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18. Okt 2022 - 7 min Lesezeit

Alpamayo: Ohne Gipfel am schönsten Berg der Welt

Regentage, kalte Nächte, hüfttiefer Schnee – gute Freunde, coole Zeit, starker Zusammenhalt. Ein Mix aus all dem und vielem mehr machte die Zeit im Santa Cruz Tal zu einem besonderen Erlebnis. Zwei jungen Alpinisten schildern ihre Erfahrungen von der Abschlussexpedition in Peru.

Dieser Artikel ist Teil unseres Schwerpunktes „Generation Zukunft“ im bergundsteigen #120.

Für uns, Hanna und Thomas, war nach der Zeit im Ishinca Tal zu Beginn unserer Reise sowie der Regeneration in Huaraz klar, dass wir nochmals Höhenbergsteigen möchten. Der Wunschberg war schnell ausgesucht. Es sollte der Alpamayo werden, der angeblich schönste Berg der Welt.

Als Vorbereitung für diese Unternehmung ging es für uns zunächst auf den Passo Punta Olimpica, der mit über 4700 Meter einen der höchsten Pässe weltweit darstellt. Wir fuhren mit dem Bus hinauf, stiegen noch bis 5000 Meter auf und verbrachten eine Nacht auf 4700 Meter an einem See, um uns nochmals besser zu akklimatisieren. Per Autostopp ging es dann zurück nach Huaraz.

Tiefblicke auf die Laguna Arhuaycocha. Foto: Hanna

Auf zum schönsten Berg der Welt

Dort angekommen, begannen wir sofort mit der Organisation unserer Alpamayo-Besteigung. Wir organisierten Esel sowie den Hin- und Rücktransport mit Taxis über eine Trekkingagentur. Um dort nicht zu verhungern, machten wir uns gemeinsam mit Alex auf den Weg, um uns Gas und einen guten Essensvorrat für das Basislager zu besorgen. Von Alex haben wir gelernt, dass man sich im Basislager nichts abgehen lassen soll und somit kamen neben dem Travellunch auch Porridge, Wraps, Tunfisch, Eier, Obst, Gemüse, Snacks und vieles mehr mit ins Santa Cruz Tal.

Genis, ein spanischer Bergführer aus Chamonix, erfuhr durch Zufall von unseren Alpamayo-Plänen. Da er dasselbe Ziel hatte und auf der Suche nach Kameraden war, schloss er sich uns an. So starteten wir am nächsten Tag um 6:00 Uhr hochmotiviert zu viert Richtung Santa Cruz Tal. Nach 3 langen Stunden Fahrzeit, eingequetscht zwischen unserem ganzen Gepäck, erreichten wir unser Endziel die Cashapampa. Dort warteten die Esel bereits mehr oder weniger freudig darauf uns unser Gepäck bis ins Basislager zu tragen.

Verschnaufpause kurz unter dem Moränencamp. Foto: Hanna

Obwohl die Strecke sehr schön war, waren die Tragtiere mit den schweren Lasten über die gesamte Strecke von über 25 Kilometern und 1500 Höhenmetern wohl nicht zu beneiden. Nicht nur die Esel, sondern auch wir waren nach 7 Stunden Gehzeit froh als wir erschöpft und vom Regen durchnässt um 15:30 Uhr unser Tagesziel erreichten. Müde von dem langen Tag bauten wir unser Camp auf 4400 Meter auf, kochten uns ein vorzügliches Travellunch und verzogen uns dann auch schon bald in unsere Zelte. Um uns von dem langen Tag zu erholen und Energie für den geplanten Gipfel zu sammeln, war am nächsten Tag ein Restday geplant. Der Wettergott meinte es nicht allzu gut mit uns und so verbrachten wir den gesamten Tag im Regen. Zu unserem Glück war im Basislager eine kleine Blechhütte, in der wir Unterschlupf fanden und uns die Zeit unter anderem mit Kartenspielen vertrieben.

Regen, Regen, Regen …

Für den nächsten Tag war der Aufstieg ins Moränencamp oder im Optimalfall sogar bis ins Hochlager geplant. Der Wecker läutete um 5:30 Uhr. Die Motivation war hoch, bis wir den nächsten Regenschauer auf das Blechdach prasseln hörten. Es wollte einfach nicht aufhören zu regnen. So mussten wir wohl oder übel auf den aktuellen Wetterbericht, den wir per GPS von der ZAMG zugesendet bekamen, warten und hoffen, dass dieser gute Neuigkeiten hatte. Doch leider war auch dieser eine Enttäuschung. Mit weiterhin großen Niederschlagsmengen für die kommenden 24 Stunden war an einen Aufstieg nicht zu denken. So wurden unsere Pläne nochmals über den Haufen geworfen und wir verbrachten einen weiteren Tag im Basislager. Mit so viel Zeit kommt man dann auf die ein oder andere dumme Idee und so versuchten wir uns beispielsweise im Popcornmachen mit einem Gaskocher. Außerdem arbeiteten wir an unseren Kartenspielkünsten weiter, optimierten nochmals unsere gepackten Rucksäcke und konnten es dann kaum erwarten am nächsten Tag endlich zu starten.

