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Prinzip Hoffnung Lena Müller. Foto: Johannes Ingrisch|Lena Müller|Lena Müller in der Trad-Route „Prinzip Hoffnung“ (E9/E10 8b/+) von Beat Kammerlander. Fotos: Johannes Ingrisch|Lena Müller auf dem Weg zum Klettern mit dem Zug.|Lena Marie Müller
10. Mai 2021 - 7 min Lesezeit

Klimaneutral Klettern – geht das?

Wie der Bergsport das Klima beeinflusst, was wir daran ändern können und warum die selbst abzusichernde Kletterroute „Prinzip Hoffnung“ (E9/E10 8b/+) in Vorarlberg etwas damit zu tun hat.

Ich liege schon seit Stunden wach und frage mich, ob ich das wirklich will – diese Tour zu klettern?

Obwohl ich so lange davon geträumt habe, frage ich mich jetzt, ob ich das Risiko eingehen möchte und morgen wirklich einsteigen soll. Seit Wochen fahre ich mit meinem Partner Johnny von Innsbruck nach Bürs – mit dem Zug, wo wir uns bei Temperaturen um die 5°C an kleinen Griffen und schlechten Tritten an einer 40 Meter langen Platte versuchen: der Trad-Route „Prinzip Hoffnung“ von Beat Kammerlander. Schon lange hatte ich die Tour in meinem Kopf und vor sechs Wochen haben wir sie endlich zum ersten Mal probiert. Wie andere Kletterer vor uns erstmals im Toprope, um uns die diffizilen Züge anzuschauen und die Absicherung auszutüfteln. Gestern bin ich zum ersten Mal im Vorstieg eingestiegen, aber dann die ersten acht Meter, auf denen man keine Sicherung legen kann, wieder abgeklettert – aus Angst, mich bei einem Sturz zu verletzen. Sicherlich nicht sonderlich schlau, aber ich war einfach noch nicht bereit. Bin ich es jetzt? Und wenn ich in die Tour morgen nicht einsteige, hat es sich dann überhaupt gelohnt, die letzten Wochen jedes Mal für nur ein paar Stunden klettern sechs Stunden im Zug zu sitzen und die damit verbundenen Strapazen auf mich zu nehmen?

Wieso wir das gemacht haben bzw. was uns dabei angetrieben hat, ist schnell erklärt …

Mehr Klettern, mehr CO2

Je mehr wir klettern, je mehr wir bergsteigen, je mehr wir zum Bouldern, Skifahren und Wandern fahren, desto schlechter ist es für unsere Umwelt. Unser Klima erwärmt sich hauptsächlich aufgrund unseres hohen Verbrauchs fossiler Brennstoffe¹, zum Beispiel durch den Verkehr und die Produktion von Industriegütern. Um die Risiken zu verringern, die mit dieser globalen Erwärmung verbunden sind, ist es unumgänglich, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Temperaturen höher als 1,5 Grad führen unter anderem vermehrt zu Extremwetterereignissen, Biodiversitätsverlust, Meeresspiegelanstieg und beeinträchtigen zudem unsere Nahrungssicherheit und Wasserversorgung².

Um unter 1,5 Grad Erwärmung zu bleiben, wie es 2015 im Pariser Klimaabkommen beschlossen wurde3, gibt es nur noch eine definierte Menge an Kohlenstoff, welchen wir global emittieren können, das sogenannte „Kohlenstoffbudget“. Dieses Budget gewährleistet eine circa 66-prozentige Chance 1,5 Grad nicht zu überschreiten. Momentan sind von diesem Budget lediglich rund 300 Gigatonnen Kohlenstoff übrig, von welchen jedes Jahr rund 42 Gigatonnen emittiert werden2. Mit unserer derzeitigen Lebensweise wird dieses Budget demnach innerhalb der nächsten acht Jahre aufgebraucht sein2. Das bedeutet, dass wir unsere Emissionen in den kommenden Jahren drastisch reduzieren müssen. Je mehr wir uns jedoch für unsere Outdoor-Sportarten begeistern, desto mehr reisen wir und benötigen Ausrüstung, und tragen damit zur globalen Erwärmung bei.

Lena Müller in der Trad-Route „Prinzip Hoffnung“ (E9/E10 8b/+) von Beat Kammerlander. Fotos: Johannes Ingrisch
Lena Müller in der Trad-Route „Prinzip Hoffnung“ (E9/E10 8b/+) von Beat Kammerlander. Fotos: Johannes Ingrisch

Unser klimaschädlichster Beitrag als Bergsteiger*in oder Kletterer*in sind vermutlich die Emissionen, die wir durch das Autofahren und Fliegen produzieren. Möchten wir unseren CO2-Fußabdruck verringern, können wir beispielsweise auf das Fliegen verzichten, zu nahe gelegenen Klettergebieten fahren, Fahrgemeinschaften bilden, oder – idealerweise – Fahrrad fahren und öffentliche Verkehrsmittel nutzen.

