Sexismus in den Bergen: Veraltete Denkmuster und Grenzverletzungen
In der Wintersaison 2025 erlebte die deutsche Bergführerin Raphaela Haug einen Vorfall, der sie nicht mehr losließ und den sie später in einem Instagram-Post öffentlich machte. Während einer mehrtägigen Führungstour mit Übernachtung auf einer Hütte wurde sie mit sexistischen Kommentaren konfrontiert – durch Kollegen, mit denen sie sonst einen professionellen Umgang pflegte.
Von Anfang an sei die Grundstimmung unangenehm gewesen, es fielen Sätze wie: „Für dich würde ich alles tun, mein Schatz“, oder: „Bist du zufrieden mit mir? Die Bergführer auf deinem Zimmer sehen gut aus.“ Auch körperliche Grenzüberschreitungen blieben nicht aus: Ein Mann legte den Arm um sie und sagte: „Du bist echt hübsch, wir sollten mal etwas trinken gehen.“

Dieser Artikel von Nadine Regel erschien im Jahrbuch des Alpenvereins BERG 2026. Der Jubiläumsband steht darum ganz im Zeichen des Wandels. In den BergFokus genommen wird die Natur, aber auch der Mensch – und wie er mit seinem Denken und Tun die Landschaft verändert hat.
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Sie sei anfangs nur genervt gewesen, ignorierte die Vorfälle aber. Doch ein Moment prägte sich Raphaela Haug besonders ein: In ihrem Zimmer war wegen Umbauarbeiten eine Metallstange mitten im Raum angebracht. Einer der Männer fragte: „Wofür ist denn diese Stange?“ Ein anderer antwortete: „Da tanzt Raphaela heute Abend für uns.“
Es herrschte betretenes Schweigen – drei Männer, eine Frau, ein kleiner Raum. „Ich war wie erstarrt“, sagt Haug. Als sie entgegnete: „Warum ich und nicht du?“, hieß es nur: „Ist doch nur ein Witz. Nimm’s nicht so ernst.“ Für Raphaela Haug war es aber kein Witz. Sie fühlte sich sehr unwohl. Plötzlich ergaben die kleinen Bemerkungen der vergangenen Tage ein klares Muster. Und dieses Gefühl blieb ihr noch Wochen später.
„Ist doch nur ein Witz“
Was frauenfeindliche Witze bewirken – und warum auch das schlichtweg Sexismus bleibt. Ein Zusatz der bergundsteigen-Redaktion
Solche Aussagen nach sexistischen Äußerungen fallen häufig – vor allem von Männern. Humor kann sexistische Aussagen über Frauen akzeptabler erscheinen lassen, wie die Psychologin Dr. Silvana Weber von der Universität Würzburg in einem Blogartikel im The Inquisitive Mind schreibt. Er bietet ein sozial akzeptiertes Ventil, um Vorurteile auszudrücken und zu festigen, und ermöglicht es zugleich, persönliche Verantwortung für diskriminierende Überzeugungen von sich zu weisen, heißt es weiter.
Sexistische Witze tragen zu einer Kultur der Voreingenommenheit bei und machen sexistische Einstellungen gesellschaftlich akzeptabler. Dr. Weber verweist auf eine Studie, in der Männer beispielsweise weniger Geld an Frauenorganisationen spendeten, nachdem sie sexistische Witze über Frauen gehört hatten – nicht jedoch nach nicht-humorvollen sexistischen Kommentaren oder neutralen Witzen. Sexistischer Humor kann bei manchen Männern sogar die Zustimmung zu sogenannten Vergewaltigungsmythen fördern (etwa der Annahme, ein „Nein“ sei nicht ernst gemeint) und die Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen erhöhen.
