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von Tom Dauer
28. Sep 2022 - 8 min Lesezeit

Informationslückenfüller: Verlieren wir das Gebirge als Erlebnisraum?

Der digitalpine Lifestyle beruht auf der Allgegenwart von Information. Er eröffnet faszinierende Möglichkeiten der Orientierung, Optimierung, Risikobewertung und Wissensvermittlung. Doch zugleich legt sich die digitale Informationsschicht wie Gaze auf die Bergwirklichkeit. Was folgt daraus für langsame Praktiken wie Erfahrung und Beobachtung?

Im Grunde bin ich technologiegläubig. Die Digitalisierung, die den Lebensbereich Bergsteigen vielgestaltig durchdringt, betrachte ich unvoreingenommen. Ich vertraue darauf, dass das LVS-Gerät mich im Ernstfall zielgenau leitet. Ich verlasse mich auf GPS-Empfänger, Navigationsapps und digitale Karten. Ich bin gespannt darauf, wie künstliche Intelligenz (KI) das Bergsteigen verändern wird. Das Smartphone habe ich quasi ständig am Mann und klassische Wearables, Sportuhren zum Beispiel, finde ich dufte. Dennoch ist meine Faszination am Möglichen von Unwohlsein begleitet. Vielleicht, weil die Digitalisierung unserer Lebenswelten zu Verschiebungen führt: von Raum- und Zeitwahrnehmung, Wissen und Gedächtnis, Identität und Körperbild.

Collingridge-Dilemma

Benannt nach dem Philosophen David Collingridge (1945–2005), der das Paradox der Technikfolgenabschätzung in seinem 1980 erschienenen Buch „The Social Control of Technology“ formulierte.

Wohin die Umwandlung analoger Werte in digitale Signale, der Einsatz dieser Technik und die daraus folgende Transformation tatsächlich noch führen werden, kann niemand mit Gewissheit voraussagen. Große Zukunftsthesen verkaufen sich gut, altern aber umso schneller. Ich habe gelesen, das nenne man Collingridge-Dilemma: Die digitale Revolution ist ihren Kinderschuhen längst entwachsen, ihre Folgen für das Bergsteigen und die Bergsteigenden sind aber vage, weder systematisch erfasst noch methodisch erforscht. Irgendwann werden die Folgen konkret sein – dann aber lassen sich die Ursachen, sofern man dies wollte, kaum noch ändern. Gewiss scheint immerhin, dass die Digitalisierung sich auf das Handeln ebenso wie auf die Handelnden auswirkt und beides irgendwie miteinander verknüpft ist.

Wo, wann und wie?

Alleine oder zusammen? Vorwärts oder zurück? Links oder rechts? Ja oder nein?

Bergsteigen ist eine ununterbrochene Kette einfacher bis komplexer Entscheidungen. Diesen liegen Informationen zugrunde, deren Gesamtheit nicht mehr überschaubar ist. In digitaler Form und über digitale Kanäle werden historische, geografische, biologische, meteorologische, nivologische und andere Daten zu jeder Zeit an jedem Ort zugänglich. Lag die Schwierigkeit bis vor zwei Jahrzehnten darin, überhaupt an Informationen zu gelangen, kommt es heute immer mehr darauf an, aus der Informationsflut die relevanten herausfiltern, gewichten und miteinander verknüpfen zu können.

Natürlich ist es vernünftig, so viele Daten, Messwerte und Modelle wie möglich in den Entscheidungsmarathon Bergsteigen einfließen zu lassen. Im besten Falle lassen sich damit Gefahren identifizieren und Risiken minimieren. Dafür ist aber Vorwissen nötig: Bergsteigende sollten lernen, wie ihr Standort und die Wetterprognose berechnet werden – und dass die satellitengestützte Positionsbestimmung viele Fehlerquellen, die Wettervorhersage ein unterbestimmtes Anfangswertproblem hat. Grundkenntnisse zu relevanten Technologien, Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung in die alpinistische Ausbildung einfließen zu lassen, wäre im Zeitalter der Digitalität wahrscheinlich nicht verkehrt.

Zeitalter der Digitalität

Der Begriff bezeichnet das Verhältnis zwischen Menschen, Menschen und Dingen sowie Dingen, das auf digitaler Kommunikation beruht, sprich: das gesellschaftliche und kulturelle Ergebnis der Digitalisierung.

