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Jérémie und Sam beim Skibergsteigen in Pakistan.
07. Jun 2022 - 23 min Lesezeit

Interview: Samuel Anthamatten & Jérémie Heitz

Zum Filmstart von „La Liste: Everything or Nothing” haben wir mit den beiden Protagonisten gesprochen. Samuel Anthamatten und Jérémie Heitz über das Risikomanagement bei Skiabfahrten mit 100 Stundenkilometern, eine 15-stündige Rettungsaktion am Artesonraju in Peru und darüber, weshalb sie gar nicht wissen wollen, wie viel ihre Ausrüstung wiegt.

In einem Interview habe ich Sam vor ein paar Jahren gefragt, wie er das nennt, was er da auf Skiern macht. Damals hast du, Sam, den Begriffs „alpinistisches Freeriding“ verwendet. Ist das immer noch ein Begriff, hinter dem du stehst?

Sam: Letztlich ist es einfach nur Skifahren.

Sam und Jérémie in Canada, Mica Heli Ski. Foto: Red Bull Content Pool.

Immerhin hat Jimmy Chin, der den Film Free Solo mit Alex Honnold gedreht hat, eure Art des rasanten Steilwandfahrens mit dem Freesolo-Klettern von Honnold verglichen.

Sam: Die Parallele ist sicher, dass die Fehlertoleranz bei beidem gleich null ist. Ein Fehler würde meist tödlich enden. Der Unterschied liegt meiner Meinung nach bei der Psyche. Die psychische Belastung ist beim Freesolo-Klettern viel größer. Ich bin selbst durch den Freerider am El Capitan geklettert, den Alex Honnold ohne Seil durchstiegen ist. Dort ohne Seil zu klettern, ist für mich unvorstellbar. Aber genauso unvorstellbar ist es für mich, die Weisshorn-Nordflanke am Seil mit Skiern zu befahren.

Du bist Bergführer, Jérémie noch nicht. Ist die Einschätzung der Lawinengefahr und Schneeverhältnisse eher deine Aufgabe?

Sam: Klar. Das lastet schon etwas mehr auf meinen Schultern als auf Jérémies. Aber die zwei Bergführer, die sich bei „La Liste – Everything or Nothing“ um die Sicherheit unserer Kameraleute gekümmert haben, und einer der Kameramänner – Yannick Boissenot, ein richtig guter Bergsteiger – haben natürlich auch mitgeredet.

Für den Film wart ihr in Peru und zweimal in Pakistan. Es gibt dort keinen Lawinenlagebericht außer den, den ihr selbst macht. Wie habt ihr Informationen über Schneeverhältnisse gesammelt? Und welche?

Sam: Nehmen wir die Expedition zum Snow Lake, einem riesigen Gletscherbassin in Baltistan. Der Zustieg bis zum Base Camp auf 4.800 Metern dauert sieben Tage. Da haben wir schon so viele Informationen wie möglich gesammelt. Als wir dort angekommen waren, haben wir eine Art Warm-Up-Tour gemacht. Da haben wir uns von einem Kamm abgeseilt und ein Schneeprofil mit einem Belastungstest gemacht. Das war an dem Tag unser Hauptziel. Die Schneedecke war erstaunlich stabil. In den nächsten Tagen hat sich am Wetter auch nichts geändert. Es wurde nur jeden Tag wärmer. Jérémie: Nach einer Woche hat man dann bemerkt, dass sich die große Erwärmung negativ auf die Stabilität auswirkt.

Laila Peak in Pakistan während der Filmaufnahmen von "La Liste - Everything or Nothing".
Laila Peak in Pakistan während der Filmaufnahmen von „La Liste – Everything or Nothing“. Foto: Red Bull Content Pool.

Wie waren die Temperaturen?

Sam: Die Erwärmung war unglaublich. In der ersten Woche hatten wir nachts minus 25 Grad. Und in der zweiten Woche wurde es tagsüber bis zu 20 Grad warm. Mehr als 40 Grad Unterschied! Deswegen sind wir immer noch früher nachts aufgebrochen.

Wann?