Was die gebürtige Allgäuerin, die mittlerweile in der Schweiz lebt, zunächst noch als persönliche Erfahrung einordnete, entpuppte sich schnell als Teil eines größeren Musters. Im Gespräch mit Freundinnen wurde deutlich: Viele hatten Ähnliches erlebt. „Das war ein Moment unter tausend großartigen Momenten in den Bergen“, sagt Haug, „aber dieser Kommentar war zu viel.“ Sie betont, den Unterschied zwischen einem ehrlichen Kompliment und einer sexistischen Bemerkung.
Komplimente über Stärke, Können oder Auftreten seien willkommen – entscheidend sei jedoch die Intention. „Diese Bemerkung im Zimmer, das war eindeutig sexuell und damit unangemessen“, sagt sie. Vielleicht hätte sich die Situation anders angefühlt, wäre sie nicht die einzige Frau im Raum gewesen. Doch das war sie.
Über Grenzen
Was Raphaela Haug erlebt hat, sind keineswegs Einzelfälle. Anfang 2024 griffen die „Bergfreundinnen“ das Thema in ihrem Podcast beim Bayerischen Rundfunk auf. Sie brachten zahlreiche Geschichten über grenzüberschreitendes Verhalten in den Bergen ans Licht: in einem Raum, der für viele als Safe Space gilt – als Ort der Entfaltung, Freiheit und Naturerfahrung.
Auch zwei Artikel in der Süddeutschen Zeitung, verfasst von der Autorin dieses Textes, stießen auf große Resonanz. Nach einem Aufruf über Social Media, persönliche Erfahrungen mit Sexismus im Bergsport zu teilen, gingen zahlreiche Rückmeldungen ein, nicht aus fernen Regionen, sondern direkt aus den Alpen.
Was Bergsportlerinnen erleben sind keine Einzelfälle
Eine Frau wurde auf einem abgelegenen Bergpfad von zwei Mountainbikern umkreist, die erklärten, sie wollten sie „nur mal von allen Seiten betrachten“. Für sie war das eine erniedrigende Erfahrung.
Bei einem Mehrseillängenkurs wurde eine Frau vom deutlich älteren Trainer bedrängt, der ihr trotz seiner anwesenden Partnerin seine Faszination gestand und um ein Treffen bat. Später beschaffte er sich über die Kursorganisation ihre Adresse und schickte ihr ein Buch. Für sie ein Beispiel männlicher Grenzüberschreitung und Selbstüberschätzung.
Eine routinierte Alpinistin wird trotz ihrer langjährigen Erfahrung immer wieder gefragt, ob sie „allein unterwegs“ sei oder „wo ihr Bergführer“ bleibe – ein klares Zeichen für Zweifel an der Kompetenz von Frauen.
Eine weitere Frau erzählte, dass ein Bergführer sie bei einem Kurs mit den Worten begrüßte: „Ah, du bist also das Mädchen“, und sie aufforderte, sich bei ihm anzuseilen – „damit du später noch Kinder bekommen kannst“. Nur ihr Partner, der ebenfalls am Kurs teilnahm, konnte die Situation entschärfen.
Diese Beispiele zeigen: Es geht nicht nur um einzelne Vorfälle, sondern um strukturelle Muster, die Frauen systematisch abwerten und einschüchtern. Dabei ist die Bergwelt der Spiegel dessen, was tagtäglich überall auf der Welt passiert. Sexismus – also die Abwertung, Herabwürdigung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Geschlechtsidentität – sei keineswegs harmlos, sagt Katharina Mayer, die beim Deutschen Alpenverein (DAV) als gesamtverbandliche Ansprechperson für die Prävention sexualisierter Gewalt (PsG) tätig ist.