Auf den kanadischen Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan (1911–1980) geht die Auffassung zurück, Medien – wie etwa Sprache, Schrift, Hörfunk, Fernsehen – nicht allein als Transportmittel für Inhalte, sondern als Formen der Weltaneignung zu betrachten. Mündliche, schriftliche, akustische und optische Medien erweitern demnach jeweils die menschlichen Fähigkeiten. Sie beeinflussen, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Digitale Informations- und Kommunikationsgeräte sind im Grunde Medien für Medien. Sie wandeln jegliche Form der Überlieferung in Daten um. Die so transportierten Inhalte sind ort- und zeitlos, und sie bilden ein potenziell grenzenloses Wissensnetzwerk.

Ich glaube, dass die Allgegenwart von Information, das ständige Begleitrauschen der Digitalisierung, zumindest das Potenzial hat, auch das Bergsteigen und die Bergsteigenden zu verändern. Das digitale Wissensnetzwerk wird nicht nur größer, sondern auch dichter. Und legt sich wie fein gewebte Gaze auf Gipfel, Grate und Gletscher. Die Frage ist, ob die digitale Repräsentation der Wirklichkeit die Auseinandersetzung mit ebendieser nun erleichtert, erschwert, verzerrt oder gar verunmöglicht.

Droht das Gebirge als Erlebnisraum verloren zu gehen?

Der koreanisch-deutsche Philosoph und Kulturkritiker Byung-Chul Han vertritt die These, „dass wir heute die Wirklichkeit vor allem auf Informationen hin wahrnehmen. Dadurch findet selten ein dinglicher Kontakt mit der Wirklichkeit statt. Sie wird ihrer Präsenz beraubt. Wir nehmen nicht mehr die materiellen Schwingungen der Wirklichkeit wahr. Die Informationsschicht (…) schirmt die Wahrnehmung von Intensitäten ab. Die auf Informationen reduzierte Wahrnehmung macht uns unempfindlich gegenüber Stimmungen und Atmosphären.“

Die auf Informationen reduzierte Wahrnehmung macht uns unempfindlich gegenüber Stimmungen und Atmosphären.

Byung-Chul Han

Informationen seien ihrem Wesen nach aber flüchtig, weil sie ständig aktualisiert oder von neuen Informationen abgelöst werden. Blicke man ausschließlich durch den digitalen Informationsfilter, die Gaze, auf seine Umgebung, „werden zeitintensive, kognitive Praktiken wie Erfahrung, Erinnerung oder Erkenntnis“ nicht mehr gepflegt und verkümmerten. Die Digitalisierung, folgert Byung-Chul Han, „entdinglicht, entkörperlicht und entwirklicht die Welt. (…) Sie schafft jedes Gegenüber, jeden Widerstand, jeden Gegen-Körper ab. Sie macht alles glatt.“

Das ist eine steile These und wert, anhand des eigenen Verhaltens überprüft zu werden. Tourenplanung mittels Navigationsapp? Suche nach instagrammablen Fotomotiven? Gipfelbestimmung via PeakFinder? Was sagt der Handgelenkscomputer zur Sauerstoffsättigung? Online-Yoga-Tutorial? Schon von digitalen Hangboards gehört? KI im Routenbau? Telemetrische Unterwäsche? Wahrscheinlich haben wir alle schon einmal durch mindestens eines dieser Medien auf die Berge und unser Tun geblickt. Und das Internet of Things (IoT) sowie KI und maschinelles Lernen werden die Digitalisierung und Vernetzung von Inhalten weiterhin beschleunigen. Aber: Bedeutet das wirklich, dass das Gebirge als Erlebnisraum, wie wir ihn kennen, verloren zu gehen droht?

Naturgewalten als Hort des Widerständigen

Wenn wir in den Alpen unterwegs sind, halten wir uns in einer Umgebung auf, die der Mensch im Laufe von Jahrtausenden gestaltet hat und das bis heute tut. In naher Zukunft wird die digitale Kartographie in der Lage sein, die dynamischen Prozesse, die sich vor unseren Augen in der Landschaft abspielen, auch abzubilden. Dank Techniken der virtual reality (VR) und des Bodyhackings wird, wer’s mag, über neuronale Schnittstellen am Großhirn zusammen mit anderen cybernetic Organisms (Cyborgs) durch die Berge streifen können, ohne in den Bergen zu sein. Dennoch glaube ich nicht, dass sich Byung-Chul Hans pessimistische Gegenwartsdiagnose auf den Lebensbereich Bergsteigen herunterbrechen lässt. Denn auch wenn Wildnis bei uns nur noch als trivialromantische Vorstellung existiert, so bilden Berge und Naturgewalten nach wie vor einen Hort des Widerständigen, in dem wir allzu oft ganz dinglich, körperlich und wirklich ums Überleben kämpfen müssen.