Sam: Die Aufstiege haben wir spätestens vor der Dämmerung begonnen. Und mit der zunehmenden Erwärmung immer mehr in die Nacht verlegt: Um 2 oder 3 Uhr sind wir losgegangen. Abgefahren sind wir spätestens vor 9 Uhr, manchmal sogar vor 8 Uhr. Das Problem war die Erwärmung. Im Schnee selbst hatten wir zu Beginn keine Schwachschichten entdeckt. Aber wenn sich der Schnee tagsüber so stark erwärmt, bildet sich irgendwann eine Gleitschicht auf dem Eis. Und die Schneedecke darüber wird so schwer, dass sich ein Rutsch im Fall des Falls gleich zu einer riesigen Lawine auswachsen würde. Deswegen haben wir in der zweiten Woche am Snow Lake gesagt: Lassen wir es gut sein.

Welche Schneebedingungen braucht ihr für eure Art des Skifahrens?

Jérémie: Auf eisigem, sehr steilem Untergrund feuchten, nicht zu kalten Schnee, weil nur der haften bleibt. Es muss gar nicht so viel sein. Ein paar Zentimeter Auflage reichen. Ansonsten möglichst stabilen, gleichmäßigen Schnee – damit wir so schnell, flüssig und schön fahren können. Der Schnee kann auch fest sein – dann kann man die Skier etwas driften. Auf der Kante würden wir viel zu schnell werden. Also driften wir ein bisschen. Dann hat man auch mehr Zeit, zu reagieren, wenn man plötzlich doch steinigen oder eisigen Untergrund erwischt. Sam: Am Laila Peak war es leider die ganze Zeit viel zu kalt für solche Schneebedingungen. Der Schnee blieb einfach nicht haften.

Wie checkt ihr die Schneebedingungen beim Aufstieg?

Jérémie: In dem Gelände, in dem wir uns bewegen, bedeutet Aufsteigen ja meistens Boot-Packing. Wir stapfen also hoch. Da bekommt man bei jedem Schritt mit, wie die Schneedecke aufgebaut ist. Wir besprechen, was wir beobachten. Und zwischendurch graben wir Schneeprofile. Da hat Sam sehr viel Erfahrung.

Sam: Wir achten jede Minute, jeden Schritt auf die Schneedecke. Verändert sich was? Oder nicht? Und wir entscheiden im Aufstieg, ob wir abfahren oder nicht. Nicht erst am Gipfel.

Im Film sieht man, wie ihr mit Hilfe von Google Earth, Fotos und per Fernglas das Gelände studiert. Worauf achtet ihr da?

Sam: Man muss so viel Informationen wie möglich sammeln. Nur so kann man gute Entscheidungen treffen. Und Problemen aus dem Weg gehen. Bei der Vorbereitung geht es um die ganz großen Bergfeatures wie um die ganz kleinen. Oft sind es Details, von denen abhängt, wie viel Tempo wir in der Abfahrt riskieren können.

Jérémie und Sam beim Skibergsteigen in Pakistan.
Jérémie und Sam beim Skibergsteigen in Pakistan. Foto: Red Bull Content Pool.

Zum Beispiel?

Sam: Kleinste Geländefeatures. Wenn du mit 100 Stundenkilometern unterwegs bist und eine Kante oder einen Winkel falsch einschätzt, kann es sein, dass du plötzlich zehn Meter weit fliegst. Springen ist cool. Aber man muss darauf vorbereitet sein. Und es einschätzen können.

Ihr studiert eine Bergflanke also wie ein 3D-Modell?

Sam: So ungefähr. Man sollte wirklich die Form und jedes Detail der Flanke, die du abfahren willst, kennen. Wenn du so schnell unterwegs bist wie wir, zählt jedes Detail.

Eine der spannendsten Szenen im Film ist die Reaktion von Sam, als eine Steilflanke, sechs Stunden nachdem er sie abgefahren ist, komplett abgeht.

Sam: Als das passiert ist, wollte Eric, dass wir sofort ein Interview dazu machen. Ich war sprachlos. Was sollte ich sagen? Ich bin ein Bergführer. Ich sollte möglichst alles wissen über Risiko und Sicherheit in den Bergen. Und dann passiert etwas, was ich einfach nicht begreifen kann. Und was zu meinem ganzen in den Alpen erworbenen Wissen über Schnee und Lawinen einfach nicht passen wollte. Es war, wie wenn meine ganze Expertise weggeblasen worden wäre.

