Sofie Paulus: Geht Spitzensport mit einem neuen Ansatz?

Mit drei Jahren entdeckte Sofie Paulus das Klettern – und hat die Begeisterung bis heute nicht verloren: Als Jugendliche und junge Erwachsene gehörte sie zu den besten Wettkampfkletterinnen des Deutschen Alpenvereins und gewann unter anderem 2016 den Deutschen Leadcup. Später verlagerte sich ihr Fokus an den Fels: 2018 kletterte sie ihre erste 8b+ (Renegoide, Siurana), ihre bisher schwierigste Route war Fish Eye (8c) in Oliana – dazu kommen zahlreiche schwere Onsight-Begehungen (bis 8a).
Nach ihrem Master in Global Change Ecology promoviert sie derzeit an der Universität Bayreuth mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit im Outdoorklettern. Auch abseits der Forschung engagiert sich die Patagonia-Botschafterin für die nachhaltige Entwicklung des Klettersports: Gemeinsam mit Nadja Hempel rief sie die Initiative Ecopoint Frankenjura ins Leben. Neben einer Informationsplattform ist aus dem gemeinnützigen Projekt ebenfalls ein eigener Kletterführer entstanden, der neben Topos vor allem Anreisemöglichkeiten mit Bahn, Bus und Rad zu fränkischen Kletterfelsen umfasst.
Für deine bisher schwierigste Route (Fish Eye, 8c) bist du mit dem Bus und Mitfahrgelegenheit fast 30 Stunden bis nach Oliana gereist. Auf eurer Website ecopoint-frankenjura.de finden sich ähnliche Reisegeschichten, etwa nach Cadarese. Ist ein solch immenser Zeitaufwand aber nicht eher Luxus für jene, die einen freieren Lifestyle leben – und keine 40-Stunden-Woche, Familie haben und Zeit am Fels ohnehin selten ist?
Die beiden Beispiele zeigen, dass die Anreise mit Öffis zeitaufwändiger und auslaugend sein kann. Aber so ist es ja nicht zwangsläufig. Klar, wenn ich auf ein Klettergebiet oder eine bestimmte Tour fixiert bin, dann kann die Ecopoint-Anreise dorthin im ungünstigsten Fall mehr Zeit und Strapazen bedeuten, die nicht jede oder jeder in Kauf nehmen kann oder möchte. Doch wir sind mittlerweile daran gewöhnt, dass alles schnell gehen muss. Es ist zum Standard geworden.
Außerdem sage ich nicht, dass nun alle öffentlich fahren müssen. Vielmehr darf es ein Abwägen geben: Vielleicht fängt man mit Optionen an, die einem sinnvoll erscheinen – und bei einem Urlaub, wo man nur sechs Tage Zeit hat, ist nicht jede Destination lohnenswert. Bei meiner Cadarese-Woche dachte ich im Nachhinein auch: Das war nicht ideal, unter anderem wegen eines Streiks in Mailand. Genau deshalb darf es ein Abwägen geben, es soll kein Schwarz-Weiß sein. Aber es gibt durchaus Felsen oder Klettergebiete, zu denen man mit alternativer Anreise komfortabler, manchmal sogar schneller, wie von Bayreuth ins Pegnitztal kommt.
Ecopoint
Angelehnt an den von Kurt Albert geprägten Rotpunkt-Begriff haben Lena-Marie Müller und Sofie Paulus das Ecopoint-Konzept entwickelt: „Das Klettern einer Route, wobei die Anreise mit klimafreundlicheren Verkehrsmitteln, also Bus, Bahn, zu Fuß und/oder mit dem Rad erfolgt.“
Manche wohnen in kleinen Orten mit schlechter Anbindung und müssten erst eine Stunde in die falsche Richtung fahren, um überhaupt einen passenden Zug zu erreichen. Ist Ecopoint für den ländlichen Raum überhaupt machbar?
Ich verstehe, dass es wenig attraktiv ist, ein, zwei Stunden unterwegs zu sein, um zum Bahnhof zu gelangen, oder für ein Klettergebiet erstmal um die Alpen herumfahren zu müssen. Aber man könnte dort stattdessen im Alltag schauen, ob sich bei einer Wanderung oder zum Sportklettern in der Region eine Anreise mit Bus oder Fahrrad anbietet – oder man zumindest Carpooling nutzt. Bei der Bereitschaft zum Überdenken und Erwägen von Alternativen sehe ich den größten Hebel.
Vielleicht liegt das Problem auch gar nicht an den Optionen selbst, sondern an verhärteten Fronten: Auf der einen Seite die überzeugten Öffi-Fahrer – auf der anderen jene, die von der gefühlten Moralisierung genervt sind und eine Abwehrhaltung entwickeln. Gibt es einen Weg, wie beide Seiten zusammenfinden?