Auch in der smarten Welt des Digitalen werden wir nie wissen, was wir noch nicht wissen.

Tom Dauer

Gerade deshalb ist es aber wichtig zu wissen, was angesichts der digitalen Transformation auf dem Spiel steht. Nämlich in den Worten von Byung-Chul Han die „Wahrnehmung von Intensitäten“ – die unmittelbare Erfahrung also, die wir in den Bergen suchen und zu finden hoffen. Digitale Informationsautomaten wie das Smartphone sind Zeitdiebe. Wenn man sie lässt, rauben sie die Tage, Stunden, Minuten, die man sich mit der Materie selbst beschäftigen könnte – weil sie die Beobachtung der Natur, des Naturgeschehens und die Schlüsse daraus algorithmisch vorwegnehmen. Die Erfahrungsraumzeit, die wir in den Bergen haben, ist ein Anachronismus. Sie erfordert Eigeninitiative, ständiges Lernen, subjektive Beobachtung, kritisches Abwägen, ein eigenes Urteil, kurzum: den eigenen Verstand sowie das Selbstvertrauen, sich seines Verstandes zu bedienen, die Möglichkeit des Scheiterns eingeschlossen. Was uns die Berge damit offenbaren, ist ein Geschenk.

Informationslücken sind von uns selbst zu füllen

Digitale Modellierungen der Wirklichkeit – Wettervorhersagen, Schneehöhenwerte, Lawinenlageberichte, Trainingsergebnisse – sind eben genau das: Modelle. Sie unterscheiden sich von wissenschaftlicher, also experimentell überprüfbarer Erkenntnis. Ihre Aussagekraft ist heikel, denn sie schaffen Szenarien, bei denen der Mensch als beeinflussbares und spontanes Wesen im Spiel ist. Und hinter den Vorhersagetools, Risikominimierungsalgorithmen und Optimierungswerkzeugen, die laufend erarbeitet, aktualisiert und verbessert werden, steht nach wie vor das „Unverfügbare, Widerständige, Eigensinnige“, das der Soziologe Hartmut Rosa unter anderem im Hochgebirge findet, „etwa auf einem Berggipfel oder überall dort, wo ein Berg, der sich in Nebel verhüllen, mit Steinschlag und Lawinen, Schneestürmen oder gleißendem Sonnenlicht antworten kann, als lebendiges Gegenüber wahrgenommen wird“.

Der Berg als Gegen-Körper der Resonanz hervorruft

Die Berge bleiben demnach „Gegen-Körper“ (Byung- Chul Han). Sie sprechen die Menschen an, berühren und verwandeln sie. Die Berge rufen „Resonanz“ hervor, ermöglichen „Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung“. Mein anfangs dieses Textes geäußertes Unwohlsein, mit dem ich den digitalpinen Lifestyle betrachte, mag vor allem in der von Hartmut Rosa formulierten Angst begründet sein, „die Natur könnte als Resonanzsphäre verstummen“. Dagegen spricht: Wir mögen noch so gut informiert sein, wenn wir in die Berge aufbrechen. Dennoch werden wir nie wissen, was wir noch nicht wissen. Immer wieder werden wir auf Informationslücken stoßen, über die uns auch die smarte Welt des Digitalen nicht hinweghilft. Die wir selbst füllen müssen, mit Hilfe von Erfahrung, Erinnerung und Erkenntnis. Auf Grundlage von lokalem Wissen und langsamem Denken.

Mit Selbstbestimmung ins alpine Wunderland

Individuelle Selbstentfaltung setzt informationelle Selbstbestimmung voraus. Wer den Eingang ins alpine Wunderland sucht, sollte sich seines freien Willens bedienen, seine personalisierten Informationssysteme und Digitalapparaturen ab und an bewusst zur Seite legen und sich ins Unbekannte wagen. Um Magie zu spüren. Und zu staunen.

Erschienen in der
Ausgabe #119 (Sommer 22)

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