Sexismus bildet das Fundament der sogenannten Pyramide der Gewalt. Am unteren Ende stehen abwertende Sprache und stereotype Denkmuster. Wenn sie nicht gestoppt werden, können sie sich zu struktureller Benachteiligung und schlimmstenfalls zu körperlicher Gewalt oder Machtmissbrauch entwickeln. Um dem entgegenzuwirken, setzt der DAV auf ein umfassendes Präventionskonzept. „Es geht dabei nicht nur um den Schutz vor konkreten Übergriffen“, betont Mayer, „sondern um Bewusstseinsbildung, Aufklärung, klare Verhaltensregeln und verlässliche Strukturen.“
Frauen im Bergsport: Fakten & Zahlen
Anmerkung: Zu queeren Personen gibt es nur sehr wenige offizielle Erhebungen.
- In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden alpine Vereine – zunächst ausschließlich für Männer. Der britische Alpine Club (1857) schloss Frauen aus; Elizabeth Alice Frances Hawkins-Whitshed (1860–1934) gründete 50 Jahre später den Ladies’ Alpine Club. Auch in der Schweiz, in Schottland, Wales und Italien entstanden eigene Frauenalpenvereine. Der Österreichische und der Deutsche Alpenverein (ÖAV, DAV; gegründet 1862 bzw. 1869) und die Naturfreunde nahmen zwar Frauen auf, doch blieb deren Anteil lange sehr gering.
- 2024 lag der Anteil weiblicher Mitglieder im DAV bei 44,2 Prozent, im ÖAV bei 45,48 Prozent. Frauen durften im DAV erst ab 1924 vollwertige Mitglieder sein – 55 Jahre nach der Vereinsgründung. Erst 1997 ließ die letzte Sektion des DAV (Sektion Berggeist) Frauen als vollwertige Mitglieder zu.
- Bis 1880 durften die Sektionen des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) selbst entscheiden, ob sie Frauen aufnehmen. 1907 wurden Frauen generell ausgeschlossen. Als Reaktion gründeten Alpinistinnen 1918 in Lausanne den Schweizer Frauen-Alpen-Club (SFAC). Erst 1980, nach 73 Jahren, wurden Frauen mit der Fusion von SAC und SFAC offiziell zugelassen.
- Margaret Claudia Brevoort, genannt Meta Brevoort (1825–1876), war eine der erfolgreichsten Bergsteigerinnen ihrer Zeit – aber nicht sie, sondern ihre Hündin Tschingel (1865–1879), die auf vielen Expeditionen dabei war, wurde vom Alpine Club zum einzigen weiblichen Ehrenmitglied ernannt.
- In der DACH-Region sind nur 2,5 Prozent der Bergführer:innen weiblich. Brede Arkless war Anfang der 1960er-Jahre die erste Frau weltweit mit dem internationalen Bergführerdiplom (UIAGM). Die Engländerin zeigte zudem, dass eine Bergkarriere und Mutterschaft vereinbar sind: Sie hatte acht Kinder aus zwei Ehen. Beim DAV beträgt der Frauenanteil unter den 26.000 ausgebildeten Touren- und Kursleiter:innen etwa 25 Prozent, variiert jedoch stark nach Disziplin:
- Trainerin C Skibergsteigen: 18 Prozent
- Trainerin B Hochtouren: 8 Prozent
- Zusatzqualifikation Sportklettern outdoor: 36 Prozent
- Trainer:in C Bergwandern: 43 Prozent
- Das DAV-Lehrteam Klettern bietet jährlich einen reinen Trainerinnen- C-Kurs mit maximal 12 Teilnehmerinnen und eine Zusatzqualifikation outdoor ebenfalls mit 12 Teilnehmerinnen an. Eine Trainerinnen-B-Ausbildung nur für Frauen ist in Planung.
- 2024 waren 36 Frauen als erste Vorsitzende in DAV-Sektionen tätig, was einer Frauenquote von 10,14 Prozent entspricht – ein Wert, der sich seit Jahren kaum verändert hat.
- Im DAV-Präsidium (7 Mitglieder) sind derzeit 3 Frauen vertreten (42,86 Prozent). Der Frauenanteil in den Bundesverbandsgremien lag 2024 bei 24,5 Prozent.
