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14. Feb 2023 - 6 min Lesezeit

Südtiroler Stand: Erwin Steiner im Interview

Der "Südtiroler Stand" und einer, der es wissen muss: Erwin Steiner. Im Interview mit Chris Semmel zum Thema: Standplatzbau nach Dolomitenart.

Lieber Erwin, du bist Leiter der Südtiroler Bergführerausbildung. Daher kennst du die Ausbildungsinhalte in Südtirol bestens. Seit wann gibt es bei euch denn den „Südtiroler Standplatz“?

Vorweg ein Wort zur Bezeichnung „Südtiroler Stand“: In die Welt gesetzt wurde dieser Begriff nicht von uns. Nach meinem Empfinden wurde der Name von den deutschsprachigen Alpenländern in unserem Umfeld geprägt, nachdem wir die Methode dort vorgestellt haben. Natürlich gefällt uns die Bezeichnung, und es ehrt uns auch, dass sie immer öfter Verwendung findet. Genaues Entstehungsdatum gibt es von mir aus keines. In Wirklichkeit ist es sowieso nur der momentane Stand einer Entwicklung, die ihren Anfang an jenem Punkt genommen hat, als die DAV-Sicherheitsforschung festgestellt und publiziert hat, dass die bis dahin als Allheilmittel verstandene Ausgleichsverankerung nicht wirklich funktioniert.

Ich kann mich noch gut an die Felsausbildung im Jahr 2008 erinnern, wo unter anderen der heute bekannte Alpinkletterer Simon Gietl als Teilnehmer dabei war. In jenem Kurs haben wir erstmals den Ankerstich im Zentralpunkt diskutiert und ausprobiert. Wir trauten uns aber nicht, mit dieser Methode nach außen zu gehen, da wir vermuteten, dass beim Ausreißen einer der Fixpunkte der Ankerstich rutschen wird. Natürlich haben wir gleich versucht, das zu testen. Leider nur sehr hemdsärmelig im Klettergarten, mit einem Reifen als Fallgewicht. Dementsprechend fehlte es uns an brauchbaren, vor allem wissenschaftlich begründeten Testergebnissen dazu.

Erwin Steiner ist Leiter der Südtiroler Bergführerausbildung.

Was ist denn genau ein „Südtiroler Stand“? Ist es der Ankerstich oder die Tatsache, dass ihr die Haken üblicherweise mit einer hochfesten Reepschnur direkt fädelt?

Alles redet immer vom Ankerstich im Zentralpunkt. In Wirklichkeit ist die primäre Herangehensweise die, dass die Verbindung Fixpunkt (Schlaghaken, Klemmkeil, Friend usw.) Standschlinge nicht wie sonst überall üblich mit einem Karabiner gemacht, sondern direkt gefädelt wird. Dabei geht es nicht nur darum, Material zu sparen, sondern vor allem die Verbindung Haken-Standschlinge sicherer zu gestalten.

Nicht selten sind Schlaghaken so tief in die Risse eingeschlagen, dass eingehängte Karabiner an der Risskante querbelastet werden und damit unter Umständen den größten Schwachpunkt im Standplatz-System darstellen. Denselben Stellenwert hat natürlich der Ankerstich im Zentralpunkt. Dieser hat sich einfach als die beste Variante herauskristallisiert. Andere Knoten, wie z. B. der einfache Sackstich oder auch der Mastwurf, haben deutliche Nachteile im Vergleich zum Ankerstich. Ich denke dabei vor allem an das Lösen der Knoten, auch wenn sie nur mit dem Körpergewicht belastet wurden.

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Bei der klassischen Ausgleichsverankerung kommt es zum Energie-Eintrag auf den zweiten Fixpunkt, sollte einer ausbrechen. Illu: Sojer

Und natürlich die Frage: Wer hat’s erfunden?

„Den“ Erfinder gibt es nicht. Es war wirklich ein Prozess, in dem man versucht hat, die „mobile Ausgleichsverankerung“ mit der einfachen Drehung im Zentralpunkt in eine „fixe Ausgleichsverankerung“ umzuwandeln und diese auch noch so benutzerfreundlich wie möglich zu gestalten. Involviert war ausschließlich das Kernteam unserer Bergführer-Ausbildung. Dementsprechend das aktuelle, sehr kundenfreundliche Resultat: Der Standplatz lässt sich mit wenigen Handgriffen abbauen und es ist nicht notwendig, irgendwelche Knoten dabei zu lösen.

