Hyperstatische Leinen in der Schweizer Bergführerausbildung
Bergführerserie. Seit Herbst 2022 sind die Bergführerverbände der Schweiz, von Österreich, Deutschland und Südtirol als Redaktionsbeiräte bei bergundsteigen mit an Bord. Daher erscheint seither in jeder Ausgabe ein Beitrag dieser Verbände. Die Serie soll informieren und zugleich einen konstruktiven Austausch anregen und dadurch indirekt die Bergführerausbildung weiterentwickeln.
Es ist natürlich verführerisch, aus Gewichtsgründen auf den Einsatz eines „dicken“ Einfachseils zu verzichten und anstelle eines solchen eine dünne hyperstatische Leine einzusetzen, ist diese in Bezug auf Reiß- und Kantenfestigkeit doch ebenbürtig.
Wenig hilfreich für das Bewusstsein über die Risiken beim Einsatz dieser leichten Leinen erscheint mir, dass in Werbung und auf Social Media Bergprofis mit dieser Art von Seilen in Aktion gezeigt werden. Während des Expertenkurses der Schweizer Bergführerausbildung im November 2021 wurden verschiedene Praxisversuche mit hyperstatischen Leinen im Vergleich mit dynamischen Einfachseilen durchgeführt: unter anderem in den Techniken beim Gehen am kurzen Seil, als Gletscherseil mit Belastungs- und Sturzversuchen und beim Abseilen in verschiedenen Konfigurationen.

Um die Erkenntnisse aus diesen Versuchen und die vielseitigen Erfahrungen aus dem Bergführeralltag soll es also in diesem Artikel gehen. Zusammenfassend sind wir bei unseren Tests und Erfahrungen auf folgende Erkenntnisse für die wichtigsten Tätigkeitsfelder im Rahmen des Bergführerberufs gestoßen:
Die hyperstatischen Leinen sind geeignet für:
- das Abrutschen am Fixseil mit Skiern y den Einsatz als Fix- oder Geländerseil
- das Abseilen in Kombination mit einem Einfachseil
- das Abseilen/Ablassen von Gästen
- das Nachsichern an Fixpunkten über eher kurze Distanzen (keine Quergänge) y den Einsatz beim Heliskifahren und Freeriden
- das Sichern/Abbremsen von maximal einem Gast am kurzen Seil im steilen Skigelände
- das „Haulen“ von Material
- das Aufsteigen mit entsprechenden Klemmen …
bedingt geeignet für:
- den Einsatz beim Gehen am kurzen Seil mit geknoteter Handschlaufe mit einem Gast im Firn über kurze Distanzen; jedoch keine Anwendung bei kompletten Firntouren, da das Gehen am kurzen Seil mit geknoteter Handschlaufe vor allem im Abstieg nur bei relativ harten, gleichmäßigen Schneeverhältnissen geeignet ist.
- das Nachsichern von einem Gast mit Schulter- oder Hüftsicherung über kurze Distanzen in nicht exponiertem Gelände
- den Einsatz als Gletscherseil in Seilschaften von drei oder mehr Personen auf verschneiten, spaltenarmen, flachen Gletschern mit entsprechenden Klemmen und Rollenklemmen (Petzl Micro Traxion, Edelrid Spoc etc.) …
nicht geeignet für:
- den Einsatz am kurzen Seil in felsigem oder kombiniertem Gelände
- den Einsatz am kurzen Seil mit mehr als einem Gast (auch nicht im Firn)
- den Einsatz als Gletscherseil in kleinen Seilschaften (2er-Seilschaft)
- den Einsatz als Gletscherseil auf frischverschneiten Gletschern mit erhöhtem Spaltensturzrisiko
Geeignete Einsatzmöglichkeiten
Nun werfen wir doch einen Blick auf einzelne Einsatzbereiche, wo der Einsatz einer hyperstatischen Leine sinnvoll erscheint, bevor wir den Blick auf die ungünstigen Einsatzbereiche werfen. Alle Anwendungen, bei welchen die dynamischen Eigenschaften eines Bergseils nicht erforderlich sind oder sogar nachteilig sein können, eignen sich gut für den Einsatz der hyperstatischen Leinen.
