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Die Jungen Alpinisten im Ishincatal, Peru
10. Nov 2022 - 8 min Lesezeit

Expeditionsbericht: Die Jungen Alpinisten im Inshincatal, Peru

Peru ist faszinierend in vielerlei Hinsicht: Meer, Regenwald, Berge, Wüste, alles vereint in einem Land. Das Junge Alpinisten TEAM reiste nach Huaraz, einer kleinen Stadt in den nördlichen Anden. Sie ist umgeben von tiefen Tälern mit blauen Lagunen, steppenartigen Hochebenen mit Wäldern aus skurrilen Sandsteinformationen – und den schneebedeckten Gipfeln der Cordillera Blanca, der höchsten Gebirgskette Amerikas und das Ziel ihrer Reise.

Der Artikel ist Teil des Schwerpunkts „Generation Zukunft“ im bergundsteigen #120.

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Die Taschen sind gepackt, jedes verfügbare Gramm bis zum erlaubten Maximalgewicht aufgefüllt mit Seilen, Zelten, Schlafsäcken, dicken Jacken und viel Metall in jeglichen Formen und Farben. Ganz genau wissen wir noch nicht, was auf uns zukommt, und sicherheitshalber haben wir mal wieder alles mit dabei – inklusive zweier Köche, die sich um die Logistik unserer Verpflegung kümmern (12 Leute x 10 Tage = richtig viel Essen) und uns jeden Abend mit einem 3-Gänge-Menü verwöhnen werden. Kurz nach Mittag geht das Tetrisspielen los, die Taschen werden in die Taxis geschlichtet, und schon bald schlängeln wir uns zwischen den Schlaglöchern hindurch die peruanischen Straßen entlang Richtung Norden.

Unser Ziel: Das Ishincatal – genauer genommen natürlich die mächtigen Berge, die das Tal umgeben. Die Vorfreude auf die nächsten 10 Tage Abenteuer ist groß, die Geduld klein und die Pläne, die wir geschmiedet haben, dementsprechend ambitioniert. Heute ins Basecamp aufsteigen, morgen einen Akklimatisierungsfünftausender, übermorgen Pause und an Tag 4 und 5 ins Hochlager und auf den Tocllaraju oder Ranrapalca, beide über 6000 Meter hoch. Und danach vielleicht noch die bis jetzt wenig bekletterten Felswände weiter draußen im Tal erkunden, möglicherweise lässt sich ja die eine oder andere neue Linie durch den steilen Granit finden …

Tag 1

Tag 1 läuft noch (fast) wie geplant. Mit der Unterstützung von 16 Eseln transportieren wir unser Gepäck die 11 Kilometer und knapp 800 Höhenmeter ins Tal hinein zum Basecamp. Allerdings machen sich schon jetzt bei manchen die ersten Anzeichen davon bemerkbar, was in den nächsten Tagen auf die meisten von uns zukommen wird. Auch beim Aufbau der ausgeliehenen Zelte wartet eine kleine Überraschung auf uns: Natürlich hat niemand daran gedacht, sie im Vorhinein auf ihren Zustand zu überprüfen. „Einwandfrei“ ist der nämlich definitiv nicht, mit teils wirklich üblem Geruch und fehlenden Stangen, die wir kurzerhand durch dicke PVC-Rohre aus der Umgebung ersetzen.

Mit einer riesigen Portion Popcorn als Stärkung folgt eine lange und diskussionsreiche Tourenplanung für den nächsten Tag. Macht es Sinn, gleich morgen auf den Urus Este (5430 m) zu starten? Oder lieber doch noch einen Tag in Basecamp-Nähe bleiben zur besseren Akklimatisierung und zum Auskurieren derjenigen, die sich nicht ganz fit fühlen? Auf der einen Seite die Motivation, endlich hinauf auf die Berge, der Wunsch, in der begrenzten Zeit hier möglichst viel unterzubringen, auf der anderen Seite der weise Rat der Mentoren, noch einen Tag Pause einzulegen. Am Ende lautet der Beschluss: Ein Teil von uns steigt einmal „gemütlich“ bis zum Gletscherrand auf und deponiert dort die Ausrüstung für den nächsten Tag.