Ihr habt in Padua Versuche zum Ankerstich am Zentralpunktkarabiner durchgeführt. Zu welchen Ergebnissen kamt ihr? Habt ihr die Versuche „nur“ mit Reepschnurmaterial durchgeführt oder auch mit sehr dünnen, glatten Dyneema-Bandschlingen? (Vgl. hierzu bergundsteigen #92, Herbst 15)

Vorweg: Die für die Basisvariante am besten geeignete Schlinge ist die 120 cm lange Dyneema-Bandschlinge. Somit wird diese auch am meisten eingesetzt und wurde dementsprechend auch getestet. Rundmaterial (hochfeste Reepschnüre) erfüllen denselben Zweck und haben ihren Vorteil dann, wenn mehr als zwei Fixpunkte zu verbinden sind, weil diese dann einzeln und lose gefädelt werden können. Natürlich dürfen die Reepschnüre nicht vernäht sein; die Enden werden nur mit einem Knoten verbunden, der sich einfach knoten und lösen lässt. Der einfache Sackstich eignet sich hierfür bestens und ist auch von der Haltekraft absolut ausreichend.

Nun noch sehr komprimiert zu den Testergebnissen: Bei den Rundmaterialien (6-mm-Kevlar- und Dyneema-Reepschnüre) wurde ein Rutschen des Ankerstichs von max. 4 cm gemessen. Bei einigen Versuchen wurde allerdings überhaupt kein Durchrutschen festgestellt. Für den Test verwendet wurden sowohl alte, ziemlich gebrauchte wie auch nagelneue Schnüre. Ähnlich verhalten hat sich auch die 8-mm- Dyneema-Bandschlinge. Die gemessene Rutschstrecke ging kaum über die 4 cm hinaus, allerdings ist der Ankerstich in der Bandschlinge bei jedem Versuch mindestens 3 cm gerutscht. Durchgeführt wurden die Tests mit sehr hohen Belastungswerten. Die verwendeten Einfachseile wurden jeweils am Standplatz fix mit Mastwurf eingehängt. Dementsprechend wurden zum Teil Werte von mehr als 10 kN erreicht. Dies auch deshalb, da einige wenige Versuche kurz hintereinander mit demselben Seilstück gemacht wurden.

Immer wieder wird uns die Frage gestellt, ob denn der Ankerstich am Zentralpunktkarabiner ein Problem sei. Was erwiderst du bei solchen Fragen?

Die Antwort heute ist: Der Ankerstich ist nicht nur kein Problem, sondern definitiv ein Vorteil. Aber auch für uns war das Verhalten des Ankerstichs im Zentralpunkt mit einem großen Fragezeichen behaftet, weshalb wir uns lange nicht trauten, mit dieser Methode an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Bedenken, dass beim Versagen eines Sicherungspunktes durch zu starkes Durchrutschen des Ankerstichs Reibungshitze entsteht, welche das Schlingenmaterial (vor allem Dyneema, schlechte Hitzebeständigkeit) beschädigt, oder dass der Ankerstich möglicherweise sogar bis zum Ende durchrutscht, haben sich zum Glück als unbegründet herausgestellt.

Der Ankerstich ist nicht nur kein Problem, sondern definitiv ein Vorteil.

Im Gegenteil: Die wenigen Zentimeter, die der Ankerstich bei ausreichender Belastung doch rutscht, erweisen sich als Vorteil, da damit der Zentralkarabiner wirklich ins Zentrum gezogen wird und dementsprechend alle Fixpunkte belastet werden. Der große Vorteil des Ankerstichs für den Nachsteiger (Kunden) ist die Tatsache, dass sich der Knoten auch nach großer Belastung einfach lösen lässt und dass sich nach der Entfernung des Zentralkarabiners keine weiteren Knoten mehr in der Schlinge befinden.

Was nimmst du in klassische alpine Dolomitenwände an Standplatzmaterial mit?

Die 60-cm-Standschlinge hat bei dieser Methode praktisch ausgedient. Mit dabei ist sie trotzdem, aber nur zum Verlängern/Fädeln von Zwischenhaken oder Sanduhren. Auf alpinen Klettertouren sind auf alle Fälle einige 120-cm-Dyneema-Bandschlingen, welche ich im Normalfall bevorzuge, oder eine vernähte 120-cm-Kevlar-/Dyneema- Reepschnurschlinge mit dabei.

Auf Touren, wo ich davon ausgehe, dass am Standplatz etwas mehr „gebastelt“ werden muss, habe ich noch eine vier bis fünf Meter lange hochfeste Reepschnur dabei, um eventuell drei oder vier Fixpunkte lose zu fädeln und sie dann elegant mit dem Ankerstich im Zentralpunkt zu vereinen. Dass zudem ein Satz Friends/Keile mit dabei ist, um den Standplatz nach Möglichkeit zu verstärken, versteht sich von selbst.

Erschienen in der
Ausgabe #119 (Sommer 22)

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