die heikle Phase der Umkehr: Unfälle beim Abseilen
Die dargestellten Abseilunfälle sind mehr oder weniger tatsächlich so geschehen. Namen, Orte oder Zusammenhänge wurden verändert – um Beteiligte zu schützen und um mögliche Ursachen klarer herausarbeiten zu können.
Ungleich lange Enden
Eine erfahrene Seilschaft flüchtete in einem Dolomitenklassiker vor einem aufziehenden Gewitter und seilte ab. Eile war geboten. Auf Endknoten in den Seilen wurde verzichtet, um ein Verhängen dieser beim Auswerfen zu vermeiden, denn Wind kam bereits auf. Da die Route einige Quergänge besaß, war klar, dass zuvor genutzte Stände übersprungen werden konnten bzw. neue Abseilstände eventuell eingerichtet werden müssen. Beim Abseilen sah die Abseilende auf einem Band einen Abseilstand sowie eines der Seilenden darauf liegen.
Daraus schloss sie, dass das Seil bis dahin reichen müsste. Es war die erste Abseillänge. Nicht aufgefallen war ihr zuvor, dass die beiden Halbseile nicht gleich lang waren. Zügig seilte sie weiter in Richtung des nächsten Abseilstands. Dabei seilte sie in der Eile über den drei Meter kürzeren Seilstrang, stürzte auf das Band und blieb mit Glück zehn Meter darunter auf einem weiteren Band liegen.
Ihre Verletzungen waren so schwer und irreversibel, dass sie später den Freitod wählte. Ungleich lange Seile oder eine fehlerhafte Mittelmarkierung an einem Einfachseil führten bereits des Öfteren zu solchen Unfällen. Einmal bei einer „Räumaktion“ in einem sektionseigenen Klettergarten, als ein gekürztes Sektionsseil mit nicht korrigierter Mittelmarkierung verwendet wurde.
Endknoten würden solche Unfälle vermeiden.
Ein andermal, als man sich im Donautal zum Abseilen zusammenschloss und ein 50- sowie ein 60-Meter-Seil verwendet wurde. Einer der beiden Unfälle endete tödlich, der andere glimpflich im Schotter am Wandfuß. In allen Fällen waren ungleich lange Seilenden die Hauptunfallursache. Hinzu kamen nicht vorhandene Endknoten sowie eine Fehleinschätzung oder Ablenkung.
Fehlende Endknoten als Unfallursache
Ein bereits bis zum Stand reichendes Seilende ist eben nur ein Seilende, das lang genug ist. Einmal bestand Eile wegen des nahenden Gewitters, das andere Mal, weil man zügig und besonders routiniert abseilen wollte, damit die anderen vier Kletterer am Gipfel nicht zu lange warten müssen.
Im dritten Beispiel war der abseilende Kletterer darauf fokussiert, loses Gestein zu erkennen und gegebenenfalls abzuräumen. Er kannte die Seillänge in- und auswendig und wusste, dass ein 50-m-Seil zum Abseilen reicht. Sein Seil war jedoch auf 45 Meter gekürzt worden, ohne die Mittelmarkierung zu verändern. Endknoten würden solche Unfälle vermeiden.
Der Mensch als Schwachstelle: Routine, Hektik und Bedienfehler
Dass eine Hintersicherung beim Abseilen (Prusik, FB-Kreuzklemmknoten, Machard etc.) sinnvoll ist, belegen zwei weitere Abseilunfälle. Eine unerfahrene Seilschaft trat in einer Plaisier-Route den Rückzug an. Sie waren spät eingestiegen, zu langsam und fühlten sich überfordert. Da es bereits spät war, beschlossen sie abzuseilen. Eine Kurzprusik führten sie nicht mit. Alles ging gut, bis zur letzten Seillänge. Es dämmerte bereits als der Erste der beiden am Boden angekommen war.
Seine Partnerin am Stand war dabei, die Seile in ihr Tube einzulegen, er ging bereits zu den Rucksäcken. Versehentlich klippte die Kletternde ihren Karabiner nur in eine der beiden Seilschlaufen des Tubes. Sie löste ihre Selbstsicherung, setze sich in ihr Tube und stürzte bis zum Boden. In ihrem Befund wurden 16 Knochenbrüche diagnostiziert. Sie verbrachte insgesamt mehrere Monate in Krankenhäusern.

Ein fehlender Selbstcheck aus Eile oder Unerfahrenheit heraus, der Verzicht auf eine Hintersicherung mit Prusik oder einem ähnlichen Klemmknoten kann fatale Folgen haben. Auch eine mögliche Zugsicherung des Seilpartners hätte diesen Unfall nicht verhindert. Eine Hintersicherung beim Abseilen sowie ein konsequenter Selbstcheck vor dem Lösen der Selbstsicherung hätte so manchen Abseilunfall vermieden.
Geschwindigkeit ist Sicherheit – heißt es fälschlicherweise oft.
Schnell, schnell … – ins Krankenhaus?