- Der DAV verfügt über 10 Lehrteams mit insgesamt 163 Ausbilder:innen, darunter 30 Frauen.
- Im ÖAV befinden sich unter den gut 6827 Tourenführer:innen 1948 Frauen und eine diverse Person (Stand Anfang 2025).
- In den ÖAV-Bundeslehrteams sind aktuell 193 Ausbilderinnen, 257 Ausbilder und eine diverse Person tätig.
- Das Präsidium im ÖAV ist mit drei Frauen und drei Männern paritätisch besetzt, wohingegen bei den Sektionsvorsitzenden und Stellvertreter:innen ein Ungleichgewicht besteht: 75 Frauen, 442 Männer.
- Für die Olympischen Spiele Paris 2024 wurden zwei Routenbauerinnen und acht Routenbauer nominiert. Im DAV liegt der Frauenanteil bei der Ausbildung im Routenbau im Breitensport bei nur 10 Prozent. Positiv: Die Spiele in Paris waren die ersten mit gleicher Geschlechterverteilung – 50 Prozent Frauen, 50 Prozent Männer.
- Förderung im Leistungsbergsteigen für Frauen:
- Expeditionskader des DAV
- Alpinkader Naturfreunde Österreich
- ALPINIST des AVS
- Französisches Nationalteam der Frauen im Bergsteigen (ENAF) des Französischen Berg- und Kletterverbands (FFME)
- SAC-Frauen-Expeditionsteam
Widerstand und Wandel
Ein zentraler Baustein sind Schulungen für Trainer:innen, Jugendleiter:innen und Lehrteams. Diese sollen nicht nur sportlich qualifiziert, sondern auch für zwischenmenschliche Grenzverletzungen sensibilisiert sein. DAV und die Vereinsjugend (JDAV) haben mittlerweile vier hauptamtliche Ansprechpersonen für PsG-Fälle.
Die Zahl der Meldungen steigt: „2021 und 2022 waren es jeweils zehn Fälle, 2023 bereits zwanzig, 2024 sogar 33 Fälle“, sagt Mayer. Sie sieht darin vor allem ein positives Zeichen: „Die Hemmschwelle, Vorfälle zu melden, sinkt“ – auch, um sich Unterstützung zu suchen in Fällen, in denen nicht ganz sicher ist, ob es sich um eine übergriffige Situation handelt. Oft besteht Unsicherheit darüber, wie gravierend ein Vorfall war und ob er meldungswürdig ist.
Die Hemmschwelle, Vorfälle zu melden, sinkt.
Katharina Mayer
Aber am Ende entscheidet der oder die Betroffene selbst, was er oder sie als übergriffig empfunden hat. Auffällig sei, dass viele Fälle Kinder und Jugendliche betreffen, etwa durch sexistische Sprüche, unangemessene Berührungen oder problematische Nähe zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Doch auch Erwachsene melden Übergriffe – meist subtiler, oft tief verwoben mit Alltagssexismus.
Auf Berghütten wird Prävention ebenfalls zunehmend sichtbar: durch Plakate, Handreichungen oder Schulungen für Hüttenpächter:innen. Doch die Umsetzung sei vielerorts freiwillig. „Natürlich gibt es Widerstände“, räumt Katharina Mayer ein, „wir wollen aber niemanden pauschal beschuldigen.“ Oft geht es um das Bedürfnis, dass eine kommunizierte Grenze respektiert wird und nicht als falsch oder unwichtig abgewertet wird.

Warum mangelt es der Berufsgruppe am weiblichen Geschlecht?