Was ist deine Erklärung heute?

Sam: Das Überraschende war, dass während der Abfahrt alles stabil war. Und sechs Stunden später geht alles ab. Genau da, wo ich abgefahren bin. Und nicht etwa, weil oben eine Wechte gebrochen ist. Oder ein anderer, unbefahrener Hangabschnitt kollabiert wäre.

Was ist da passiert?

Sam: Ich kann nur spekulieren. Vielleicht hatte es mit der Erwärmung zu tun.

Jérémie: Oder dem Druck, den du in die Schneedecke gebracht hast.

Sam: Aber dann wäre es doch passiert, als ich abgefahren bin, nicht sechs Stunden später. Ich verstehe es wirklich nicht. Aber es zeigt, dass man die Risiken nur bis zu einem Punkt managen kann. Und es immer ein Restrisiko gibt.

Samuel Anthamatten:

geboren am 28.9.1986, jüngster der drei „Matterhorn-Brüder“ Simon, Martin und Samuel Anthamatten. Lebt in Zermatt. Zweiter Platz bei der Freeride World Tour 2011. Berufe: Zimmermann, Skilehrer, Bergführer, Freeride-Profi, Alpinist. Alpinistische Erfolge: Erstbegehung der Südflanke des Jasemba (7350 Meter)/Nepal (Hook or Crook, VI, 1550 Meter, 90 Grad, M5) mit Simon Anthamatten und Michael Lerjen-Demjen am 29. Oktober 2009; Weisshorn: Südwand-Erstbefahrung; Matterhorn-Nordwand: „Anthamatten-Route“, Erstbegehung

Sam Anthamatten beim Aufstieg zum Matterhorn am 9. Juli 2020.
Sam Anthamatten beim Aufstieg zum Matterhorn am 9. Juli 2020. Foto: Red Bull Content Pool.

War es für dich von Anfang an okay, dass der Film zeigt, dass du da falsch gelegen hast, aber Glück hattest?

Sam: Zuerst war es mir schon etwas unan-genehm. Aber ich glaube, dass wir viel mehr über unsere Fehlentscheidungen sprechen müssen. Jeder, der viel in den Bergen unterwegs ist, hat schon falsche Entscheidungen getroffen. Die Scheu, darüber zu reden, ist falsch. Es ist eine vertane Chance, wenn man über Fehler oder Situationen, die ganz knapp noch einmal gut gegangen sind, nicht spricht.

Jérémie: Die Ausbildung zum Bergführer dauert drei Jahre. Wie soll man in der kurzen Zeit alles lernen? Deswegen muss man immer aus den eigenen Fehlern lernen – und jenen der anderen.

Nochmal zurück zu Pakistan und dem Schnee dort. Was ist an den Faktoren, die auf die Schneedecke im Karakorum einwirken, anders als in den Alpen?

Sam: Ein großer Faktor ist, dass der Äquator so viel näher ist. Pakistan liegt viel weiter südlich als Rom. Die Sonneneinstrahlung ist viel stärker, sogar in Nordhängen. Zugleich wird es, wenn es kalt ist oder in der Nacht, viel, viel kälter, weil du dich auf 5.000, 6.000 Metern Höhe bewegst. Und wenn es windig wird, ist auch dieser Faktor wegen der großen Höhe viel stärker. Das macht alles sehr viel komplizierter. Bei weniger bis gar keinen Informationen – außer denen, die du selbst sammelst. Und gleichzeitig bist du sehr viel ausgesetzter – geografisch, aber auch von der Höhe her.

Wie funktioniert ihr eigentlich als Team?

Jérémie: Wir haben uns ja auf der Freeride World Tour getroffen. Wenn du aus dem gleichen Land zu den Wettbewerben reist, lernt man sich früher oder später kennen. Wir sind Freunde geworden und haben schnell bemerkt, dass uns die gleiche Idee umtreibt. Ich habe Herausforderungen in den Bergen gesucht und wollte das Freeriden mit dem Alpinistischen verbinden. Sam hatte die gleiche Vision, war aber schon längst ein vollständiger Alpinist. Wir haben gemerkt, dass wir uns gegenseitig in Richtung unseres gemeinsamen Ziels pushen können, dass wir charakterlich gut zusammenpassen. Und dass wir gut mit- einander reden können, wenn es was zu besprechen gibt.