…unsere Idee war also, diese Tour mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu probieren. So weit so gut, aber wie schaut es mit dem Durchstieg aus? Da ich die Tour zu diesem Zeitpunkt schon im Toprope geklettert bin, weiß ich, dass ich es theoretisch physisch klettern kann. Aber bei dieser Tour ist der mentale Aspekt der schwierigste. Ich fühle mich unter Druck, denn ich weiß, dass mir die Zeit davonläuft: Man kann die Tour nur im Winter klettern, wenn es kalt ist. Während ich nachts wach liege und mir überlege, ob ich morgen wirklich einsteigen will, kommt mir auf einmal ein Bild in den Kopf. Es ist nicht mehr kalt und dunkel, sondern ich sehe mich, wie ich im Sommer mit kurzer Hose und T-Shirt auf dem Balkon sitze, mir die Sonne ins Gesicht scheint und ich an diese Nacht zurückdenke. Mir wird klar, von diesem Standpunkt aus betrachtet würde ich mich ärgern, wenn ich es nicht probieren würde. Es nicht klettern zu können, ist in Ordnung, aber es nicht zu probieren …

Weit über dem letzten Keil

Die Entscheidung ist gefallen und am nächsten Tag fahren Johnny und ich erneut nach Bürs (Die Vorstiegsversuche unternehmen wir mit dem Auto, da wir Crashpads dabeihaben. Diese sollen im Zweifelsfall einen Bodensturz abfedern, da man in den ersten acht Metern keine Sicherung legen kann).

An diesem Tag steige ich im Vorstieg ein. Auf den ersten Metern fühle ich mich noch unsicher, aber sobald ich die Stelle passiere, an der ich am Tag vorher abgeklettert bin, fühle ich mich ruhiger. Ich weiß, jetzt geht es los, jetzt ist es so weit. Und ich kann loslassen. Loslassen von dem Druck, den man sich bei schwereren oder für einen selbst bedeutsamen Touren macht. Irgendwie klettere ich über die Schlüsselstelle, aber beim letzten schweren Zug falle ich, vier Meter über dem letzten Keil. Und jetzt weiß ich: Ich kann das!

Im Anschluss pausiere ich, warte in der Kälte, gehe die Tour mit jedem Zug und jeder Absicherung nochmals genau im Kopf durch, wärme mich nochmals auf und steige dann ein. Und dieses Mal bleibe ich hängen beim letzten schweren Zug. Kämpfe mich die letzten zehn Meter über etwas leichteres Gelände zum Umlenker – jetzt nur nicht den Kopf verlieren! Und dann ist er da!

Was folgt ist Freude, Freude darüber, meine Zweifel besiegt zu haben, Freude über ein gemeinsam geschafftes Projekt, Freude über die Art und Weise, wie wir es gemacht haben und im Anschluss an die Freude viel Zeit auf dem Sofa zur Erholung.

Im Nachhinein betrachtet war Prinzip Hoffnung für mich zu dieser Zeit das perfekte Projekt. Es war genau die richtige körperliche und mentale Herausforderung. Und es war perfekt, weil es mit dem Zug zu erreichen war. Ich hatte das Glück, mit Johnny einen Kletterpartner zu haben, der diese Tour auch auf diese Weise klettern wollte. Natürlich war es anstrengend, auf diesem Weg zur „Prinzip Hoffnung“ zu gelangen, aber es war genau das, was ich wollte und ich habe es gern gemacht. Es hat sich für mich nie wie ein Verzicht angefühlt. Im Gegenteil: Es war ein Zugewinn diese Stunden im Zug zu verbringen und morgens im Dunklen bei klirrender Kälte vollbepackt das Haus zu verlassen und abends in der Finsternis heimzukommen.

Lena Müller auf dem Weg zum Klettern mit dem Zug.
Lena Müller auf dem Weg zum Klettern mit dem Zug.

Ich glaube, unsere Leidenschaft für das Klettern und Bergsteigen hinterlässt in jedem von uns Eindrücke und Momente, in denen wir eine starke Verbundenheit mit der Natur spüren. Der daraus entstehende Wunsch, sie zu erhalten und zu schützen, kann für uns ein Antrieb sein, nachhaltige Lösungen für unseren Lebensstil angesichts des Klimawandels zu finden. In welcher Welt wir und nachfolgende Generationen leben werden, hängt davon ab, was wir bereit sind, JETZT in unserem Leben zu verändern. Dabei haben wir viele Möglichkeiten, wie wir auf den Klimawandel reagieren können. Jeder Weg ist dabei so individuell wie wir selbst. Wenn wir beispielsweise nicht bereit sind, weniger mit dem Auto zum Klettern oder Bergsteigen zu fahren, sollten wir unsere Emissionen in anderen Bereichen überdenken. Wir können beispielsweise unsere Ernährung umstellen (saisonal und regional essen, wenig Fleisch konsumieren), unser Konsumverhalten ändern (nachhaltige Kletterausrüstung und -kleidung kaufen, kaputte Kleidung oder Ausrüstung reparieren) oder uns politisch engagieren (Klimabewegung, Wahlen).

Es liegt jetzt an jedem von uns, einen persönlichen Weg zu finden. Damit wir der scheinbar aussichtslosen Lage unseres Planeten etwas entgegensetzen – frei nach dem Prinzip Hoffnung.

Quellen:
1: IPCC, 2013: Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change . Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA, 1535 pp.
2: IPCC (2018) Summary for Policymakers. In: Global warming of 1.5°C. An IPCC Special Report on the impacts of global warming of 1.5°C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty. World Meteorological Organization, Geneva, Switzerland, 32 pp.
3: Rogelj, J., den Elzen, M., Höhne, N. et al. Paris Agreement climate proposals need a boost to keep warming well below 2 °C. Nature 534, 631–639 (2016).

Erschienen in der
Ausgabe #114