Der Bergsport mit all seinen Facetten ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, warum nicht mal drei Prozent der Bergführenden in Österreich Frauen sind. Woran scheitert die Gegenwart der Bergführerinnen und warum gibt es doch einen hoffnungsvollen Trend? Zum Artikel
Mit so einer Haltung sollten vor allem Männer ein Vorbild für einen respektvollen Umgang miteinander sein. Insgesamt beobachte sie aber einen Wandel vor allem in der jüngeren Generation. Einen Wandel verortet die französische Bergsteigerin Lise Billon noch in ihrer Generation, also bei Menschen in ihren 30ern und 40ern. Doch bei Jüngeren sieht die Ausnahmealpinistin die Entwicklung kritischer: Durch den zunehmenden Einfluss frauenfeindlich agierender Influencer und Politiker weltweit kehre sich die Situation wieder um.
Billon, die in Chamonix lebt, kennt die Herausforderungen, die Frauen im Bergsport nach wie vor überwinden müssen. 2024 schrieb sie gemeinsam mit Maud Vanpoulle und Fanny Schmutz Alpingeschichte: Als erste rein weibliche Seilschaft durchstiegen die drei den legendären Südostgrat am Cerro Torre in Patagonien – eine der anspruchsvollsten Routen weltweit.
Billon zählt zudem zu den wenigen Frauen, die mit dem renommierten Piolet d’Or ausgezeichnet wurden, der höchsten Ehrung im Alpinismus. 2016 war das, heute ist sie selbst Jurymitglied. Trotzdem sagt sie: „Anerkennung darf nicht vom Geschlecht abhängen, sondern von Leistung.“ Einen Piolet d’Or nur für Frauen lehnt sie ab. Ihr Ansatz: Frauen auf ein hohes alpinistisches Niveau bringen, sodass sie selbstständig anspruchsvolle Erstbesteigungen in den Gebirgen der Welt realisieren können.

„Women’s first ascents nerven, weil es sich wie eine Abwertung anfühlt“
Im Interview spricht die Alpinistin und Bergführerin Lise Billon über ihren Erfolg am Cerro Torre, das Risiko beim Bergsteigen und darüber, wie sie ihre ganz eigene Ethik beim Bergsteigen definiert. Zum Interview
Denn im Extrembergsteigen, anders als im reinen Felsklettern, seien Frauen nach wie vor im Aufholmodus. Lange hat Billon selbst die Unterschiede im Bergsport nicht bewusst wahrgenommen. „Erst als ich nach meiner Ausbildung zur Bergführerin zu führen begann, wurde mir klar, wie subtil viele Mechanismen sind, die das Selbstvertrauen untergraben“, sagt sie. Besonders spürbar sei das in der Szene rund um Chamonix, wo noch immer ein traditionelles Rollenbild vorherrsche: Der Mann geht in die Berge, die Frau bleibt zu Hause.
Frauen, die dieses Muster durchbrechen, stoßen häufig auf Widerstand, beruflich wie privat. Viele seien gezwungen, zwischen ihrer Leidenschaft und einem stabilen Familienleben zu wählen.
Geschützte Räume für Frauen – und Männer
Dennoch sieht Billon klare Fortschritte. Mentoring- Programme, weibliche Vorbilder und gezielte Förderstrukturen könnten aus ihrer Sicht tiefgreifende Veränderungen anstoßen. In den meisten Alpenländern existieren mittlerweile Ausbildungsprogramme für Nachwuchsalpinistinnen. In Deutschland war es Dörte Pietron, die 2003 als erste Frau in den gemischten Expeditionskader aufgenommen wurde. Heute leitet sie gemeinsam mit Raphaela Haug das Frauen-Expeditionsteam.
In Frankreich gab es bereits 1992 erste gemischte Teams, damals mit nur wenigen Frauen. Erst 2005 wurde dort ein reines Frauenteam gegründet. Mit Erfolg: 2007 zählte Frankreich nur 17 staatlich geprüfte Bergführerinnen, zehn Jahre später waren es bereits 40 – auch wenn sie damit immer noch die Minderheit bilden. „Viele der heutigen Bergführerinnen kamen direkt aus diesen Förderprogrammen“, sagt Billon – so wie sie selbst.