Sam: Wenn wir überhaupt reden. Wir müssen gar nicht viel reden und verstehen uns trotzdem. Lacht.

Jérémie: Es ist cool, jemanden zu haben, der die gleiche Vision hat wie du.

Sam: Jérémie ist in unserem Team der Skifahrer. Er treibt das Skifahren voran. Ich komme viel mehr vom Klettern und vom Bergsteigen. Wir können sehr gut voneinander profitieren. Er hat mich als Skifahrer weitergebracht, ich ihn beim Klettern. Zusammen sind wir eine richtig gute Kombination.

Teilt ihr dieselbe Risikoeinschätzung? Oder gibt es da Unterschiede? Im Film bekommt man den Eindruck, dass Jérémie öfter umdreht als Sam.

Sam: Den Eindruck kann man bei unserer zweiten Pakistan-Expedition zum Laila Peak gewinnen, aber das hat nicht wirklich was mit einem unterschiedlichen Risikoempfinden zu tun. Sondern damit, dass Jérémie dort länger gebraucht hat, sich an die Höhe anzupassen. Wenn du dich nicht gut fühlst, dir der Kopf weh tut und der Magen schmerzt, dann ist es immer besser umzudrehen. Im Film sieht es deswegen ein bisschen so aus, als ob ich derjenige bin, der sich weiter pusht. Aber so ist das nicht. Mal gehe ich voran, mal Jérémie – je nachdem, wer sich an dem jeweiligen Tag fitter fühlt. Und in der Abfahrt bin ich definitiv nicht derjenige, der die verrückteren Linien fährt.

Jérémie Heitz:

geboren am 28. September 1989 in Les Marécottes/Wallis, wo er bis heute lebt. Fing als Kind mit dem alpinen Skisport an. Wechselte mit 16 Jahren unter dem Einfluss der Falquet-Brüder vom alpinen Rennlauf ins Freeride-Lager. Mit 20 Jahren Teilnehmer bei der Freeride World Tour, wo er mit dem Speed aus dem alpinen Skilauf punkten konnte. 2013 Vierter, 2014 Dritter, 2015 Zweiter auf der FWT. Heitz gilt als der „Überschallflieger unter den Freeridern“ (Christian Penning). Er fährt Steilflanken wie die Nordostwand der Lenzspitze mit 15 riesigen Schwüngen in unter einer Minute ab. Beruf: Landschaftsgärtner, Freeride-Profi.

Freeskier Jérémie Heitz vor dem Screening seines Films „La Liste 2 – Everything or Nothing“ Schweizer Verkehrshaus in Luzern am 18. November 2021. Foto: Red Bull Content Pool.

Wie fühlt sich Skifahren in so großen Höhen an wie in Pakistan und Peru? Also auf 5.000 bis gut 6.000 Metern Höhe. Mit dem Tempo, mit dem ihr abfahrt, geht es ja um Sekunden und Hundertstel.

Jérémie: Für mich war das Abfahren in dieser Höhe definitiv härter als sonst. Du hast ständig die Sorge im Kopf, dass sich die Schneedecke plötzlich stark verändert. Und ob du schnell genug darauf reagieren kannst. Ich war mit mehr Puffer im Rucksack und defensiver unterwegs als sonst. Und trotzdem ist es ungefähr zehnmal so intensiv wie bei der Freeride World Tour. Aber eben auch riskanter.

Sam: Bei der FWT geht es darum, an einem einfachen, abgesicherten Berg die schwierigste Linie zu fahren – und das möglichst gut. Jetzt sind wir an superschweren Bergen unterwegs und suchen dort die einfachste Linie. Die dann immer noch wesentlich schwerer ist als das, was wir bei der FWT gefahren sind.

Wie wirkt sich das auf das Skifahren aus? Ist man da im Kopf langsamer als sonst?