Tag 2

Am Morgen von Tag 2 brechen dann doch fast alle auf, außer die Felixe und Simon, die sich nicht fit bzw. noch nicht gut an die Höhe angepasst fühlen. Doch auch der Rest von uns ist bei weitem noch nicht vollständig akklimatisiert: Das Bergaufgehen geht immer noch wahnsinnig langsam, die kleinste Anstrengung bringt uns sofort außer Atem, und mit zunehmender Höhe macht sich auch immer wieder Kopfweh bemerkbar. Als wir dann aber den Gletscherrand erreichen (der mittlerweile schon deutlich höher liegt, als unsere Routeninformation besagt), scheint der Gipfel schon greifbar nahe, und der Versuchung, noch die letzten Meter bis ganz hinaufzugehen, können wir letztendlich nicht widerstehen – so erreichen wir noch vor Mittag den Gipfel des Urus Este.

Erst einmal ein ausgiebiges Mittagsschläfchen am Berg, bevor wir am frühen Nachmittag ziemlich erschöpft wieder ins Basecamp zurückkommen. Viel weiter als von einem Zelt zum anderen bewegt sich an diesem Tag keiner mehr – außer Felix W., der den ganzen Tag schon fleißig an seinem Projekt werkelt: Einer neuen Sportkletterroute in einer steilen Granitwand nahe dem Camp.

Lago Ishinca. Foto: Junge Alpinisten TEAM

Tag 3

Durchfall und Fieber haben sich ins Basecamp geschlichen, und nachdem das Immunsystem auf 4400 Metern wesentlich weniger effektiv zu arbeiten scheint als unten im Tal, machen sich Felix G., Simon und Tom an den Abstieg und zurück nach Huaraz. Der verbliebene Rest verbringt den Tag im Basecamp, mit Essen, Schlafen, Kartenspielen, Tourenplanung und in der Sonne auf den Crashpads Chillen, sofern sie nicht fürs Bouldern auf den ums Camp herum verstreuten Blöcken zweckentfremdet werden. Der Einzige, der früh auf den Beinen ist, ist Felix W. – nach vielen weiteren Stunden im Seil ist er schließlich zufrieden mit seinem blitzeblank geputzten Werk und eröffnet die Linie zum Klettern: Senkrechte Wandkletterei in perfektem Granit, mit interessanten Moves an kleinen Leisten, bewertet mit 6c+.

Tag 4

An Tag 4 brechen wir gleich in der Früh auf in Richtung Ishinca, mit Zelt und Schlafsack, um dann im Ishinca-Hochlager zu übernachten, welches Ausgangspunkt für eine Ranrapalca-Besteigung wäre. Doch diesen Plan für Tag 5 haben wir vorerst auf unbestimmte Zeit verschoben, wegen suboptimaler Bedingungen am Gletscher (großer, von unten möglicherweise nur sehr schwer überwindbarer Bergschrund), schlechter Wetterprognose und mangelnder Akklimatisierung unsererseits. Als Vorbereitung wäre es aber nicht schlecht, einmal dort auf 5000 Metern zu übernachten und sich die Lage vor Ort anzuschauen, haben wir uns gedacht.

Doch je weiter wir gehen, umso weiter rückt der Ranrapalca in die Ferne – denn von den 12 Personen, die ursprünglich ins Ishincatal gestartet sind, ist, als wir später im Hochlager sitzen, nur noch die Hälfte übrig – und lediglich drei, die der Durchfall noch nicht erwischt hat. Hanna ist bereits in der Früh im Camp geblieben und hat sich zwei Französinnen beim Abstieg hinunter und zurück nach Huaraz angeschlossen. Luggi hat auf dem Weg hinauf umgedreht, weil es ihm nicht gut ging, und Motz hat beschlossen, die Nacht lieber einige hundert Höhenmeter weiter unten in einer kleinen Hütte zu verbringen. Sogar Peter, der noch den ganzen Nachmittag nach dem Motto „Fühl mi guat, fühl mi wohl“ auf dem Grat oberhalb des Hochlagers herumgelaufen ist, wird diese Nacht vom Ishincatal-Virus (oder was auch immer wir uns da eingefangen haben) heimgesucht.  