Frauen, die Muster durchbrechen, stoßen häufig auf Widerstand.
Lise Billon
Heute leitet sie das nationale Frauenteam (ENAF) des Französischen Berg- und Kletterverbands (FFME). Im Herbst 2025 steht die Abschlussexpedition des Teams nach Indien an. Für Billon ist klar: Solche strukturellen Angebote schaffen geschützte Räume, in denen Frauen wachsen und sich entfalten können, ohne sich ständig mit männlichen Kollegen messen zu müssen. Sie plädiert für ein neues Verständnis von Erfolg im Alpinismus: weg von Superlativen und Heldentum, hin zu kollektiven Leistungen und einem nachhaltigen Miteinander.
Sie spricht dabei nicht von einem „weiblichen Stil“, sondern von unterschiedlichen Energien: männlich – eher wettbewerbsorientiert – und weiblich – gemeinschaftlich und kontemplativ. Beide Zugänge sollten gleichberechtigt koexistieren, auch in den Medien und verkörpert durch entsprechende Vorbilder. Denn oft ist das „weibliche Prinzip“ zwar vorhanden, aber unsichtbar – wie Frauen in der Geschichte des Bergsteigens.
Ebenso würden Männer, die nicht dem traditionellen Männerbild entsprechen, davon profitieren. Einen versöhnlichen Ton schlägt auch Raphaela Haug an. Mit ihrem Instagram-Post wollte sie in erster Linie mehr Bewusstsein für einen respektvollen Umgang miteinander schaffen. Die Resonanz darauf war jedenfalls groß. Ihr Wunsch für die Zukunft ist es, dass Menschen innehalten, bevor sie den nächsten Spruch machen; dass alle achtsamer miteinander umgehen; und dass irgendwann jede und jeder mit einem Gefühl von Sicherheit, Gleichwertigkeit und Respekt durch die Berge und durchs Leben gehen kann.
„Ich oute mich nicht in jeder Situation“

Fabian Altmann, DAV-Trainer B für Hochtouren und Skihochtouren, über queere Perspektiven, Männlichkeitsbilder und notwendige Veränderungen im DAV.
Als Veranstaltungsleiter bist du sehr aktiv beim Deutschen Alpenverein (DAV). Was machst du genau?
Ich leite regelmäßig Hochtourenkurse im Sommer und Skihochtouren im Winter. Letzten Winter war ich zum Beispiel auf der Venter Runde unterwegs, habe die Silvretta-Durchquerung und die Spaghetti-Runde geführt. Privat war ich bereits auf 44 der 82 Viertausender in den Alpen.
Was ist dir in deinen Kursen und auf deinen Touren wichtig?
Ich will nicht nur bergsportliches Wissen vermitteln, sondern auch eine offene, respektvolle Atmosphäre schaffen. Ich sehe meine Rolle auch darin, neue Perspektiven einzubringen.
Du engagierst dich für queere Sichtbarkeit im Bergsport. Wie erlebst du die Szene?
Der Bergsport ist nach wie vor stark männlich geprägt. Weibliche oder queere Bergführer:innen sind kaum sichtbar. Es dominieren klassische Männlichkeitsbilder – Leistung, Kontrolle, Stärke. Gerade in Führungsrollen oder der Ausbildung merkt man das sehr deutlich. Wer nicht in dieses Schema passt, macht sich angreifbar.
Wie gehst du persönlich mit deiner sexuellen Orientierung um?
In meinem privaten Umfeld bin ich offen. In DAV-Kursen oute ich mich nicht direkt – nur, wenn es sich im Gespräch ergibt. Und dann ist es meistens kein großes Thema. Die Reaktionen sind in der Regel positiv, vor allem von der jüngeren Generation. Im Kurskontext habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich glaube, das liegt auch an meiner Rolle als Führungsperson – die gibt mir eine gewisse Autorität und Sicherheit.