Sam: Nein. Man hat nur ständig damit zu kämpfen, dass alles viel, viel anstrengender ist. Wie wenn du beim Stadtbummel oder beim Einkaufen mit einem 20-Kilo-Rucksack herumlaufen musst, den du niemals ablegen kannst. Klar, wenn du müde bist, fällt es auch schwerer, sich zu hundert Prozent zu konzentrieren und über die richtigen Entscheidungen nachzudenken. Man ist also nicht langsamer im Kopf, kämpft aber ständig mit den Mühen, die die große Höhe mit sich bringt. Da fällt es manchmal schwerer, sich zu konzentrieren. Und man erholt sich langsamer.

Ihr schreit und brüllt, wenn ihr ganz unten im Flachen abschwingt. Ist das das Ende der Anspannung? Freude? Beides?

Sam: Ein Mix. Es ist einerseits Entspannung, andererseits Ausdruck ganz, ganz starker Gefühle. Vorher bist du stundenlag aufgestiegen und hast die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie die Abfahrt sein wird. Dann musst du dich zu hundert Prozent auf die Abfahrt konzentrieren. Du schüttest dabei so viel Adrenalin aus, dass du selbst kleine Dinge ganz intensiv spürst. Und plötzlich bist du wieder unten. Frei von der ganzen Anspannung. Und doch erfüllt davon. Und du hast alles richtig gemacht.

Jérémie: Es beginnt eigentlich damit, dass du nachts aus dem Schlafsack kriechst. Es ist wie eine Reise. Wenn du dann wieder unten bist und deine Freunde begrüßen dich, ist das ein wunderbares, ja euphorisches Gefühl.

Jérémie bei einer Abfahrt in Pakistan.
Jérémie bei einer Abfahrt in Pakistan. Foto: Red Bull Content Pool.

Wie wirkt sich das Gefilmt-Werden auf euch aus? Erhöht es den Druck? Lauft ihr Gefahr, nur des Films wegen etwas zu wagen, was ihr sonst hättet sein lassen?

Sam: Das Wichtigste ist, dass man sich vom Filmprojekt nicht zusätzlich unter Druck setzen lässt. Besonders, was die Risikoeinschätzung angeht. Man darf bei einem Filmprojekt nicht anders entscheiden als sonst. Wir haben zum Glück auch keinen Druck von unseren Sponsoren.

Jérémie: Und falls das nicht klar sein sollte, muss man es klarstellen.

Für jede der drei Expeditionen im Film hattet ihr jeweils vor Ort einen Monat. Da kann man sich auch mal Zeit lassen, wenn die Bedingungen nicht passen. Anders war es bei einem Dreh, den Sam vor ein paar Jahren mit Thomas Gaisbacher in den Lienzer Dolomiten gemacht hat. Da habt ihr nach ein paar Abfahrten die Exposition gewechselt und südseitig ein Schneebrett ausgelöst, dem Gaisbacher nur entkommen ist, indem er sich hinter einen Felsblock gerettet hat. In einem späteren Interview hat Sam mir gesagt, dass diese letzte Abfahrt damals ein großer Fehler war. Zu dem ihr euch habt verleiten lassen, weil ihr eben nur zwei Tage hattet mit Hubschrauber und Filmcrew. Inwieweit spielt also der Faktor „Genügend Zeit – weniger Druck“ eine Rolle?

Sam: Viel oder genügend Zeit zu haben, hilft einem immer, bessere Entscheidungen zu treffen. Und natürlich braucht man viel Zeit, um die Erfahrung zu sammeln, mit der wir nicht geboren werden, die wir aber benötigen, wenn wir uns in den Bergen sicher bewegen wollen. Der Dreh mit Thomas, den du ansprichst, hat mir damals gezeigt, dass das Hinauffliegen per Helikopter viel mehr Gefahren und Risiken nach sich zieht, als wenn du selbst dort aufsteigst, wo du abfahren willst. Weil du beim Heliflug viel weniger oder gar keine Informationen über die Schneedecke bekommst, als wenn du da selbst hochstapfst. In Pakistan wäre ich – wenn es denn die Möglichkeit gegeben hätte – sicher nicht aus dem Helikopter gestiegen, um da irgendwas abzufahren. Dort musst du noch mehr als anderswo selber aufsteigen, um die Verhältnisse einschätzen zu können. Es dauert zwar Stunden, aber währenddessen sammelst du die Informationen, mit denen du die Verhältnisse einschätzen kannst. Und gleichzeitig hast du mehr als genügend Zeit, darüber nachzudenken, ob du es an dem Tag tun solltest. Oder ob du es besser sein lässt.