Dieses Problem herrscht in der gesamten Klimadebatte: Viele Menschen haben sofort das Gefühl, etwas falsch zu machen oder sich rechtfertigen zu müssen. Sie fühlen sich auf den Schlips getreten, weil sie anscheinend nicht nachhaltig genug handeln. Genau das wollen wir vermeiden. Wir möchten dazu anregen, zu schauen, was realistisch möglich ist. Ich kenne das ja von mir selbst: Ich bin damit aufgewachsen, mit dem Auto an den Fels zu fahren, und habe es deshalb lange Zeit nicht infrage gestellt.
Es geht um die Offenheit, Gewohnheiten zu hinterfragen und zu prüfen, ob es Alternativen gibt, vielleicht sogar On-Demand-Angebote. Denn das ist oft das Problem beim ÖPNV: Gibt es keine Nachfrage, gibt es kein Angebot. Und existiert doch eines, weiß meist kaum jemand davon. Zugleich darf man offen aussprechen, dass viele Orte schlecht angebunden sind und man keine Wahl hat. Genau deshalb braucht es eine öffentliche Debatte – sonst kann sich nichts ändern.

Wann kam bei dir selbst der Punkt, an dem du gemerkt hast: Klettern ist gar nicht zwingend nachhaltig?
In meinem Masterstudium Global Change Ecology ging es viel um Klimawandel und globale Systeme. Irgendwann habe ich gemerkt: Im Alltag tue ich viel, um den ökologischen Fußabdruck zu verringern – beim Klettern hingegen wenig, vor allem während der Anreise. Außerdem: Was bringt es, wenn ich mit dem Zug fahre, meine Freunde aber im Auto nebenher? Soziale Normen spielen eine große Rolle bei Entscheidungen und Verhaltensänderungen. Wenn es niemand macht, warum sollte ich dann?
Ist daraus die Idee für den Ecopoint-Kletterführer entstanden?
Das war eher Zufall. Hannes Huch hatte mich gefragt, ob er mich in einer schweren Tour fotografieren könne. Da dachte ich: Wir brauchen nicht mehr Leute, die schwere Touren klettern – wir brauchen einen neuen Ansatz. Also haben wir das Video Ecopoint produziert, in dem es auch um die ökologische Perspektive geht. Kurz darauf meldete sich die Kletterin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Nadja Hempel und meinte, im Frankenjura funktioniere die Anreise mit dem Zug wirklich gut. Letztlich hatte sie die Idee für das Projekt.
Wie wurde der Guide angenommen?
Ursprünglich wollten wir gar keinen eigenen Guide produzieren, sondern nur die Informationen zur Anreise sammeln und an Kletterführerautoren weitergeben. Aber die Autoren waren der Meinung, das brauche es nicht und wir sollten unsere Energie auf anderes fokussieren. Also haben wir beschlossen, es selbst zu probieren. Am Ende wurden rund 3.000 Guides gedruckt, das Projekt kostete etwa 40.000 Euro und wurde über Spenden finanziert. Die Idee ist nicht, damit Geld zu verdienen, sondern zu informieren und inspirieren.
Soziale Normen sind entscheidend. Denn wenn es niemand macht, warum sollte ich dann?
Aktuell forschst dazu, wie Menschen ihr Verhalten klimafreundlicher gestalten können, insbesondere beim Klettern. Gibt es erste Erkenntnisse?
Ich habe eigentlich einen naturwissenschaftlichen Hintergrund, bin durch mein Promotionsthema aber ein bisschen in die sozialökologische Richtung gerutscht, weil es um Verhaltensweisen geht. Eine Erkenntnis ist: Es ist extrem komplex, Gewohnheiten umzustellen oder zu verstehen, warum ein Konzept wie Ecopoint für die Masse schwierig umzusetzen ist. Es hat zum Beispiel viel mit der Community zu tun: Wenn ich Leute um mich habe, die das auch machen, fällt es leichter. In der Theory of Planned Behavior wird das als Social Norm verstanden.
Theory of Planned Behavior?
Die Theorie erklärt, welche Faktoren unser Handeln beeinflussen. Unser Verhalten lässt sich demnach am besten durch unsere Verhaltensabsicht vorhersagen. Diese wird von drei Faktoren beeinflusst: den sozialen Normen, der eigenen Einstellung, und der wahrgenommenen Kontrolle darüber, ob sich ein Verhalten praktisch umsetzen lässt. Dazu gehört etwa die Frage: Kann ich auf ein gut ausgebautes Busnetz zurückgreifen? Je positiver diese drei Faktoren ausfallen, desto stärker ist die Verhaltensabsicht und desto wahrscheinlicher wird die Verhaltensänderung.
Deine eigene Einstellung zum Thema ist recht klar. Deswegen hast du lange mit dir gerungen, ob du zum Klettern nach Cochamó fliegen willst. Schränkt dich dein eigener Anspruch manchmal zu sehr ein?