Und unter Kolleg:innen?
Da ist es schwieriger. Ich oute mich nicht in jeder Situation. Es gibt viele Vorurteile – gerade unter anderen Bergführern oder gleichrangigen Kollegen. Das klassische Bild vom schwulen Mann ist oft negativ besetzt. Wenn man sich outet, hat man schnell das Gefühl, nicht mehr auf Augenhöhe zu sein.
Was braucht es deiner Meinung nach für Veränderung?
Mehr Sichtbarkeit – und mehr echte Offenheit. Es reicht nicht, beim Christopher-Street-Day die Regenbogenflagge zu hissen. Der DAV muss queere Perspektiven aktiv einbinden. Warum gibt es nicht in jeder Sektion eine queere Arbeitsgruppe? Oder queere Motto-Tage auf Hütten? Nur so entsteht ein Umfeld, in dem sich queere Menschen wirklich sicher fühlen.
Was müsste sich strukturell im DAV ändern?
Zum Beispiel ein Zertifikat für queere Sicherheit auf Hütten – vergleichbar mit Hotelsternen. Eine Regenbogenfahne könnte zeigen: Hier bist du willkommen. Diskriminierung wird hier nicht toleriert. Es sollte Ansprechpersonen geben, klare Standards und Schulungen für Hüttenwirt:innen und andere Verantwortliche.
Hast du im Bergsport schon Diskriminierung erfahren?
Ja, erst kürzlich beim Kletterurlaub auf Kalymnos, Griechenland. Ein Typ hat sich mehrfach über queere Menschen lustig gemacht – hat so überzogen „Schwulsein“ nachgeäfft, um in der Gruppe als witzig dazustehen. Es war total unangenehm. Ich habe in dem Moment geschwiegen. Auch sonst hat niemand etwas gesagt. Das hat mich wirklich getroffen.
Warum, glaubst du, hat niemand reagiert?
Die Hemmschwelle ist hoch. Viele wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, oder haben Angst, dann selbst als queer abgestempelt zu werden. Und wenn man selbst betroffen ist, fehlt manchmal einfach die Kraft. Aber genau deswegen brauchen wir mehr Bewusstsein und Zivilcourage.
Was bedeutet für dich Männlichkeit?
Ich definiere mich biologisch als Mann, aber alles andere ist offen. Ich bin ein emotionaler Mensch – ich weine auch mal, wenn ich auf dem Gipfel stehe. Für mich gehören solche Gefühle dazu. Ich sehe mich nicht im klassischen Männerbild. Und ich finde, genau das muss aufgebrochen werden.
Weiterführende Info: Eine Anlaufstelle für queere Menschen im DAV ist die Sektion GOC, Gay Outdoor Club mit großem Tourenangebot teils auch nur für Frauen. Hier geht es zur Website und auf Instagram des GOC.
Die 150. Ausgabe des Alpenvereinsjahrbuchs im Zeichen des Wandels

Alpenvereinsjahrbuch BERG 2026
BergWelten: Großvenediger
BergFokus: Wandel
Herausgeber: Deutscher Alpenverein, Österreichischer Alpenverein und Alpenverein Südtirol
Redaktion: Axel Klemmer, Tyrolia-Verlag
256 Seiten, ca. 280 farb. Abb. und ca. 50 sw Abb., 21 x 26 cm, gebunden
Tyrolia-Verlag, Innsbruck – Wien 2025
ISBN 978-3-7022-4320-3
€ 25,–
Erscheinungstermin: 13. September 2025
Das neue Jahrbuch „BERG 2026“ ist ab sofort in allen Alpenvereinssektionen, im Buchhandel oder im DAV Onlineshop erhältlich. Mit dem Band erhalten Alpenvereinsmitglieder kostenlos die brandneue Alpenvereinskarte Venedigergruppe im Maßstab 1:25.000. Preis: € 25,-