Auf der Webseite von dir, Sam, und deinen zwei Brüdern steht, dass man dich auch für extremere Skiabfahrten buchen kann. Machst du das noch? Oder hast du für die Arbeit als Bergführer gar keine Zeit mehr?

Sam: Oje, meine Webseite! Die habe ich seit Jahren nicht mehr aktualisiert. Aber ich führe immer noch, wenn auch nur wenig. Aber ich möchte das unbedingt weitermachen. Wenn du länger nicht führst, verlierst du den Draht dazu. Das möchte ich nicht. Das ist mein Beruf, der mir sehr wichtig ist. Das, was ich gelernt habe.

Wer mit dir das Marinelli-Couloir abfahren möchte, muss mindestens einen Tag vorher mit dir trainieren. Auf was achtest du da?

Sam: Zuallererst, wie gut jemand auf den Skiern steht. Beim Marinelli gibt es eine große Zone, wo du einfach nicht stürzen darfst. Da musst du absolut sicher auf den Skiern stehen. Dann, ob er oder sie das Abseilen beherrscht. Wie jemand sich anstellt, wenn man von den Skiern auf die Steigeisen wechselt oder umgekehrt. Wie er auf große Ausgesetztheit reagiert. Und dann natürlich auf den menschlichen Faktor. Da vor allem, ob der- oder diejenige auf den Bergführer auch hört. Schließlich bin ich es, der die Entscheidungen trifft. Und dann bedeutet ein Nein eben nein. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Zahl der Kunden zugenommen hat, die ein Problem damit haben, ein Nein zu akzeptieren. Das ist für mich dann ein No-Go. Wenn jemand mit mir so etwas Großes unternehmen will wie den Marinelli, dann muss ich wissen, wie derjenige reagiert. Oft liege ich mit meinem ersten Eindruck schon ziemlich richtig. Spätestens nach einem Tag weiß ich, ob jemand der Sache gewachsen ist oder nicht.

Wie lange braucht ihr zwei, wenn ihr das Marinelli-Couloir bei guten Bedingungen abfahrt?

Jérémie: Wir sind ihn einmal in einem Push gefahren. Von oben bis fast ganz unten – ohne Stopp.

Sam: 2.500 Höhenmeter sind das. Davon sind wir 1.500 Höhenmeter in nur zwei Minuten abgefahren. Über richtig exponiertes Gelände, aber bei Top-Bedingungen. Da kommt es dann auch auf das Atmen an, fast wie beim Klettern. Da wird das Skifahren zu einer richtig athletischen Sache.

Der Film erzählt auch vom schweren, beinahe tödlichen Sturz eures Kameramanns Mika und seiner langen Genesung. Wie geht es ihm heute?

Jérémie: Zum Glück ziemlich gut. Er kann wieder gehen, Rad fahren, fotografieren, sogar klettern. Alles nur etwas langsamer als früher. Wir überlegen schon für den nächsten Film, wie wir mit Mika zusammenarbeiten können. Mika war immer schon ein starker Typ. Selbst mit der schweren Kameraausrüstung hat ihn nichts davon abgehalten, wie ein Pro zu spuren.

Wie ist der Unfall passiert? Kurz bevor Mika stürzt, hört man Sam sagen: Das ist nicht fahrbar. Das ist blankes Eis.

Jérémie: Dabei hatten wir im Aufstieg noch gute Bedingungen.

Wie kam der Wechsel?

Jérémie: Durch warme Temperaturen und einen kalten Wind. Dass es dann so schlecht sein würde, hat uns alle überrascht. In der Abfahrt hatten wir einen Meter Eis, dann Harsch, dann wieder Eis. Wahnsinnig gefährlich.

Was ist dann passiert?

Jérémie: Mika ist an sich ein richtig guter Steilwandfahrer. Er hatte den Pickel in der einen Hand. Und war sehr vorsichtig, weil ihm klar war, dass das bei den Bedingungen eine sehr gefährliche Stelle ist.

Sam: Er kam auf Eis, wurde zu schnell und hat einen versteckten Felsen erwischt.