Tag 5

Die Jungen Alpinisten im Ishincatal, Peru
Foto: Junge Alpinisten TEAM

Der Ishinca steht auf dem Programm. Der Wecker läutet viel zu früh, doch als wir den Schnee immer noch auf unser Zelt prasseln hören und von der wärmenden Sonne noch keine Spur zu sehen ist, wird zwischen den vier Zelten und ihren Bewohnern stillschweigend das Abkommen getroffen, weiterzuschlafen. Irgendwann wagen sich doch die Ersten hinaus ins Freie, und auch als wir später beim Frühstück sitzen und unsere selbst zusammengestellten Haferbreimischungen löffeln, ist die Sonne noch nicht zurückgekehrt. Stattdessen verdeckt Nebel die sonst so geniale Aussicht hier oben.

Es dauert noch eine Weile, doch langsam lichtet sich der Nebel, und langsam kehrt auch unsere Motivation zurück. In einer Seilschaft starten wir über den Gletscher hinauf auf den Ishinca, und bei der Gipfelwechte kommen sogar unsere Pickel zum Einsatz. Wegen der Kälte fällt die Gipfelpause eher kurz aus, deswegen flüchten wir bald zurück ins windgeschützte Hochlager. Zelte zusammenpacken, dann steht uns der lange Abstieg bevor. Weit sind wir noch nicht, da kommt uns auf einmal Luggi entgegen. Freudig erzählt er uns, dass er heute ins Hochlager hinauf und danach in der Hütte ein Stück unterhalb schlafen möchte, dass er heute nur halb so lange wie gestern gebraucht hat für den Aufstieg, und dass sein Fieberthermometer am Vorabend 39°C angezeigt hat. Nach gutem Zureden schließt er sich uns dann doch beim Abstieg an.

Abends im Basecamp stellt sich schließlich die große Frage: Wie geht es weiter die nächsten Tage? Ein Drittel ist bereits im Tal, von den verbliebenen ist ebenfalls die Hälfte krank. Die Wetterprognose ist nicht gerade optimal, und der Gedanke an eine warme Dusche und ein festes Dach über dem Kopf wesentlich verlockender als der an kalten Regen und Wind, der an den Zelten rüttelt. Daher beschließen wir, dieses Abenteuer vorzeitig zu beenden und gemeinsam mit den anderen ins nächste zu starten, sobald wieder alle fit sind.

Tag 6

Nach einer stürmischen Nacht inklusive mitternächtlichem Steineschleppen, um das Abheben unseres Dining-Zeltes zu verhindern, geht somit unsere Reise ins Isincatal mit Tag 6 zu Ende. Davor wartet aber noch eine Challenge auf uns: Zelte Abbauen. Teamwork ist hier gefragt, damit uns keines der Zelte entwischt – das Kochzelt wäre beinahe davongeflogen. Um elf ist der Zeltplatz aufgeräumt und alle unsere Spuren beseitigt, und während wir auf die Esel warten, beobachten wir auf der anderen Seite des Camps eine Gruppe, die weniger Glück hatte: Ihr Kochzelt wird vom Wind erfasst und weggerissen, der Inhalt durch die Luft geweht und im Umkreis von hunderten Metern verteilt.

Die Jungen Alpinisten im Ishincatal, Peru
Much beim Bouldern im Basislager. Foto: Junge Alpinisten TEAM

Als wir auf halbem Weg hinaus beim Jausnen sitzen, kommt uns eine Gruppe entgegen, die gerade auf dem Weg ins Basecamp ist. Sie berichten uns von ihren Plänen: Ein Akklimatisationsgipfel plus Ranrapalca in nur vier Tagen. Kommt mir irgendwie bekannt vor, denke ich mir. Eine Woche zuvor sind wir selbst hier entlanggegangen, mit ähnlichen Erwartungen. Doch im Nachhinein ist man wohl immer schlauer – Berge lassen sich eben nicht in einen beliebigen Zeitplan hineinquetschen. Gerade beim Bergsteigen in so großen Höhen muss einfach alles passen – das Wetter, die Bedingungen am Gletscher, die eigene Fitness und Akklimatisation – bis das der Fall ist, kann es nun einmal eine Weile dauern.


Das Projekt Junge Alpinisten wird unterstützt von Salewa, La Sportiva, AustriAlpin und Knox Versicherungsmanagement.

Ein großer Dank geht an die ZAMG für den zuverlässigen Wetterbericht via GPS während der Expedition sowie an weitere Unterstützer der Expedition: Osprey, hand.fest, HEAT, Alpenverein Edelweiss.

Erschienen in der
Ausgabe #120 (Herbst 22)

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