Was ist es, das uns „schnell, schnell“ machen lässt? Okay, es kann sein, dass uns tatsächlich die Zeit im Genick sitzt, wie bei einem herannahenden Gewitter oder der einbrechenden Dunkelheit auf Grund schlechten Zeitmanagements. Aber oft beobachte ich bei mir selber eine Hektik, die unbegründet ist – einen Drang, alles möglichst schnell durchzuführen. Nach dem Motto „Geschwindigkeit ist Sicherheit“. Oft vollkommen unnötig. Zügig ja, aber Eile und Hektik – nein! Und immer sollten mögliche Folgen abgewogen werden. Macht es wirklich Sinn, auf Endknoten zu verzichten?
Auf die Hintersicherung mit Kurzprusik verzichte ich niemals, seit mir die Teilnehmerin eines Bergführeranwärters beim Eisklettern vor die Füße stürzte. Um in den Sektor Kolumbus im Maltatal zu gelangen, seilt man üblicherweise 60 Meter ab. Der Anwärter mit seinen zwei Gästen seilte sich dazu an zwei Halbseilsträngen ab. Es folgte der unerfahrenere Gast, wobei der Aspirant eine Zugsicherung praktizierte. Die erfahrenere Teilnehmerin hatte er zuvor angewiesen, als Zweite abzuseilen und ihren unerfahrenen Partner davor zu kontrollieren.
Als sie sich dann selbst ans Abseilen machte, schob sie das Seil vom Abseilstand – einem Baum – durch ihren Achter, um vor bis zur Kante zu gelangen. Als sie sich ins Seil setzte, hörten wir einen Schrei und sahen, wie sie noch versuchte, sich am Seil festzuklammern, kurz darauf jedoch stürzte sie im freien Fall ab. Sie war sofort tot. Ihr Achter inklusive ordnungsgemäß zugeschraubten Verschlusskarabiners hing oben an der Kante im Seil.

Die Polizei bat mich als Sachverständiger noch am Unfallort, den Gurt der Toten in Augenschein zu nehmen. An ihrem Gurt war nichts gerissen. Ihr etwas eigenwilliger Gurt zeigte eine Auffälligkeit: der Sicherungsring war nicht wie üblich im Ring vernäht, sondern bildete eine zweite Schlaufe, ähnlich einem Achter, um damit einen Brustgurt verbinden zu können. Der Sicherungsring war in der Mitte mit einem umlaufenden Band abgenäht.
Sie hatte ihren Karabiner versehentlich nicht in die untere oder obere Öse dieser Konstruktion gehängt, sondern drum herum. Die Naht hatte sich dabei in der engen Biegung ihres HMS-Karabiners lediglich verklemmt, sodass sie ohne Last bis zur Kante vorkam, dann aber ist die Schlaufe durch den Karabiner gerutscht. Mit genau diesem Gurt-Typ ist ein Beinahe-Unfall mit exakt gleichem Muster bekannt, auch beim Abseilen. Der Betroffene bemerkte seinen Fehler und konnte sich zum Glück noch selber an einem Bohrhaken mit Exen fixieren.
Ein tragischer Unfall. Dem jungen Anwärter kann man kein fehlerhaftes Verhalten vorwerfen. Die Verunfallte hatte zuvor bereits oft selbständig abgeseilt. Auch hatte er die Erfahrenere angewiesen, zuletzt abzuseilen und sie gebeten, beim deutlich unerfahreneren Teilnehmer einen Partnercheck durchzuführen. Zudem führte er eine Zugsicherung durch.
Was wirklich schützt: Redundanz, Kontrolle und Ruhe
Fehler passieren, auch Erfahrenen. Ein Puzzleteil bei allen Unfällen kann Hektik oder Eile sein. Besonders bei Rückzügen. Ein kurzer Selbst- sowie Partnercheck, eine Selbstsicherung beim Abseilen sowie Endknoten können Unfälle wie die dargestellten verhindern.
Besonders die Hintersicherung mit Kurzprusik ist für mich dabei ein zentraler Punkt. Auch um frei mit beiden Händen agieren zu können. Beispielsweise um Seilkrangel zu lösen, eine strategische Zwischensicherung bei querverlaufenden oder überhängenden Abseilpassagen einzuhängen oder einfach einen lockeren Stein kontrolliert sichern oder entsorgen zu können.
Unfälle beim Abseilen sind mit zwei bis drei Prozent (beim Klettern) zum Glück nicht wahnsinnig häufig – aber wahnsinnig unnötig. Möglich, dass Zeitdruck (tatsächlicher oder nur empfundener) dabei eine Rolle spielt. Die Tatsache, dass mögliche Fehler bei Rückzügen fatale Folgen haben können, sollte uns hier besonders besonnen und mit Redundanz handeln lassen.
Zum bergundsteigen Artikel Fehler beim Abseilen: 20 Tipps
Polizeibericht: Tödlicher Abseilunfall im Wilden Kaiser
Um aus Unfällen lernen zu können, stellt uns die Alpinpolizei Österreich folgenden Polizeibericht zur Verfügung, der eine der häufigsten Unfallursachen beim Abseilen aufzeigt.