Jérémie: Mit einem so großen Rucksack kommst du schnell in Rücklage. Wenn das in so steilem, noch dazu vereistem Gelände passiert, bist du gleich am Stürzen.

Im Film sieht man, wie Mika bewusstlos Richtung Abgrund rutscht. Bis Jérémie in seine Sturzbahn quert und ihn mit seinen Skiern und Beinen auffängt.

Sam: Ohne Jérémie wäre Mika in den Tod gestürzt. Was Jérémie getan hat, ist eine Heldentat. Gut, dass seine GoPro zufällig noch gelaufen ist. Sonst würde das niemand glauben.

Was hatte Mika für Verletzungen?

Sam: Im Krankenhaus haben sie Verletzungen an den Wirbeln und an der Lunge diagnostiziert. Und vieles mehr. Wir wussten am Berg nicht, ob eine Hüfte gebrochen war – woran man wegen der Blutungen auch sterben kann. Uns war nur klar, dass Mika lebensgefährlich verletzt war. Und dass wir um sein Leben kämpfen müssen.

Jérémie: Hinzu kam eine lebensgefährliche Unterkühlung.

Es hat 15 Stunden gedauert, bis ihr ihn vom Berg herunten hattet, was im Film nicht zu sehen ist. Wie lief das genau ab?

Sam: Wir haben erst einmal einen Schlitten aus einer Schaufel und unseren Skiern gebaut, auf dem wir Mika abgeseilt haben. Auf 5.200 Metern mussten wir Mika in ein Zelt legen und ihn mit warmem Wasser im Schlafsack wieder aufwärmen. Danach ging es auf dem Schlitten weiter. Bis zum Ende des Gletschers, bis wir ihn irgendwann der peruanischen Alpinpolizei übergeben konnten. Und die ganze Nacht wussten wir nicht, ob er uns nicht doch unter den Armen wegstirbt.

Jérémie Heitz in Pakistan während der Filmaufnahmen von "La Liste - Everything or Nothing".
Jérémie Heitz in Pakistan während der Filmaufnahmen von „La Liste – Everything or Nothing“. Foto: Red Bull Content Pool.

Der Film zeigt, wie ihr, besonders Jérémie, nach dem Unfall eine richtige Krise durchlebt und überlegt, das ganze Projekt sein zu lassen.

Jérémie: Es war unser Projekt. Und plötzlich hat Mika, der wegen dir mit dabei ist, um dich zu filmen, einen lebensgefährlichen Unfall. Wenn er wegen dir nicht nach Peru mitgekommen wäre, würde er jetzt in Finnland Fische fangen und grillen. Und nicht wochen- und monatelang im Krankenhaus und auf Reha liegen. Ist doch klar, dass man da Schuldgefühle bekommt. Erst später wird einem bewusst, dass es auch Mikas Entscheidung war.

Wie bist du aus der Krise rausgekommen?

Jérémie: Wir haben viel diskutiert, ob wir weitermachen sollen oder nicht. Auch mit Mika. Er hat schließlich gesagt: Es war Pech, dass ich den Felsen erwischt habe und gestürzt bin. Es hat nichts mit euch zu tun. Wenn ihr das Projekt fortsetzen wollt, dann macht das. Ich freu mich, wenn ich euren Film im Kino zu sehen bekomme.

Habt ihr lange diskutiert, ob ihr auch Mikas Unfall und die Folgen im Film zeigen wollt?

Sam: Über ein Jahr lang. Und es fällt uns heute noch schwer, das anzuschauen.

Jérémie: Wenn ich es sehe, fühlt es sich an wie damals, als es passiert ist.

Von wem kam der Vorschlag, das auch im Film zu zeigen?

Sam: Zuerst von den Produzenten, weil sie Jérémies Heldentat zeigen wollten. Und so etwas vermutlich noch nie im Film zu sehen war. Es war klar, dass wir dafür zuallererst Mika fragen mussten. Und dass wir, falls er einverstanden wäre, die Geschichte so erzählen würden, wie er das möchte. Wir haben also Mika gefragt. Und er hat gesagt: Ja, lasst uns die Aufnahmen verwenden.

Der Film.