Am Weg über die Moräne bis zum Gletscher. Foto: Alex

Wie vom Wetterbericht versprochen, erwachten wir am nächsten Tag bei strahlender Sonne und konnten endlich Richtung Hochlager starten. Wir waren alle voll motiviert und fühlten uns „strong like a chicken“, wie Genis es sagte. Trotz weiterer Optimierungen wogen unsere Rucksäcke immer noch über 15kg, was besonders uns beiden zu schaffen machte. Bis ins Moränencamp auf 5000 Meter marschierten wir steil über eine karge Schutt- und Felsblocklandschaft. Weiter führte unser Weg über den spaltenreichen und mit mächtigen Seracs bestückten Gletscher Richtung Hochlager. Die Luft wurde immer dünner und besonders für Thomas waren die letzten Höhenmeter durch die Seraczone und die anschließende steile Firnflanke sehr anstrengend.

Doch nach 6 Stunden Aufstieg erreichten wir dann alle bei wunderschönem Wetter das Hochlager und waren fasziniert von der Aussicht auf den Alpamayo. Im Hochlager trafen wir auf eine weitere Gruppe, welche bereits aufgrund des schlechten Wetters eine Nacht dort verbracht hatte. Wir bereiteten die Campplätze vor, stellten die Zelte auf, schmolzen Schnee und richteten alles für die Gipfelbesteigung in der kommenden Nacht vor. Während sich Thomas Zustand nach einem Nachmittagsschlaf und einem ausgiebigen Travellunch wieder besserte, ging es bei Hanna leider in die entgegengesetzte Richtung. Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang krochen wir alle in unsere warmen Schlafsäcke und versuchten die paar Stunden Schlaf zur Erholung zu nutzen.

Auf zum Gipfel?

Um 2 Uhr war der Aufbruch in Richtung Gipfel geplant. Hanna ging es leider nicht gut und so entschied sich Alex bei ihr zu bleiben. Genis und Thomas nahmen zu zweit den Gipfelsturm in Angriff.

Bereits nach wenigen Metern mussten wir feststellen, dass in den letzten Tagen wohl sehr viel Neuschnee gefallen war, was den Weg sehr mühsam machte. Die zweite Seilschaft war bereits zwei Stunden vor uns gestartet, doch zu unserer Verwunderung hatten wir sie nach etwa 20 Minuten Gehzeit eingeholt. Als wir vorausgingen, um Wegfindung und Spurarbeiten zu übernehmen, wussten wir auch warum. Wir sanken zum Teil hüfttief im frischen Schnee ein. Genis spurte unter Schwerstarbeit aber mit viel Motivation bis zum Bergschrund. Dort erhofften wir uns in der Wand weniger Schnee vorzufinden, um trotz der schlechten Bedingungen den Gipfel besteigen zu können.

Prachtberg: Der Alpamayo im Abendlicht. Foto: Thomas

Leider wurden unsere Hoffnungen zerstört und wir mussten feststellen, dass ein Aufstieg aufgrund des vielen losen Schnees unmöglich war. So mussten wir gemeinsam mit dem anderen Team ins Hochlager zurückkehren. Enttäuscht, erschöpft und erfroren erreichten wir dieses um etwa 9 Uhr, wo uns Hanna und Alex erwarteten. Nachdem wir uns erholt und mit der aufgehenden Sonne aufgewärmt hatten, packten wir unser Lager zusammen und machten uns an den Abstieg. Wir seilten ab und gingen über den Gletscher zurück ins Moränencamp und weiter ins Basislager. Am Abend wurden wir von unseren Hochlagerkollegen zum Essen eingeladen. So ließen wir den Tag noch alle gemeinsam mit Pisco Sour, Popcorn und einem guten Essen ausklingen und fielen dann müde in unsere Zelte. Am nächsten Tag marschierten wir gemeinsam mit dem anderen Team wieder die langen 25 Kilometer aus dem Tal hinaus. Nach dem ein oder anderem Bier, welches zum Teil bereits auf dem Rückweg getrunken wurde, fuhren wir zurück nach Huaraz. Dort gingen wir noch alle gemeinsam essen und ließen den Abend in einer Bar beim Billardspielen ausklingen.

Obwohl es der Wettergott nicht gut mit uns meinte und wir den Gipfel nicht erreichen konnten, waren diese 6 Tage für uns alle ein unglaublich cooles Erlebnis. Es hat uns wieder einmal gezeigt, dass es nicht immer der Gipfel ist, worauf es ankommt, sondern viel mehr die vielen Erfahrungen und Momente am Weg dorthin. Wie so oft im Laufe der Expedition stellten wir fest, dass Alex mit dem Spruch „Des wichtigste isch, dass ma si a geile Zeit macht“ wohl ziemlich recht hat. „Höhenbersteigen isch einfach suffern“ (Alex) und trotzdem sind es super Erfahrungen, die es immer wieder Wert sind und es zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.


Das Projekt Junge Alpinisten wird unterstützt von Salewa, La Sportiva, AustriAlpin und Knox Versicherungsmanagement.

Ein großer Dank geht an die ZAMG für den zuverlässigen Wetterbericht via GPS während der Expedition sowie an weitere Unterstützer der Expedition: Osprey, hand.fest, HEAT, Alpenverein Edelweiss.