Dies beinhaltet alle Anwendungen, bei welchen die hyperstatische Leine an einem stabilen Fixpunkt fixiert oder an ebensolchen gesichert wird (Bohrhaken, Zackenschlinge). Ideal also zum Abseilen/Ablassen von Gästen, zum Abrutschen mit Skiern oder Snowboard am fixierten Seil, als Geländer- oder Fixseil zur Auf- oder Abstiegshilfe, zum Hochziehen (Haulen) von Material oder auch zum Hochsteigen mit entsprechenden – für den dünnen Durchmesser geeigneten – Seilklemmen.
Risiken beim Abseilen
Das Abseilen gehört auch zu diesen Anwendungen, ist aber eine Anwendung, welche diverse Gefahren birgt. Hier benötigen wir also zusätzliches Wissen und Know-how, um die hyperstatischen Leinen sicher einsetzen zu können.
Beim Abseilen an zwei Seilsträngen (Leine doppelt genommen), aber vor allem beim Abseilen am Einzelstrang, zum Beispiel in Kombination mit dem Escaper von Beal, bietet nur noch die HMS+ (Abb. 2) genügend Reibung für ein dosiertes Abseilen.
Alternativ benötigt man Spezialgeräte wie z. B. das Edelrid Mago (Abb.3). Regelmäßig werden die hyperstatischen Leinen zum Abseilen in Kombination mit einem Einfachseil auf Mehrseillängen-Routen oder auf klassischen Überschreitungen mitgeführt. Gerade bei der zweiten Art von Touren, wo des Öfteren von Seillängen auf Mikroseillängen oder das Gehen am kurzen Seil gewechselt wird, ist das Arbeiten mit Halbseilen umständlich und der Einsatz von einem Einfachseil deshalb praktischer und effektiver.

Erfolgt der Abstieg durch mehrmaliges Abseilen, ist aus Gewichtsgründen das Mitführen einer hyperstatischen Leine sinnvoll. Die bekannten Abseiltechniken mit der Kombination Einfachseil und hyperstatische Leine bedingen, dass wir die verschiedenen Methoden und Techniken und deren Gefahren respektive Vor- und Nachteile kennen sollten.
Es stellen sich zwei unterschiedliche Sicherheitsprobleme: Seil lässt sich nicht abziehen oder bleibt hängen sowie das „Wandern“ des Verbindungsknotens.
Probleme beim Abziehen und Wandern des Verbindungsknotens
Es gibt verschiedene Varianten, nur am Einzelstrang des Einfachseils abzuseilen, welche die Hersteller empfehlen. Für diese Techniken muss das Seil zwingend in ein Maillot Rapid oder einen Abseilring gefädelt werden.
Bei diesen Techniken ziehen wir die Seile immer an der hyperstatischen Leine aus (Abb. 4). Durch den voluminösen Knoten und das „Hintersichern“ mit einem Karabiner neigen die Seile dazu hängenzubleiben. Das Abziehen der Seile erweist sich in der Praxis, gerade bei längeren Abseilstrecken in stark strukturiertem Fels, als schwierig (Abb. 5).

Fädeln wir aus diesen Gründen beim Abseilen wie üblich die Seile abwechslungsweise in den Abseilpunkt ein, besteht jedes Mal, wenn die hyperstatische Leine gefädelt wird, die Gefahr, dass der Verbindungsknoten während des Abseilens nach unten „wandert“. Dadurch befinden sich die beiden Seil-enden nicht mehr auf gleicher Höhe.
In dieser Situation besteht die Gefahr, über die Seilenden hinaus abzuseilen, was zum Absturz führt, oder der nächste Abseilstand kann nicht mehr erreicht werden. Natürlich kann und soll durch Knoten am Seilende verhindert werden, dass über die Seilenden hinaus abgeseilt werden kann. Trotzdem kommt es regelmäßig immer wieder zu genau diesen Abstürzen.
2022 stürzte an den Wendenstöcken ein Schweizer Bergführeraspirant tödlich ab, weil der Verbindungsknoten durch die unterschiedliche Reibung im Abseilgerät unerwartet weit und plötzlich nach unten „wanderte“. Das Perfide an diesem Phänomen ist, dass das „Wandern“ des Knotens nicht immer und wenn, dann nicht immer gleich ausgeprägt auftritt.
Je frei hängender und je weniger Auflagepunkte die Seile am Felsen haben und je größer die Reibungsunterschiede im Gerät sind, desto mehr tritt das Phänomen auf. Es besteht also durchaus die Gefahr eines negativen Lerneffekts, indem unter Umständen bei etlichen Abseilvorgängen kein „Wandern“ des Verbindungsknotens festgestellt wurde und dadurch davon ausgegangen wird, dass dies immer so sei.