Während die beiden Schweizer für „La Liste“ (2016) Steilwände und Eistouren an 4.000ern in den Alpen befuhren, zeigt die Fortsetzung („La Liste: Everything or Nothing“), wie Heitz und Anthamatten auf einer Expedition in Peru und zwei in Pakistan ihre Art des Skifahrens auf 6.000 Meter hohe Gipfel übertragen. Bei den ersten zwei Fahrten haben sie mit schwierigen, sogar lebensgefährlichen Bedingungen zu kämpfen. Erst am Snow Lake, einem riesigen, auf 4.800 Meter gelegenen Gletscherbassin im Karakorum, finden sie die Bedingungen, die sie suchen. Aber auch da lauert das (Rest-)Risiko. Hier geht es zur Film-Website und zum Trailer.

Wie sieht es für die Zukunft mit Skiprojekten an noch höheren Bergen aus?

Jérémie: Wenn du die 8.000er meinst, dann ist das glaube ich nichts für mich. Jedenfalls nicht mit dem Ansatz, den wir bisher hatten.

Weil der Schnee zu schlecht wäre? Jim Morrison und Hilaree Nelson hatten bei ihrer Erstbefahrung am Lhotse überraschend guten Schnee. Besser als erwartet.

Sam: Das ist in dieser Höhe eine ziemliche Glückssache. Wenn du Pech hast, gibt es an solchen Bergen nur alle zehn Jahre guten, zum Skifahren geeigneten Schnee. Es ist einfach nicht planbar.

Ihr könntet auch mit leichterem Material losziehen.

Sam: Aber dann könnten wir nicht mehr so Ski fahren wie wir das tun. Und das ist das eigentliche Ziel unserer Expeditionen. Für unseren Fahrstil brauchen wir das beste und stärkste Material. Mit den Skiern und den Stiefeln, die wir in Pakistan und Peru auf die Berge geschleppt haben, könnten wir auch an der Freeride World Tour teilnehmen.

Wiegt eure Ausrüstung gleich viel?

Sam: Jérémie fährt die Skier etwas länger. Sein Set-up ist noch schwerer als meines.

Jérémie: Ich glaube, dass wir Skier entwickeln können, die so gut fahren wie bisher, aber etwas leichter sind.

Wie?

Jérémie: Flachere Tails mit weniger Rocker. Ein Ski mit weniger Tail-Rocker fährt sehr stabil – dann kann man den Ski auch leichter bauen. Mein neuer Ski, den ich schon in Pakistan dabei hatte, geht in diese Richtung.

Wie viel wiegt eure Ausrüstung?

Sam: Das willst du nicht wissen. Lacht.

Jérémie: Ich will es auch nicht wissen. Manchmal schon. Aber dann sage ich mir: besser doch nicht – weil es dich sonst mental fertig macht.

Benutzt ihr manchmal auch leichtere Ausrüstung? Oder wäre das kontraproduktiv, wenn ihr wieder eure Standard-Freeride-Ausrüstung verwendet?

Sam: Ich bin einmal die Patrouille des Glaciers von Zermatt nach Verbier mit leichter Ausrüstung gegangen. Und war danach in großer Versuchung, nach leichterem Material Ausschau zu halten. Aber es bringt einfach nichts: Für unseren Fahrstil brauchen wir superstabile, also ziemlich schwere Skier und Skistiefel.

Wie sieht es mit Erstbefahrungen aus? Reizt euch das? Oder nicht?

Sam: Erstbefahrungen sind schön – aber nur, wenn sie auch skifahrerisch Sinn ergeben. In den Alpen wurden die allermeisten Linien schon gefahren. Deswegen weichen einige auf ziemlich unlogische, noch nicht befahrene Linien aus. Mich persönlich interessiert es nicht, eine Linie zu fahren, die nur die Variante einer viel logischeren Linie ist – nur damit ich ‚Erstbefahrung‘ sagen kann. Skifahren ist schön, wenn du die beste und offensichtlichste Skilinie fährst – auf der du auch richtig schön skifahren kannst. Manche finden natürlich immer noch richtig coole Sachen. Vivian Bruchez und seine Freunde machen es richtig. Das finde ich inspirierend.

Erschienen in der
Ausgabe #118 (Frühling 22)

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