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PFAS ungewisse Zukunft
06. Jul 2023 - 6 min Lesezeit

Heikler Stoff: Was hinter den Diskussionen um PFAS steckt

Ein Artikel über PFAS in einer Zeitschrift über Menschen, Berge und Unsicherheit im Bergsport? Ja, denn viele Menschen aus der Welt der Berge diskutieren dieses Thema, insbesondere seit Anfang diesen Jahres. Die Diskussionen zeigen, dass vielerorts Unsicherheit über die Faktenlage zu PFAS besteht (bis zur Recherche für diesen Artikel auch bei der Verfasserin). Wir versuchen in diesem Beitrag zusammenzufassen, was in jüngster Zeit passiert ist und warum das Thema (nicht nur) für Bergsportler*innen und bergundsteigen Leser relevant ist.

Was sind eigentlich PFAS?

PFAS ist ein Akronym für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (kein Wunder, dass alle lieber von PFAS reden…). Es bezeichnet Fluorverbindungen, also Moleküle oder Molekülketten (Polymere), die unter anderem das natürliche Element Fluor enthalten. Wer sich noch an das Periodensystem der Elemente aus dem Chemieunterricht erinnert: Fluor ist das „F“ rechts oben.

Im gleichen Atemzug fällt oft der Begriff PFC (per- und polyfluorierte Chemikalien) – auch das sind Fluorpolymere und letztlich (Chemiker mögen mir die Unschärfe verzeihen) das Gleiche wie PFAS. Je nach PFAS-Gruppe sind diese Stoffe fest, flüssig oder gasförmig. PFAS kommen nicht natürlich vor, sondern werden von uns Menschen synthetisch hergestellt.

Die guten Seiten von PFAS

PFAS haben Eigenschaften, die wir in vielen Produkten nutzen: Sie sind unter anderem wasserabweisend (gut für die Hardshelljacke) und fettabweisend (gut für den Topf des Outdoorkochers). Daneben gibt es unzählige Anwendungen in Autos, Smartphones, Flugzeugen oder der Medizin (z.B. Blutgefäßprothesen).

Alternativen für wasserfeste Membranen ohne PFAS.
Es gibt Alternativen für wasserfeste Membranen, die keine PFAS enthalten. (c)sympatex

Eine weitere Eigenschaft von PFAS ist, dass sie sehr stabil sind: Sie lösen sich nicht in Wasser, sind extrem UV- und hitzebeständig und damit nicht biologisch (d.h. in der Umwelt) abbaubar. Das ist einerseits gut, denn eine dauerhaft wasserdichte Jacke ist nachhaltiger als eine, die ich nach ein paar Saisons entsorge, weil sie undicht ist. Anderseits ist genau diese „Unverwüstlichkeit“ von PFAS ein Problem:

Die schlechten Seiten von PFAS

PFAS können bei ihrer Herstellung „im Labor“, bei der Nutzung PFAS-enthaltender Produkte und letztlich nach der Entsorgung dieser Produkte in die Umwelt gelangen. Umwelt heißt: Ins Wasser und darüber in Böden, Pflanzen, Tiere und in uns Menschen. Und dort bleiben sie, und zwar fast für immer (weil sie sich eben nicht abbauen oder zersetzen) – daher heißen sie auch „Forever Chemicals“.

Das ist aus zwei Gründen bedenklich: Erstens stehen manche PFAS-Gruppen im Verdacht gesundheitsschädliche Auswirkungen zu haben, z.B. Krebs auszulösen oder unfruchtbar zu machen. Zweitens nimmt die Menge an PFAS in der Natur und ihren Lebewesen von Jahr zu Jahr zu.

Wissenschaftler prophezeien, dass irgendwann (bald) eine Menge an PFAS in Pflanzen, Tieren, Menschen erreicht sein wird, die negative Auswirkungen hat und auch nicht mehr rückgängig gemacht werden kann – denn wie wollen wir PFAS-Moleküle aus Flüssen, Wildschweinen oder Bäumen holen?

Manche Hersteller von PFAS-beinhaltenden Produkten sagen, dass bestimmte, besonders langkettige PFAS-Moleküle keine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen – was andere wiederum verneinen. In jedem Fall werden langkettige immer aus kurzkettigen PFAS-Molekülen hergestellt und letztere sind bedenklich für die Gesundheit von Mensch und Natur. Daher ist es wichtig, dass wir nicht nur über PFAS in Produkten sprechen, sondern auch über die Herstellung von diesen Chemikalien.

