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Bild von Wouter auf Pixabay
13. Sep 2023 - 4 min Lesezeit

Wenn der T-Anker zum Geschoss wird

Ein T-Anker ist die zuverlässigste Verankerung im Firn, essentiell für Spaltenbergungen und Standardinhalt bei Hochtourenkursen. Belastungstests zeigen, wie dieser Fixpunkt tatsächlich funktioniert, helfen die neuralgischen Punkte kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Es gilt jedoch, einen sicheren Übungsrahmen zu schaffen, wie ein Unfall zeigt.

Im Sommer 2022 wurde bei einem Hochtourenkurs eine Teilnehmerin bei einem Belastungstest eines T-Ankers durch einen ausgerissenen Pickel verletzt. Der Pickel hatte sich gelöst und wurde durch den Zug mehrerer Personen und die Dehnung des Seiles stark beschleunigt und flog trotz Sicherheitsabstand bis zur Gruppe.

Die Teilnehmerin zog sich glücklicherweise „nur“ eine Platzwunde zu. Um ähnliche Unfälle zu vermeiden, hier die Beschreibung eines Übungsaufbaus, bei dem so etwas nicht passieren kann.

Möglicher Übungsablauf

Wir möchten betonen, dass dieser Übungsaufbau nur ein Vorschlag ist und eine von vielen Möglichkeiten darstellt. Wir sind uns durchaus bewusst, dass es noch andere funktionierende Methoden zur Hintersicherung von Pickeln gibt und auch viele weitere sinnvolle Übungs-
szenarien durchgeführt werden können.

Das Übungsgelände für Belastungstests von T-Ankern kann ein Firnfeld oder ein nicht zu steiler Firnhang mit mindestens 25 bis 30 Metern Länge sein. Der Auslauf muss in Bezug auf Absturz oder andere Gefahren, z. B. einen Anprall an Felsen oder herumliegende Pickel und Steigeisen, sicher sein (Abb. 1 blau schraffierter Bereich).

Die Teilnehmer stellen jeweils einen T-Anker her (Video), wobei der Schacht, in dem der Pickel versenkt wird, offen bleibt – so kann später beim Belastungstest die Wirkungsweise beobachtet werden. Um einen T-Anker zu testen, verbinden sich zwei Teilnehmer im Abstand von drei Metern jeweils mit Karabiner und Mastwurf mit einem Seil (auf genügend Überstand am Seilende achten).

Aufbau eines Belastungstests für T-Anker. Rote Zone: Gefahrenbereich, wo sich niemand aufhalten darf. Grüne Zone: sicherer Auslauf ohne Absturz- oder Anprallgefahr.
Abb. 1 Aufbau eines Belastungstests für T-Anker. Rote Zone: Gefahrenbereich, wo sich niemand aufhalten darf. Grüne Zone: sicherer Auslauf ohne Absturz- oder Anprallgefahr. Illustration: Georg Sojer

Zwei Personen reichen aus, um die zu erwarteten Kräfte zu simulieren. Beide Teilnehmer haben sicherheitshalber keine weiteren harten Materialgegenstände am Gurt und tragen keine Steigeisen an den Füßen, haben aber Helme auf. Im Abstand von zehn Metern wird ein weiterer Karabiner mit Mastwurf am Seil eingelegt und mit der Bandschlinge des T-Ankers verbunden.

Es wird an diesen drei Punkten ein Mastwurf verwendet, weil dieser auch nach starken Belastungen gut zu öffnen ist. Die Kursleiterin oder der Kursleiter stellt circa vier bis fünf Meter oberhalb des T-Ankers einen Fixpunkt zur Hintersicherung her. Ein Stehpickel (wie in Abb. 1) oder ein Steckpickel bieten sich dafür an, weil sie schnell auf- und abzubauen sind und die zu erwartenden Kräfte allemal aushalten.

Das freie Seilstück wird vom T-Anker nach oben zur Hintersicherung geführt, dort entsprechend in die HMS eingelegt und bleibt während des Belastungstests unbelastet, wobei das Schlappseil auf ein Minimum reduziert wird. Einerseits gewährleistet dieser Aufbau, dass der Zug ausschließlich am T-Anker wirkt, und andererseits kann ein Ausreißen des Pickels nicht zu dessen unkontrollierter Beschleunigung führen.

Die beiden Teilnehmer können jetzt langsam Zug aufbauen und diesen stetig erhöhen. Sie sollten dabei seitlich stehen und möglichst geradlinig in eine Richtung ziehen. Sollte sich der T-Anker tatsächlich lösen, wird der Pickel zwar herausgerissen und kurz beschleunigt, durch die Hintersicherung jedoch sofort wieder abgebremst. Die Zone zwischen den ziehenden Teilnehmern und dem T-Anker und ein Bereich mit einem Radius von circa drei Metern um den T-Anker werden aus Sicherheitsgründen frei gehalten (Abb. 1 rot schraffierter Bereich). Die beiden Teilnehmer werden dabei seitlich umfallen, was auf einem Firnfeld mit einem sicheren Auslauf aber kein Problem darstellt.

Wie reagiert der Anker?

Die restlichen Teilnehmer können seitlich oder oberhalb des T-Ankers (außerhalb der „roten Zone“) beobachten, wie sich der Pickel in dem Schacht verhält. Der Pickel wird meistens leicht nach vorne-oben gezogen, an der Vorderseite des Schachtes anstehen und bei erhöhtem Zug sich leicht durchbiegen. Pickel mit einem gebogenen Schaft werden oft etwas gedreht und nicht ganz so plan aufliegen, wie Pickel mit geradem Schaft, wodurch klar wird, dass damit noch sauberer gearbeitet werden muss.

Löst sich der T-Anker, ist deutlich zu erkennen, woran es lag – meistens wurde der Schaft in Zugrichtung nicht flach genug gegraben und der Pickel nach oben aus dem Schacht gezogen oder die Schneehärte war zu gering und der Pickel fährt durch eine Schwachschicht in der Vorderwand des Schachtes hindurch. Nach einem Belastungstest können die Karabiner im Seil bleiben und der ganze Aufbau kann zum nächsten T-Anker weiterwandern, wo der Kursleiter oberhalb wieder einen Fixpunkt zur Hintersicherung herstellt.

Die T-Anker aller Teilnehmenden können so mit wenig Aufwand und ohne ein erhöhtes Risiko getestet werden. Dadurch bekommen sie ein besseres Verständnis für die Wirkungsweise des T-Ankers, lernen, auf welche Details bei der Herstellung zu achten ist, und bekommen Vertrauen in diese wichtige Verankerungsmethode.

Erschienen in der
Ausgabe #123 (Sommer 23)

Cover bergundsteigen #123