Der Einfachheit halber bilden wir folgendes Standardverfahren aus: Einfädeln des dickeren Seils im Abseilring oder Maillot Rapid. Verknoten der Seilenden mit Sackstich oder Paketknoten mit mindestens dreißig Zentimeter langen Enden, welche gut angezogen werden. Nun wird der Gast komplett für das Abseilen vorbereitet (Einhängen Tuber und Prusikschlinge) – siehe hierzu auch bergundsteigen, Ausgabe #127, Assistiertes Abseilen.
Daraufhin seilt sich der Bergführer als Erster ab. Unten angekommen, Selbstsicherungsschlinge am Stand einhängen, der Prusik wird am Seil belassen und wird mit einem Knoten dahinter hintersichert. Nun seilt sich der Gast ab und hängt sich am Stand ein.
Die Seile werden an der Hilfsleine ab- und gleichzeitig im Stand eingezogen. Beide bereiten sich für den nächsten Abseilvorgang vor. Alternativ werden die Seile bis zum Verbindungsknoten ausgezogen, ohne die Leine zu fädeln (teilweise ist dies umständlich). Die Seile sind bei dieser Methode vor dem Hinunterfallen zu sichern.
Bevor der Bergführer erneut abseilt, wird der Knoten gelöst, das dicke Seil gefädelt und die beiden Enden werden neu verknotet. Durch dieses Vorgehen steht der Knoten bei praktisch allen gängigen Standplätzen am Ring oder Maillot Rapid an und kann dadurch nicht nach unten „wandern“. Da an beiden Seilsträngen abgeseilt wird, besteht auch keine direkte Gefahr, sollte der Knoten trotzdem einmal durch den Abseilring ge-zogen werden.
Zwei gewichtige Nachteile dieser Methode bleiben. Das Ausziehen der Seile am dünnen, meist glatten Strang der hyperstatischen Leine ist mühsamer und anstrengender. Mehr ins Gewicht fällt folgende Situation, da sie ein Sicherheitsproblem darstellt: Verhängt sich das Einfachseil beim Herunterfallen, haben wir kein dynamisches Seil mehr, welches zum Hochklettern genutzt werden kann.

Einzelne Hersteller begegnen dieser Problematik mit Leinen, welche über eine gewisse Dynamik verfügen und somit bedingt geeignet sind, einen allfälligen Vorstiegssturz verletzungsfrei zu halten. Bei zwei Ausnahmen weichen wir von unserem Standardverfahren ab. Befürchten wir bei einer Abseilstelle, dass das Seil verhängen könnte (starker Wind, ungünstige Felsstrukturen), möchten wir möglicherweise zuerst das Kletterseil einziehen, damit dieses für einen allfälligen Wiederaufstieg vorhanden ist.
Hier gilt es nun, das „Wandern“ des Verbindungsknotens zu verhindern. Wir wenden folgendes Vorgehen an: Gefädelt wird hier die hyperstatische Leine. Wir verbinden diese mit dem Seil (Sackstich). Nun bereiten wir den Gast für das Abseilen vor, indem wir beide Seilstränge in dasselbe Auge des Abseilgeräts (Tuber) einlegen (Abb. 6).
Dadurch ist das Abseilen für diesen zwar ein bisschen mühsamer, aber durch diese Maßnahme wird das „Wandern“ des Verbindungsknotens effektiv verhindert. Der Bergführer seilt ganz normal als Erster ab. Hierbei wird das „Wandern“ des Verbindungsknotens durch das bereits eingehängte Abseilgerät des Gastes unterbunden.
Am nächsten Stand angekommen wird die Selbstsicherungsschlinge eingehängt. Der Prusik bleibt eingehängt und wird mit einem Knoten dahinter hintersichert. Dieselbe Technik wenden wir auch an, wenn das Seil nicht in einem Metallring oder Maillot Rapid gefädelt wird und somit der Verbindungsknoten die „Seite wechseln könnte“.
Das beschriebene Vorgehen eignet sich nicht für alle Kombinationen von Seil, Leine und Tuber und soll vorgängig ausprobiert werden. Bei Leinen mit klassischem Kern-Mantel-Aufbau kann starker Mantelrutsch auftreten.