Manchmal schon. Andererseits finde ich es mutig, zu seinen Werten zu stehen und danach zu leben. Das ist im Hochleistungssport ähnlich: Man will etwas erreichen und schränkt sich dafür in anderen Bereichen ein. Aber ich habe über die Jahre auch gemerkt, dass es einem nicht guttut, sich strikt einzuschränken oder gegen ein schlechtes Gewissen zu kämpfen. Letztlich muss man sich fragen, wie wichtig einem ein Vorhaben oder eine Idee ist. Und wenn es mir viel bedeutet und mir etwas sehr Besonderes gibt, darf ich es manchmal einfach tun.
In einer aktuellen Studie habt ihr die ökologischen Auswirkungen des Boulderns betrachtet und untersucht, wie sich Vegetationsschäden vermeiden lassen. Was habt ihr genau gemacht?
Konkret habe ich den Boulderappell von DAV, IG Klettern und Naturschutzbehörden in der Fränkischen Schweiz untersucht. Die erste von zwölf Empfehlungen lautet: keine Gebiete veröffentlichen. Die Boulder und Routen kursieren zwar in der Community, es gibt aber keine offiziell zugänglichen Informationen dazu. Da habe ich mich gefragt: Ist es wirklich naturverträglicher, wenn weniger Menschen dort sind? Oder wäre es besser, offen darüber zu informieren, worauf zu achten ist?
Man darf durchaus hinterfragen, ob dieser Appell die richtige Lösung ist oder andere Lenkungsmaßnahmen sinnvoller wären, auch mit Blick auf soziale und ökologische Fairness.
Und wie schätzt du das ein?
In den Expertinnen- und Experteninterviews aus den Bereichen Naturschutz und Botanik wurde klar, dass bestimmte Probleme unter den aktuellen Bedingungen nicht adressiert werden können. In den Gebieten wachsen seltene Pflanzenarten, die Bouldernde oft gar nicht erkennen. Doch wie soll man darüber aufklären, wenn nicht einmal offiziell bekannt ist, wo sich Boulder befinden?

Die Bouldernden möchten das ja ohnehin nicht.
Genau. Die Boulderszene wünscht sich verständlicherweise wenig Regulierung, weil sie derzeit sehr frei bouldern kann. Doch die Probleme betreffen nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere wie Fledermäuse. Im Winter wird häufig in Höhlen gebouldert, in denen Fledermäuse Winterschlaf halten. Werden sie aufgeschreckt, können sie sterben, weil ihnen die nötigen Energiereserven fehlen. Der Appell empfiehlt zwar, nicht in Höhlen zu bouldern. In Kursen könnte man aber vermitteln, welche Bereiche schützenswert sind und wo man bouldern darf.
Ich finde, die zwölf Empfehlungen des Boulderappells gehen deshalb nicht weit genug: Oft ist nicht klar, warum bestimmte Regeln gelten. Vielen ist schlicht nicht klar, dass die Tiere sterben und wir einen ziemlich großen Impact haben.
Also weniger Verbote, mehr Aufklärung?
In jedem Fall braucht es mehr Kommunikation zwischen den verschiedenen Interessen. Ich verstehe die Sorge vor Überregulierung oder erhöhtem Andrang an die Boulderfelsen, und dass eine Lösung nicht einfach ist. Trotzdem plädiere ich dafür, Wege zu finden, Bouldernde besser darüber zu informieren, wie respektvolles Bouldern aussieht.

In einer zweiten Studie hast du den mechanischen Impact des Kletterns auf den Fels untersucht. Wie groß sind die ökologischen Schäden von Kletterinnen und Kletterern tatsächlich?
Unser Einfluss ist natürlich viel geringer, als wenn man eine Autobahn durch den Wald schlägt. Trotzdem gibt es sehr seltene Pflanzenarten, die nur noch am Fels vorkommen und dort seit Millionen von Jahren einen Rückzugsort finden. Die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina) ist zum Beispiel ein solches Relikt. Viele denken zunächst: Ist ja nur eine Blume, die man herausreißen kann. Ich fände es schade, wenn wir dafür verantwortlich wären, dass bestimmte Arten verschwinden.
Deshalb ist es wichtig, sich den eigenen Einfluss bewusst zu machen, vor allem als Ersterschließende, und sich im Zweifel mit Naturschutzbehörden oder Botanikerinnen und Botanikern auszutauschen. Es ist nicht nur eine Blume, sondern ein Relikt aus einer Zeit, in der wir noch nicht am Fels waren. Für mich ist das eine Frage des Respekts und der Verantwortung, wie wir mit der Natur umgehen.
Zum Weiterlesen: Aktuelle Forschung von Sofie Paulus
Paulus, S., Lohmann, J., Roder, V., Audorff, V., Zvigule, A., & Steinbauer, M. (2026). Ecological and social perspectives on the management of outdoor sports: The case of bouldering in the Frankenjura, Germany. Journal of Outdoor Recreation and Tourism, 53, Article 100985
Österle, I. A., Paulus, S., Schwietering, A., Audorff, V., & Steinbauer, M. (2026). Mechanical impacts of climbing on cliff vegetation: Contrasting management concepts. People and Nature, 8(1), 153–164