Weg damit: PFAS-Verbote

Seit über zehn Jahren werden immer wieder bestimmte PFAS-Gruppen verboten (es gibt tausende dieser fluorierten Materialien!). Anfang diesen Jahres kam das Thema in die Medien, weil die Länder Dänemark, Deutschland, Niederlande, Norwegen und Schweden einen Vorschlag an die ECHA, die European Chemical Agency, gemacht haben, der die Nutzung fast sämtlicher PFAS verbieten soll. Konkret geht es um ein Verbot der Herstellung, Verwendung und des Inverkehrbringens von über 10.000 verschiedenen PFAS.

wasserabweisende Membran (c)sympatex
Das deutsche Unternehmen Sympatex hat eine PFAS-freie, hydrophile Membran hergestellt und damit eine Vorreiterrolle in der Outdoorindustrie übernommen. (c)sympatex

Die ECHA bewertet dieses „proposal“ nun wissenschaftlich. Danach wird das Thema der Europäischen Kommission und letztlich den EU-Mitgliedstaaten zur Abstimmung vorgelegt. Offen ist dabei, ob wirklich alle aufgelisteten PFAS-Gruppen für alle im proposal genannten Bereiche verboten werden. Für einige Anwendungsbereiche sind nämlich bereits jetzt Ausnahmen vorgesehen (z.B. für bestimmte Medizinprodukte).

Anzumerken ist auch, dass es je nach Anwendung zum Teil Übergangsfristen von bis zu 13,5 Jahren geben soll, bis das Verbot bindend umgesetzt werden muss. Bis 2025 soll die Entscheidung der EU vorliegen. In Anbetracht zahlreicher ähnlicher Maßnahmen weltweit wird sie sich vermutlich nicht gegen ein weitreichendes PFAS-Verbot aussprechen. So wollen die Organisationen, die die Nachhaltigkeitslabels Bluesign und Oeko Tex vergeben, bald keine Produkte mehr zertifizieren, die PFAS enthalten.

Die ZDHC (zero discharge of hazardous chemicals, ein Zusammenschluss aus Organisationen und Herstellern der Textilindustrie) hat sämtliche PFAS auf ihre Liste der verbotenen Chemikalien gesetzt. Greenpeace setzt sich mit seiner detox Kampagne seit über einem Jahrzehnt für die Entgiftung von Lieferketten und damit auch ein Verbot von PFAS ein. Die US-Bundesstaaten New York und California haben bereits Verbote von Herstellung und Verkauf PFAS-enthaltener Textilien ab 2023 bzw. 2025 erlassen.

Eine Frage der alpinen Ethik?

PFAS stecken wie geschrieben in zahlreichen Bekleidungsteilen aus dem Kleiderschrank des gemeinen Bergsteigers. Das ist trotz der genannten Verbote nicht strafbar und natürlich dürfen Skibergsteiger und Kletterinnen selbst entscheiden, was sie kaufen und tragen. Wir finden es aber wichtig, dass ihr wisst, was ihr kauft und warum es bei manchen Produkten/Inhaltsstoffen Bedenken gibt.

Als Bergsportler sind wir außerdem alle auf eine intakte Natur angewiesen, denn ohne diese können wir unser Hobby und teilweise unseren Beruf nicht ausüben (vom Hallenkletterer mal abgesehen…). Daher finden wir, dass es auch ein Teil der alpinen Ethik sein sollte, sich Gedanken darüber zu machen, welche Auswirkungen unser (Kauf-) Verhalten auf all die wunderschönen Berge, Felsen und Powderlines für zukünftige Generationen haben kann. Aber genug Zeigefinger, zum Abschluss etwas Gutes:

Die Alternativen

Nicht erst seitdem PFAS mancherorts verboten wurden, beschäftigen sich Hersteller der Outdoor- und Bergsportindustrie mit alternativen Lösungen, um Funktionsmaterialien herzustellen. Einer der Vorreiter war hier das deutsche Unternehmen Sympatex, das eine PFAS-freie, hydrophile Membran hergestellt hat, die bereits von vielen namhaften Bergsportmarken für wasserdichte Bekleidung (und Schuhe, Handschuhe etc.) eingesetzt wird.

wasserabweisende Membran (c)sympatex
wasserabweisende Membran (c)sympatex

Auch Schoeller, eVent, Polartec oder Startups wie das englische Amphico und das Schweizer dimpora forschen an PFAS-freien Materialien. Der „Erfinder“ der Funktionsmembran, Gore, ist mit einer Membran aus expandiertem Polytetrafluorethylen (ePTFE) groß geworden – bekannt unter dem Namen GORE-TEX. Laut Gore ist dieses langkettige Fluorpolymer nicht ökologisch bedenklich, sie haben aber dennoch seit Winter 2022/23 eine PFAS-freie Funktionsmembran aus expandiertem Polyethylen (ePE) im Portfolio.

Es gibt viele weitere Hersteller und Marken, die wir hier vergessen haben. Die wichtige Nachricht ist jedoch: Es gibt Alternativen! Sie weiterzuentwickeln und zu promoten ist Aufgabe der Industrie. Sie zu nutzen und durch ihren Kauf weitere Innovationen zu fördern ist Aufgabe der Verbraucher, ergo auch von uns Bergsportlern.

Fazit

Menschen, Berge und Unsicherheit wird es im Bergsport hoffentlich immer geben. Sicher ist hingegen, dass unsere wunderschöne Bergwelt für nachkommende Generationen erhalten werden sollte. Jeder von uns kann einen Teil dazu beitragen – und zum Beispiel als ersten Schritt diesen Artikel als Gedankenanstoß nehmen und beim nächsten Hüttenbesuch oder der nächsten Gipfelrast mit anderen darüber sprechen.