Je nach Gelände und Felsbeschaffenheit macht es aus unserer Sicht durchaus Sinn, anstelle einer hyperstatischen Leine zum Abseilen ein dünnes Halb- oder Zwillingsseil mitzuführen. Dadurch lassen sich beide beschriebenen Sicherheitsprobleme nicht gänzlich eliminieren, jedoch markant verringern.
Als Fazit sehen wir folgenden idealen Einsatzbereich beim Abseilen mit einer hyperstatischen Leine: Maillot Rapid am Standplatz, steiles Gelände vom Typus Wendenstöcke, Seilverhänger unwahrscheinlich, Seile lassen sich leicht ausziehen. Ergo in alpinen Mehrseillängenrouten, bei welchen nicht in Halbseiltechnik geklettert wird.
Weshalb die hyperstatischen Leinen nicht zum Bergsteigen geeignet sind
Das hat viel mit den Eigenschaften dieser Leinen zu tun. Auf den ersten Blick fällt auf, dass diese Leinen sehr dünn sind. Optisch nicht erkennbar, aber umso wichtiger zu wissen ist, dass diesen Leinen dynamischen Eigenschaften fehlen. Dies wiederum heißt, dass wir unter keinen Umständen in diese Leinen stürzen wollen und auch nicht sollten. Bereits kleine Stürze und auch Rutscher generieren sehr hohe Belastungen auf den Menschen und das Material.
Das heißt, für alle Anwendungen, bei welchen nicht an zuverlässigen Fixpunkten wie Bohrhaken, Zackenschlingen und so weiter gesichert werden kann, sind diese Leinen denkbar ungeeignet. Insbesondere für alle Arten des Vorsteigens sind die hyperstatischen Leinen nicht konzipiert und daher ein absolutes No-Go.
Nun mögen einige Bergführer einwenden, dass man im Vorstieg im alpinen Gelände eh nicht stürzen darf. Das ist richtig, kommt aber offensichtlich trotzdem gelegentlich vor. Wie verhalten sich die hyperstatischen Leinen also? Wenn der Bergführer unter keinen Umständen stürzt, dann sollten sie doch eigentlich funktionieren.
Alle unsere Tests haben gezeigt, dass bereits kleine Rutscher und Sturzbelastungen deutlich höhere Kraftspitzen ergeben (bis zum Doppelten im Vergleich zu einem dynamischen 9-mm-Einfachseil). Das heißt, dass auch im Nachstieg, gerade wenn das Seil nicht komplett straff nachgeführt wird oder ein wenig Schlappseil zwischen zwei Nachsteigern besteht, im Fall einer Belastung deutlich erhöhte Kräfte beim Bergführer ankommen.
Dieses sehr harte und statische Verhalten der hyperstatischen Leinen ist gerade bei den Techniken beim Gehen am kurzen Seil ein entscheidender Nachteil. Kommt hinzu, dass durch den geringen Durchmesser sehr viel mehr Handkraft nötig ist, um auch nur einen kleinen Rutscher im Ansatz stoppen zu können.
Das bedeutet, dass bei einem Rutscher des Gastes oder der Gäste die Leine sehr viel schneller in der Haltehand durchzurutschen beginnt als ein dickeres Seil, dadurch wird es schwieriger, den Rutscher im Ansatz zu bremsen und zu halten.
Gerade bei den verschiedenen Techniken am kurzen Seil ist Reibung der Freund des Bergführers. Sei es die Seilreibung in der Hand oder aber zusätzlich generierte Reibung an Felsstrukturen, hinter Felszacken und Vorsprüngen oder beim Sichern um Hüfte oder Schulter.
Es scheint mir offensichtlich, dass die hier besprochene Seilart mit ihren Charaktereigenschaften – dünn und glatt – uns in vielen (zu vielen) Aspekten unserer Arbeit nicht allzu gut gesinnt ist. Spätestens hier werden wir verstehen, was es mit dem ersten Satz dieses Textes auf sich hat.
Wieso also sollten wir hyperstatische Leinen beim Gehen am kurzen Seil einsetzen, bei einer Technik, welche auch bei sehr professioneller Anwendung bereits ein beträchtliches Risiko birgt. Dieses Risiko sollten wir definitiv nicht mit der Nutzung von Leinen mit ungünstigen Eigenschaften für die verschiedenen Techniken beim Gehen am kurzen Seil noch zusätzlich erhöhen.