„Im August vor einigen Jahren kletterte Hans Berger mit seinem Sohn Franz Berger (alle Namen von der Redaktion geändert) im Wilden Kaiser über den Nordgrat auf die Fleischbank. Anschließend stiegen sie vom Gipfel der Fleischbank bis zum Beginn der Abseilpiste am so genannten Herrweg – zwischen Christaturm und Hintere Karlspitze – ab.

Dort boten sie den ebenfalls im Abstieg befindlichen Klaus Leitner und Alexander Müller an, in der weiteren Folge gemeinsam abzuseilen, um schneller zu sein. Leitner und Müller willigten ein und schlossen sich Hans und Franz Berger an. Die vier Bergsteiger seilten einmal selbstständig mit einem Seil am Doppelstrang bis zum nächsten Abseilstand ab. Diesen ersten Abseilstand richtete Hans Berger ein, wobei er keine Knoten am Ende des Seils machte.
Hans Berger seilte als Erster ab, gefolgt von Klaus Leitner, Franz Berger und Alexander Müller. Bei der zweiten Abseilstelle angekommen sicherten sich Hans Berger und Klaus Leitner mit einer Selbstsicherungsschlinge am Stand. Alexander Müller war noch im Abseilvorgang und blieb einige Meter bergwärts des Abseilstandes stehen.
Ob Franz Berger ebenfalls am Stand gesichert war, konnte nicht erhoben werden. In der weiteren Folge wurde der zweite Abseilstand für den weiteren Abseilvorgang eingerichtet (laut Angaben Leitners von ihm gemeinsam mit Franz Berger). Dazu wurde ein 60-Meter-Halbseil von Alexander Müller, welches Klaus Leitner mitführte, verwendet. Das Seil wurde durch den Abseilhaken gefädelt und die Seilhälften talwärts geworfen. Auf einen Knoten an den Seilenden wurde bewusst verzichtet.
Zudem dürften die Seilhälften trotz Mittelmarkierung unterschiedlich lang eingerichtet worden sein. Anschließend hängte Hans Berger das Seil in sein Abseilgerät Salewa-Guide (Alpinplatten/Abseilachter-Kombi) ein und seilte als Erster selbstständig und ungesichert (ohne Prusikknoten) ab. Ob Hans Berger bewusst den nächsten Abseilstand (13,20 Meter tiefer) nicht verwendete oder diesen im Abseilvorgang übersah, ist nicht bekannt.
Im Zuge dieses Abseilvorgangs seilte Hans Berger über das Seilende hinaus ab, wobei das Seil zumindest mit einem Strang aus dem Sicherungsgerät gezogen wurde. Die nun freie Seilhälfte wurde in der weiteren Folge ungebremst durch den Abseilhaken gezogen und Hans Berger stürzte ca. 80 Meter durch teilweise senkrechtes Felsgelände ab. Klaus Leitner versuchte noch, das durch den Abseilhaken durchlaufende Seil mit der rechten Hand festzuhalten.
Dies misslang allerdings und er erlitt dabei Verbrennungen unbestimmten Grades an der rechten Hand. Hans Berger erlitt bei dem Sturz tödliche Verletzungen und verstarb an der Unfallstelle.“
Kurzanalyse bergundsteigen
Absturzursache: Über Seilenden hinaus abgeseilt.
Gegenmaßnahme: Knoten am Seilende
Allgemeine Gedanken zur Vorgeschichte und ähnlichen Situationen. Um Zeit zu sparen, ist gemeinsames Abseilen von mehreren Seilschaften bei Abseilpisten eine gängige Praxis. Diese Taktik kann jedoch zu einer problematischen Gruppendynamik und zu Gruppendruck führen:
- Faktor Mensch. Tendenz zur Beschleunigung der Manöver. Warum? Schließlich hat man sich zusammengeschlossen, um schneller zu sein. Viele machen sich in solchen Situationen unbewusst den Druck, diese Erwartungen erfüllen zu müssen. Oft kennt man die anderen Seilschaften zuvor nicht und will den Fremden zeigen, wie souverän, routiniert und effizient man arbeiten kann. Um noch schneller zu sein und damit vermeintlich keine Schwäche (sich keine Blöße geben) zu zeigen, verzichtetet man bewusst auf Sicherheitsstandards wie Knoten am Seilende und/oder Prusik.
- Faktor unbekanntes Material. Hinzu kommt, dass die Seile der Fremden vielleicht keine Mittelmarkierung haben oder schon abgeschnitten wurden usw. Kurzum: Ich kenne das fremde Material nicht.
- Faktor Zeit als Kulturgut. Schnelligkeit gilt im Alpinismus nach wie vor als Leistungskriterium („Nur ein schneller Alpinist ist ein guter Alpinist“). Der Faktor Zeit ist in unserer alpinistischen Leistungskultur fundamental verankert. Schnelligkeit wird – zu Recht – auf langen Touren als Sicherheitsfaktor interpretiert, aber auf kürzeren oft überschätzt. Denn die Zeitersparnis bei kurzen Abseilpisten wie am Herrweg im Wilden Kaiser (ca. 100 Meter) mit Verzicht auf Knoten am Seilende beträgt nur wenige Minuten.
Danke an Andreas Steurer und Hans Ebner von der Alpinpolizei.