Wir empfehlen, auf klassischen Fels- und Hochtouren ausschließlich dynamische Einfachseile mit gutem Gripp zu nutzen. Hier benutzen wir oft eher kürzere, dafür dickere Seile mit einem Durchmesser von mindestens 9 mm. Mit einem dreißig bis vierzig Meter langen Seil und einer ebenso langen hyperstatischen Leine im Rucksack (falls mehrmals abgeseilt werden muss) sind wir für die meisten klassischen Westalpentouren gut gerüstet.

Verzichten wir auf das Mittragen einer hyperstatischen Leine, kann das Mitführen eines sogenannten Escapers eine gute Alternative sein, um auf die ganze Seillänge bei einem Abseilvorgang zurückgreifen zu können oder um für länger gewordene Abseildistanzen zwischen Felsen und Gletscher gerüstet zu sein.
Auch auf klassischen Firntouren, welche ja in der Regel ebenfalls mit Felspassagen gespickt sind, ist bei Seilschaften mit mehr als einem Gast aus unserer Sicht ein Einsatz der hyperstatischen Leinen auch mit geknoteter Handschlaufe (welche das Durchlaufen der Leine verhindert) nicht angezeigt.
Fazit: Beim klassischen Bergsteigen haben die hyperstatischen Leinen außer als Hilfsleine für Abseilvorgänge keine zu rechtfertigende Einsatzberechtigung.
Und wie sieht es auf dem Gletscher aus?
Verkauft werden die hyperstatischen Leinen auch gerne als Gletscherseil. Nun ist ein Spaltensturz eben auch ein Sturz und in der Praxis erfolgt dieser wohl eher selten am gänzlich gestrafften Seil. Die Tests haben gezeigt, dass für den Stürzenden ein solcher Sturz deutlich härter ausfällt und dass das Halten deutlich schwieriger ist, da die Kraft sehr direkt und unvermittelt beim Haltenden auftritt.
Deshalb ist die Anwendung als Gletscherseil bei der Schweizer Bergführerausbildung nur bedingt empfohlen bei schneebedeckten, spaltenarmen und flachen Gletschern in Seilschaften mit drei oder mehr Personen. Für den Selbstaufstieg oder die Spaltenrettung von oben müssen zwingend die geeigneten Klemmen und Rollenklemmen (Micro Traxion etc.) mitgeführt werden.
Ein Spezialfall scheint uns die Anwendung beim Heliski in der Schweiz zu sein. Die Abfahrten erfolgen oft über Gletscher, in aller Regel wird nicht oder nur für einzelne kurze Passagen angeseilt. Natürlich führen die Bergführer hier das nötige Material für eine allfällige Spaltenbergung mit und alle Teilnehmer tragen einen Klettergurt.
Muss in einer Spaltenzone kurz angeseilt werden, sind in der Regel genügend Teilnehmer vorhanden, um eine größere Seilschaft bilden zu können.
Fazit: Die hyperstatischen Leinen sind zwar sexy, insbesondere im Winter begleiten sie mich regelmäßig bei meiner Arbeit als Bergführer. Im Sommer jedoch kommen sie selten zur Anwendung, gibt es für sie hier doch nur wenige sinnvolle Einsatzgebiete.
In den letzten Jahren hat sich an der Ausrüstungsfront sehr viel getan. Wir haben in vielen Bereichen die Qual der Wahl. Alle diese Entwicklungen erleichtern uns die Arbeit als Bergführer enorm, gleichzeitig sind wir aber auch immer mehr gefordert mit den neusten Entwicklungen Schritt zu halten, diese kritisch zu hinterfragen, auszuprobieren, uns untereinander auszutauschen, zu informieren und nicht zuletzt unser Handeln am Berg täglich kritisch zu reflektieren.
Weiterführende Literatur
- Dyneema in der Bergsportpraxis. Acht Fragen an Stephan Mitter, in bergundsteigen #99, Sommer 2017, S. 74ff.
- Chris Semmel: Kurze Leine, in: bergundsteigen #100, Herbst 2017, S. 34ff.
- Reto Schild, Manuel Gilgien: Kurzschluss? „Führen am kurzen Seil“ in der Schweizer Bergführerausbildung, in: bergundsteigen #122, Frühling 2023, S. 62ff.
- Chris Semmel: Abseilen mit Hilfsleinen, in: bergundsteigen #126, Frühling 2024, S. 118f.